Die Deutsche Telekom steht derzeit unter dem Verdacht, nicht nur wie bei Lidl ihre unteren Chargen per Videoüberwachung ausspioniert zu haben, sondern die eigene Führungsspitze, d.h. im Bereich des Vorstands und es Aufsichtsrats. Hinzu kommt die Nutzung von Verbindungsdaten dieser Gruppe sowie weiterer Spitzenmanager des Unternehmens sowie von Journalisten und anderen Pressevertretern, um mögliche undichte Stellen im Unternehmen aufzudecken. Die Praktiken sollen bereits unter Ron Sommer im Jahr 2000 eingeführt worden sein.
Wahrnehmungskontrolle
Öffentlichkeit und das Image eines Unternehmens spielen in der heutigen Mediengesellschaft eine immer größere Rolle. Manager sind daher bestrebt, die öffentliche Wahrnehmung ihres Unternehmens einer strikten Kontrolle unterwerfen zu wollen. Dabei werden offenbar – der Zweck heiligt die Mittel – Grenzen von Gesetz und Anstand übertreten. Offensichtlich gab es und gibt es weiterhin Dinge, die das Unternehmen vor der breiten Öffentlichkeit verbergen möchte, die aber aufgrund von Illoyalität von Führungskräften des eigenen Unternehmens doch durchsickern. Der größte Wirtschaftsprozesse in Deutschland über den dritten Börsengang schafft zusätzlichen Druck, da Fehlverhalten von Managern auch dort weit reichende Folgen für das Unternehmen haben könnte. Aussagewillige Manager werden dabei zu einer Gefahr für die Unternehmensleitung, da diese bei gerichtsfesten Beweismitteln leicht auf der Anklagebank landen kann. Der Korruptionsfall Siemens zeigt dies überdeutlich. Unternehmensinterne Skandale sind offenbar aus Sicht von Top-Managern daher nicht nur allein an der Ursache zu bekämpfen, sondern es geht mindestens genauso für sie darum ihre Existenz vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Krise der Unternehmenskultur
Dies wirft kein gutes Licht auf den Zustand der Unternehmenskultur. Im Zeitalter des Internets und der Web-2.0-Technologien gelingt es immer weniger, die informationelle Kontrolle über ein Unternehmen von der Führungsspitze her zu kontrollieren. Daten können in fast beliebiger Menge kopiert, archiviert und weltweit verteilt werden. Der Deutsche Corporate Governance Kodex erweist sich in der aktuellen Geschäftspraxis ähnlich wirkungsvoll wie die Zehn Gebote der Bibel. Jeder verkündet, dass er moralisch integer ist und sich daran hält, aber sündigt heimlich. Dies schafft eine zynische Kultur der Heuchelei. Es überrascht daher kaum, dass nun erneut auch Klaus Zumwinkel als Telekom-Aufsichtsvorsitzender nach seiner Liechtensteiner Steuerhinterziehungsaffäre wieder als Darsteller auf der Telekom-Bühne erscheint. Die Welt der Spitzenmanager ist klein und man ist durch vielfältige Überkreuzverflechtungen zu einem Managerkartell mutiert. Solche Netzwerke reichen weit über das einzelne Unternehmen hinaus und sichern ihre Mitglieder gegen Unbill ab. Falls aufgrund gravierender Fehler doch einmal einer überstürzt das Feld räumen muss – meist mit Millionenabfindungen in der Tasche -, dann fängt ihn das Netzwerk rasch wieder auf. Es finden sich anderswo Positionen, wo die Führungskraft weitermachen kann wie bisher. Soziale Netzwerke wie diese fungieren als Machtkartelle, die ihre Mitglieder vor negativen Folgen von Fehlentscheidungen, aber auch möglicher Strafverfolgung meist wirksam schützen.
Das Orwellsche Jahrhundert
George Orwell hatte unter dem Eindruck totalitärer Regime in Deutschland und der Sowjetunion die Gefahr einer Ausbreitung solcher Überwachungsgesellschaftsformen in seinem Roman “1984” angeprangert. Was damals noch als Sciencefiction erschien, wird im Zeitalter des Ubiquitous Communication bzw. Computing technisch möglich und wirtschaftlich einsetzbar. Die allgegenwärtige Überwachung und Kontrolle mithin ist eine Option, über die jetzt gesellschaftspolitische Entscheidungen fallen müssen. Was darf, was kann und was darf nicht, was kann nicht zulässig sein. Die aktuellen Skandale weisen auf die Dringlichkeit einer gesellschaftspolitischen Debatte sowie Notwendigkeit rechtlicher Grenzziehungen hin. Wo immer mehr personenbezogene Daten erfasst, gespeichert, miteinander verknüpft und ausgewertet werden können, wächst denjenigen Macht durch umfassendes Wissen zu, die diese Systeme kontrollieren.
Die Versuchung von Managern, sich solche Machtmittel legal oder auch illegal zu beschaffen, war nie größer als heute. Nur durch die Schaffung von arbeitsrechtlichen Regelungen wie die Whistle Blower – Gesetze in den USA und Großbritannien, die Missbrauch und die Öffentlichkeit über Missbräuche aufmerksam machen kann, ist eine zumindest teilweise Eindämmung möglich. Skandale und ihre Aufklärung und rechtliche Bewertung sind die eine Seite, die andere erfordert eine Anpassung des Rechtsrahmens, wenn die derzeitige Rechtsordnung vor den Problemen versagt. Die Krise in der Unternehmenskultur, die von den Führungsetagen ausgeht – ein Fisch fängt immer vom kopf her an zu stinken -, fordert die Öffentlichkeit und den Gesetzgeber heraus, über rein moralische Appelle mittels Sanktionen Abhilfe zu schaffen. Ohne solche Sanktionen sind die Fehlanreize auf den Manageretagen zu groß.
Warum regen sich eigentlich alle auf? Heißt das, was die Telekom da macht, nicht einfach “Vorratsdatenspeicherung”?