Was steckt hinter den Blockaden der Katastrophenhilfe?
Dass die “Militärjunta von Myanmar/Burma nach der Sturmkatastrophe ausländische Hilfsorganisationen nur zögernd und mit großen Hindernissen ins Land lässt, mag irrational und verbrecherisch erscheinen, ist aber die logische Fortesetzung ihrer bisherigen, bizzaren Politik. Mehrere Gründe, die von den Medien kaum behandelt werden, aber in den Büchern des Schweden Bertil Lintner nachzulesen sind, können dafür verantwortlich gemacht werden.
1. Myanmar ist eine Militärdiktatur, die sich seit Jahrzehnten allen äußeren Einflüssen bis hin zur Katastrophenhilfe verschliesst.
2. Das Land ist ein Vielvölkerstaat, in dem mehrere Minoritäten mit der Zentralmacht ringen und der nach einer Öffnung und nach Einführung von Demokratie wahrscheinlich schnell zerfallen würde.
3. Die regierende Junta ist extrem abergläubisch und sieht überall Zeichen, die ihr baldigen Ende zu verkünden scheinen.
4. Das Regime unter Than Shwe und Premier Sein ist kommunistisch bzw. maoistisch orientiert. Man fürchtet, dass mit den Hilfsorganisationen Feinde und die im Exil lebende Opposition einsickern könnten.
Aberglaube und Mystik spielen auch in anderen Ländern Asiens eine Rolle: Am Hof des Thaikönigs Bhumipol amtieren Astrologen, um für seine Zeremonien den günstigsten Zeitpunkt zu bestimmen. Der indonesische Langzeitdiktator Suharto hing als Moslem dem älteren javanischen Mystizismus an. Im kambodschanischen Bürgerkrieg (1970 bis 1975) hat Staatschef Lon Nol vor Offensiven gegen den Roten Khmer immer die Meinung seiner Astrologen eingeholt. Auch im kommunistischen China ist die Zahlenmagie stark ausgeprägt. Die Zahl 8 wird als “ba” ausgesprochen, ein Wort, das auch für Glück und Reichtum steht. Doch die 8 hat China in diesem Jahr kein Glück gebracht. Am 25.1. (2+5+1=8) kam es im Westen des Landes zu einer Schneekatatsrophe. Die Unruhen in Tibet erreichten am 14.3. (1+4+3=8) ihren Höhepunkt. Das verheerende Erdbeben geschah am 12.5. (1+2+5=8). Nun bangen KP und Volk den Olympischen Spielen entgegen, die am 8.8.08 um acht Uhr abends beginnen sollen. In Myanmar schließlich glaubte der langjährige Diktator Ne Win an den Zauber der Zahl 9, dem er die ganze Gesellschaft untergeordnet hat.
Sein Nachfolger Than Shwe wird von einem ganzen Schwarm von Wahrsagern beraten, die für viele bizarre Entscheidungen der Junta mit verantwortlich zu sein scheinen. Die meisten davon sind “kats”: Zwitter, denen der Volksglaube übernatürliche Kräfte zuschreibt. Die Politik Myanmars im Schatten der tausend Pagoden sollte daher immer mit einem Blick auf die Staatsgewalt des Aberglaubes beschrieben und interprätiert werden.
Der Buddhismus kennt keinen allmächtigen Gott.
