Herr Kollege: Amos Harel, Haaretz Tel Aviv

Amos, bewegt sich was im Nahen Osten – oder sind die jüngsten indirekten Gespräche zwischen Israel und Syrien, aber auch die neue Einheitsregierung im Libanon keine wirklichen Veränderungen? Die Dinge bewegen sich immer im Nahen Osten. Das Problem ist: Meistens bewegen sie sich in die falsche Richtung. Ich vermute mal,

NU7Y.jpgAmos, bewegt sich was im Nahen Osten – oder sind die jüngsten indirekten Gespräche zwischen Israel und Syrien, aber auch die neue Einheitsregierung im Libanon keine wirklichen Veränderungen?
Die Dinge bewegen sich immer im Nahen Osten. Das Problem ist: Meistens bewegen sie sich in die falsche Richtung. Ich vermute mal, dass der Hesbollah-Sieg diesbezüglich stärker zu gewichten ist, da dies bereits eine andere politische Realität hervorgebracht hat.

Wird Israel das akzeptieren?
Israel kann absolut nichts dagegen tun, zumindest nicht in naher Zukunft. Solange Hesbollah Israel nicht provoziert und keine unmittelbare Bedrohung für unsere Bevölkerung besteht, solange dürfte die Strategie der Eindämmung an der Nordgrenze wohl weiterverfolgt werden. Bezüglich der Waffen der Hesbollah: Die israelische Armee IDF geht davon aus, dass Hesbollah über rund 40.000 Raketen verfügt – drei Mal mehr als vor dem Beginn des letzten Libanon-Krieges. Und es wird noch schlechter: einige dieser Raketen verfügen mittlerweile über eine Reichweite bis Dimona im Süden Israels. Das bedeutet, Israel sollte sich der Bedrohung durch die Hesbollah stärker bewusst sein, aber es gibt nicht viel, dass Israel daran ändern kann- es sei denn, einen neuen Krieg beginnen, was Israel klarerweise nicht will.

Bist Du ein Anhänger der Theorie, wonach Israels Premier Olmert in die indirekten Verhandlungen mit Syrien eingestiegen ist, um von seinen Korruptions-Ermittlungen abzulenken?
Gibt’s eine Chance auf Frieden zwischen Israel und Syrien? Die Kurzantwort ist: Ja. Die längere – aber einen Moment schnell. Die Verhandlungen mit Syrien sind im Moment einfacher abzuschliessen denn diejenigen mit den Palästinensern. Die Grundausgangslage ist seit 1994 klar. Aber das ist im Moment nicht die wichtigste Frage. Der zentrale Punkt ist: Kann Olmert liefern? Und hier wäre meine Antwort: Im Moment wohl kaum.

Warum nicht?
Wegen der politischen Situation, in der Premier steckt. Dieser sehr ernsthafte Fall von mutmasslicher Korruption hat Olmerts noch übrig gebliebene Glaubwürdigkeit bei der israelischen Bevölkerung zerrüttet. Auch Ariel Sharon war 2004 mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Der von ihm initiierte Rückzug aus dem Gaza-Streifen scheint mit dem polizeilichen Ermittlungsverfahren gegen ihn zusammenzuhängen. Aber Sharon blieb sehr populär. Olmert hingegen ist enorm unbeliebt – und ein Beschuldigter in einem Skandal, der kurz vor Bekannt werden der syrisch-israelischen Gespräche aufflog. Auch wenn er ein Abkommen mit den Syrern zustande bringen wird, kann ich mir kaum vorstellen, dass dafür genügend Unterstützung erhalten würde, sei’s bei Wahlen, sei’ bei einem Referendum.

Die Schlussfolgerungen in Deinem jüngsten Buch “34 days; Israel, Hezbollah, and the War in Lebanon” sind ziemlich ernüchternd. Scheint, als ob dies der sinnloseste Krieg war, den Israel je führte.
Die meisten Kriege sind sinnlos. In diesem Fall sind mein Co-Autor Avi Issacharoff und ich der Meinung, dass Israels direkte Antwort auf die Tötung und Entführung israelischer Soldaten gerechtfertigt war. Das Problem war die Entscheidung, die Militärschläge fortzusetzen und daraus einen flächendeckenden Krieg zu machen – ohne bereit zu sein, den Preis dafür zu bezahlen. Mit anderen Worten: Ohne die Bereitschaft, Bodentruppen in einer großen Militäroperation in den Libanon zu schicken, gab es keine Möglichkeit für die IDF, die Katjusha-Raketen der Hesbollah zu stoppen. Die große Bodenoperation hätte viele Soldaten das Leben gekostet, was Olmert vermeiden wollte. Aber dieser Krieg war ein weiterer Beleg dafür, dass du nicht alles haben kannst. Unsere Schlussfolgerung im Buch ist deshalb: Lass dich nicht in einen Krieg ein, für den du nicht bereit bist, so große Opfer zu erleiden, damit der Krieg gewonnen werden kann.

