Readers Edition http://www.buergerinfo09.de



Politik

Verdienen Totalverweigerer Respekt ?

Dienstag, den 20. Mai 2008 um 16:51 Uhr von emperor

Die Liste derjenigen Männer, die sich dem Wehrdienst entzogen haben, ist lang und umfasst einige der moralisch untadeligsten und einige der erfolgreichsten und intelligentesten Männer, die je gelebt haben:

Albert Einstein entzog sich dem Wehrdienst in Baden-Württemberg, indem er die schweizerische Staatsbürgerschaft annahm, der Physiknobelpreisträger Richard Feynman wurde aus psychiatrischen Gründen ausgemustert und der Träger des Wirtschaftsnobelpreises John Nash wurde unabkömmlich gestellt, weil er bei der Rand-Corporation, einer Denkfabrik unter anderem für das Militär arbeitete. (Seine Geisteskrankheit brach erst in späterem Alter aus, siehe den Kinofilm “A beautiful mind” ). Der berühmte bayerische Schriftsteller und Nazi-Gegner Oskar-Maria Graf entzog sich dem Wehrdienst, indem er Schizophrenie simulierte, so überlebte er den Ersten Weltkrieg in der königlich-bayerischen Irrenanstalt Haar bei München (Heute Isar-Amper-Klinik für Psychiatrie ). Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann schildert in seinem Roman “Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”, wie sich ein junger Mann, Felix Krull, dem Kriegsdienst entzieht, indem er Epilepsie simuliert.

Der Zufall entscheidet

Das Thema ist heute, im Jahr 2008, wieder hochaktuell. Wie das Magazin “Der Spiegel” im Artikel “groteske Massenausmusterung” (siehe: http://www.spiegel.de/) berichtet, entscheidet heute mehr denn je der Zufall und nicht das psychische und physische Potential junger Wehrpflichtiger darüber, ob sie Wehrdienst oder Zivildienst leisten müssen oder nicht.

Jeder kennt wohl aus seinem Bekanntenkreis Beispiele von topfitten Sportlern, die ausgemustert wurden und ebenso von psychisch oder körperlich angeschlagenen jungen Männern, die zum Wehrdienst gezwungen wurden und dort Selbstmordversuche unternahmen oder deren körperliche Krankheiten bei der - zugegebenermaßen äußerst oberflächlichen Musterungsuntersuchung unentdeckt blieben und erst während oder nach abgeleistetem Wehr- oder Zivildienst korrekt diagnostiziert wurden.

Auch heute noch gibt es junge Männer, die, sei es, weil sie Pech haben oder weil sie zu ehrlich sind, es nicht schaffen, untauglich geschrieben zu werden und die dann, aus Idealismus und aus innerer Überzeugung heraus, Totalverweigerer werden. Auf der Internetseite der “Kampagne gegen Wehrpflicht” (siehe: http://www.kampagne.de/) werden die Beispiele zweier junger Männer, Mathias Schirmer und Silvio Walter, aufgegriffen, die seit April 2008 im Gefängnis sitzen, weil sie ihrem Gewissen gefolgt sind und totalverweigert haben. Auf der Internetseite ist auch die Postadresse der beiden jungen Männer angegeben, falls sie jemand unterstützen oder aufmuntern will.

Wie steht es mit der Gleichbehandlung?

Abschließend stellt sich noch die Frage, ob man gegen geltendes Recht verstößt, indem man diesen Artikel publiziert. Denn es gibt den Straftatbestand “Störpropaganda gegen die Bundeswehr”, den Nachfolgeparagraphen des Paragraphen zur “Wehrkraftzersetzung”, der im Dritten Reich und davor galt. (siehe Wikipediaartikel “Wehrkraftzersetzung”). Wenn man juristisch argumentiert, könnte man auch anführen, dass eine Wehrpflicht, die nur für Männer und nicht für Frauen gilt, gegen das Grundgesetz der Bubdesrepublik Deutschland verstößt, und zwar gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Lediglich die lange Tradition, dass nur Männer Wehrdienst leisten und in den Krieg ziehen und Frauen nicht, hat eine “normative Kraft des Faktischen” geschaffen, so dass heute die meisten deutschen Gerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht die Wehrpflicht nur für Männer für rechtens halten.

  • diesen Artikel drucken
  • E-Mail This Post/Page
4.7
  • derzeit 4.72 Sterne
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
 
 

Schlagwörter

Share it!

8 Reaktionen zu “Verdienen Totalverweigerer Respekt ?”

  1. Frank F.

    am 20. Mai 2008 um 17:28 Uhr | Link | Kommentar melden

    nein

  2. davoice

    am 21. Mai 2008 um 11:15 Uhr | Link | Kommentar melden

    “Verdienen Totalverweigerer Respekt ?”

