GWUP und Komplementärmedizin: “Hilfe Skeptiker!”

Unter der Überschrift “Berliner Charité besetzt Deutschlands erste Professur zur Erforschung der Komplementärmedizin (Alternativmedizin)” informierteEURopas größte Uniklinik die Öffentlichkeit kürzlich über die Einrichtung einer von der Karl und Veronica-Carstens-Stiftung finanzierten Stiftungsprofessur. Die Meldung fand ein großes und ausschließlich positives Medienecho: dpa, Welt, Ärzte Zeitung, Deutsches Ärzteblatt und sogar Bild und

misch.jpgUnter der Überschrift “Berliner Charité besetzt Deutschlands erste Professur zur Erforschung der Komplementärmedizin (Alternativmedizin)” informierteEURopas größte Uniklinik die Öffentlichkeit kürzlich über die Einrichtung einer von der Karl und Veronica-Carstens-Stiftung finanzierten Stiftungsprofessur. Die Meldung fand ein großes und ausschließlich positives Medienecho: dpa, Welt, Ärzte Zeitung, Deutsches Ärzteblatt und sogar Bild und Brigitte publizierten Meldungen bzw. ein Interview mit Prof. Dr. Claudia Witt. Für die Urheberin dieser Meldungen ist das große Interesse kein Wunder, nehmen laut Witt doch über 60 Prozent der Bevölkerung Angebote der Komplementärmedizin in Anspruch.

Kritik vom Skeptiker-Verein GWUP e. V.

Eine kritische Stimme gab es auch: Der zur Skeptikerbewegung gehörende Verein GWUP e. V. veröffentlichte eine Pressemeldung mit der Schlagzeile: “GWUP kritisiert neue Professur für Komplementärmedizin an der Charité”. Auf der Internetseite von openPR behauptet der Verein, erste Aussagen von Beteiligten und Wortführern der Charité, wie Stefan Willich, würden angeblich wenig Gutes für das Festhalten an wissenschaftliche Standards verheißen. “Wissenschaftliche Methoden sollen offenbar solange den Bedürfnissen der Alternativmedizin angepasst werden, bis sie die Resultate erzielen, die sich die Vertreter der ‘Komplementärmedizin’ wünschen.” Konkrete Belege für diese ehrabschneidende Behauptung liefern die Skeptiker in ihrer Pressemeldung nicht, für eine angeblich wissenschaftliche Vereinigung ein ungewöhnlicher Vorgang.

Zwischen Wissenschaft und Hochstapelei

Verantwortlich für die Meldung ist GWUP-Geschäftsführer Dipl.-Ingenieur Amardeo Sarma, der ein Studium der Elektrotechnik absolvierte und nach eigenen Angaben “Manager bei NEC Network Laboratories” ist. Auf der Webseite des Vereins präsentiert sich Amardeo Sarma indirekt als Experte für das Turiner Grabtuch, Erdstrahlen, Wünschelruten und die Homöopathie. Sarma hat, dies sei am Rande erwähnt, keine wissenschaftlich forschende Qualifikation mit Nähe zur Komplementärmedizin und es gibt von ihm auch keine einzige Publikation zur Homöopathie in anerkannten Wissenschafts-Medien.

GWUP ist keine wissenschaftliche Standesorganisation

In leichter Abwandlung eines Bonmots von F. W. Bernstein ließe sich hier auch sagen: “Die schärfsten Kritiker der Elche sind selber welche.” Die GWUP ist, darauf weist Wikipedia-Administrator Fossa auf seiner Benutzerseite hin, entgegen ihres Namens keine wissenschaftliche Standesorganisation sondern ein Verein, der Aktivisten der Skeptikerbewegung organisiert. Fossa schreibt dazu:

“Die Tatsache, dass sich vor allem Akademiker, darunter auch Wissenschaftler, in der GWUP zusammengeschlossen haben, ändert daran nichts: Sie treten hier nicht als Wissenschaftler, sondern als Aktivisten auf. Die Ansichten solcher weltanschaulicher Vereine sind nur in Ausnahmefällen wiederzugeben, wenn sie wie beispielsweise Kirchen, ADAC oder Gewerkschaften über eine hohe Öffentlichkeitswirkung verfügen, und müssen dann als z. B. kirchliche Meinung attributiert und gesondert am Ende des Artikels dargestellt werden. Die GWUP ist jedoch kein solcher Ausnahmefall; ihr Standpunkt muss deshalb genau wie der Scientologys, der EAP oder der Krabbelgruppe Graz-Süd, gar nicht wiedergegeben werden.”

