Beim so genannten “Milchstreik” geht es um mehr als ein Cent mehr pro Kilogramm Milch für Bauern und Verbraucher. Die Situation ist nicht leicht zu erklären. Zu viele tradierte Bilder stehen dem im Wege und zu viele Propagandagemälde…
Was ist die Steigerung von “Mindestlohn”? Ein gerechter Mindestlohn. Was ist die Steigerungsform für einen “gerechten Milchpreis”: Gerechte Mindest-Produktpreise für alles. Über gerechte Mindest-Produktpreise werden dann die gerechten Mindestlöhne, “angemessene” Managergehälter, Handelsspannen, Kapitalrenditen etc. für alle in der Erzeugungs- und Verteilungskette ermöglicht und als privilegierte Besitzstände für lange Zeit gesichert. Alles wird kalkulierbar, planbar, verlässlich und gerecht, lautet die süße Verlockung des Wolfes Planwirtschaft. Eine selektive Moral zeigt der, der gegen gerechte Mindestlöhne, aber für gerechte Milchpreise ist. Marktwirtschaft für alle, aber natürlich mit Ausnahmen und Privilegien für sich und die eigene Klientel. Eine Marktwirtschaft à la carte für möglichst viele? Wenn das weiter Schule macht, stehen wir am Scheideweg: Marktwirtschaft oder die Deichtore vor einer populistischen Flut von planwirtschaftlichen Ideen öffnen. Die Anbiederung aller Parteien an die Forderungen der milchstreikenden Bauern und die Reaktionen der Presse weisen darauf hin, dass die marktwirtschaftlichen Deichwachen die Posten verlassen haben, nur an die nächsten Wahlvergnügen denken oder sich zu wenig Mühe machen, bei diesem “Nebenthema” tiefer zu recherchieren.
Welchen Milchpreis würde der Markt langfristig bringen?
Der Markt wird langfristig einen Milchpreis erzwingen, der im Schnitt, wegen des klaren “Heimvorteils” eines dicht bevölkerten Absatzgebietes (Wegekosten, Frische, Weltmarktführerschaft in Molkereiprodukte-Innovationen), immer etwas über dem jeweiligen “Weltmarktpreis” liegen wird, ergänzt durch produktionsunabhängige “Betriebsprämien” u.a. Subventionen. Zur Zeit liegt der deutsche Milchpreis ca. vier Cent pro kg über dem Durchschnittspreis in den USA und Neuseelands. Wir haben dieses am Weltmarkt orientierte Preisniveaus bei fast allen Produkten nach vielen EU-Agrarreformen inzwischen erreicht. Es ist nur die Frage, wie viel Geld für die Verlangsamung des damit verbundenen Umstellungsprozesses weiter verbrannt werden sollte. Bisher sind schon BillionenEURo Verbraucher- und Steuergelder inEURopa (EU-Gelder und nationale Gelder) dafür verbrannt worden. Mit dem Geld wurde nichts geschaffen, nichts erhalten, nur Marktprozesse jeweils um einige Jahre verzögert, Zeit gekauft. Dass dies so weitergeht, dafür wird sich nun mächtig in Geschirr und Zaumzeug gestemmt und das Publikum klatscht Beifall, weil es sich bei der Vorstellung in vielen seiner Vorurteile bestätigt fühlt.
Der Milchpreis ist heute realistisch geworden
Die Milch-Mondpreise in der EU von 1984 (Einführung der Milchquote, Ende der ministerlichen Hochpreis-Politik), die zu Überproduktionen geführt haben, sind in 24 Jahren Milchquote abgebaut worden und heute unterliegt der Milchmarkt einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage ohne Staatsaufkäufe, wobei das Angebot über die Quote noch geregelt ist. Der heutige Milchmarkt ist auf marktwirtschaftlichen Weg. Er drängt über ein geringes Milchgeld bei hohen Anlieferungen die Anbieter mit den höchsten Erzeugungskosten heraus und sorgt so für das Wachstum, bzw. Belohnung der besseren Betriebe, bzw. begrenzt das Angebot im marktwirtschaftlichen Sinn, wie es für alle anderen Produkte in einer Marktwirtschaft auch üblich ist. Jetzt wieder mit einer neuen Quote, unrealistischen Hochpreisen, einem Überwachungssystem, irrsinnigen Rechtsvorschriften wie 1984 anfangen zu wollen, wäre eine verschärfte Rolle rückwärts in das Jahr 1983 und ein munteres Feuer, das immerwährend Milliarden von Verbrauchergeldern verschlingen wird, unsäglichen Ärger mit den Handelspartnern und der Bauern untereinander und aller Marktteilnehmer vorprogrammiert, die Entwicklung der Milcherzeuger verhindern und extrem verteuern (Quotenpreise, Pachtkosten durch zu viele Bauern auf zu wenig Raum bei technischem Fortschritt) würde.
Wie hat die einheimische Milcherzeugung das Ende der Hochpreispolitik überlebt?
Überlebt ist das falsche Wort, eine Lüge an sich. Milchwirtschaft wird sich hier, einem der von Natur aus besten Standorte der Welt, nahe am Verbraucher, immer lohnen. Warum und wie hat also die einheimische Milcherzeugung die lange Zeit der stagnierenden/rückläufigen Milchpreise seit 1984 überstanden, allen jahrzehntelangen Jammerarien der Verantwortlichen zum Trotz? Natürlich weil die Preise 1984 völlig überhöht waren und nur langsam sanken, aber auch weil sich die Landwirte in dieser Situation marktwirtschaftlich vernünftig verhalten haben, wie nach dem Lehrbuch für begrenzte Märkte und technischem Fortschritt. Sie haben pro Betrieb mehr produziert und dies war durch den melktechnischen, stalltechnischen, züchterischen und allgemeinen Fortschritt auch rationell möglich. Die Erzeugungsmengen sind seit 1984 relativ konstant (24 Mio t Milch vor der Wiedervereinigung, nun 28 Mio. t). Die Anzahl der Milchkühe ist rückläufig (1984: 5,7 Mio; 2007: 4,1 Mio. jeweils Deutschland), da die Milchleistung pro Kuh steigt (1984: 4607 kg/Kuh; 2007: 6944 kg/Kuh, Durchschnittswerte, senkt die Fixkosten pro kg Milch sehr). Die Anzahl der Milchviehbetriebe ist stark rückläufig (1984: 368893; 2005: 110400 “Betriebe mit Milchkuhhaltung”), da die Betriebe in rationelle Größenordnungen wachsen. Die Anzahl der Kühe pro verbliebenen Betrieb (1984: 15 Kühe pro Betrieb; 2005: 38 Kühe pro Betrieb) und die Milch-Erzeugungsmengen pro Betrieb sind stark gestiegen (1984: 71 t/Betrieb; 2005: 258 t/Betrieb, Durchschnittswerte). Der Strukturwandel ist aber immer noch, gemessen am Maßstab der technischen Möglichkeiten heute, verzögert. Ursache sind zu viele “Hilfen”, sprich auch “Gängelungen”, ironischerweise. Die Betriebe, insbesondere in Süddeutschland, sind im Schnitt noch zu klein, um mit so wenig Kühen rationell wirtschaften zu können und ein zeitgemäßes Einkommen abzuwerfen. Hinter diesen Zahlen steht trotzdem sehr viel Fleiß, Können, Arbeit, Risikobereitschaft und Stress bei den Milchbauern. Die Erzeuger wissen aber auch, für wen sie das machen. Die Milchviehhaltung ist sehr arbeitsintensiv, vom “Glück im Stall” abhängig und mit Arbeitnehmer-Arbeitszeiten oder mit den Arbeitszeiten von Ackerbaubetrieben kaum zu vergleichen.
