Apotheken Umschau propagiert riskantes Abnehmmittel

Das Maß ist voll. Nach jahrzehntelanger erbarmungsloser Ausbeutung der immer übergewichtiger werdenden Menschen in unserer Gesellschaft ist “die Pharmazie” erneut dabei, die hilflosen Fettleibigen erbarmungslos zu schröpfen. Wieder ist es ein arzneilicher Wirkstoff, der angeblich das Abnehmen sichern soll. Die Methode ist gleich, die Kosten sind wie immer exorbitant hoch.

bike3.jpgDas Maß ist voll. Nach jahrzehntelanger erbarmungsloser Ausbeutung der immer übergewichtiger werdenden Menschen in unserer Gesellschaft ist “die Pharmazie” erneut dabei, die hilflosen Fettleibigen erbarmungslos zu schröpfen. Wieder ist es ein arzneilicher Wirkstoff, der angeblich das Abnehmen sichern soll. Die Methode ist gleich, die Kosten sind wie immer exorbitant hoch. Der Name ist RIMONABANT. Neu ist die Offenheit, mit der das “größte deutsche Gesundheitsmagazin”, die Apotheken Umschau ihre Leser zum Kauf dieses wertlosen, aber gefährlichen Abnehmmittels verleiten will.

Kurze Historie der Abzocke der Fettleibigen

Bevor ich zu dieser neuen Wunderpille zum Abnehmen aus der Chemieküche komme, gebe ich einen kurzen Abriss über die dramatische Geschichte der Abzocke durch die Industrie bei den Übergewichtigen im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Ich lasse hier einmal die endlosen nicht medizinischen Diäten weg, die natürlich auch unendlich viel an enttäuschter Hoffnung, persönlichem Aufwand und – natürlich – sehr viel Geld gekostet haben und immer weiter kosten.

1. Von weniger bekannten längst vergessenen Vorläufern abgesehen war die erste dieser chemischen Keulen das Abnehmmittel MENOCIL mit dem Wirkstoff Aminorex. Dieser Appetithemmer wurde 1968 vom Markt genommen, nachdem 850 Personen nach seiner Einnahme an Lungenhochdruck erkrankt waren.

2. Es folgte Jahre später das viel verschriebene PONDERAX mit dem Wirkstoff Fenfluramin (“fenfen”) und dann

3. das Produkt ISOMERIDE mit dem fortentwickelten Wirkstoff Dexfenfluramin. Beide Mittel mussten Ende der 90er vom Markt, weil sie neben vielen anderen Nebenwirkungen gelegentlich lebensbedrohliche pulmonale Hypertonie auslösten und weil endlich nachgewiesen wurde, dass sie auch Herzklappenschäden hervorriefen.
(vgl. http://www.arznei-telegramm.de/)

4. Seit 1998 ist XENICAL mit dem Wirkstoff Orlistat in Europa als Abnehmmittel zugelassen. Dieses Mittel setzt an bei der Menge des verwerteten Fettes. Vom Übergewichtigen wird erwartet, dass er fettarm isst, tut er das nicht, bekommt er üble Blähungen und einen fettigen Stuhl, weil Orlistat bis zu 40 Prozent des Nahrungsfetts von der Verdauung zurückhält. Weltweit haben inzwischen Millionen mit Xenical ihr Glück versucht und haben es nicht gefunden. Die tatsächliche Gewichtsreduzierung war mäßig und endete dank des Jojo-Effekts alsbald nach dem Ende der Kur. Für eine dauerhafte Anwendung hat niemand dieses Mittel je empfohlen, es ist mit rund 100 Euro im Monat auch viel zu teuer. Dass dieses Mittel niemals langfristig Übergewichtsprobleme lösen konnte, musste man eigentlich schon im Ansatz wissen. Denn es tut nichts zur Herbeiführung einer Motivation zum besseren Essverhalten. Heute wissen wir indessen, dass das ausufernde Übergewicht weniger ein Problem der Zufuhr von Fett schlechthin ist, sondern ein Problem des ständigen Verzehrs raffinierter Kohlenhydrate und billiger Fette mit dem dadurch erzeugten radikalen Verbrauch von lebenswichtigen Vitalstoffen – die Basis für den Eintritt der schwer umkehrbaren Störungen des Stoffwechsels, nach der man ruhig Kalorien weglassen kann und trotzdem immer dicker wird. (Vgl. dazu aktuell Hans-Ulrich Grimm, Die Kalorienlüge, Dr.Watson Books, 1.Auflage 2008 und Susann Lange-Mechlen, Der Zuckerkrimi, Eigenverlag, 2005).