Auch wenn es sich hier um die persönliche Meinung eines Wikipedia-Administrators handelt, so lassen sich die Behauptungen in Hinblick auf das Thema “GWUP & Komplementärmedizin” einfach belegen.

Wissenschaftler oder wissenschaftlich Interessierte?

Forscher, welche die Komplementärmedizin mit wissenschaftlichem Anspruch erforschen, organisieren sich zum überwiegenden Teil in der “International Society for Complementary Medicine Research”. Sie publizieren und diskutieren ihre wissenschaftlichen Arbeiten in mittels Peer-Review qualitativ geprüften wissenschaftlichen Fachzeitschriften wie z. B. Forschende Komplementärmedizin, Homeopathy, Complementary Therapies in Medicine oder Natural Standard.

Die GWUP wirbt in ihrer Selbstdarstellung sehr geschickt mit über “800 Wissenschaftlern und wissenschaftlich Interessierten”. Geht es um die Erforschung der Komplementärmedizin, so liegt der Anteil der “wissenschaftlich Interessierten” allerdings bei 100 Prozent. Die GWUP verfügt hier über diverse selbst ernannte Experten, die sich – vom Biometriker Prof. Jürgen Windeler einmal abgesehen – durch folgende Merkmale auszeichnen:

1. Forschungstätigkeit:
Kein “Experte” kann eine wissenschaftlichen Kriterien genügende Forschungstätigkeit im Bereich der Komplementärmedizin nachweisen.

2. Wissenschaftliche Publikationen:
Kein “Experte” verfügt über mittels Peer-Review qualitativ geprüfte wissenschaftliche Publikationen zum Thema Komplementärmedizin in anerkannten Wissenschafts-Medien. Die entsprechenden Veröffentlichungen der GWUP spielen sich primär in der eigenen Szene ab und sind von dem Teil der Scientific Community isoliert, welcher sich forschend mit Komplementärmedizin beschäftigt. Sehr viele zitierte Beiträge entstammen dem eigenen Vereinsblatt SKEPTIKER oder fachfremden Medien. Kein einziger Beitrag entstammt seriösen und geprüften Wissenschafts-Medien wie z. B. Forschende Komplementärmedizin, Homeopathy, Complementary Therapies in Medicine oder Natural Standard.

3. Fachliche Qualifikation:
Viele der “Experten” geben Anlass zu großem Zweifel daran, ob sie vor dem Hintergrund ihrer fachfremden Qualifikation wie z. B. Informatik, Mathematik, Physik oder Geophysik über ausreichend Grundlagenwissen verfügen, um an einer interdisziplinären Fachdiskussion zumindest auf Volkshochschul-Niveau teilnehmen zu können. Die pauschalisierende und sinnentstellende Aussage “Die GWUP weist darauf hin, dass die sogenannte Komplementärmedizin bereits seit Jahren an der Universität von Exeter durch Professor Edzard Ernst erforscht worden ist – mit vernichtendem Ergebnis.” weist die Autoren der Pressemeldung als primär weltanschaulich motivierte Laien aus.

Die Thematik ist viel zu komplex, als dass sie sich in naiver Form pauschalisieren (“gut/böse”, “schwarz/weiß”) und auf die Sichtweise einer Einzelperson verdichten ließe. Von der fragwürdigen Bedeutung einzelner so genannter “Visible Scientists” (hohe Bekanntheit in den Medien, geringe Reputation unter Kollegen) ganz zu schweigen.

5. Stand der Forschung:
Aussagen der GWUP zur Komplementärmedizin geben weder den Stand der Forschung noch das in der Scientific Community bestehende vielschichtige, komplexe und uneinheitliche Meinungs-Spektrum korrekt wieder. Die GWUP hat hier die Angewohnheit, Informationen sinnentstellend zu selektieren, zu pauschalisieren und zu vereinfachen, ohne Rechenschaft darüber abzugeben, warum sie bestimmte Informationen verschweigt und andere wiederum erwähnt. Der Verein zitiert beispielsweise gerne das von der Medizinzeitschrift The Lancet voreilig proklamierte vermeintliche Ende der Homöopathie, verschweigt jedoch die anschließende Fachdiskussion (siehe auch: “Lancet und die Rehabilitierung der Homöopathie”). GWUP-Mitglieder erwähnen gerne das Buch “Die Andere Medizin”. Sie verschweigen jedoch gleichzeitig die gravierenden Mängel, welche z. B. Kienle & Kiene (“Die Andere Medizin – Evidenz- oder Eminenz-basiert?”) im Deutschen Ärzteblatt oder Prof. Karl-Ludwig Resch in der Forschenden Komplementärmedizin (“Die Andere Medizin: Gut gemeint – schlecht gemacht”) geäußert haben. Kontroverse, offene und transparente Diskussionen werden in der Scientific Community als wertvolle Basis zur Meinungsbildung zugelassen. Auf der Webseite der GWUP werden sie hingegen, ganz im Stile des früheren SED-Zentralorgans “Neues Deutschland”, überwiegend verschwiegen.