Grafik 1: Milcherzeugung, Milchanlieferung, Kühe, Milchviehbetriebe, Milchleistung je Kuh in Niedersachsen (NDS) und Bayern (BY)
Anmerkungen zur Grafik: Die kleinbäuerliche Milchviehhaltung in Bayern war 1950 geprägt von: Geringer Milchleistung, vielen Mehrnutzungs-Kühen (Zug, Fleisch, Milch), geringer Ablieferungsquote. 1950 wurde in Niedersachsen mehr Milch als in Bayern produziert.1950 bis 1984: Bayerns Kühe geben mehr Milch und Bayern wird hauptsächlich deshalb zum führenden Milcherzeugungsland.
1984: wurde die Milchquote eingeführt. 1985 mussten (fast) alle Erzeuger ihre Produktion reduzieren. Mengen ab 1986 fast konstant auf Höhe der Landesquoten.
ab 1984: weitere Steigerung der Milchleistung je Kuh bei gleichzeitiger Deckelung der Mengen über die Landes-Quoten führt zu stetig rückläufigen Kuhzahlen. Keine Auswirkung der Quote auf die “Bestandssicherung” der Betriebe: weiter stark rückläufige Zahl der Milchviehbetriebe, Vergrößerung der bestehenden Betriebe aus betriebswirtschaftlichen Zwängen.
Quellen: Statistische Veröffentlichungen Viehzählung und Milcherzeugung
Die einheimischen Milchproduzenten haben die Zeit seit 1984 in der bestehenden Zahl aber auch deswegen überstanden, weil wegen der Preismisere andere Beihilfen als “Kompensation” gewährt wurden und sie heute schon pro modernem Vollerwerbsbetrieb ein Arbeitnehmer-Nettoeinkommen wie ein Anfangseinkommen im Handwerksbereich ausmachen können, alles zusammen auch für wenige Cents pro kg gelieferter Milch, wie selbst der Bauernverband 2007 argumentierte. Allen Landwirten wäre es aber lieber, sie könnten ohne diese Stützung und die damit verbundene Gängelung auskommen. Die Verantwortungsträger der Landwirtschaft werden sich in dem Zusammenhang auch fragen lassen müssen, ob die Alimentierung von Nebenerwerbsbetrieben, also Betrieben, die neben einem Hauptberuf geführt werden, weiter zu rechtfertigen ist. Was jemand neben seinem Hauptberuf in seiner Freizeit macht, geht niemanden was an, solange er nicht damit die berufliche Entwicklung anderer, sogar mit staatlicher Alimentierung, behindert. Die Alimentierung des Wählermilieus wird hier zu gerne als staatstragend angesehen.
Zentrale Forderung des BDM bisher von der Presse ignoriert
Dabei wäre gegen höhere Milchpreise für die Bauern vordergründig nichts einzuwenden. Aber ein höherer Milchpreis ist nicht das wichtigste Anliegen des BDM (Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e.V., des Streikführers). Das zentrale Anliegen des BDM wird geschickt hinter der populären Forderung nach höheren Milchpreisen für die geknechteten Bauern als zweiter Punkt “versteckt” (Link pnp), es ist die Installation eines mit hoheitlichen Rechten ausgestatteten Milchkartells. Das ist nicht mal geheim, steht alles unter dem Punkt “Ziele/Mengenmanagement” in den Forderungen des BDM im Internet. Vermutlich weiß die Schar der Journalisten, wie die Öffentlichkeit insgesamt, damit nichts anzufangen, darum wird der Knackpunkt gerne überlesen. Die “Milchquotenregelung” von 1984 soll im Prinzip in verschärfter Form fortgeführt werden. Das läuft auf ein Kartell hinaus, das vom Gesetzgeber zusätzlich noch mit hoheitlichen Rechten ausgestattet werden soll (“Strafabgaben” für Kartellsünder). Man nennt dies “flexible Mengensteuerung in der Hand der (jetzigen) Milcherzeuger”. Ein höherer Milchpreis momentan wäre nämlich nur eine Eintagsfliege. Wenn bei höheren, profitableren Milchpreisen wieder mehr produziert würde, begänne ja das Spiel mit dem Angebotsdruck von vorne. Der zweite Punkt in der Forderungsliste das BDM verbirgt die Gretchenfrage nach der Freiheit und Marktwirtschaft, nach der Marktdiktatur für eine Minderheit, die einen teilweise fanatischen Glaubenskrieg gegen die Marktwirtschaft führt.
