“Meine Kindheit lag komplett hinter einem schwarzen Tuch”, blickt Bernd von Eicken auf seine Suche nach seinen Eltern zurück. Diese Suche hat mit einer Tabakdose begonnen.
Als Dreijähriger landete der heute 69-Jährige in einem Heim in Wuppertal-Vorwinkel, am 24. Februar 1949 wechselte er in die evangelische Bildungs- und Pflegeanstalt “Hephata” in Mönchengladbach, er erlebte Drill und Prügel, als 15-Jähriger wurde er sexuell missbraucht, als Jugendlicher arbeitete er unentgeltlich in einer Anstreicherei und in der Landwirtschaft. “Das hat zur Therapie gehört”, sagen heute noch Kirchenvertreter und wimmeln so Entschädigungsansprüche ehemaliger Heimkinder ab.
Innere Unruhe
Im Oktober 1956 wurde Bernd von Eicken aus dem Heim entlassen, bei einem Landwirt hatte er eine sechsmonatige Probezeit verbracht, in einer Papierfabrik in Hückeswagen fand er einen neuen Arbeitsplatz. Doch er blieb nicht lange: “Ich hatte wegen meiner Kindheit in Heimen eine ständige Unruhe.” Diese innere Unruhe trieb ihn auf eine Wanderschaft durch Deutschland.
1960 kam er als Schleifer und Lackierer bei der Osnabrücker Firma Karmann unter. Einem Arbeitskollegen erzählte er: “Ich habe keine Eltern.” Einige Tage später brachte dieser Kollege eine Tabakdose mit. Auf dieser Dose stand der Name des mittelständischen Unternehmens “von Eicken”. “Such deine Eltern”, sagte der Kollege.
Die Nachforschungen begannen: Im November 1960 schrieb Bernd von Eicken an das Standesamt in Wuppertal-Elberfeld, das Standesamt antwortete am 2. Dezember 1960: “Wir können Ihre Fragen leider nicht beantworten.” Gegen eine Gebühr von einer Mark bekomme er jedoch seine Geburtsurkunde. Da es auf dieser Urkunde keine brauchbaren Hinweise zum Verbleib seiner Familie gab, schaltete Bernd von Eicken im Februar 1961 das Wuppertaler Amtsgericht ein. So erfuhr er am 24. Februar 1961 den neuen Namen seiner Mutter, zur Adresse hieß es: unbekannt. Über seinen Vater erfuhr er nichts. Erst mit Hilfe der Illustrierten “Quick” endete die Suche erfolgreich. Seine Mutter wohnte in Wuppertal-Elberfeld.
Mutter lebt in Wohnheim
Bernd von Eicken kündigte seinen Arbeitsplatz in Osnabrück, packte seine Habseligkeiten, machte sich auf den Weg zur angegebenen Adresse und stand vor einem Wohnheim. Seine Mutter lebte dort in einem Zimmer, er klopfte an: “Sie erkannte mich zu meinem Erstaunen sofort wieder.” Die Nacht verbrachte er auf einer Couch in ihrem Zimmer, am nächsten Morgen ging sie mit ihrem Sohn zum Wohnungsamt in Wuppertal, eine größere Bleibe bekam sie aber nicht.
Bernd von Eicken fand Arbeit auf einer Baustelle, schlief weiter auf der Couch, aber: “Einen Weg zueinander fanden wir nicht.” Statt dessen wurde er von seiner Mutter ausgenutzt, sie kassierte seinen Lohn und trug ihn in eine Kneipe. Als sie wieder einmal die Zeit in der Gaststätte totschlug, kaufte er sich eine Zugfahrkarte nach Köln und verschwand ohne ein Wort des Abschieds.
Auch in Köln kam Bernd von Eicken nicht zur Ruhe, das enttäuschende Wiedersehen mit seiner Mutter wühlte ihn auf, er kehrte nach Osnabrück zurück und arbeitete ab dem 1. Juni 1961 wieder in der Lackiererei der Firma Karmann. Oft dachte er an die Tabakdose mit dem Namen “von Eicken”, jeden Augenblick rechnete er damit, dass der Kollege auftauchte, der ihn auf die Suche nach seiner Familie geschickt hatte, aber: “Ich habe nie wieder von ihm gehört.”
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