    Generell verdient jede Haltung Respekt, insofern sie begründet und selbstreflektiert erarbeitet wurde.

    Daher find ich Frank F.s Antwort auf die Frage etwas, naja: unreflektiert!

    Als ehem. Zivildienstleistender, der den Wehrdienst aus TATSÄCHLICHEN Gewissensgründen verweigerte, muß ich heute sagen: der “Dienst”, der mir anfangs auch äußerst gegen den Strich ging und den ich auch verweigern wollte, da ich es nicht einsah, bestraft zu werden, weil ich niemanden töten möchte, stellte sich im Nachhinein als sehr lehrreich heraus. Ich war damals als Rettungssanitäter tätig und dies war eine bis heute sehr nachhaltige Zeit, die mich als Mensch enorm wachsen ließ.
    Stünde ich heute wieder an der Stelle, den Dienst an der Waffe zu verweigern, würde ich gerne Zivildienst machen.
    Doch kann ich die Haltung von Totalverweigerern durchaus nachvollziehen, ging es mir doch schon ähnlich. Auch kann ich jene beruhigen: ein sozialer Dienst, auch wenn er in miserablen Systemen unter miserablen Bedingungen abgehalten werden muss, ist eine bereichernde Erfahrung fürs Leben, von der man Jahre, Jahrzehntelang profitieren kann.

  3. pit b.

    am 22. Mai 2008 um 12:32 Uhr | Link | Kommentar melden

    Auf jeden Fall!

    Totalverweigerer verdienen den höchstes Respekt. Menschen die persönlich die Konsequenzen (so hard sie auch sind) für ihre Entscheidungen tragen, sind, im Gegensatz zu denen, die auf den Befehl eines Anderen töten, wahre Helden. Zigtausend jugen Männer fühlen, sich zurecht, benachteiligt, wenn sie Dienste leisten müssen, während andere Bundesbürger machen können was sie wollen. Aber wer tut was dagegen?
    Auf rechtlichem Weg hat man keine Chance, weil eine Obrigkeit, die, die Wehrpflicht will, entscheidet, was recht ist und was nicht. Gäbe es keine Totalferweigerer würde niemand wahrnehmen, dass es ein Problem gibt, weil jeder brav “seine Pflicht” erfüllt.

    Menschlich würde ich jeden Totalverweigerer vorziehen, gegeüber einem Menschen der die Benachteiligung die man vor, während und nach dem Dienst erfährt, ausblendet und mit überzogenem Pflichtbewusstsein und Patriotismuss auffüllt und so gar nicht merkt wie er, gegenüber Nichtwehrpflichtigen, einen Tritt in den Hintern bekommt.

  4. Fragezeichen

    am 22. Mai 2008 um 13:22 Uhr | Link | Kommentar melden

    Kann mir irgendein Jurist folgenden Widerspruch erklären:

    Art. 3 (3) GG: “Niemand darf wegen seines Geschlechtes…benachteiligt oder bevorzugt werden.”

    Art. 12a (1) GG: “Männer können …zum Dienst in den Streitkräften…verpflichtet werden.

    Das Grundgesetz widerspricht sich selbst ! Ganz offensichtlich werde ich wegen meines Geschlechtes benachteiligt, wenn ich zu einem staatlichen Zwangsdienst verpflichtet werde. Nach meinem Empfinden ist Art. 3 grundlegender und weitreichender, außerdem wurde Art. 12a meines Wissens erst nachträglich 1956 ins Grundgesetz eingefügt.

  5. Noch ein Beitrag zur Totalverweigerung « Zwanglos - Weblog gegen Zwangsdienste

    am 22. Mai 2008 um 15:26 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Albert Einstein entzog sich dem Wehrdienst in Baden-Württemberg, indem er die schweizerische Staatsbürgerschaft annahm, der Physiknobelpreisträger Richard Feynman wurde aus psychiatrischen Gründen ausgemustert und der Träger des Wirtschaftsnobelpreises John Nash wurde unabkömmlich gestellt, weil er bei der Rand-Corporation, einer Denkfabrik unter anderem für das Militär arbeitete. (Seine Geisteskrankheit brach erst in späterem Alter aus, siehe den Kinofilm “A beautiful mind” ). Der berühmte bayerische Schriftsteller und Nazi-Gegner Oskar-Maria Graf entzog sich dem Wehrdienst, indem er Schizophrenie simulierte, so überlebte er den Ersten Weltkrieg in der königlich-bayerischen Irrenanstalt Haar bei München (Heute Isar-Amper-Klinik für Psychiatrie ). Der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann schildert in seinem Roman “Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”, wie sich ein junger Mann, Felix Krull, dem Kriegsdienst entzieht, indem er Epilepsie simuliert.” Weiter: hier. […]