Ein politischer “Streik” für die Schaffung eines Erzeuger-Kartells
Der Arbeitnehmer-Begriff “Streik” wird in diesem Zusammenhang missbraucht. So hat man geschickt ein paar PR-Pluspunkte bei den Arbeitnehmern nach dem Schema “Schwach gegen Stark und Ungerecht”. Es ist aber kein Streik, sondern ein (meist vertragswidriger) Lieferverzicht einzelner Produzenten gegenüber ihren Abnehmern. Mehr als ein paar Cents mehr zur Minderung von Imageschäden wird von den Marktpartnern der Bauern nicht zu bekommen sein können, wenn sich diese an Recht und Gesetz halten und ihre Betriebe erhalten wollen. Ein kleiner, temporärer Hops im ständig schwankenden Erzeugerpreis. Aber darum geht es bei dem “Streik” auch nicht, das ist nur PR-Futter für die Zuschauer. Das Milchkartell (“flexible Mengensteuerung in der Hand der Milcherzeuger”) müsste von der Politik erpresst werden. Das Milchkartell ist eine politische Forderung, der Milchstreik ist hier politisch. Wenn Bauernverband und BDM mit den Molkereien verhandeln, verhandeln sie hauptsächlich mit ihren eigenen Betrieben, denn va. 66 Prozent der Deutschen Milch wird von genossenschaftlichen Molkereien vermarktet und in deren Aufsichtsgremien sitzen als “Fabrikbesitzer” die Bauern/Bauernvertreter selbst. Es ist also durchaus verständlich, wenn bei solchen Verhandlungen ein Teilnehmer der privaten Molkereiseite sagt, dass der Kern der Forderungen der Bauern nur von der Politik erfüllt werden kann und die Milchindustrie dafür der falsche Ansprechpartner ist. Bei den Gesprächen mit dem Handel wird die Werbung für Kartellabsprachen auch nicht auf begeisterte Zustimmung stoßen. Sie könnten nur dazu dienen, den Fall des etwas rabiat-naiven BDM nicht zu tief werden zu lassen und kurzfristig mit ein paar Cents Zeit für die “richtigen” Verhandlungen mit der Politik zu gewinnen. Der Runde Tisch mit Minister und Beteiligten wird die Öffentlichkeit nur mit Bildern versorgen. Die politischen Strippen wird der Bauernverband gekonnt ziehen. Die entscheidenden Gespräche werden vor der Wahl in Bayern und im Bund mit der Politik geführt, und von den Kuhhändeln wird die Öffentlichkeit wenig erfahren.
Der BDM will vom Gesetzgeber einen absoluten Verkäufermarkt installiert bekommen
Die Milchbauern vom BDM möchten vom Gesetzgeber den “absoluten Verkäufermarkt” (Zitat BDM-Forderungen), installiert bekommen, also Preise und Marktzutritt bestimmen können. Das wäre die totale Kontrolle über den Markt. Die Milcherzeuger vom BDM möchten die Mengen nach ihren kalkulatorischen “Vollkosten” (BDM) frei steuern können. Die “Vollkosten” sind von Betrieb zu Betrieb verschieden, der günstigste macht in einer Marktwirtschaft normalerweise das Rennen bei den Angeboten/Ausschreibungen. Wenn jeder Handwerker oder Produzent, bzw. deren Berufsvertretungen (die gerne Betriebe mit den höchsten Pachtkosten, kalkulatorischen Lohnansätzen etc, nehmen), in Zukunft seine kalkulierten Angebotspreise zur Grundlage der Marktentwicklung machen darf, ist die Marktwirtschaft tot, braucht sich niemand mehr von den unangenehmen Ausschreibungsverfahren fürchten.
Der Milchmarkt soll zum Eigentum der heutigen Erzeuger für alle Generationen erklärt werden
Die Produktionsaufnahme von Neu-Produzenten soll über die reformierte Milchquote weiter verhindert werden, bzw. nur gegen Entschädigung und lebenslange Alimentierung bestehender Produzenten (Weiterführung der “Milchquote”) erlaubt werden, wie schon seit Einführung der Milchquote 1984. Die Produktionsquoten sollen auf (Zitat BDM-Forderung) “verordnungsgeberischer Ebene entweder durch den Staat direkt, oder durch Übertragung hoheitlicher Befugnisse auf Milcherzeugerorganisationen (z.B. EMB) verbindlich für alle Marktbeteiligten festgelegt” werden. Das EMB (Europäisches Milchboard – eine Milchverkaufsorganisation) ist eine Gründung des BDM. Diese unbefristeten Lieferprivilegien für die Kartellmitglieder erinnern schon fast an die Feudalzeit, schließlich sollen davon noch die Erben der heutigen Erzeuger leben können, was gerne mit Bildern der Kinder der Hofbesitzer untermalt wird (Baby mit Schild “Lasst mich auch noch Bauer werden”). Nicht die unternehmerischen Fertigkeiten der aktuellen Erzeugergeneration sollen hauptsächlich das aktuelle Einkommen bestimmen, nein, der Besitz und die handelbaren Privilegien (“Quoten”), die jemandem in die Wiege gelegt wurden, sollen es hauptsächlich bestimmen, wie es in der Land- und Gutswirtschaft schon immer ist und war. Zu dieser feudalen Generationenabsicherung wird gerne der Gesetzgeber in Anspruch genommen, der habe schließlich den Berufsstand, das Erbe und die Erben der Privilegierten abzusichern. Natürlich sind die Milch-Lieferquoten zu koppeln mit Importverboten in diesem exklusiven Markt.
Religiöser Eifer im BDM schert sich nicht um Gesetze und martkwirtschaftliche Spielregeln
Die Milchbauern haben es also auf der einen Seite faustdick hinter den Ohren, andererseits sind sie auch Opfer der eigenen Propaganda. Die Mitglieder des BDM, im Prinzip eine dissidente Abspaltung oder Nebenentwicklung aktiver Milcherzeuger aus dem Bauernverband, haben mit Hingabe und fast religiösem Eifer auf den Dörfern Mitglieder gesammelt, den Bauernverband populistisch überholt, was selbst schon eine unglaubliche Leistung ist. Dieser religiöse Eifer hat etwas sehr rechthaberisches und artet manchmal schon in Richtung Terror gegenüber “braven” Bauern aus, die sich dem BDM und seinen Aktionen nicht anschließen wollen. Die Eiferer missionieren und argumentieren teilweise schon etwas sektenhaft abgehoben, gefährlich abgehoben, sehen ihren manchmal nicht nur verbalen Ellenbogeneinsatz teilweise als “Notwehr” an. Manchmal hat man den Eindruck, im BDM haben sich die weniger erfolgreichen, aber hoch frustrierten Milcherzeuger zusammengeschlossen, die die Entwicklungen etwas verschlafen haben, und die nun wirklich glauben, im Besitz der der absoluten Wahrheiten und des natürlichen Rechts zu sein.
