“Libanon steht kurz vor dem ‘point of no return’“, war diese Woche auf der Readers Edition zu lesen. Andreas Wischnat, Student an der American University of Beirut, gibt mit seiner Einschätzung wenig Anlass zur Hoffnung. Auch wenn sich die Lage mittlerweile wieder etwas beruhigt hat – Friede scheint noch lange nicht in Sicht. Seine bewegenden Schilderungen aus Beirut, die er uns am vergangenen Wochenende zukommen ließ, haben einen nachhaltigen Eindruck im fernen Deutschland hinterlassen. Denn während hierzulande nun wieder Grill und Würstchen ausgepackt werden, sieht es in anderen Teilen der Welt alles andere als rosig aus. Dass wir das jedoch nicht vergessen, dazu haben unsere engagierten Autoren in den letzten Tagen wieder eine ganze Menge beigetragen.
Erschütternde Szenen im Nahen Osten und Missstände in Deutschland
Beginnen wir also an dieser Stelle auch gleich mit Andreas Wischnat und seinem Beitrag “Beirut: Notizen am Abgrund – Ein Erlebnisbericht“. “Freitag, 9. Mai: Als wäre es Gottes Zorn, ist nun ein Sturm ausgebrochen. Aufgezogen aus dem Nichts.”, schreibt er zu Anfang seines Artikels. Was dann folgt, da sind sich Redaktion und auch zahlreiche Leser einig, ist einer der berührendsten und zugleich schockierendsten Berichte, die uns derzeit aus dem Libanon erreichen. Andreas war und ist auch jetzt mittendrin. Unfreiwillig live dabei war er als die Sturmgewehre losbrachen, Menschen sich in ihren Wohnungen verschanzten und andere ums Leben kamen. Er rannte los, flüchtete sich zu Freunden – der Ausnahmezustand nimmt seinen Lauf, die Lage wird immer kritischer. “Ein Wink eines Führers reicht und der Libanon befindet sich erneut im Bürgerkrieg. Die letzten 72 Stunden, aber insbesondere der letzte Tag offenbarten, wie nahe der Libanon am Abgrund steht.“, so seine Empfindung. Andreas blieb Gott sei Dank unversehrt. Doch wird es das letzte Mal sein, dass er uns solche Erlebnisse schildern muss?
Kehren wir aber nun zurück in die Heimat und heißen in diesem Zuge unseren neuen Autor davoice auf der Readers Edition herzlich Willkommen. Mit “Die Idee des Geldes” gab er am letzten Dienstag sein Debüt, um kurz darauf zu titeln “Business as usual“. Kritisch geht unser Neuling vor. Am vieldiskutierten Beispiel des Gesundheitssystems erläutert er das Phänomen der Privatisierung staatlicher Aufgaben und deren negative Folgen. Was ist in Deutschland geschehen? Defizitäre Krankenhäuser wurden von den Kommunen verkauft – große und einflussreiche Klinikketten sind in den letzten Jahren entstanden. “Es scheint, als zielten alle vergangenen Gesundheitsreformen darauf ab, dass sich die Entwicklung auf diese Art und Weise zeigt: die Übernahme der Gesundheitsversorgung durch Unternehmensketten mittels kompletter Privatisierung.”, konstatiert er. Die Konsequenz, die drohe: Die Gesundheitsversorgung ganzer Regionen könnte über kurz oder lang in den Händen einzelner Privatunternehmen landen. Der Patient wird zum Wertschöpfungsfaktor degradiert. Die Fragen, die sich für davoice ergeben, scheinen berechtigt: “(…) warum veranlasst der Staat mit seinen Reformen solche Entwicklungen? Wie kann der Staat seine Bürger zu gläsernen Konsumenten und Wirtschaftsgütern machen?” Die Diskussion darüber ist bereits in vollem Gange…
Nicht so einfach durchgerutscht – die unauffälligsten Meldungen dieser Woche und Ereignisse von großer Bedeutung
“Was doch an einem einzigen (Vormit-)Tag im israelisch–palästinensischen Konflikt so alles zwischen die Schlagzeilen fällt.“, wundert sich André Marty am letzten Mittwoch sicherlich kopfschüttelnd. Die 60-Jahr-Feierlichkeiten in Israel sind in aller Munde – ob im positiven oder negativen Sinne, doch was darüber hinaus passiert, das dringt weniger ins öffentliche Bewusstsein. Marty nimmt die Sache deshalb kurz entschlossen selbst in die Hand. “Während der US-Präsident Israel anfliegt, werden zwei amerikanisch-israelische Milliardäre und Wahlkampf-Spender von der israelischen Polizei befragt.”, davon weiß er ebenso zu berichten, wie von Laura Bushs Besuch in der “Hand in Hand”-Schule in Jerusalem. Derweilen schließt die israelische Armee den Checkpoint 17 und ein palästinensischer Arbeiter stirbt unter ungeklärten Umständen als er versucht, illegal die israelische Sicherheitsmauer zu passieren. Takt um Takt fährt der “Reporter des Jahres 2006″ fort. Und man darf sich die Frage stellen, wären solche Meldungen andernfalls einfach an uns vorbeigerauscht?