Er verehrt Inkarnationen des Religionsgründers und lässt viel Raum für den noch älteren Animismus und Aberglauben, der auch die Stifterfigur umrankt, indem er die Wochentage einfärbt und mit bestimmten Posen und Legenden verbindet. Der Montag ist gelb, dem ein rosa Dienstag folgt. Mittwoch ist grün, während sich der Donnerstag in die Farbe einer Orange kleidet. Nach einem blauen Freitag kommt ein Samstag aus Purpur, worauf der Sonntag in hellem Rot erstrahlte. Am Montag soll Buddha vorwiegend Übel und Krankheit abwehren. Der Erleuchtete steht aufrecht und hat die rechte Hand in Abweisung erhoben. Die angepasste Legende berichtet, wie Buddha die Stadt Vesali von Hunger, Krankheit und bösen Geistern gereinigt hat. Der Dienstag wird dem ruhenden Buddha zugeordnet. In der dazu passenden Legende sucht der größte aller Riesen um eine Audienz an. Darauf wurde Bhudda hundert Mal größer als der dadurch beschämte Riese. Der Mittwoch ist dem Erleuchteten mit einer Almosenschale gewidmet, was die Gläubigen zur Hilfe für Mitmenschen verpflichten soll. Donnerstag verbindet den sitzenden Buddha mit der Tierwelt. Ein Affe und ein Elefant schieben ihm Honigwaben und Wassertöpfe zu. Samstags ist der Religionsstifter in eine tiefe Trance gefalllen, aus der ihn strömender Regen aufzuwecken droht. Hinter ihm richtet sich nun eine siebenköpfige Königskobra auf, um ihn vor Nässe zu schützen. Sonntag ist der Tag der Achtsamkeit, der den Buddha mit geöffneten Augen aufrecht stehend darstellt. Die Legende berichtet, dass er nach seiner Erleuchtung aufwachte, einen Schritt nach Nordosten tat, um dann einen Feigenbaum sieben Tage zu betrachten ohne mit den Augen zu blinzeln. Dabei sei ihm, so heißt es, das Leiden aller Lebewesen aufgegangen.
Der um den Buddha gewobene Aberglaube wird von der Militärjunta oft mit dikatorischen Maßnahmen verbunden, die das Land gegen äußere, als schädlich empfundene Einflüsse abschotten sollen. New Light of Myanmar (Das neue Licht Myanmars) als Zentralorgan der Junta spielt hier ganz unverschämt auf die Erleuchtung des Buddhas an. Myanmar ist wie Nordkorea, das seinen Gründer Kim Il Sung in Kult und Aberglauben eingesponnen hat, ein vakuumverpackter Staat. Schon ein paar Nadelstiche von außen könnten beide Regime in einer Implosion zusammenbrechen lassen. Gegen diese Gefahren inszenieren die Machthaber ihre Rituale der Zustimmung. Die Generäle Myanmars haben über den Leichen hunderttausender Menschen in zynischem Spott ein vorher geplantes Referendum abgehalten, um sich unter Drohungen und Fälschungen bestätigen zu lassen. In dem verheerten Land gab es laut New Light of Myanmar eine Wahlbeteiligung von 99 und eine Zustimmug von 93 Prozent. Auch sonst hält man Ausschau nach Ereignissen und Symbolen, die sich für den Machterhalt auswerten lassen.
So etwa kam im Jahr 2003 unter tosendem Jubel ein Erlöser auf einem Floss den Irrawadifluss herunter. Er wurde von geschmückten Soldaten in einen eilig errichteten Tempel geleitet. Mönche stimmten Gesänge an. Man schlug den Gong. Die Generäle der Staatführung verneigten sich. Dann warf man dem Erlöser riesige Mengen Blätter zum Frass vor, denn der neue Messias von Myanmar war ein weisser Elefant. Nach einem alten Volksglauben bringt ein Dickhäuter mit einer Albinohaut Glück und muss daher in Myanmar sofort per Adresse der regierenden Militärjunta abgeliefert werden. Auch in Thailand war Anfang der Dreißiger Jahre unter König Prajadhipok im Norden ein solcher Elefant gefunden und in einem Triumphzug mit der Bahn nach Bangkok gebracht worden.
Die Burmesen sind seit jeher ein kriegerisches, doch extrem abergläubisches Volk.
In der Vergangenheit hatten sie mehrmals ihre thailändischen Nachbarn überrannt und besiegt. Burma war ab 1942 einer der Hauptschauplätze des Krieges gegen Japan. Anfangs waren die Burmesen Verbündete Nippons. Da ihnen Tokio die Unabhängigkeit nicht geben wollte, begann Aung San mit britischer Hilfe einen Guerillakrieg gegen die Japaner. 1947 hat er den Briten die Unabhängigkeit entwunden. Aung San wurde bald danach bei einer Kabinettsitzung erschossen. Er gilt als Nationalheld und Staatsgründer. Es folgten Jahre turbulenter Übungen in Demokratie, bis 1962 ein ehemalige Kampfgefährte Aung Sans in einem Putsch die Macht an sich riss.
