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Blogger aus dem Libanon: “Nur eine Frage der Zeit, bis die Gewalt von Neuem beginnt”

Mittwoch, den 28. Mai 2008 um 08:19 Uhr von Felix Kubach
Der libanesische Popstar Hayfa feiert die
Wahl des neuen Präsidenten auf ihre Art.

In den letzten Wochen mussten wir den schlimmsten Gewaltausbruch im Libanon seit Ende des Bürgerkrieges 1990 erleben. Die anschließenden Verhandlungen zwischen Libanons politischen Führern in Doha lösten plötzlich die 18 monatige Blockade zwischen Regierung und Opposition. Am Sonntag dann wählte das Parlament einen neuen Präsidenten… Riemer Brouwer, Blogger aus Beirut, im Interview:

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Brouwer: Ich würde sagen, der Julikrieg 2006 zwischen der Hezbollah und Israel war eigentlich ein viel schlimmerer Gewaltakt, aber soweit es interne Streitigkeiten betrifft, haben Sie Recht. Doch, wie “intern” ist das Problem, wenn die Kämpfe der Hisbollah mit syrischen und iranischen Waffen ausgefochten wurden, von Kämpfern, die in beiden Ländern ausgebildet wurden?

RE: Auf was haben sich die politischen Führer geeinigt?

Brouwer: Sie einigten sich darauf zwei Initiativen der Regierung rückgängig zu machen, die das Kommunikationsnetzwerk der Hisbollah demontieren sollten, welches die Hisbollah als sehr wichtig beansprucht in seiner Rolle des Widerstands. Wenn man bedenkt, dass das Netzwerk seit Mitte der 90er Jahre besteht und wenn man bedenkt, dass die Regierung immer davon gewusst hat, war die Tatsache es nicht zu demontieren ein symbolisches Opfer auf deren Seite. Die zweite Entscheidung die zurückgenommen wurde war, den Chef der Flughafensicherheit abzuziehen, das beschuldigt wurde für die Hesbollah spioniert zu haben. Eine eigentlich seltsame Anschuldigung, da ja der Flughafen umgeben ist von Hochhäusern, die von Hesbollah-Anhängern besetzt sind. Diese könnten mit Leichtigkeit einen Überwachungsposten von jedem Appartment aus aufstellen mit Blick über den gesamten Flughafen, und das haben sie wahrscheinlich auch getan.

Auch einigten sie sich auf eine Regierung der “nationalen Einheit” und auf das Verbot von Waffen für interne Zwecke. (Vgl. http://lebanon-update.blogspot.com/2008/05/dissecting-arab-committees-statement.html)

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“Es ist traurig festzustellen, dass es so viel leichter ist den Frieden zu beenden als die Gewalt zu stoppen.”
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RE: Wird das Abkommen von Doha einen dauerhaften Frieden gewährleisten zwischen den unterschiedlichen Fraktionen im Libanon?

Brouwer: Nein, mit den dort noch immer vorhandenen Waffen der Hisbollah wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Gewalt von Neuem beginnt. Wie bringt man eine Widerstands-Organisation dazu, seine Bewaffnung aufzugeben? In der Theorie wird die Hisbollah seine Waffen abgeben, sobald die Schebaa-Farmen befreit sind. Aber die Hisbollah ist “clever” genug weitere Ansprüche zu stellen: da gibt es eine kleine Ausdehnung von Land namens Kfarshouba, welches teilweise noch besetzt ist; da gibt es die Streitfrage, dass Leute der Hisbollah in israelischen Gefängnissen sitzen und so weiter… Es ist traurig festzustellen, dass es so viel leichter ist den Frieden zu beenden als die Gewalt zu stoppen. Was ich gemerkt habe war, dass viele Libanesen die Rhetorik der Gegenwehr satt haben, welche anfängt sich nach einer kaputten Schallplatte anzuhören. Wenn überhaupt irgendetwas die Aktivitäten der Hisbollah langfristig sogar zum Frieden mit Israel führen kann, so sagen Viele, dann besonders jetzt die große Schwester Syrien, die offene Friedensgespräche mit Israel führt. (Vgl. http://lebanon-update.blogspot.com/2008/05/what-doha-should-really-be-about.html)

RE: Ist das in Doha vermittelte politische Abkommen eine Friedensvereinbarung im wirklichen Sinne, fähig die ursächlichen Konflikte zwischen Regierung und oppositionellen Gruppen zu lösen, oder eher eine einstweilige Übereinkunft zur Waffenruhe?