Man kann den Milchbauern nicht wünschen, dass sie unter die Kartellfuchtel des BDM geraten. Die Straßenblockaden und die Art und Weise, wie bauernschlau diese angezettelt und organisiert wurden, haben gezeigt, was der BDM von Recht und Gesetz hält, wenn dieses nicht in seine Zwecke passt. Soll in Zukunft z.B. jede dissidente Gewerkschaft für seine Zwecke Betriebe blockieren dürfen? Streik oder Liefer-Boykotte sind was anderes als andere zu Streikbrechern zu erklären und deren Eigentum zu zerstören – und die Politik nimmt nicht klar Stellung oder bekundet Sympathie. Das wird sich rächen. Jede Gewerkschaft weiß bis heute, dass sie gegen Streikbrecher nichts unternehmen darf und dass ihre Mitglieder zwar streiken aber nicht gegen das Eigentum der Betriebe oder deren Lieferanten vorgehen dürfen. Das gehört zur Machtbalance in diesem Staat. Der Eifer des BDM gegen die Marktgesetze erinnert in seiner Naivität und Unbelehrbarkeit an einen Kinderkreuzzug gegen die Marktwirtschaft. Das sind auch die Früchte der jahrzehntelagen Desinformationen über die Funktion einer Marktwirtschaft durch die Verantwortlichen für die Landwirtschaft. Der Bauernverband wird hier teilweise von den eigenen Horrorbildern überholt, die er in Schwarz-Weiß jahrzehntelang für die Öffentlichkeit gemalt hat. Auch die Ämter, Kammern und Ministerien taugen nicht als Ort der Aufklärung und Vernunft. Manchmal sind sie zu Bühnen für die Marionetten des Bauernverbandes degradiert worden, zeitweise als Spielwiese grün-alternativer Ideen. Gestandene Vorkämpfer(innen) an der Front gegen antimarktwirtschaftliche Irrungen bei den Bauern und ihre Organisationen findet man da selten, eher etwas sehr flexible “Ruhighalter”.
Milchquoten sind eine legale Form der Maschinenstürmerei
Es herrscht der Anschein, dass manche Parteien nur noch ausloten, wie die öffentliche Sympathie für das vordergründige Anliegen der Milchbauern nach wenigen Cents mehr, der ganze Rummel um den “Milchstreik”, dazu genutzt werden könnte, in diesem Nebel die Gesetze für ein legales Erzeuger-Kartell zurechtbiegen zu könnten. Was da geplant ist, ist im Prinzip eine moderne Maschinenstürmerei und die Herrschaft der Ängstlichen. Alles soll möglichst so bleiben wie es ist, Zeiten und Wandel festgezurrt durch Quoten und Rechte. Das wäre langfristig ein großer Schaden für die deutsche Milchwirtschaft, vom Erzeuger bis zu den Molkereien, denn im Prinzip bestimmt so der Kleinste, Unmodernste und Ungeschickteste den Markt. Die besseren Erzeuger verdienen zwar eine Weile ganz gut, können sich aber nicht mehr, oder nur zu den Bedingungen des Kartells unter der Fuchtel des BDM, entwickeln. Sie werden den Kontakt zum Weltmarkt verlieren, stets in Abhängigkeit von “ihren” Politkern und Verbandsvertretern sein und irgendwann platzt dann das Fortschritt-Verhinderungs-Kartell.
Kartelle lassen sich erfahrungsgemäß nur mit zunehmend dubioseren Mitteln steuern und sind korruptionsanfällig. Die Spanier und Italiener hatten und haben schon bei der Milchquote stets ihre eigenen Ansichten, wie solche Kartelle auszuspielen sind. Sie hatten nie ein Unrechtsbewusstsein mit ihren “Schwarzerzeugungen” in beträchtlichem Umfang, der Betrug in der Milchwirtschaft des Südens ist allgemein bekannt (Link ntv). Wer z.B. die Stimme Italiens in EU-Verhandlungen wollte, musste hier immer beide Augen zudrücken und die Überlieferungen legalisieren (Sonderquoten zustimmen).
Der Milchpreis bis 1984 (Einführung der Milchquote):
Dass ein Erfolg des BDM hinsichtlich der gewünschten “Mengensteuerung” nicht unwahrscheinlich ist, zeigt die jüngere Geschichte des Milchpreises. Was man sich in der BDM jetzt wünscht, ist eine verschärfte Rolle 25 Jahre Rückwärts in das Jahr 1983, als das jetzige Milchquotenmodell verhandelt wurde. Aber wie war das denn damals?
Behagliche oder erstickende Fürsorglichkeit?
Nach dem Krieg, geprägt von den Notzeiten, sollte inEURopa die landwirtschaftliche Produktion so gesteigert werden, dass es nie mehr Lebensmittelmarken geben müsste. Auf den Markt wollte man sich nicht hier nicht überall verlassen. Nach der Gründung der EWG wurden die einzelnen Agrarmärkte der Mitgliedsländer zusammengefügt und Marktordnungssysteme (ab 1968 für Milch) sollten die Produktion steigern, die Märkte “ordnen”, das Einkommen der Bauern sichern, eine “Landflucht” verhindern, die Selbstversorgung sichern. Diese Fürsorglichkeit wurde mit planwirtschaftlichen Methoden für manche Teilmärkte umgesetzt. Diese “Fürsorglichkeit” besteht übrigens als Grundhaltung in den Köpfen der Politik und Verwaltung bis heute weiter. Manche Landwirte haben sich darin eingerichtet. Andere, besonders modernisierungswillige Landwirte, drohen teilweise daran zu ersticken.
Minister machten tatsächlich den Preis
Garantiert hohe Erzeugerpreise für verschiedene Produkte und ein Außenschutz durch Zölle ließ damals die Produktion unerwartet stark ansteigen, teilweise weit über die Selbstversorgungsmarken. Eine Überproduktion als Folge überhöhte Preise lässt sich aber nur durchhalten, wenn die Überschüsse vom unbegrenzt zahlungsfähigen Staat aufgekauft werden oder wenn die Produktion durch “Quoten” im Sinne eines Kartells begrenzt wird. Legendär wurden die Überschüsse, die durch diese überhöhten politischen Preise in den 70er Jahren bis 1984 angehäuft wurden, die “Milchseen” und “Butterberge”. Trotzdem wurden in den ebenfalls legendären “Nachtrunden” der EWG-Agrarminister die Agrarpreise (“Interventionspreise”) immer neu heraufgesetzt. Auch den Milchpreis machten die Minister, darum werden noch heute gerne Minister für Agrar-Preise verantwortlich gemacht. Für die Landwirte war dieses System sehr verlässlich. Es gab keine Marktschwankung nach Unten, alles wurde zu hohen Preisen abgenommen, Investitionen und Zukunftsentscheidungen konnten auf sicherer Basis getroffen werden. Das will der BDM im Prinzip wieder haben, angereichert um ein Mengenbegrenzungssystem, wie es sich die Mafia nicht klüger hätte ausdenken können.