Armee- und Juntachef Ne Win (d.h. Glänzende Sonne/ 1911-2002/ Amtszeit: 1962-81) wurde von China unterstützt. Er ging mit seiner Sozialistischen Programmpartei auf kommunistischen Kurs, doch er traute weniger Karl Marx als der Zahl 9. Er war Nummerologe, da ihm ein Magier versichert hatte, er wäre der neunte, illegitime Sprössling der Alaungpaya-Dynastie, die bis zur Annexion durch die Briten 1886 geherrscht hatte. Daher war die Zahl 9 das Programm der Programmpartei. Der 9.9. wurde ein Staatsfeiertag. Ne Win suchte Burma entlang dieser Zahl neu zu ordnen, was katastrophale, wirtschaftliche Folgen hatte. Burma ist heute nach Bangladesch und Nordkorea das ärmste Land Asiens. Dem Schein nach trat Ne Win 1981 vom Amt des Staatspräsidenten zurück, behielt aber als Parteichef alle Macht, um der Zahl 9 weiterhin Geltung zu verschaffen.
Das bisherige Zehnersystem der Währung war ihm ein Dorn im Auge. Daher zog er 1985 die Banknoten von 50 und 100 Kyat aus dem Verkehr und ersetzte sie durch 45 und 90 Kyat. 1986 war der 75. Geburtstag des obersten Nummerologen mit 75 Kyat zu feiern. Ne Win trat auf den Scheinen nie auf und überließ das Kopfbild seinem ehemaligen Mitkämpfer Aung San, wobei mythische Figuren und Fortschrittsbilder auf den Rückseiten wechselten. Aung San war von den Banknoten bald verschwunden, da sich seine Tochter, Aung San Suu Kyi, an die Spitze der Opposition gegen Ne Win gestellt hatte.
Die 8 rebellierte gegen die 9
Der bizzare Diktator baute sich einen Palast, in dem alle Masse von der Zahl 9 bestimmt waren. Als er bezichtigt wurde, kommunistischen Linkskurs zu steuern, befahl er per Dekret einen Fahrbahnwechsel auf die rechte Straßenseite. Da nur wenige Burmesen ein Auto hatten, hielt sich der Schaden in Grenzen. Er suchte seine Tochter, die Majorin Sanda Win, als Nachfolgerin aufzubauen, doch die Sterne für eine erste Militärdiktatorin der Welt standen nicht günstig. Am 8.8.1988 begannen Studentenunruhen gegen den Programmparteichef und die herrschende 9. Für Ne Win war alles klar: Die 8 rebellierte gegen die 9. Das konnte er nicht dulden. Er liess die Unruhen blutig niederschlagen. Es soll über 2000 Tote gegeben haben. Im Gegenzug liess der abergläubige Diktator am 9.9.1988 (dreimal 9 gegen zweimal
die Militärjunta mit dem Akronym SLORC gründen. Für den 27.5.1990 (2 plus 7 sind 9 samt zweimal 9 in der Jahreszahl) wurden allgemeine Wahlen ausgeschrieben. Fast hundert Parteien beteiligten sich am Urnengang. Die Wahlen wurden von der Demokratiebewegung unter Führung von Aung San Suu Kyi gewonnen. Die Militärs annullierte die Ergebnisse und schlugen folgende Demonstrationen neuerlich nieder. Kyi wurde unter Hausarrest gestellt, aber auch Ne Win ist langsam von jüngeren Kräften entmachtet worden. Mit dem Aufstieg des Geheimdienstchefs Khin Nyunt verbanden sich viele Hoffnungen, da er eine Roadmap zur Demokratie entworfen hatte… Er verstand es, mit den verschiedenen Minoritäten zu jonglieren, womit er der burmesischen Zentralmacht aufreibende Offensiven ersparte. Als Herr der Grenze wurde er 2003 Ministerpräsident. Da er nach der die ganzen Macht strebte ist er bald von den alten Kameraden um Than Shwe gestürzt worden. Er wurde am 18.10.2004 verhaftet und später wegen Korruption zu 44 Jahren Haft verurteilt.
