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Blogger aus dem Libanon (II): “Ekel vor einer politischen Klasse, die nicht verdient zu herrschen”
Nachdem uns in der vergangenen Woche ein Blogger aus dem Libanon seine Sicht auf die gegenwärtigen Ereignisse dort schilderte, fasst nun ein weiterer seine Empfindungen in Worte: Jeha* von Jeha´s Nail. Schwer enttäuscht von politischen Fehlern der eigenen Führung sowie einer “westlichen Welt, die nicht über den nächsten Öl-Tanker hinaus denken kann”, sieht er die Zukunft seines Landes wenig rosig, ohne jedoch die Hoffnung auf den neu gewählten Präsidenten Suleiman ganz aufgeben zu wollen.
RE: Auf was haben sich die politischen Führer geeinigt?
Jeha: Das Abkommen ist hauptsächlich eine Reihe von administrativen Maßnahmen, eingehüllt in pathetische Formulierungen die die arabische Sprache so gut beherrscht. Das erste Element waren die kürzlichen „Wahlen“. Nach wie vor zu verwirklichen sind noch die Schaffung einer Regierung “nationaler Einheit” und die Zustimmung zum Wahlrecht von 1960.
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“Die Doha-Vereinbarung wird nicht von Dauer sein”
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RE: Wird das Abkommen von Doha einen dauerhaften Frieden gewährleisten zwischen den unterschiedlichen Fraktionen im Libanon? Ist es eine Friedensvereinbarung im wirklichen Sinne, fähig die ursächlichen Konflikte zwischen Regierung und oppositionellen Gruppen zu lösen, oder eher eine einstweilige Übereinkunft zur Waffenruhe?
Jeha: Nein. Und es ist nicht einmal eine „einstweilige Übereinkunft zur Waffenruhe“. Es wird wahrscheinlich nur ein Vorwand sein, um Zeit zu vergeuden und die Versäumnisse beider „Seiten“ zu kaschieren. Es wird nur einen zeitweiligen Aufschub gewähren. Sie sollten zur Kenntnis nehmen, dass das libanesische Parlament am Sonntag keinen neuen Präsidenten gewählt hat; er wurde benannt. In “traditioneller” arabischer Manier wurde sich schon im Vorfeld öffentlich auf einen Kandidaten geeinigt. Einige sagen, dass dies nicht viel ändert an Libanons Präsidentschaftswahlen, da sie schon immer Ergebnis von Hinterzimmer-Manövern waren - und was am Wahlsonntag passierte, kaum eine Verbesserung darstellte. Darüber hinaus hatte die Wahl einen “Formfehler“, was darin deutlich wurde, dass der Sprecher des Hauses direkt zur Abstimmung überging, ohne die Voraussetzung einer Verfassungsänderung durchzuführen. Darüber hinaus war die Tinte auf der Vereinbarung kaum trocken, als der Sprecher des Hauses versuchte, den libanesischen Ministerpräsidenten aus der “Wahl”-Zeremonie auszuschließen, diese Sitze für arabische Diktatoren und ihre Vertreter bevorzugend. Der Premierminister bekam seinen Sitz erst, nachdem alle anderen ihre inne hatten. Diese beiden einfachen Dinge sollten Ihnen sagen, dass die Doha-Vereinbarung nicht von Dauer sein wird. Es kann sein, dass sie bereits abgenutzt ist.
RE: Können Sie uns einen Eindruck der Atmosphäre in Libanon nach dem Doha-Abkommen und der Wahl Michel Suleimans zum Präsidenten geben?
Jeha: Viele hier befürchten, dass die Doha-Vereinbarung nichts anderes als eine Schaufensterdekoration sein könnte. Die Stimmung hier ist, dass das Land sich eine Atempause vom Bürgerkrieg erkauft hat, und viele fühlen, dass wir schon Glück haben werden, wenn wir einen normalen, ruhigen Sommer verleben können. Die Stimmung wurde gut von der donnerstags ausgestrahlten “Kalam el Nass”-Show auf LBC zusammengefasst. Der Jubel, dessen wir alle nach der Wahl Suleimans Zeuge wurden, resultierte einfach aus der vorherigen langen Verzweiflung der Menschen. Sie brauchten etwas Hoffnung, an die sich klammern können, und die Präsidentschaft Suleimans erschien vielen diese Hoffnung zu sein. Aber ich sollte darauf hinweisen, dass es zugleich einen gewaltigen Schritt voran für viele meiner Freunde bedeutet, die noch immer der Hezbollah und Michel Aoun folgen. Sie sind jetzt froh über den “Sieg”, und sie wollen nicht wahrhaben zu sehen, welchen sektiererischen Dämon sie damit geweckt haben. Ja, ich fürchte, es ist eine „leichte religiöse Intoleranz“ anti-schiitischer Stimmung. Je mehr sich die Hezbollah an ihre Waffen und Privilegien klammert, desto schwieriger wird es sein, dieser entgegenzuwirken.
