Polen fordert 22 Milliarden Dollar für Katyn-Opfer von Russland

Und wieder sind es die Polen, die die so lang vermisste imperiale Selbstfindung Russlands zu stören suchen. Nachtragend und missgünstig so scheint es, nutzen sie jede Gelegenheit, das “Schöne, neue Russland” zu nerven und nutzen jede Gelegenheit, den russischen Bären von seinem mollig-warmen Gasofen zu scheuchen. So in etwa werden

Und wieder sind es die Polen, die die so lang vermisste imperiale Selbstfindung Russlands zu stören suchen. Nachtragend und missgünstig so scheint es, nutzen sie jede Gelegenheit, das “Schöne, neue Russland” zu nerven und nutzen jede Gelegenheit, den russischen Bären von seinem mollig-warmen Gasofen zu scheuchen. So in etwa werden die neuesten Umtriebe von polnischen Klägern in der “Njezawisimaja Gazeta” vom 23. Mai dargestellt. Grund des Unbehagens ist ein seit Donnerstag in Moskau stattfindender Prozess, in dem Vertreter der Opferfamilien des Massakers von Katyń Zugang zu russischen Archiven und eine neue Untersuchung zu der Tragödie einklagen wollen.

Das Massaker von Katyń ist ein Ereignis der jüngeren Geschichte, welches bis heute das polnisch-russische Verhältnis gewaltig belastet. Im Frühjahr 1940 ermordete der NKWD, der Geheimdienst der Sowjetunion, in der Nähe der Stadt Katyń ca. 14.000 polnische Kriegsgefangene. Die Führung der Sowjetunion bestritt die darauf folgenden 50 Jahre diese Verbrechen und behauptete, dass die deutsche Wehrmacht hierfür verantwortlich sei. Erst Michail Gorbatschow stellte 1990 klar, dass alleine die Sowjetunion für den Massenmord in Katyń verantwortlich war.
Seitdem gärt der Streit um die Ermordeten zwischen Russland und Polen.

Nach der kurzen Phase von Perestroika und der damit verbundenen offenen Hinterfragung der eigenen Geschichte, schlossen sich alsbald die Archive und die Tabuisierung der unrühmlichen Kapitel in der russischen Geschichte wurde mit den bewährten Mitteln von Glorifizierung und Bagatellisierung umgesetzt. So war das Problem zwischen Russland und Polen bezüglich Katyńs die letzten Jahre das einer ausbleibenden, offiziellen Entschuldigung für das begangenen Verbrechen und einer Rehabilitierung der Opfer Russlands. Die russische Regierung um Präsident Putin weigerte sich, die Opfer des Massakers von Katyń offiziell als Opfer des stalinistischen Terrors anzuerkennen. Langjährige Ermittlungen der obersten russischen Militärstaatsanwaltschaft wurden 2004 unter dem Vorwand der Verjährung eingestellt.

Was die russische Öffentlichkeit nun aber umtreibt, ist weniger die historische Komponente, sondern dass der Konflikt kostspielig zu werden droht. Und damit, so der zynische Kommentar in der “Njezawisimaja Gazeta” werde offenbar, dass “Polen hartnäckig immer wieder an die ‘Katyń-Sache’ erinnern würde, um Russland Geld aus der Tasche zu ziehen.” Die Kläger versuchen in besagtem Prozess als Angehörige der Opfer den Status von Geschädigten zu erhalten. Dies würde ihnen wiederum das das Recht auf Entschädigungszahlungen automatisch zusprechen. Nach Ansicht der “Njezawisimaja Gazeta” stehen bereits Forderungen für die Katyń-Ermordeten im Raum. Hierbei soll es sich um eine Million Dollar pro Opfer handeln, was insgesamt 22 Milliarden US-Dollar ausmache. Denn anders als die meisten Historiker, reklamieren polnische Angehörige 22.000 durch den NKWD hingerichtete Familienmitglieder.

Wie die Aussichten für einen, aus polnischer Sicht, erfolgreichen Prozess aussehen, wird die Zukunft zeigen, doch der behandelte Fall hat naturgemäß das Potenzial zu einem Präzedenzfall. “Mit dem Beispiel der Rehabilitierung von Katyń-Opfern kann Russland in einen folgenschweren Bankrott geraten” warnt daher die “Njezawisimaja Gazeta”. In dessen Ergebnis könnte Russland mit einer Welle von Klagen überschüttet werden. Der Beispiele hierfür gäbe es mehr als genug: Opfer von Hungersnöten, Besatzungsopfer oder Opfer von niedergeschlagenen antikommunistischen Gruppierungen. Das fehlte noch, dass die ausgemachte, leuchtende Zukunft von der lästigen Vergangenheit getrübt wird.

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  1. Eine russische Entschuldigung für Katyn bleibt nicht aus – sie ist bereits unter Jelzin erfolgt. So viel zur ersten Ungenauigkeit im Artikel. Oder soll sich Russland Jahr für Jahr aufs Neue entschuldigen? Die Kommentare der Nezavisimaja sind nicht zynisch, sondern treffend. Dass es den Polen darum geht, Russland das Geld aus der Tasche zu ziehen, statt um ehrliche Aufarbeitung, sieht man unter anderem daran, dass eine Diskussion über ca. 150.000 (!) Polen, die 1943-44 in Wolhynien von ukrainischen Nationalisten ermordet wurden, so gut wie nicht stattfindet. Das hat was mit der aktuellen geopolitischen Konstellation zu tun sowie mit der Tatsache, dass es von der Ukraine nichts zu holen gibt. Somit lassen sich viel zweckmäßiger die 15.000 Katyn-Opfer beweinen. So viel zum hier gefallenen Stichwort Zynismus.