ZDF, 4. Juni, 0.30 Uhr: In den Fängen der Fürsorge

“Die meisten Kinder im katholischen Heim St. Josef im rheinischen Eschweiler schlafen schon, als die neunjährige Carola von Schwester Theofriedis aus dem Bett geholt und in den Garten geführt wird. Dort bekommt das vor Angst und Kälte zitternde Mädchen eine Schaufel in die Hand gedrückt. ´Du gräbst jetzt dein Grab´,

“Die meisten Kinder im katholischen Heim St. Josef im rheinischen Eschweiler schlafen schon, als die neunjährige Carola von Schwester Theofriedis aus dem Bett geholt und in den Garten geführt wird. Dort bekommt das vor Angst und Kälte zitternde Mädchen eine Schaufel in die Hand gedrückt. ´Du gräbst jetzt dein Grab´, befiehlt ihr die Schwester. Carola schluchzt, bettelt, will zurück ins Haus. Doch alles Flehen ist vergebens, die Neunjährige muss weiter graben. Solange bis die Schwester glaubt, die Erziehungsmaßnahme reiche nun aus.”

Mit dieser gespenstischen Szene beginnt auf den Internet-Seiten des ZDF die Ankündigung einer Dokumentation, die am 4. Juni 2008 ab 0.30 Uhr ausgestrahlt wird. Dieser Beitrag von Sibylle Bassler und Angelica Fell trägt den Titel “In den Fängen der Fürsorge”. Drei Tage später demonstrieren ehemalige Heimkinder in Dernbach erneut gegen diesen Orden. Die Demonstrationen sind vom Bürgermeister genehmigt worden.

Auch das Aachener Landgericht beschäftigte sich bereits mit diesem Orden, weil die Staatsanwaltschaft gegen zehn ehemalige Heimkinder Anklage wegen versuchten Betruges erhoben hatte. Das Gericht entschied am 12. Februar 2008: “Gegen die Angeschuldigten besteht aus tatsächlichen Gründen kein hinreichender Tatverdacht.”

Großes Medieninteresse

Damit war der Vorwurf, die ehemaligen Heimkinder wollten sich Entschädigungen erschleichen, vom Tisch. Im Prozessfall wäre das Medieninteresse riesig gewesen, stellte das Aachener Landgericht fest: “…wie sich aus der aus den Akten ersichtlichen Zeitungs-, Radio- und Fernsehberichterstattung ergibt.”

Zu den Angeschuldigten gehörte auch Karola Koszinoffski, die sich der ZDF-Dokumentation zufolge als Neunjährige ihr eigenes Grab schaufeln musste. “Und alles geschah mit dem Wissen und der Unterstützung von Pädagogen und Politikern”, heißt es in der ZDF-Ankündigung.

Das Aachener Landgericht stellte am 12. Februar 2008 fest: “Die Angeschuldigte Koszinoffski stellte am 21. Dezember 2003 – eingegangen am 29. Dezember 2003 – beim Versorgungsamt Aachen den Antrag auf Beschädigten-Versorgung. Darin führte sie aus: ´Seit 8 Tagen nach meiner Geburt lebte ich im Kinderheim Eschweiler bis ich 14 Jahre war. Ich wurde viel geschlagen mit Stöcken, Handfeger, Bügel, auch mit der Hand und Kopfnüsse. Ich wurde viel eingesperrt. Keller, Abstellkammer, Nächte lang. Viele Schläge auf meinen Kopf, bis das Blut floss.”

Aufklärung immer schwerer

Wie schwer heute die Aufklärungsarbeit über die Zustände in kirchlichen und staatlichen Heime in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren ist, machten der Vorsitzende Richter Wilke, die Richterin Dr. A. Falkenkötter und der Richter Küpper auf Seite 56 ihres Beschlusses deutlich: “…wenn man – mit der Staatsanwaltschaft – annimmt, dass es tatsächlich zu Misshandlungen jedenfalls im Rahmen der damals üblichen Erziehung gekommen ist, dann ist es nach der Lebenserfahrung nicht ungewöhnlich, dass sich nach einem solch enormen Zeitablauf die Erinnerung hinsichtlich Einzelheiten wie Häufigkeit und Intensität der Misshandlungen verfälscht.”

Wenn aber nicht die Medien dieses Thema vor einiger Zeit wieder aufgegriffen hätten, dann würde weiter Zeit verstreichen – bis das letzte ehemalige Heimkind gestorben ist…

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Es wird Zeit das dieses Kapitel der Heimerziehung endlich aufgedeckt wird.
    Aber wenn hier geglaubt wird, es hätte sich etwas in der Heimerziehung geändert, irrt.
    Heute werden die Kinder psychisch fertig gemacht. Wo sind die Pädagogen die sie sich an diesem System seit Jahrzehnten bereichen und ein schönen Leben generieren, auf kosten anderer Kindheiten. Sie verklagen ehemalige Heimkinder um sie Mundtot zu machten, die versuchen die Missstände aufzudecken.
    So wie der Heimleiter Karl Ernst Dahmen von der Caritas Heinsberg.
    Mit Sommerfesten auf dem Heimgelände versuchen die von den Einbrüchen in direkter Nachbarschaft abzulenken. Lange wird die Bevölkerung das treiben nicht mehr mit ansehen.
    Die Presse hier in NRW ist leider immer noch nicht aufgewacht. Das ZDF ist der Sender der hier vorprescht und dafür gehört ihm großen Dank.