Glaubst Du, die israelische Politik und die IDF haben ihre Lektion gelernt?
Ich hoffe, die IDF hat ihre Lektion tatsächlich gelernt. Der amtierende Generalstabschef, Gabi Ashkenazi, ist sicherlich besser vorbereitet für solche Herausforderungen. Bezüglich der Politiker, ich befürchte es gibt keinen Grund zum Optimismus. Positiv wäre allenfalls, dass Olmert wohl auf dem Weg nach draussen ist wegen seiner kriminellen Ermittlungen. Persönlich meine ich, dies hätte bereits vor einem Jahr geschehen sollen nach dem Winograd-Zwischenbericht, der die Kriegsführung untersucht hatte. Aber wie heißt’s doch: Besser spät als nie!

Und wie steht es denn mit dem Gaza-Streifen: Kommt sie oder kommt sie nicht, die angedrohte Groß-Offensive?
Sag niemals nie im Nahen Osten. Aber mindestens für die nächsten ein oder zwei Monate scheint’s eher unwahrscheinlich, dass es zu einem Groß-Einmarsch kommt. Denn:

Es scheint, als ob der ägyptische Versuch eines temporären Waffenstillstands gelingen könnte. Hamas braucht dringend einen Waffenstillstand aufgrund der Verluste, die der militärische Arm erlitten hat. Und Hamas hat große Mühe mit den Konsequenzen der ökonomischen Belagerung des Gaza-Streifens klar zu kommen.

Weder die israelische Regierung noch die IDF sind allzu sehr auf einen Einmarsch erpicht. Die Generäle glauben, sie könnten den Gaza-Streifen besetzten – aber was kommt danach. Wie würde Israel erneut 1.2 Millionen Palästinenser kontrollieren. Das könnte zum Mini-Irak für uns werden und denk daran: Das war exakt der Grund, warum wir uns aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen hatten. Zudem geht die Armee davon aus, dass Dutzende von Soldaten bei einem Groß-Einmarsch ums Leben kämen, von den Hunderten zivilen Opfern ganz zu schweigen, sowohl in Gaza, als auch in Israel, da es dann ja intensive Raketenbeschuss gäbe. Und: hat Israel einen “exit plan”: wer würde sich um den Gaza-Streifen kümmern, sobald die Militärs ihren Job getan haben?

Die israelische Regierung, ganz besonders in ihrer momentanen politischen Situation hätte große Mühe, eine große Militäraktion zu legitimieren, sowohl im In- als auch im Ausland. Die internationale Gemeinschaft zeigt kein wirkliches Verständnis für den Preis, den das Städtchen Sderot und andere Orte im Negev bezahlen aufgrund der Raketen-Angriffe. Ein großer Teil der Israelis würde Premier Olmerts Entscheidung nicht trauen – eigentlich in keiner Angelegenheit – während er unter polizeilicher Ermittlung steht.

Und zu guter Letzt die grundsätzliche Situation im Nahen Osten: Israel und die USA stehen vor größeren Problemen, und das sind der Libanon und Iran. Es ist bitter, aber Sderot scheint im Moment nicht die Priorität zu sein. Der Kampf gegen Hamas könnte zu einer Eskalation mit der Hesbollah führen, also zu einem Zweifronten-Krieg.

Aber noch einmal: All’ das kann sich ändern, wenn die ägyptischen Vermittlungsversuche nicht gelingen, Israel eine größere Zahl von zivilen Opfern erleidet durch einen Raketenangriff. Wenn das geschieht, kann es durchaus zu einem neuen Einmarsch kommen. Wobei die IDF dann wohl versuchen würde, eine wirklich große Operation zu vermeiden und eine mittelgroße Aktion vorziehen würde.

Amos, worum wirst Du Dich in den nächsten Wochen journalistisch kümmern?
Als Militäranalyst hoffe ich auf eine kurze Verschnaufpause – mögen die politischen Reporter und Analysten jetzt etwas mehr zum Zug kommen…

Dieser Beitrag erschien zuerst auf andremarty.com.

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