Katharsis im Torschuss. Die Serie zur EM (2): Die Dramaturgie des Spielfeldes

Fußball ist deswegen so populär, weil er wie kein anderer Sport den Gesetzen der antiken Tragödie und den Grundlagen der Dramatik gehorcht. Griechische Autoren wie Sophokles, Euripides und Aischylos wussten genau, mit welchen Kunstgriffen die alten Athener zu bannen waren. Zunächst war eine Einheit von Ort und Zeit vorgeschrieben. Die

berwis.jpgFußball ist deswegen so populär, weil er wie kein anderer Sport den Gesetzen der antiken Tragödie und den Grundlagen der Dramatik gehorcht. Griechische Autoren wie Sophokles, Euripides und Aischylos wussten genau, mit welchen Kunstgriffen die alten Athener zu bannen waren. Zunächst war eine Einheit von Ort und Zeit vorgeschrieben. Die Handlung konnte durch Akte oder “epeisodioi” gegliedert werden. Das Fußballspiel ist somit ein Zweiakter, der durch ein Elfmeterschiessen zu einem Dreiakter werden kann.

Der Ball wechselt zwischen den Protagonisten oder “protagonistes” auf einem genau begrenzten Feld in zwei durchlaufenden Zeitfolgen. Der “Prologos” oder Prolog des griechischen Dramas spiegelt sich im Einlaufen der Mannschaften und folgenden Handlungen wie Begrüßung, Fahnentausch oder Münzwurf. Mit dem Ankick kommt es zum “Agon“, dem Wettstreit. Hier kämpfen “eleos” und “phobos”, Mitleid und Furcht. Der antike “choregos”, das ist der Trainer, der vom Rande der Bühne bzw. des Spielfeldes mit ausufernden Gesten zu dirigieren sucht. Die Zuschauer stellen den Chor oder den “choros” dar, der die Handlung kommentiert und begleitet. Die von den Rängen donnernden Chöre wollen als “parados”, “kommos” oder “stasimon” die Helden verspotten, den Spielverlauf beklagen oder anfeuern. Oft wendet sich der Held im alten Theater wie auch am grünen Rasen in einer gestischen “parabase” oder Anrufung an das Publikum. Jede Unterbrechung oder “katalexe” wird vom Zuschauerchor mit Unmutäußerungen oder mit einem Pfeifkonzert geahndet. Ist sie etwa durch Verketzung gerechtfertigt, so rollt ein “ekkyklema” als Maschine oder Tragbahre von außen auf das Feld. Man will keine Verzögerung, ein langsameres Tempo oder eine “katabasis” hinnehmen.

Die Handlung muss ständig vorangetrieben werden. Sie soll in einer “peripeteia”, in einem jähen Wechsel des Glücks, überraschen. Ist eine Mannschaft eindeutig überlegen und gelingt ihr kein Treffer, so steigt die Spannung bis zur “katharsis” eines gelungenen Schusses. Katharsis ist nach Aristoteles die Reinigung der Leidenschaften durch Schrecken. Sie soll Umwandlung von Unmut in Tugend sein. Katharsis ist eine Entladung von Gemütsaffekten, ist eine Läuterung der Seele zu einem vernunftgeleiteten Leben. Es ist das Verstummen der Ichgefühle vor dem Drama auf der Bühne. Es ist eine ekstatische Entäußerung bei Verlust des kritischen Bewusstseins. Die Fußballrowdies sind die Negation dieser Läuterung, doch der Großteil des Publikums wankt seltsam erschöpft und entspannt aus dem Stadion. Er hat eine “katharsis” erlebt.

Die “Moira” spielt den Ball

Eben war der Ball noch von dem einen zum anderen gewandert und im Zickzack über das Feld getreten worden. Doch plötzlich schält die Schicksalsgöttin “Moira” aus den vielfältigen Verstrickungen und Konstellationen die goldene Gelegenheit heraus. Der Ball schwebt als ideale, goldene Kugel durch das Raumzeitgefüge. Raum und Zeit sind durch den Flug des Leders kurzfristig miteinander verheiratet. Und schon zappelt der Ball im Netz wie ein Neugeborenes in den Windeln. Die Kombinationen aus verschiedenen Spielzügen bis hin zum Torschuss sind im Fußball deutlicher zu sehen als in jeder anderen Form des Mannschaftssportes. Aus jedem Abspiel und aus jedem Schuss kann sich ein siegreiches Tor entwickeln. Orgiastische Gesten nach einem Treffer verweisen in noch tiefere Schichten und in Zeiten, da die Beute gejagt und erlegt wurde: Der Jäger, der das Tor oder das Wild mit dem Ball oder mit dem Speer getroffen hat, wird von der Meute gefeiert.