5. Die früher heftige Werbung für das angebliche Abnehmmittel REDUCTIL ist leiser geworden, aber noch wird im Internet dafür getrommelt. (vgl. http://www.getpharma.com/)

REDUCTIL mit dem Wirkstoff Sibutramin ist ein so genannter Appetithemmer aus der Gruppe der Medikamente, die das Hormon Serotonin am von der Natur vorgesehenen Rückbau in den Körper nach vollendeter Arbeit an seinen Rezeptoren hindern. Im Monat kostet auch dieses Mittel mehr als 100 Euro. Tatsächlich bremst es Hungerfühle, nicht den Appetit. In Vergleichstests haben Probanden im Vergleich zur Einnahme eines Placebos in acht bis zehn Monaten ein paar Kilo mehr verloren, was natürlich nach Ende der Maßnahme gleich wieder auf die Hüften kam. Der Präsident der Diabetes-Gesellschaft e.V., Prof. Dr. Spraul, hat vor Jahren in einem Vortrag erklärt, dass man bei REDUCTIL letal verlaufende Lungenemphyseme leider nicht ausschließen könne, s. http://www.inform24.de/xenical.html. Damals meldete das Arznei-Telegramm aus Berlin reihenweise solche Todesfälle aus den USA, aus Italien und auch aus Deutschland. Verwundern kann so etwas nicht, denn ein Medikament, das zwar nur auf die zerebrale Suppression des Hungergefühls durch das Esskontrollhormon Serotonin im aller anderen Hungerregulation übergeordneten Esszentrum im Hypothalamus abzielt, aber auch die Wiederaufnahme dieses Hormons im Körper selbst unkontrolliert unterbindet, ist schon a limine ein möglicher Auslöser eines Serotoninsyndroms.

6. Dann gibt es ja noch das Mittel MATRICUR, das im Gegensatz zu allen anderen gar keine Nebenwirkungen hat. Es hat aber auch keine Wirksubstanz und sorgt allein durch das Aufquellen seiner Kollagen-Kapseln in den reichlich getrunkenen Flüssigkeiten für ein starkes Magendrücken. Nimmt man dieses sündhaft teure Quellmittel nicht mehr ein, legt der Körper die paar Kilos, die man vielleicht im Eifer der diätetischen Bemühungen verloren hat, wieder zu. Vgl. auch hierzu http://www.inform24.de/xenical.html.

7. Für viel Geld wird in vielen Formen ein Appetitzügler mit dem nicht näher erforschen Wirkextrakt aus der südafrikanischen Kaktuspflanze HOODIA im Internet verkauft. Diese Pflanze reduziert tatsächlich Hunger und Durst, was von den Buschmännern in Namibia auf langen Jagdausflügen genutzt wurde, um sicher zu gehen, dass sie von der Beute nach dem langen Rückweg auch noch etwas zu ihren Familien zurück brachten. Für unsereins ist die bloße Reduzierung des Hungers viel zu wenig, um nachhaltig ein Übergewicht mit seinen ursächlichen Stoffwechselstörungen und Verhaltensstörungen zu beseitigen.

Jetzt aber: die Wunderpille Rimonabant

Seit 2006 gibt es das neue Arzneimittel. Der Name lautet: RIMONABANT, im Ausland bekannt unter ACOMPLIA. Kosten: gut
100,00 Euro im Monat. In ihrer aktuellen Ausgabe bringt die Apotheken-Umschau (“bezahlt von Ihrem Apotheker”) einen Leitartikel über das so genannte “metabolische Syndrom”. Damit gemeint ist die Kombination der gesundheitlichen Risikofaktoren Übergewicht, Hochdruck, Diabetes und erhöhte Blutfettwerte. Hinter der Titelgeschichte steht das persönliche Engagement von Rolf Becker, dem Verleger der Apotheken Umschau und seiner speziell zur Aufklärung über dieses “metabolische Syndrom” gegründeten Stiftung.

Dieses Engagement der Apotheken Umschau bildet den Kern einer am 15.Mai 2008 begonnenen gemeinsamen Aktion der Deutschen Herzstiftung, der Deutschen Diabetes-Stiftung und der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!, mit der die Bevölkerung umfassend über die Gefahren dieses sog. Risiko-Quartetts aufgeklärt werden soll. Not ist am Mann, denn die Statistik weist aus, dass sich fast ein Drittel der Deutschen die Kombination dieser vier schweren gesundheitlichen Probleme zugelegt hat, von denen jedes einzelne schon gefährlich genug ist. (Siehe hierzu: http://www.med-magazin.de/article5649.html)

Die Apotheken Umschau ruft ihre Leser auf, Bauchumfang, Blutdruck und Blutzucker in der Apotheke messen zu lassen. Wichtig sei auch: “Gewicht abbauen, viel Bewegung, weniger Fett essen, dafür mehr Obst, Gemüse und Ballaststoffe.” Nicht neu und auch nicht ganz richtig, denn die Schäden durch denaturierte und besonders die stark verarbeitete Nahrung wie Zucker, Industriemehle und Transfette wären hier an erster Stelle zu nennen gewesen.