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“Ekel vor einer politischen Klasse, die nicht verdient zu herrschen”
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RE: Die Bilder von Milizen, verwickelt in Straßenkämpfe in Beirut, sind um die Welt gegangen. Welches Bild libanesischer Menschen würden Sie gern hinzufügen in Gegenwart dieser turbulenten Ereignisse?
Jeha: Leider denke ich an das Bild immer länger werdender Schlangen von Menschen vor den Botschaften, die das Land verlassen wollen. Lassen Sie sich nicht durch den Zustrom von Touristen in die Irre führen; eine stetig wachsende Zahl von Menschen verlässt den Libanon. Dies nicht aus Angst, sondern aus Ekel vor einer politischen Klasse, die nicht verdient zu herrschen, eine westliche Welt, die nicht über den nächsten Öl-Tanker hinaus denken kann, und Nachbarn, die immer doppelzüngig und trügerisch sein werden.
RE: Was denken Sie über Michel Suleiman, einem früheren Armeechef – ist er der richtige Mann für diesen Job?
Jeha: Ich kenne ihn nicht, und niemand tut das wirklich, aber die meisten sind sich einig darin zu sagen, dass er ein anständiger, bescheidener Mann ist, sehr viel anders als die vielen Gauner, die noch vor ihm im Amt waren. Ich weiß nur zwei Dinge genau. Erstens wurde er unter der Obhut Syriens ernannt, und ich verstehe das, er hat dort familiäre Bindungen in Damaskus. Zweitens hat er einige Fertigkeit im Taktieren gezeigt und dem, was er an libanesischer Souveränität im Angesicht der Syrer sicherstellen konnte. Also, während ich nicht sagen kann, ob er der richtige Mann für den Job ist, bin ich sicher: Er ist der einzige Mann für den Job. Er ist der einzige Führer, der nicht diskreditiert oder befleckt wurde in irgendeiner Weise. Als solcher hat er die Chance, zu einem wahren Schiedsrichter zu werden und damit zu helfen, das Land weg vom Rande des Abgrunds auf den Weg zu echter Freiheit zu lenken. Hoffen wir, dass er die Weisheit besitzt dies zu tun, es wäre wirklich das einzige Hilfsmittel, das ihm dafür zur Verfügung steht.
Interview: Felix Kubach
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*Jeha Nail’s:
Jeha verkaufte sein Haus für einen lächerlich geringen Preis. Aber er hatte eine Bedingung: “Auf einer der Wände gibt es einen Nagel, den ich nicht verkaufen will”. Der Käufer stimmte zu; nach allem, wofür braucht er den Nagel? Nach ein paar Tagen kam Jeha zurück zum Haus, um “seinen Nagel zu besuchen”. Bald hängte er seinen Mantel daran, dann brachte er sein Bett herbei und fing an zu schlafen, um seinem Nagel nahe zu sein. Dann brachte er seine Familie mit, den Nagel zu besuchen… Am Ende blieb der einzige Weg, wie der neue Eigentümer ihn loswerden konnte, den Nagel zu kaufen, zu einem Preis ein Vielfaches höher als der des Hauses …
Dies soll Ihnen sagen: wir können den Libanon verlassen, aber wir werden NIEMALS diesen Nagel verkaufen.
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Jeha, Blog: http://jehasnail.blogspot.com
… ist männlich, lebt und arbeitet in Beirut (Technikbranche) und ist Blogger seit August 2006. Sein Lieblingsbuch ist “Krieg und Frieden” von Lew Tolstoi.
Mehr möchte Jeha nicht von sich preisgeben, da er Angst haben muss, wegen seiner zum Teil sehr kritischen Äußerungen verfolgt und bedroht zu werden.
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