  6. Chris

    am 22. Mai 2008 um 16:13 Uhr | Link | Kommentar melden

    JA!
    Allein schon deshalb, weil Frauen zu keinen Zwangsdiensten (Wehrpflicht / Zivildienst) gezwungen werden. Die Zwangsdienste ( Wehrpflicht / Zivildienst) sind meiner Meinung nach purer Geschlechterrassismus und Diskriminierung, weil nur Männer aufgrund nur wegen ihres Geschlechts zu diesen menschenverachtenden Zwangsdiensten gezwungen werden und somit ein ganz klarer Verstoß von Gleichbehandlung und schwerer Diskriminierung darstellt. In sämtlich westlichen Nato-Staaten, bis auf das geschlechterrassistische männerfeindliche Deutschland, wurden diese Zwangsdienste abgeschafft (Stichwort: Wikipedia -> Wehrpflicht)! Die Wehrpflicht in Deutschland besteht nur noch wegen dem Zivildienst, um Männer als billige Pflegekräfte zu missbrauchen und auszubeuten. Befürworter der Zwangsdienste (Wehrpflicht / Zivildienst) sind in der Regel solche perfide Menschen, die entweder einen großen Nutzen daraus ziehen und/oder aus Gründen von Privilegien zu keinen Zwangsdiensten gezwungen werden, das sind wahrlich perfide Menschen die keinen Respekt verdienen! Ich selbst habe den menschenverachtenden Zwangsdienst Wehrpflicht abgeleistet und empfand diesen Zwangsdienst als sehr männerfeindlich diskriminierend und als einen sehr schweren Eingriff in mein Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrecht. Die Zwangsdienste (Wehrpflicht / Zivildienst) müssten schon lange abgeschafft sein, dann würde sich die Frage “Verdienen Totalverweigerer Respekt?” nicht mehr stellen! Die Nato-Staaten, bis auf das geschlechterrassistische Deutschland, haben die Zwangsdienste einfach abgeschafft und nicht Äpfel mit Birnen verglichen. Wer die Wehrpflicht oder den Zivildienst haben will, der soll hingehen dürfen, aber ohne Zwang, denn auch Frauen werden zu rein gar nichts gezwungen! Die Zwangsdienste (Wehrpflicht / Zivildienst) sind der reinste Geschlechterrassismus und verdienen schon überhaupt keinen Respekt, deshalb meinen Respekt für alle Totalverweigerer!

  7. Andreas

    am 31. Mai 2008 um 19:06 Uhr | Link | Kommentar melden

    Natürlich verdienen Totalverweigerer Respekt und eigentlich noch viel mehr, nämlich Unterstützung. Nötig wären Mahnwachen vor den jeweiligen Kasernen, Unterschriftenaktionen, Plakatklebeaktionen, Spendenkonten usw.

    Mit der Wehrpflicht wird den jungen Männern nicht nur die Gleichberechtigung, sondern seit Jahren auch die Gleichbehandlung verwehrt. In der Praxis haben wir eine sogenannte Auswahlwehrpflicht und keine allgemeine Wehrpflicht, die als einzige verfassungsrechtlich erlaubt ist. Es ist also der Staat, der seit Jahren gegen geltendes Recht verstößt und es ist kennzeichnend für unseren Staat und seine Organe, dass weder die Justiz noch die Politiker den jungen Männern ausreichend helfen. Abgesehen vom Kölner Verwaltungsgericht, sehen sich die meisten Richter in Sachen Wehrpflicht eher als Erfüllungsgehilfen der Wehrpflicht, egal wie ungericht diese organisiert ist.

    Totalverweigerer sind daher keine Verbrecher, sondern junge Männer, die sich auf ein Notwehrrecht berufen können. Sie sind Helden und Märtyrer in einem.

  8. Initiative Totalverweigerer - Gesetzliche Gleichstellung gilt leider nur für Frauen in Deutschland : Weltzeit 1

    am 25. August 2008 um 04:07 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] http://www.readers-edition.de/2008/05/20/verdienen-totalverweigerer-respekt/ […]

Einen Kommentar schreiben

Kommentare für diesen Artikel als RSS-Feed abonnieren.

Hinweis: Alle Kommentare werden moderiert und müssen freigeschaltet werden.

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>

Als Kommentator akzeptieren Sie die Teilnahmebedingungen der Readers Edition.