Brouwer: Einer der Punkte des Doha-Abkommens ist, dass der neue Präsident einen nationalen Dialog beginnen will, um die Waffen der Hisbollah zu diskutieren. Allerdings hat Nasrallah, der Führer der Hisbollah, festgelegt, dass die Waffenfrage tabu für jede Diskussion ist. So scheint es natürlich, als ob die Übereinkunft von Doha ein zeitweiliger Waffenstillstand ist anstatt einer wirklichen Lösung. Es wird der Hisbollah die Möglichkeit geben sich neu auszurichten und - noch viel furchteinflößender - sie wird den Sunniten die Chance geben, sich zu verstärken. Diese erlitten eine große Niederlage in West-Beirut, welches sie in weniger als 24 Stunden an die Hisbollah verloren. Gerüchte sagen, dass bestimmte militante Sunniten-Fraktionen, die Kontakte zur Al Kaida pflegen, keine neue Niederlage wie diese akzeptieren werden.

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“Die meisten Libanesen haben die Nase voll von ihren Politikern und deren ständigem Gezänk.”

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RE: Können Sie uns einen Eindruck der Atmosphäre in Libanon nach dem Doha-Abkommen und der Wahl Michel Suleimans zum Präsidenten geben?

Brouwer: Die Menschen waren sehr glücklich und erleichtert, vielleicht aufgrund ihrer Verzweiflung. Die meisten Libanesen haben die Nase voll von ihren Politikern und deren ständigem Gezänk. Jetzt bereitet sich jeder auf DEN Sommer aller Sommer vor, mit Massen von Touristen, um im Libanon eine tolle Zeit zu erleben. (Vgl. http://lebanon-update.blogspot.com/2008/05/foreigners-decide-on-lebanons-fate.html)

RE: Die Bilder von Milizionären, verwickelt in Straßenkämpfe in Beirut, sind um die Welt gegangen. Welches Bild libanesischer Menschen würden Sie gern hinzufügen in Gegenwart dieser turbulenten Ereignisse?

Brouwer: Bedauerlicherweise hatte ich keinen Photoapparat dabei. Aber der Anblick einiger Besucher eines Hamra-Cafes, die am Montagmorgen gleich nachdem die Kämpfe zu Ende waren eine Wasserpfeife rauchten, mit dem Cafebesitzer, der noch geschäftig das zerbrochene Glas beseitigte, die leeren Patronenhülsen wegräumte und die Löcher in den Wänden seines demolierten Cafes verputzte, zeigte wieder einmal die legendäre Widerstandsfähigkeit der Libanesen.

RE: Was denken Sie über Michel Suleiman, einem früheren Armeechef – ist er der richtige Mann für diesen Job?

Brouwer: Sogar wichtiger als dass er der richtige Kandidat ist, ist der Fakt, dass er der einzige Kandidat war, den beide Seiten gewillt waren zu akzeptieren. Dennoch, im heutigen polarisierten Libanon ist das allein ein großer Erfolg und zeigt, dass er einfach genügend politisches Gespür und Flexibilität besitzen könnte, Dinge in seinem Land zusammen zu halten. (Vgl. http://lebanon-update.blogspot.com/2008/05/suleimans-balancing-act.html)

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Interview: Felix Kubach

Riemer Brouwer, Blog: http://lebanon-update.blogspot.com

… ist seit 2001 wohnhaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut und von Beruf IT-Sicherheitsprüfer an der American Univerity of Beirut.


Screenshot http://lebanon-update.blogspot.com (Klick)

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Mehr zum Thema:

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Photo1: Luciana.Luciana, Lizenz: cc creative commons 2.0 - Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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2 Reaktionen zu “Blogger aus dem Libanon: “Nur eine Frage der Zeit, bis die Gewalt von Neuem beginnt””

  1. Readers Edition » Blogger aus dem Libanon (II): “Ekel vor einer politischen Klasse, die nicht verdient zu herrschen”

    am 3. Juni 2008 um 03:03 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Nachdem uns in der vergangenen Woche ein Blogger aus dem Libanon seine Sicht auf die gegenwärtigen Ereignisse dort schilderte, fasst nun ein weiterer seine Empfindungen in Worte: Jeha* von Jeha´s Nail. Schwer enttäuscht von politischen Fehlern der eigenen Führung sowie einer “westlichen Welt, die nicht über den nächsten Öl-Tanker hinaus denken kann”, sieht er die Zukunft seines Landes wenig rosig, ohne jedoch die Hoffnung auf den neu gewählten Präsidenten Suleiman ganz aufgeben zu wollen. […]

  2. Readers Edition » Blogger aus dem Libanon (III): “Es ist nur eine kurze Gnadenfrist”

    am 6. Juni 2008 um 03:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Riemer Brouwer (->Interview) und Jeha (->Interview) konnten mit ihren Aussagen bereits einen anderen, vielleicht nicht alltäglichen Blickwinkel auf die Situation im Libanon liefern. Nun durfte ich Bob von Bob´s blog interviewen, der kommentierend auf die vorangegangen Aussagen Bezug nimmt. Auch er blickt sorgenvoll in die Zukunft - nach der ersten Euphorie herrsche im Land vorrangig Apathie, so Bob, insbesondere unter der Jugend. […]

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