Erst im letzten Absatz des Leitartikels kommt die Apotheken-Umschau zu ihrer neuen Information an die Leser. Vor dem finalen Zuschlag wird erst vorbereitend erklärt, dass es ja leider so sei, dass Menschen mit einer starken Veranlagung für Diabetes oder Herz-Kreislauf-Leiden auch mit einer rundum gesunden Lebensführung nicht allein gegensteuern könnten. In der Konsequenz brauchten diese armen Erbgeschädigten doch tatsächlich M e d i k a m e n t e! Sieht man genau hin, stellt man fest, dass nach dieser Meinung ganz gewiss mehr als jeder zweite Übergewichtige ohne Medikamente nicht vor dem Metabolischen Syndrom gerettet werden kann. Denn die Apotheken-Umschau teilt mit, dass dazu alle Übergewichtigen gehörten, deren nahe Blutsverwandte unter Typ-2-Diabetes leiden oder bei denen ein Angehöriger vor dem 60. Lebensjahr einen Infarkt erlitt. Das also ist ein Potenzial von gut und gerne 15 Millionen Käufern oder auf eine sechsmonatige Einnahme ganz grob hochgerechnet 1,5 Milliarden Euro allein in Deutschland. In der Umsetzung wäre dies einer der größten Fischzüge in der Geschichte der Pharmazie und – wie sich zeigen lässt – bestimmt auch einer der folgenreichsten.

Mit dem Wirtschaftswunder Ludwig Erhards haben wir uns nach den vorhergeganenen mageren Jahren durch die Bank erst mal die Bäuche vollgeschlagen. Konnten vor dem Kriegsende Fachärzte für Innere Medizin ihre Ausbildung durchlaufen, ohne auch nur einen Herzinfarkt zu sehen oder auch nur einen Fall von Diabetes Typ II bei jüngeren Leuten, gibt es heute kaum noch eine Familie, in der solche Fälle nicht zwischenzeitlich vorgekommen wären – und inzwischen eben auch bei jungen Leuten. Von wegen Veranlagung! Wir haben erst nur zu üppig zugelangt und jeden Tag einen Sonntagsbraten verlangt und haben uns dann mit Unterstützung der Industrie konsequent an den falschen Sachen krank gegessen! Was will man denn mit Medikamenten gegen solche kollektive Dummheit ausrichten?!

Gekrönt wird der Leitartikel in der Apotheken Umschau durch ein angehängtes Interview mit dem bekannten Dresdner Professor Dr. Markolf Hanefeld, der den Begriff des “metabolischen Syndroms” geprägt hat. Er fordert von seinen ärztlichen Kollegen “den Blick fürs Ganze.” Sie sollen genauer auf die Folgewirkungen der von ihnen verordneten Medikamente achten, damit sie eine besser durchdachte Medikamentenwahl träfen. Nach alledem rät er nachdrücklich zur Verschreibung von RIMONABANT zur Bekämpfung des Übergewichts!

Auf die Frage an den Professor: “Ohne Übergewicht kein ‘metabolisches Syndrom’. Sollte man nicht gleich ein Medikament wie RIMONABANT zum Abnehmen verordnen?” antwortet dieser:

“Es ist tatsächlich im Moment das Medikament mit der breitesten Wirkung gegen das metabolische Syndrom. Es führt zu einer Gewichtsreduktion von vier bis fünf Kilogramm. Es wirkt günstig auf den Blutzuckerwert, das HbA1c, die Insulinresistenz, auf Blutfette und etwas schwächer auf den Blutdruck. An erster Stelle steht bei Übergewicht aber immer die Änderung des Lebensstils. Die Entscheidung für RIMONABANT sollte deshalb vom individuellen Risiko des Patienten, vom potenziellen Nutzen und von möglichen Nebenwirkungen abhängig gemacht werden. Wenn sich dadurch Folgeerkrankungen verhindern lassen, ist die Verschreibung auch kosteneffektiv. Dazu laufen zurzeit große Langzeitstudien. Gesetzliche Kassen erstatten die Kosten nicht.”