Hohe Preise und nie ein Dank dafür, stattdessen immer neue Forderungen
Obwohl die Milchpreise zu “Interventionszeiten” weit über Weltmarktniveau waren und auch sehr kleinen Betrieben noch ein sicheres Einkommen ermöglichten, war der Preis für die Bauernverbände natürlich immer zu gering, existenzbedrohend, von scharfen Protesten begleitet, mussten in Nachtsitzungen mit angehaltenen Uhren um immer neue Wege zu maximalen Preisen für jedes Land gerungen werden. Selbst wer, im marktwirtschaftlichen Sinn, total überhöhte Milchpreise mildtätig “gerechte Milchpreise” nennen möchte, wird niemals Dank dafür ernten. Es wird immer zu wenig sein. Man beklagte sich damals auch bitter über die jeweiligen Nachbarländer, die dieses oder jenes verhindert hätten. Um die Bauernvertreter zu besänftigen, wurde in dieser Zeit die landwirtschaftliche Sozialversicherung geschaffen und wird seither jährlich vom Staat mit Milliarden subventioniert. Vorher waren Landwirte Selbständigen gleichgestellt und mussten sich zu echten Kosten sozialversichern.
Mengenbegrenzungen erst kurz vor dem Kollaps
Grafik 2: Der EU-Butterberg wurde mit der Milchquote erfolgreich bis 1988 abgebaut.

1986 betrug der Lagerbestand noch 1,4 Mio. t Butter. Pro Kopf werden pro Jahr 6,8 kg Butter im Schnitt verzehrt. Die knapp 1,4 Mio t hätten also für den Jahresverbrauch von 200 Millionen Bürger gereicht. Selbst für die EU ein absurd hoher Wert, zumal Butter verderblich ist.
Die Lagerbestände an Butter und Milchpulver, die der Staat unbegrenzt aufkaufte, nahmen bis 1984 so absurd hohe Ausmaße an, dass immer mehr nach einer Mengenbegrenzung gerufen wurde, denn an die hohen Preise, Ursache der Überproduktion, traute man sich aus Angst vor den Bauernvertretern nicht ran. Mengenbegrenzungsprogramme, wie “Milchrentenprogramme”, “Nichtvermarktungsprämien” und regelmäßig aufgelegte “Abschlachtprämien-Programme” für Kühe, führten aber nur zu JoJo-Effekten in der Produktionsstatistik. Im Nachhinein betrachtet, herrschten chaotische Verhältnisse. Die Produktion überschritt den Inlandsbedarf immer weiter, der subventionierte Verkauf auf dem Weltmarkt führte zu immer größeren Spannungen mit anderen Welthandelsmächten, Billigstverkäufe in die feindliche Sowjetunion zeugten schon von großer Pein. Dies alles geschah von 1969 bis 1983 unter einem FDP-Landwirtschaftsminister, wo man doch meinen sollte, die FDP wäre von Haus aus eher für den freien Handel.
Notbremse “Milchquote” 1984
Mit der “Milchquote” wurde 1984 die Mengen-Notbremse gezogen und jeder Erzeuger für weitere Produktionssteigerungen über seine Menge von 1983 (“Referenzmenge”) hinaus bestraft (“Superabgabe”). Das traf sich nun gut mit dem Wechsel von einer SPD-geführten Regierung auf eine CDU/CSU geführte Regierung. Eine SPD-geführten Regierung hätte das nur schwer durchsetzen können. Jedem Betrieb wurde eine “Referenzmenge”, ein Lieferrecht zugeteilt. Der Zutritt in den Milcherzeugungsmarkt wurde Neuanfängern oder erweiterungswilligen Betreiben versperrt, es sei denn, Sie kaufen von aufgabewilligen Milchviehbetrieben deren Lieferrecht (“Milchquote”). Als man in der Zementindustrie mit einem ähnlichen Plan mal eine “Produktionssteuerung” betrieb, nannte man es Kartell und sperrte die Leute ein.
Die Milchquotenlösung war stets befristet
Diese “Milchquotenregelung” sollte wegen ihres marktwirtschaftsfernen Charakters auf fünf Jahre begrenzt bleiben und zu mehr Marktwirtschaft, man nannte es “aktive Preispolitik”, führen. Teilweise nur sehr kurz vor dem Auslaufen der stets befristeten Gesetze wurde die “Milchquotenregelung” in schwierigen Kompromissen immer wieder verlängert (1992, 2000, dann bis 2008, nun endgültig bis 2015), denn man schaffte die Ziele nicht alle gleich gut. Das konnte man auch nicht, denn man gab zu oft den Druck der Bauern nach und gewährte viele Ausnahmen und Zusatz-Lieferrechte (man nannte es den “Bauchladen”) und schaffte so lange kein Marktgleichgewicht auf dem abgeschotteten EU-Milchmarkt. Nun soll 2015 definitiv das Ende der Milchquote kommen. Das wäre das Ende einer dann 31-jährigen “Übergangslösung”. Dieses Ende ist nun der Anlass, prompt weitere Übergangslösungen zum Ende der Übergangslösung Milchquote zu fordern. Man schreckt vor keiner Peinlichkeit zurück.
Übergangslösungen (sprich Geld) für das Ende der Übergangslösung Milchquote
Um eine “weiche Landung” für den Ausstieg aus Milchquote zu ermöglichen, wurde flugs ein “Milchfonds” erfunden, der zeitlich möglichst unbegrenzt und finanziell möglichst üppig, vielerlei Hilfen gewähren müsse, um die Umstellungen von der plötzlichen Umstellung, keine Verlängerung der Milchquote mehr zu gewähren, verkraftbar zu machen. Das sei nun auch eine Frage des “Vertrauensschutzes” und der “Verlässlichkeit”, auch wenn es nie eine Garantie gab, dass die Milchquote für immer bleibt, ganz im Gegenteil, sie hätte nach den Absichten der Erfinder schon längst tot sein sollen. Irgendwie lassen sich aber Hilfen immer begründen, notfalls mit dem Gegenteil oder mit Absurditäten.