Was sicherlich bei den wenigsten von uns “durchgerutscht” ist, das ist Nakba, der so genannte 60. Jahrestag der palästinensischen Katastrophe, der sich Lukas Lehmann in seinem Artikel “Nakba – Die Katastrophe” annimmt. Schon zu Beginn macht Lehmann klar, Nakba, das ist ein mehr als umstrittener Begriff. Ursprung und Bedeutung scheinen mehrdeutig. Die einen “bezeichnen die Nakba als ein ‘Nonsens’-Wort der Anti-Israel-Lobby, die die Existenz Israels immer wieder delegitimieren soll. (Die anderen) sehen die reale Nakba eher in der palästinensischen Nation selbst, die entgegen dem algerischen Beispiel nach mehr als 60 Jahren immer noch kein vernünftiges ‘Framework’ für die Schaffung eines Staates geschaffen habe.”, erklärt er weiter. Doch: Wer sind die Palästinenser, von denen wir immer so viel reden?, fragt der Autor völlig zu Recht und versucht die Angelegenheit kurz in einem historischen Abriss zu klären. Am Ende seines Artikels macht er jedoch klar: “Die Nakba ist eine Katastrophe für beide Seiten, bis heute”. Denn Flucht, Vertreibung und Terror habe es bei den Palästinensern als auch den Israelis gegeben. “60 Jahre Israel und fast 30 Jahre palästinensische Nationalbewegung sind Zeichen genug, dass beide Völker noch recht junge Gebilde sind. Erwachsen müssen beide werden”, schließt er ab. Und sicher ist: Beide können hier einen Beitrag leisten.
Bestialische Straftaten – Betrachtung aus einer anderen Perspektive
Österreich vor wenigen Wochen: Die Geschehnisse in Amstetten lassen die Erinnerungen an den Fall “Natascha Kampusch” vor zwei Jahren erneut hoch kochen. Ein 73 Jahre alter Rentner hielt seine Tochter und drei der insgesamt sieben gemeinsam gezeugten Kinder 24 Jahre lang im Keller des eigenen Hauses gefangen. Josef Fritzel ging als der “Inzest-Vater” durch die Medien – als Monster, der unvorstellbar Grausames begangen hat. Auch unser Autor Rolf Ehlers hat sich mit dem Fall befasst und fragt am vergangenen Mittwoch: “Ist Fritzel ein geborener Sexualstraftäter?“. Doch psychologisierend geht Ehlers, wie vielleicht auf den ersten Blick vermutet werden könnte, nicht vor. Der Schwerpunkt seiner Ausführung: die Vererbung krimineller Anlagen. Schließlich seien, so Ehlers, die Neurowissenschaften der Lösung des Themas bereits auf der Spur. Wo bisher die Philosophie oder psychologische Hypothesen zum Zuge kamen, würden heute konkrete naturwissenschaftliche Phänomene ins Spiel gebracht wie etwa die Macht der Gene und der Einfluss der Hormone auf das organisch und funktional immer überschaubarer gewordene zentralnervöse Organ des Menschen, das Gehirn. Und es scheint, als hätte die Wissenschaft den Übeltäter erwischt – sein Name: das Mao-A-Gen. Doch ist das der Weisheit letzter Schluss? Ehlers ist davon jedenfalls nicht völlig überzeugt, gibt er doch zu bedenken: “Der heutige Stand der Wissenschaft (…) gibt keinen Anlass, eine übermächtige biologische Determiniertheit des Menschen anzunehmen. Bei der Frage danach, was Schuld ist und wie man Gesetzesverstößen begegnen sollte, sind die schwer zu kontrollierenden biologischen inneren und von außen eindringenden Wirkungen aber gewiss korrekter einzuordnen als nach unserem überholten System von Schuld und Strafe.”
Hiermit verabschieden wir uns auch schon wieder, liebe Leserinnen und Leser. Wir wünschen Ihnen, trotz der vielen aufwühlenden Beiträge und damit verbundenen Gedanken, ein geruhsames Wochenende. Machen Sie’s gut. Bis nächsten Freitag!
Ihre Redaktion Readers Edition
Photo Quelle/Copyright: hazy jenius, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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