Bei der Analyse dieses Versuchs, etwas zu sagen und zugleich wieder zurückzunehmen wird klar, dass dieser Experte sehr wohl weiß, dass seine Empfehlung nicht ehrlich ist. Denn dass sie es nicht ist, ist bei allem Wortgeklingel den vereinten Erklärungen von Journal und Experten sicher zu entnehmen:

Die meisten übergewichtigen Menschen haben angeblich eine starke Veranlagung für Diabetes oder Herz- und Kreislaufleiden, weswegen sie es angeblich nicht schaffen, ohne Medikamente mit gesunder Lebensführung effektiv gegenzusteuern. Beide Behauptungen sind ungeprüft. Sie stimmen auch nicht. RIMONABANT soll aber das beste bekannte Medikament gegen das metabolische Syndrom sein. Wahr ist, dass es gar kein Medikament dagegen gibt. Alle Medikamente
gegen Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und hohe Blutfettwerte gehen nicht die Krankheiten selber an, sondern nur ihre Symptome.
RIMONABANT führt indes angeblich zu einer Gewichtsreduktion von ein paar Kilos. Dass das nicht anhält, wenn man das teure Medikament absetzt, wird nicht erwähnt. Es gibt angeblich einige, wenn auch nicht so ganz große Vorteilen bei Diabetes und Blutfettwerten. Im Übrigenkommt es aber doch auf die Änderung des Lebensstils an?? Aber es soll doch gerade denen helfen, die da nicht umsteuern können!

Es ist geradezu Hanebüchen, was da dem Leser serviert wird. Viel schlimmer aber als dieser falsche Zungenschlag ist, was die Apotheken Umschau und ihr Experte an entscheidenden Informationen bewusst verschweigen! Und das ist eine ganze Menge.

Was die Apotheken Umschau verschweigt

RIMONABANT ist ein – natürlich sündhaft teurer – Appetitzügler, der Übergewicht reduzieren soll. Er setzt an am hoch empfindlichen und uns in seinen Wirkungsweisen noch wenig bekannten Cannaboid-System im Limbischen System des Gehirns. Gewicht wird auch durch diese Chemikalie nur maßvoll reduziert und steigt durch den Jojo-Effekt nach Absetzen sofort wieder an. Die Verbesserungen bei Diabetes und Kreislauf sind marginal und bleiben natürlich auch nicht nach dem Absetzen erhalten. Klar ist aber, dass auf nicht erklärbare Weise die übelsten Nebenwirkungen auftreten, die den Folgen einer erheblichen Unterversorgung mit Serotonin frappierend ähnlich sind, nämlich Depressionen, Dauerkopfschmerz,Schwindel, fehlende Schlafinduktion, Temperaturempfindlichkeit und insbesondere die Suizidalität.

Wegen dieser Nebenwirkungen ist RIMONABAND wegen ihrer psychischen Schadwirkungen, besonders der nachgewiesenen Fälle gesteigerter Suizidneigung, in den USA nicht als Medikament zugelassen. In Europa ist die einmal erfolgte Zulassung höchst umstritten. (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rimonabant)

Das sind aber Informationen, die der normale Apothekenkunde nicht zu wissen braucht, oder? Insbesondere muss der Apothekenkunde ja nicht wissen, dass es einfache und preiswerte Wege zur nachhaltigen Gewichtskontrolle jenseits von Diäten und Arzneimitteln gibt. Darüber werde ich zu späterem Zeitpunkt berichten. Aber eines vorweg: die Natur kennt nirgendwo ein “metabolisches Syndrom”. Für solche Schäden sind allein unsere Essgewohnheiten verantwortlich. Hans-Ulrich Grimm (“Die Kalorienlüge,” s.o.) hat das lustige aber nachdenklich machende Wort geprägt:

Es gibt es keine dicken Adler”

Kehren wir nur ein Stück weit zurück zu unserer eigenen Natur und den Essweisen auf die uns die Natur im Verlaufe unserer Evolution festgeschrieben hat, verschwinden viele der schweren gesundheitlichen Einschnitte, die alle Glieder unserer Gesellschaft und die Gesellschaft als Ganzes heute so sehr beeinträchtigen.

Kommentare

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  1. Markolf Hanefeld ist bekanntermaßen für eine ganze Reihe von Pharmafirmen unterwegs, darunter auch der Acomplia-Hersteller Sanofi-Aventis (der Markenname ist auch bei uns Acomplia, Rimonabant ist der Name des Wirkstoffs):

    “Dr. Hanefeld, receiving consulting fees from GlaxoSmithKline, Novo Nordisk, and Sanofi-Aventis and lecture fees from Bayer-AG, Sanofi-Aventis, Hoffmann–La Roche, Takeda, and Eli Lilly”
    http://content.nejm.org/cgi/content/full/357/1/28

    Er ist auch daür bekannt, dass er es mit der Offenlegung von finanziellen Interessenkonflikten nicht so genau nimmt:
    http://www.arznei-telegramm.de/html/2003_08/0308073_01.html

    Insofern ist sein Auftritt an dieser Stelle wenig überraschend.