6. Rechenschaftsberichte:
Obwohl der Name “Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von” dies suggeriert, handelt es sich bei der GWUP nicht um eine wissenschaftliche Forschungsorganisation. Dokumentiert beispielsweise das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. (IGPP) in Freiburg seine wissenschaftliche Arbeit in 100 Seiten langen Rechenschaftsberichten, so publizierte die GWUP seit ihrer Gründung im Jahre 1987 noch nie ein vergleichbares Dokument. Kein Wunder: Der Arbeitsschwerpunkt des Vereins liegt nicht in der wissenschaftlichen Forschung, sondern in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung im Sinne der eigenen Weltanschauung. Wer Zweifel an dieser Behauptung hat, der sollte die Insider-Berichte diverser ehemaliger GWUP-Mitglieder wie z. B. Edgar Wunder (Mitbegründer des Vereins), Rudolf Henke, oder Stephan Matthiesen (Ex-Redaktionsleiter der Vereinszeitschrift SKEPTIKER) aufmerksam studieren.

7. Pseudowissenschaft:
Der Verein GWUP ist in den vergangenen Jahren durch verschiedene eigene Untersuchungen und vermeintlich wissenschaftlichen Arbeiten aufgefallen, die sich in nahezu allen Fällen durch gravierende methodische und fachliche Fehler auszeichneten. Hätte die GWUP ein primär wissenschaftliches Interesse, so müsste sie eine offene und kritische Hinterfragung und Diskussion ihrer eigenen “Forschungsarbeiten” begrüßen und fördern. Sie weicht einer öffentlichen Hinterfragung und Diskussion ihrer Arbeiten jedoch systematisch aus und will die volle Kontrolle darüber haben, wer sie kritisch hinterfragen darf und wer nicht. So z. B. im Falle des pseudowissenschaftlichen “Heiler-Tests” von Prof. Martin Lambeck.

Dogmatismus und 100 Prozent Weltanschauung

Fazit: Im Gegensatz beispielsweise zur “International Society for Complementary Medicine Research” ist der Verein GWUP e. V. weder eine Forschungsorganisation noch eine wissenschaftliche Standesorganisation. Die GWUP ist stattdessen ein Verein, der Aktivisten der Skeptikerbewegung eine organisatorische Plattform bietet. Wer erfahren will, welche Wut, Frustration, Ohnmacht und welcher Groll Vertreter der Skeptikerbewegung motiviert und antreibt, für den lohnt sich ein Besuch der Webseite www.kidmed.de von Kinderarzt Ralf Behrmann. Heilpraktiker und naturheilkundlich arbeitende Ärzte werden hier allem Anschein nach als potentielle Mörder wahrgenommen und Herr Behrmann drückt mit herzerfrischender Offenheit aus, was andere Vertreter der Skeptikerbewegung wegen der ungünstigen Medienwirkung lieber verklausuliert in Worte fassen.

Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, in welchem Maße mache Vertreter der Skeptikerbewegung der Öffentlichkeit tatsächlich Hilfe anbieten können und in welchem Maße sie selbst hilfsbedürftig sind. Sollte Letzteres der Fall sein, so darf man einigen “Skeptikern” durchaus mit Nachsicht begegnen und ihnen für ihren Weg das Beste wünschen.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.

  1. Herr Fritzsche, danke für die Werbung! Der Bekanntheitsgrad der GWUP wird durch ihr Gegeifer sicher weiter steigen. Wer sich für die Hintergründe interessiert, warum sich der Betriebswirt und PR-Texter Claus Fritzsche als Verteidiger der “wissenschaftlichen” Komplementärmedizin geriert, der sehe hier nach:
    http://www.gwup.org/themen/texte/skeptikerpuc/gwupkritik1.html
    Interessant vielleicht auch das hier:
    http://kritischgedacht.wordpress.com/2008/04/19/jenseitige-quantenphsiker/#comment-321

    Beste Grüße, Ulrich Berger