Aber auch in Nebenaspekten finden sich Parallelen: Ein beliebtes Motiv der Tragödie ist das Aufbäumen des alt gewordenen Mannes gegen sein unvermeidliches Ende. Im Fußball ist das immer wieder zu sehen. Er, der einst umjubelt, als “Flankengott” gefeiert und als “Dribbelkönig” verehrt wurde, steht nun in wachsender Vereinsamung auf dem Rasen. In einem fulminanten Freistoß und bei seltenen Dribblings leuchtet sein Herrschaftskönnen noch einmal schwach auf, doch unablässig wird er von zwei Seiten bedroht: Vom Gegner am Feld und von jüngeren Helden der eigenen Mannschaft. Bei jeder Fußball-WM oder EM wartet man auf neue Ballzauberer. Das Publikum will jene Throne stürzen sehen, die es in seiner Hybris selbst errichtet hat.

Die Nahaufnahmen des Fernsehens zeigen mit der “agonia” das tiefe Leiden und den Jammer des Helden nach einem fehlgegangenen Torschuss. Die Gestik des Leidens ist wie die des Triumphes sind dabei immer gleich geblieben. Aufdehnung des Körpers und Gesten in den Himmel zeigen den Sieg an. Zusammenkrümmung und einwärts gerichtete Gestalt künden von der Niederlage. Auch im klassischen Drama waren besondere Gesten vorgeschrieben, um einen inneren Zustand auszudrücken. Zur Erhöhung der Spannung wird wie auf der Bühne oft eine neue Person eingeführt. Ein Ersatz stürmt aufs Feld, während ein anderer Spieler sang- und klanglos abtreten muss. Der Schiedsrichter übernimmt in dem Drama um das runde Leder die Funktion höherer Mächte. Als neuer Olympier spricht er sein Urteil mit dem jähen Hervorziehen von gelben und roten Karten, vergleichbar den Blitzen des Göttervaters Zeus. Herrscherlich und unanfechtbar sind die Gesten seines ausgestreckten Armes. Oft bäumt sich der Frevler wild gegen diese Strafe auf. Schwer getroffen sinkt er auf den Rasen nieder. Die unparteiische Macht kann auch ein Auge zudrücken, wie es Zeus des öfteren getan hat. Ein Foul, ein Handspiel oder ein Tritt können seinem Blick entgehen. Der Aufschrei durch die benachteiligte Partei kann ihn nicht erschüttern. Umgekehrt kann schon ein kleiner Rempler den Zorn des Olympiers erregen. Unerklärlich und unergründlich sind oft seine Gesten und Entscheidungen: Pfiff, erhobener Arm und Griff nach der Karte entsprechen dem mythologischen Donner und Blitz.

Die Schwalbe und das Gurkerl

Beide Parteien setzen alle Mittel und Tricks ein. Es gilt, den Feind durch möglichst ungesehene Fouls zu treffen und zu verletzen. Auch auf der Bühne des klassischen Dramas werden mit Gift und Dolch solche Fouls begangen. Wie in der Tragödie knüpft man auch auf dem grünen Rasen Intrigen. Die beiden Parteien tarnen und täuschen. Listig werden Abseitsfallen errichtet. Scheinbar schwer getroffen sinkt ein Spieler in einer “Schwalbe” nieder, um einen Strafstoss zu erschleichen. Man will Tore sehen, doch verweigern ihm die geheimnisvollen Mächte der FIFA, der Internationalen Fußballfederation, beharrlich die Erfüllung dieses irdischen Wunsches. Torschüsse sind zu kostbar, um sie mit leichter Hand vor das Publikum zu streuen. Dabei bräuchte man ja nur die Tore vergrößern oder das Abseits aufheben, um höhere Ergebnisse zu erzielen. Hier brechen Irrationalität und unerforschliche Ratschlüsse über das Spielfeld nieder. Das, was die Massen am meisten begehren und was leicht zu erfüllen wäre, bleibt ihnen ohne Erklärung verwehrt.

Das Fernsehen ist in diesem Drama eher der Hofnarr, die Radioreporter aber sind die Seher. Der TV-Kommentator ist im Prinzip unnotwendig. Er muss über etwas reden, über das es bei in Realzeit laufenden Bildern nicht viel zu sagen gibt. Er muss erklären, was eigentlich nicht erklärt zu werden braucht. Eine packende TV-Übertragung abzuliefern, ist eine hohe Kunst, in der das Bild mit ergänzendem, aber immer wieder zurücktretendem Fachwissen verknüpft sein sollte. Dass nun der eine den Ball zu einem anderen gegeben hat, ist im Fernsehen offensichtlich, daher muss dieser Spielzug strategisch erklärt, humoristisch kommentiert oder mit Metaphern einer Fachsprache begleitet werden.