Potemkinsche Elends-Kulissen
Falls den Standesvertretern und ihren Helfern in der Politik der Zustand eines Potemkinsches Dorfes als Grundlage für Hilfeforderungen nicht erfolgversprechend erscheint, ist schnell ein passendes neu gezimmert. Dabei werden, entgegen der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes, Katastrophen-Kulissen vor die eigentlich recht stattlichen Höfe und die Situation der Inhaber geschoben. Sehr gerne wird das Potemkinsche Dorf mit “notleidenden Bauern und ruinierten Höfen” genommen. In der Wirklichkeit kaum zu finden. Die Insolvenzstatistik kennt so gut wie keine bankrotten Bauernhöfe. Das Modell “Landschaft ohne Bauern” wird auch gern genommen, dabei herrschen bei uns die beinahe günstigsten und wettbewerbsfähigsten natürlichen Produktionsbedingungen der Welt. Landwirtschaft wird sich hier immer lohnen, wenn sie nicht von der Politik erstickt wird.
Die Mär vom “Höfesterben”
Aus dem Propaganda-Baukasten mit dem Potemkinschen Dörfern wird das Modell “Höfesterben” nicht mehr so gern genommen. Zu viele wissen, dass Betriebsaufgaben in der Landwirtschaft, das sind durchaus noch viele, 1965 gab es 221.559 Bauernhöfe in Niedersachsen 2005 waren es 53.146, in der Regel relativ vernünftig und verlaufen und zumindest bei den Milchviehbetrieben oft mit einem dicken Plus durch den Verkauf der Quotenrechte verbunden ist. Die Höfe weichen nicht finsteren Mächten, sondern bessere, rationellere Betriebe übernehmen die Flächen und Ressourcen, wie überall in der Marktwirtschaft bei begrenzten Märkten, Standardprodukten und technischem Fortschritt. Die Höfe werden heute meist im Rahmen des Generationswechsels geregelt aufgegeben, wenn sich die Jugend keinen ausreichenden Lebensstandard mehr davon verspricht, andere Berufe bevorzugt und hohe Investitionen anstehen, für die der Betrieb zu wenig Eigenflächen oder Perspektiven hat. Der häufig und gern erweckte Eindruck, dies alles geschehe fast immer so kurz vor dem Bankrott, ist falsch. Das Gegenteil ist eher zutreffend. Die Bauern wissen in der Regel, wann sich der Hof nicht mehr rechnet und wann die Einnahmen aus der Verpachtung der Eigentumsflächen lohnender wird als ein Weitermachen.
Höfe-Neugründungswelle statt Höfe-”Sterben”
Es gibt nicht nur kein “Höfesterben”, im Gegenteil, es gibt eine “Neugründungswelle”. Die aus der allgemeinen Wirtschaft bekannte Form der Produktionsausweitung durch die Gründung von “Tochterunternehmen” gibt es auch in erfolgreichen Bauernhöfen. Mehr als 1500 Landwirte aus Niedersachsen sind z.B. an mehr als einem landwirtschaftlichen Betrieb beteiligt. Besonders viehhaltende Betriebe spezialisieren sich so sehr und erfolgreich, dass einzelne Betriebszweige dabei sehr groß und eigenständig werden, sie ausgelagert, “selbständig” gemacht, in eine eigene Rechtsform gepackt werden. Das sind immer öfter auch “Servicebetriebe”, Dienstleister für andere Betriebe (Lohnunternehmer mit großem oder sehr spezialisiertem Maschinenpark). Betriebswirtschaftliche Zwänge erfordern die Spezialisierung auf möglichst wenige Produkte pro Betrieb, große Einheiten, Einkauf von Fremdleistungen, hohe Produktionsmengen.
“Outsourcing”, landwirtschaftlich ein alter Hut
Durch Outsourcing spezialisieren sich die Betriebe innerhalb eines Produktionszweiges weiter. Die modernen englischen Begriffe aus dem betriebswirtschaftlichen Baukasten der Globalisierung mögen für viele im Zusammenhang mit Landwirtschaft etwas komisch klingen. Der Öffentlichkeit wird gerne vorgegaukelt, die Landwirtschaft sei marktwirtschaftlich nicht so ganz auf der Höhe der Zeit, hier ginge alles langsamer. Das ist falsch, in der Landwirtschaft laufen die selben Prozesse im Rahmen der Globalisierung ab, wie in der restlichen Wirtschaft auch, regional und von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich erfolgreich. Es werden vermehrt Produkte und Dienstleistungen zugekauft oder über Beteiligungen/GbRs (Personengesellschaften, selten Kapitalgesellschaften wie GmbHs, AGs oa.) organisiert.
Auf der Höhe der Zeit, wenn auch stark belastet von der Politik
Die Zahl der GbRs in der Landwirtschaft steigt, nicht nur durch Zusammenschlüsse kleinerer Betriebe oder um die Molkerei leichter wechseln zu können. Im Bereich der Milchviehhaltung wurde mit dem technischen und baulichen Fortschritt innerhalb vieler Jahre z.B. die Aufstockung von z.B. 40 Kühen auf 100 gut geschafft. Es wird auch die Aufstockung von 100 Kühen auf 250 gelingen, wenn die “Struktur-Handbremse” Quote gelockert wird. Eine junge/ein junger Milchviehhalter/In lässt sich von der Vorstellung, 250 Kühe im Stall zu haben, heute nicht mehr schrecken. Mit dem klassischen Betriebsmodell, wo fast alle Arbeiten selbst erledigt wurden, ist das nicht zu schaffen. Hier werden weiter Arbeiten auf die sich gut entwickelnden Servicebetriebe (“Lohnunternehmer”) verlagert werden, was ja in der Futterbergung schon sehr weit geschehen ist und/oder es wird mit Fremdarbeitskräften gearbeitet werden müssen. Neben der Futterbergung werden wohl im Bereich der Fütterung und Tier- bzw. Tierplatzpflege neue Arbeitsplätze bei den Servicebetrieben entstehen oder GbR-Modelle weiterentwickelt werden. So sind die Dinge heute in den Landwirtschaft wirklich, hinter den Potemkinschen Kulissen der Verbände, Politiker und der grün angehauchten “Political Correctnes”.