Der Name des Landes wurde 1989 in Union von Myanmar geändert.
Die nummerologische Währung wurde abgeschafft. Man kehrte zum Dezimalsystem zurück. Aug Sans Tochter war 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Sie steht seitdem unter Hausarrest und verweigert den Gang ins Exil. Burma geriet wegen seiner notorischen Menschenrechtsverletzungen immer mehr ins Kreuzfeuer internationaler Kritik.
Die Zahl 9 drohte weiter aus dem Hintergrund. Das Militär liess vor dem 19.9.1999 hunderte Personen verhaften, weil man am Tag der fünffachen Neun einen Aufstand befürchtete. Dabei wurde auch Ne Wins Clan mit Tochter Sanda an der Spitze endgültig entmachtet. Die von Zahlen geleitete Familie scheiterte am 2.2.2002 mit einem Putsch. Monate danach ist Ne Win gestorben. Sein letzter Wunsch ist ihm erfüllt worden. Er hat das neunte Lebensjahrzehnt erreichen dürfen.
Die Generäle um Than Shwe standen zwar nicht mehr unter der Diktatur der Zahl 9, waren aber dennoch extrem abergläubisch. Da nach dem Sturz von Khin Nyunt von mehreren Seiten Separationen drohten, ist die Armee auf 400.000 Mann verstärkt worden. Offiziere geniessen reiche Privilegien und werden in geheimnisvollen Riten befördert. Die Kampfkraft der burmesischen Armee wird durch die bewaffneten Truppen der Minderheiten eingeschränkt. Die mit den Thais verwandten Shan, die christlichen Karen, die Kachin und die Mon kämpfen alle für einen eigenen Staat oder für mehr Autonomie. Thailand unterstützt vor allem die Shan. Die Chakri-Dynastie fürchtet die Burmesen, die 1467 die alte Hauptstadt Ayutthaya erstürmt und das zweite, relativ entwickelte Thaireich zerstört hatten. In den Jahren, da Khin Njunt an der Grenze herrschte und die Minoritäten wie auf einem Schachbrett hin- und her schob, kam es immer wieder zu gefährlichen Grenzgefechten. Khin Nyunt war es gelungen, Teile der Roten Wa von der chinesischen Grenze nach Süden umzusiedeln und als Speerspitzen gegen andere Volksgruppen einzusetzen. Als Gegenleistung wurde den Wa die Herstellung von Opium und die Produktion von Amphetaminen erlaubt, die sie nach Thailand und weiter nach Europa und in die USA schleusen.untachef Than Shwe hält sich eine oberste Wahrsagerin, die vom Volk ehrfürchtig und möglicherweise nach dem gleichnamigen Spielfilm als E.T. bezeichnet wird. Von E.T. soll auch die Idee stammen, im Landesinneren und 600 Kilomer nördlich von Rangun eine neue Hauptstadt zu errichten. Unter enormen Kosten hat man in einer Einöde die Stadt Naypyidaw (Königliche Stadt) errichtet. Der Erstbezug soll von E.T. mit dem 6.11.2005 festgelegt worden sein. Die Region war einst Basis der Freiheitskämpfer unter Aung San. Die neue Hauptstadt ist strategisch angelegt. Von hier aus können die Offensiven gegen die aufständischen Minoritäten besser koordiniert werden. Die 33 Ministerien und Villen der Generäle sind durch ein Tunnelsystem verbunden, so dass ein Putsch nur geringe Chancen hätte.
Die neue Hauptstadt ist vom Zyklon Nargis weitgehend verschont worden, so dass Chefwahrsagerin E.T. sofort eine Deutung liefern konnte: Die Geister seien dem Volk nicht gnädig gesinnt, da es nach Unabhängigkeit und Demokratie streben würde. Jene, die das Militär abesetzen wollten, seien nun bestraft worden. Der Zyklon sei an göttliches Zeichen für die Militärs gewesen, an der Macht zu bleiben.
Photo Quelle/Copyright: ISN Security Watch, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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