Dem Streikaufruf der deutschen Milchbauern vergangenen Montag, gingen bereits lange Zeit Unzufriedenheit und Hadern voraus. Am Dienstag stellten die Milchbauern ihre Lieferungen an die Molkereien ein. Mit der Erklärung “Es bleibt uns nur noch die Möglichkeit, unsere Milch als Druckmittel einzusetzen. Milch ist Macht, und wir haben die Milch”, rief der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchbauern (BDM) Romuald Schaber zum Streik auf.
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Viele Milchbauern wirtschaften am Existenzminimum
Die Abnahmepreise, die von den Molkereien für die Milcherzeugnisse gezahlt werden, stagnieren seit Jahren. Nicht aber die Herstellungskosten: Seit Jahren treiben Futter- und Energiepreise die Ausgaben der Milchbauern stetig nach oben. “Um die Kosten voll decken, müssten wir den Liter Milch für mindestens 43 Cent an die Molkereien verkaufen“, so der BDM Vorsitzende. Tatsächlich erhalten die Milchbauern, je nach Lage 35 Cent im Süden und 27 Cent im Norden Deutschlands. Kurzfristig beugten sich die Molkereien dem Druck der Bauern und zahlten im vergangenen Herbst Abnahmepreise von über 40 Cent je Liter. Auch die Verbraucher bekamen dies zu spüren: Die Milchpreise im Handel stiegen von heute auf morgen an. Nicht nur diese, sondern auch andere Hersteller nutzten die Situation zu Preiserhöhung. Der Öffentlichkeit gegenüber wurde der Anstieg mit der stark erhöhten Milchnachfrage aus China und anderen Ländern begründet. Allerdings beträgt das Exportvolumen der Europäischen Union rund 28 Millionen Tonnen pro Jahr. Ein geringer Anteil bei einer europäischen Gesamtproduktionsmenge von etwa 145 Millionen Tonnen.
Nach Angaben von SPIEGEL online ist zu vermuten, dass sich der Handel über eine höhere Milchproduktion Optionen für eine massive Senkung des Milchpreises offen halten wollte. Die aktuelle Preisentwicklung scheint dies zu bestätigen: Aufgrund des hohen Milchangebots rückt der Preis wieder in Richtung 30-Cent Marke. Der Literpreis für die Erzeuger soll 2008 wieder deutlich unter 40 Cent fallen.
Die Konsumenten freuen sich – die Milchbauern entschieden: Lieber verzichten sie ganz auf die Lieferung, als unter diesen Bedingungen zu arbeiten.
Rund 80 Prozent beteiligten sich seit Dienstag am Streik. Man würde erst wieder liefern, wenn die Molkereien kostendeckenden Preisen zustimmen würden. Der BDM stellt sich auf eine Streikdauer von rund einer Woche, höchstens bis zu zehn Tagen ein. Da Deutschland der größte Milchproduzent Europas sei, könnten sich Kunden innerhalb kurzer Zeit vor leeren Regalen stehen sehen.
Schaber macht unter anderem die Absprachen zwischen Handel und den Molkereien verantwortlich für die Situation. Kritik übt der Vorsitzende des BMD aber auch an der Agrarpolitik der Europäischen Kommission, die die EU-Milchquote angehoben hatte. Der Verkaufspreis von 61 Cent pro Liter ist für Schaber ein “Skandal”.
Die Milchquote wurde 1984 von der Europäischen Union eingeführt. Jedem Mitgliedstaat wurde eine feste Produktionsquote für Milch zugewiesen. Überschreitet ein Milchbauer die ihm zugestandene Produktionsmenge, wird er mit Sanktionen belegt: In Form von Zahlung einer Superabgabe. Diese ist so hoch festgelegt, dass die Überschreitung ökonomisch unrentabel ist. Ursache für die Regulierung ist die zunehmende Milcherzeugung innerhalb der EU. Daraus resultierten immer größer werdende Überschüsse, die schließlich zu den bekannten “Milchseen” führten. Die Quotenregelung sollte den Markt für Milcherzeugnisse stabilisieren. Im Jahr 1995 wurde die Milchquote jedoch wieder angehoben. Zwischen 2006 und 2008 ist die Milchquote um insgesamt 1,5 Prozent angestiegen.
Und nun? Droht der Streik auf andere Länder überzulaufen? Wird eine Streikwut entbrennen?
Gestern kündigte der BDM an, dass sich andere Länder dem Lieferboykott anschließen wollen. Die Milchbauernverbände der Niederlande, der Schweiz, von Österreich, Belgien, Luxemburg und zu Teilen Frankreichs hätten ihre Solidarität und Unterstützung zugesagt. So würden holländische Bauern aufgefordert, ihre Milch auf den Acker zu kippen. In Österreich riet man den Milchbauern, ihre Lieferungen ab sofort um rund 50 Prozent zu reduzieren.
Zwar konnte der Ausfall am Dienstag vorläufig von saisonal bedingten Überproduktionen aufgefangen werden. So belief sich der Ausfall der Molkereien am Dienstag lediglich auf fünf bis 30 Prozent insgesamt. Allerdings räumte der Milchindustrieverband ein, dass die Versorgung mit Frischmilch knapp wird, “sollte es aber eine Woche lang einen Lieferausfall von 50 Prozent geben“.
Der Einzelhandelsverband HDE kritisierte derweil den Milchstreik
“Milch wegzukippen, während Menschen hungern, ist ein Frevel und eine Riesensauerei“, kommentierte Sprecher Hubertus Pellengahr. Wohl wahr. Aber was geschah früher mit den Milchüberschüssen?
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