Die Bestie in uns. Eine Nachbetrachtung.

- Emotionale Strebungen und Antriebe - die wahren Herrscher über unser Verhalten. Photo: Martina Marten/via pixelio.de
Jan van Winried hat in seiner Leserreaktion auf meinen Versuch des neurobiologischen Verständnisses von Gräueltaten wie denen des Josef Fritzel Bemerkenwertes geschrieben:
“Ganz schön beunruhigend, dass ein Drittel der Gesellschaft potentiell so starke hormonelle Defizite aufweist, dass soziale Empathie nur noch eingeschränkt möglich ist. Das erklärt aber auch das Verhalten von Konzernmanagern, Börsenspekulanten, neoliberalen Politikern, amerikanischen Folterknechten, Bombengürtelterroristen und vergleichbaren Geistern, die sich nicht in die Gefühlswelten anderer Menschen hineindenken können und somit auch keinerlei Leistungen für eine Gemeinschaft erbringen können.
Eine amerikanische Psychiaterin hat vor geraumer Zeit schon einen Test entwickelt, der diese Charaktäre zu 100% identifizieren kann. Es soll Menschen, die über diese sozialen Defizite verfügen, nicht möglich sein, den Test zu betrügen. In großen Dax-Unternehmen und Kapitalbeteiligungsgesellschaften werden diese Tests vermutlich bereits eingesetzt. Wer durchfällt wird eingestellt!”
Es ist wirklich erschreckend, dass ein Drittel aller Männer wegen der schwachen Beschaffenheit “ihres” M a o - A - G e n s von der Erbanlage her in Gefahr sind, zumindest bei Hinzutreten traumatischer Ereignisse soziopathische Züge zu erhalten. Dies mit einer zwingenden Gesetzmäßigkeit wie der, dass sie von der Natur her gerade braune oder blaue Augen haben, krumme oder gerade Nasen mitbringen oder dass sie musikalisch sind oder nicht. Auf der anderen Seite macht es aber doch Hoffnung, dass wir diesen Gefahren womöglich effektiv begegnen können, indem wir die Verfügung über den das ganze Hirngeschehen harmonisiernden zentralen Botenstoff, das Neurohormon Serotonin, verbessern. Das Vorhandensein eines ganz schlichten Moleküls würde dann den ganzen Unterschied ausmachen.
Vom Dr. Jekyll zum Mr. Hyde
Wunderbar ist es allemal, was wir in der Natur vorfinden, besonders dass wir eben nicht von der Anlage her unter ungünstigen äußeren Umständen zwangsläufig zu Monstern wie Fritzel, Boger oder Stalin werden müssen. Sind wir auf der materiellen Ebene, zu der ja auch unsere hormonelle Steuerung gehört, normal ausgerüstet und den vorgegebenen Wirkzusammenhängen in Körper, Geist und Gemüt entsprechender Weise gut versorgt, befinden wir uns dank der Wirkungen des “Wohlfühlhormons” Serotonin naturgesetzlich in einem Zustand ausgeglichenen Wohlbefindens. In dieser glücklichen Lage sind wir ohne bewusste Bemühung besonnen und fähig zur Empathie. Endokrinologen sprechen von Serotonin auch als dem Sozialhormon.
In Psychiatrie und Kriminologie ist es allgemein anerkannt, dass es ohne krankhafte Störung dieses paradiesischen Zustandes beispielsweise nicht zu Selbstmordversuchen kommt. Wie weit im umgekehrten Sinne das Vorhandensein solcher Störungen “automatisch” den Dr. Jekyll zum Hyde werden lässt, ist eben die noch nicht vollständig geklärte Frage. Ob wir das Ergebnis - gleich wie es ausfällt - wirklich wissen wollen, ist eine andere Sache.
Diese naturgegebene positive Grundbefindlichkeit, die Ruediger Dahlke treffend “Lebensstimmung” nennt, angesichts eines “gesunden” Gleichgewichts unserer zerebralen Hormone und Botenstoffe überhaupt erkennen zu können, ist ein Geschenk der Neurowissenschaften an uns alle. Wir brauchen nicht mehr darüber zu philosophieren oder uns in Glaubenskämpfen darüber zu verlieren, ob “das Böse” in uns wohnt. Im Gegenteil: es verbietet sich, angesichts des konkreten Wissens aus der Neurobiologie jetzt noch die Nase zu rümpfen über die angebliche Geistlosigkeit und die fehlende Ethik dieser Wirkzusammenhänge. Es gibt keinen Schritt zurück hinter diese
gesicherten Erkenntnisse, jedenfalls nicht wenn man die Tatsachen berücksichtigt und seinen Verstand nicht abschaltet. Man kann heute
eben nicht mehr darauflosphilosphieren wie Platon, Descartes, Kant, Hegel oder Marx und sich die innere Welt des Menschen nach eigenem Gusto zurechtlegen wie Freud, Adler oder Jung.
Die wahren Herrscher über unser Verhalten
Wir können mit Herz und Verstand viel dafür tun, um unser Leben im besten Einvernehmen mit der Natur und allen ihren Geschöpfen zu genießen. Raum für erhebende Gedanken bleibt auch dann, wenn sich wie hier zeigt, dass die Welt nicht allein im Hegelschen Sinne vom absoluten Geist hinunter bis in die Niederungen der Materie lupenrein hierarchisch durchorganisiert ist. Die Wirklichkeit ist offenbar auch durchzogen mit Wirkmechanismen, die von jeder in jede Richtung und über alle ihre Ebenen hinweg gehen. Die Fähigkeit zu sozialer Empathie kann durch die Funktionsschwäche des Mao- A-Gens im Verein mit dem Fehlen des Kontrollhormons Serotonin die geistige und emotionale Kontrolle des entgleisenden menschlichen Verhaltens im Extremfall sogar komplett abschalten. Dass solche Übergriffe von unterer Daseinsebene auf die höhere möglich sind, kann uns eigentlich nicht überraschen, seit wir begriffen haben, dass unsere emotionalen Strebungen und Antriebe die wahren Herrscher über unser Verhalten sind und nicht unser besseres verstandesgemäßes Wissen.