Maschinenstürmer aus Bayern wollen Zeit anhalten
Diese Modernisierung ist insbesondere den Maschinenstürmern aus Bayern ein Dorn im Auge. Der süddeutsche Raum kann deswegen momentan schwerer konkurrieren, weil er zu kleinräumig geblieben ist, weil zu viele Hilfen zum Erhalt zu kleiner Höfe gezahlt wurden, weil man aus Angst vor den Bauern die “Flurbereinigungen” seit Jahrzehnten nicht im notwendigen Umfang gefordert hat und nun zu viele Kleinstflächen rumliegen, die langfristig niemand rationell (mit Maschinen) bewirtschaften kann. Frei nach dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel, der in seiner Regierungserklärung im Dezember 1962 verkündete: “Jeder, der in Bayern Bauer bleiben will, soll Bauer bleiben können und wenn er nur 20 Tagwerk (6,7 ha) hat.” Das ist das Leitmotiv für die deutsche Landwirtschaftspolitik seit 50 Jahren, auch wenn die “Tagwerkgrenze” stillschweigend doch immer heraufgesetzt wurde. Im Grunde genommen war das ein Aufruf zur Maschinenstürmerei. Wenn man aus der Landwirtschaft eine ländliche Folkloreveranstaltung machen will, kann man es so lassen wie früher. Dann muss man die Landwirte als Landschaftsbildbewahrer o.a. bezahlen, was ja durchaus auch von den Verbänden mit angestrebt wird.
Romantik erschwert Landwirtschaft
Das Landschaftsbild eines Caspar David Friedrich, das von den landwirtschaftlichen Produktionsbedingung im Zeitalter der Romantik geformt wurde, wird dabei gern als Ideal verklärt und findet eine breite politische Zustimmung der Gutmenschen. Dabei haben die Produktionsbedingungen jedes Zeitalters die Landschaftsformen geprägt, nicht umgekehrt. Welcher Idiot will sich denn heute noch so plagen wie früher? Eine moderne Landwirtschaft kann nicht auf den Feldwegen und den Kleinstflächen der Romantik betrieben werden, es sei denn, man zahlt romantische Preise dafür, verabschiedet sich von einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft und hält Landwirte als staatliche Landschaftskonservatoren für Bauernlandschaften aus historischen Gemälden. Von der Natur aus ist unser Raum einer der besten, konkurrenzfähigsten Milchstandorte der Welt.
Die Milch wandert zu den besten Erzeugern, egal wo sie sind
Eindeutig ist, dass die Milch aus Gebieten mit Strukturdefiziten (kleine Felder, kleine Betriebe, zu lange und zu hohe Förderung in nicht wettbewerbsfähige Strukturen, zu viele Nebenerwerbler, zu hoher Anteil von Anbindeställen, zu wenig effektive Service-Betriebe “Lohnunternehmer”) des Süd-Westens, Frankens und der “Mitte” abwandert, weiter abwandern wird. Was die Betriebe im Süden besser gehalten hat als jede verklärte Landwirtschaftspolitik, sind die gut zahlenden privaten Molkereien, die im Norden dringend gebraucht würden.
Die beste Landwirtschaft der Welt, Deutschland ist prädestiniert dafür
Wir hätten die wettbewerbsfähigste Landwirtschaft der Welt, die fleißigsten Landwirte haben wir schon, wenn die Fesseln der Subventionen nicht wären, was immer mehr Landwirte erkennen. Die Politik müsste sich auf die rechtlichen Rahmenbedingungen beschränken, wobei in süddeutschen Ländern noch besonders viel zu tun wäre. Es ist z.B. noch kein deutscher Bauer zu den angeblich besseren Produktionsbedingungen in die Niederlande gezogen, aber viele Niederländer hierher zu den angeblich so desaströsen Produktionsbedingung.
Gibt es gute und böse Molkereien?
Die Kalkulation der Erzeuger- und Verbrauchermilchpreise war auch für die Molkereien bis zur Einführung der Milchquote 1984 eine einfache Sache. Beschlossen die Agrarminister eine Anhebung der Interventionspreise (de facto: “Mindestpreise”), mussten die Hauptprodukte der Molkereien, damals Butter und Trinkmilch, eben im entsprechenden Verhältnis steigen. Viele Molkereien, ganz überwiegend Genossenschaften im Besitz der Bauern selbst, standen damals noch in der Tradition der teilweise kommunalen Milchhöfe und betrachteten sich mehr als Versorgungsunternehmen. Ca. 66 Prozent der Milch wird noch heute von Genossenschaften im Besitz der Erzeuger verarbeitet und verkauft (Angabe Raiffeisenverband), die Erzeuger streiken also hauptsächlich gegen eigene Unternehmen.
Je weniger Einfluss die Landwirte auf die Molkereien haben, umso höher ist der monatlich schwankende Milchpreis
In Bayern, wo besonders viele erfolgreiche Privatmolkereinen sind und der Genossenschaftsanteil am Milchmarkt nur ca. 50 Prozent beträgt, ist der Milchpreis für die Bauern höher als im genossenschaftlich stärker organisierten Norden. Die Genossenschaften waren im Schnitt weniger erfolgreich auf dem Markt der Milch-Modeprodukte als die beweglicheren Privatmolkereien, beschränkten sich vor 1984 mehr auf die “sichere”, einfache und damals sehr lohnende Produktion von Standardprodukten und den Verkauf über die Staatsintervention.
Grafik 3: Durchschnittlicher Milchpreis in Bayern und Niedersachsen seit 2005

Für einen regional gerechten Milchpreis wäre es evtl. nach der Ideologie der “Gerechten” z.B. auch nicht schlecht, wenn einige von den erfolgreichen, gut zahlenden bayerischen Privatmolkereien nach Norden ziehen würden, wo die Milcherzeugung noch wächst.
Festpreise für angelieferte Milch machbar, aber nur auf Kosten der Erzeuger möglich
Die immer noch marktdominierenden Molkereigenossenschaften im Eigentum der Bauern zahlten und zahlen den Lieferanten aus den monatlichen Überschüssen einen Milchpreis aus. Blieb am Ende des Jahres noch etwas übrig, gab es Sonderzahlungen. Da in den einzelnen Monaten unterschiedliche Milchmengen angeliefert werden und man in “Überschussmonaten” weniger profitable Dauerprodukte für das Lager produzierte, schwankt seither der Milchpreis von Monat zu Monat. Das lässt sich natürlich wieder wunderbar verdrehen: “Die armen Milchbauern liefern jeden Monat Milch ab und erst am Monatsende erfahren sie, wie viel sie für ihre Lieferungen bekommen. Sie sind die Leibeigenen der Molkereien, ihrer Willkür ausgesetzt, etc”.
Grafik 4: Monatliche Schwankungen des Erzeuger-Milchpreises und der Anlieferungsmengen seit 91:

Im Frühjahr gibt es mehr Milch, im Herbst weniger.