Neben den vorgegebenen Standardbezeichnungen wie etwa Freistoss, Elfmeter, Strafraum ect. haben Fans und Reporter einen typischen Jargon entwickelt, der etwa in Deutschland ein anderes Vokabular aufweist wie in Österreich. In Wien leitet sich ein “Gurkerl” von der sauren Gurke ab und meint den Ball, der durch die offenen Beine geht. In Deutschland nennt man dass gleiche Missgeschick einen “Tunnel”. Dort ist auch oft eine “Gurkentruppe” am Werk, die einen “Grottenkick” abliefert und eine “Arschkarte” erhält. Diese Worte würde man in Wien nur mit Mühe verstehen, während in Deutschland ein “Schupferl”, ein “Scheiberl” oder ein “Fersler” als Formen der Ballabgabe kaum bekannt sind. Der Ball ist in Wien eine “Wuchtel” oder ein “Laberl” oder die “Blunzn”. Man nimmt ihn “Wuleh” (im Flug). Man verleiht ihm eine “Fettn” (Drehung). Der “Spitz” geht als ein mit der Fußspitze geschossener Ball oft daneben. Lässt der Tormann einen haltbaren Schuss passieren, so ist ihm ein “Steirergoal” unterlaufen. Der Reservespieler ist ein “Bankldrucker”, während der Linienrichter als ein “Outwachler” amtiert.

Die Radioübertragungen von Fußballspielen erinnern an die “teichoskopia” oder Mauerschau des griechischen und des klassischen, deutschen Dramas. Ereignissse, die wie etwa eine Seeschlacht auf der Bühne schwer darzustellen sind, werden von einem Beobachter geschildert, der auf einer Mauer oder auf einem Turm steht und in die Ferne blickt. Im Radio muss das Wort allein alles tragen. Stürmen die Spieler dem Tor entgegen, so erhöht der Radioreporter Geschwindigkeit und Laustärke seiner Sprache. Ein Satzbau ist nicht mehr notwendig. Exklamationen oder Ausrufe verstärken die Spannung. Der TV-Kommentator sollte hier schweigen. Er darf keinesfalls die Dramatik am Rasen mit überflüssiger Sprache “zureden”. Unter anderem deswegen hat der Medienphilosoph Marshall McLuhan das Radio als ein heißes, das Fernsehen aber als ein kaltes Medium bezeichnet. Früher waren in Österreich Heribert Meisl und Edi Finger Senior begnadete Teichoskopen. Ihre Radioübertragungen haben viel stärker involviert und mitgerissen als das oft überflüssige Ergänzungsgelaber im TV. Heribert Meisl hat einmal die Fans von München bis Berlin begeistert, als er mit Wiener “Schmäh” für das deutsche Radio die Niederlage Österreichs gegen Max Morlock und seine Mannen schilderte. Seine lebendige Wortwahl und seine kühnen Vergleiche haben damals den bisher drögen Ton deutscher Kommentatoren nachhaltig verändert. “Jessas Maria”, rief Meisl am 23.9.1951. “Das österreichische Tor ist leer. Jöh, jöh! Na bitte net! Schuss! Tor! Deutschland führt gegen die Fußballgroßmacht Österreich..” Und dann zu Spielende: “Ich verabschiede mich am Boden zerstört als Verräter meines eigenen Stammes, denn -bitt’ schön!- i bin letztlich do a Weaner.” Seinem Nachfolger Edi Finger Senior fuhr 1978 in Cordoba beim 3:2 gegen den Erzfeind Deutschland der bedeutungsvolle Urschrei aus heiserer Kehle: “I wer’d narrisch! Mia busseln uns olle ab!” Fußballfeinspitze schalten daher im Fernsehen den Kommentar ab und drehen im Radio die Übertragung des gleichen Spieles auf.

“Epithasis” und Abpfiff

Bei derEURopa- oder Weltmeisterschaft fallen immer weniger Tore, da die Teams fast alle gleich gut sind. Wogen die Kämpfe in der “epithasis” und in letzter Anspannung hin und her und will kein entscheidendes Tor gelingen, so kommt es zum Zweikampf der Helden vor der angetretenen Heerschar: Zum Elfmeterschießen. Und das entscheidende Tor ist dann wie ein Schwertstreich vor dem Fallen des Vorhangs. Geschlagen und verwundet liegen die Opfer am grünen Rasen. Und die Sieger tosen im Ritual des Triumphes. Die Niederlage in der Tragödie sei der durch Poesie erhöhte Schmerz, heißt es bei Aristoteles. Die Fügung in das Unvermeidbare einer Niederlage, die stärker macht, kann einen tieferen Sinn haben, der sich erst später enthüllt.

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