Es wäre nicht schwer für die Molkereien, dieses traditionelle Bezahlungssystem abzuschaffen und den Lieferanten einen monatlichen Festpreis zu geben. Der muss dann eben nur viel kalkulatorische “Luft” für die Molkereien enthalten. Falls die Molkereien jahreszeitlich zu viel Milch geliefert bekommen (sind vertraglich verpflichtet alle Milch aufzunehmen, ebenso wie die Bauern zu Lieferung verpflichtet wären) und diese in weniger profitable Standardprodukte umwandeln müssen, muss das abgedeckt werden.
Problemprodukt Butter
Milchfett ist etwas “out” beim Verbraucher, Milcheiweiß dagegen “in”. An den Milchprodukten in den bunten Bechern und Folien ist mehr verdient als z.B. an der Butter. Es dürfte kaum eine deutsche Molkerei geben, die an Butter noch was verdient. 1983 haben 250g Butter 1,36 EUR = 2,66 DM gekostet. Bei einem inflationsbereinigten Preisniveau von 1983 müssten 250g Butter heute ca 2,00EURo im Laden kosten (“Inflation” ca. 2% pro Jahr). Über den Butterpreis im Laden werden heute eher die Überschüsse “beseitigt”. Die staatlichen Interventionsbedingungen für Butter wurden seit 1984 so verschlechtert, dass man de facto von einer Abschaffung der staatlichen Preisgarantie sprechen kann.
Privatmolkereien nützen den Bauern
Es gibt heute einige Privatmolkereien, die durch eine klügere Produktion und Vermarktung sehr groß geworden sind, die nun auch an der Misere mit schuld sein sollen. Aber ohne diese Privatmolkereien wären vermutlich solche Dinge wie: Joghurt mit Frucht, Leicht-Käse, Milchreis und “Sahne-Kefir” in Deutschland noch sehr exotisch, der Milchkonsum deshalb geringer und die Misere der Milcherzeuger weit größer. Die Privatmolkereien haben, langfristig gesehen, den Milchpreis eher gestützt, den Konsum mehr gefördert als die Milch-Genossenschaften, passen aber natürlich mehr ins Feindbild vom bösen “Multi”, der die armen Bauern knechtet.
Situation heute, nach 24 Jahren Milchquote
1) Milchpreise stagnierten seit 1984
Wenn die Erzeuger-Milchpreise auf ein inflationsbereinigtes Niveau von 1983 ansteigen sollten, wären das heute ca. 50 Cents pro Kilogramm Milch (z.B, Wirtschaftsjahr 83/84 33 Cents =64,4 Pf. je kg bei tats. Fettgehalt, netto, ab Hof). Davon sind wir weit entfernt. Nicht einmal der BDM fordert einen so hohen Milchpreis (noch nicht). Tatsächlich ist der Milchpreis für die Bauern seit Einführung der Milchquote 1984 bis zum Sommer 2007 in Etappen und mit Schwankungen eher leicht gefallen. Der EU-Milchpreis ist inzwischen so niedrig, dass ihn der Weltmarkt-Milchpreis im Sommer 2007 eingeholt hatte und für einen Schub der Milchpreise gesorgt hat.
Grafik5: Milchpreisentwicklung (Erzeuger und Verbraucher) nach der Quotenregelung 1984

Quelle: amtliche Preisstatistiken,
2) Was hat die erneuerungswilligen Milchbauern die Milchquote seit 1984 gekostet?
Seit Einführung der Milchquote haben erneuerungswillige Landwirte ca. 10 Mrd.EURo (10 Mrd.EURo = 10 000 000 000EURo) dafür gezahlt, die Milchquoten ihrer Nachbarn aufzukaufen, um in diesen Kartellsystem mehr Milch produzieren zu dürfen, rationeller arbeiten zu dürfen, den züchterischen und technischen Fortschritt nutzen zu dürfen. Nach der reinen marktwirtschaftlichen Lehre waren das 10 Mrd. EUR Kartellabgaben. Trotz dieser immensen Summe haben wir in Deutschland immer noch im Schnitt zu kleine, von Steuerzahler abhängige Betriebe (1984 im Schnitt 15 Kühe pro Betrieb nun 38), aber mehr konnten die aktiven Milchviehhalter nicht aufbringen. Die Quote hat auch Fortschritt gekostet, wirkte wie eine “Maschinensteuer”. Dabei haben erneuerungswillige Landwirte stets auch um die frei werdenden Flächen mit hohen Pachtpreisen konkurriert. Gäbe es nur Verluste, wie immer gesagt, wäre das seit Jahrzehnten nicht möglich. 2005 bezifferte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Dr. Gerald Thalheim, die Summe, die die aktiven Landwirte seit 1984 für den Quotentransfer ausgegeben haben, auf einen Betrag zwischen 8 und 10 MilliardenEURo. 2005 gab es noch 110000 Milchviehbetriebe, davon 47500 mit mehr als 30 Kühen. Die Dimension dieser Beträge wird nur verständlich, wenn man sie auf konkrete Betriebe umlegt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass “Wachstumsbetriebe” in der Quotenzeit 100000 EUR bis 0,5 Mill. EUR für den Erwerb von Milchquoten bezahlt haben. Die Dummen in diesem System waren die Fleißigen, die Bevorteilten die “Sofamelker” (die ihre Milchquote vermietet hatten), die Beamten mit der Verwaltung derselben, die Verbände und Politik, die ständig Hilfen und Aufklärung für die von ihr verursachten Missstände versprach.
3) Der BDM hat sich neben dem Bauernverband entwickelt
Besonders mit Quotenpachtungen (oft war nicht anders an Quoten zu kommen) wurden ungewollt Abhängigkeitsverhältnisse geschaffen, die das aus einer vergangen Zeit, als die Landwirte in der Regel noch mehr Eigentumsflächen als Pachtflächen hatten, stammende Ideal der Einheit der Berufsgruppe extrem schwächten. Die Milchquote belohnt den bloßen Besitz auf Kosten der Arbeit, was volkswirtschaftlich wenig produktiv ist. Es kam zunehmend zu Konflikten zwischen Pächtern und Eigentümern. Das ist auch Grund für die “Abspaltung” des BDM aus dem Fleisch des Bauernverbandes. Im BDM sind überwiegend aktive Milchviehhalter organisiert, während der Bauernverband auch die Interessen der Quoteninhaber und Verpächter im Auge hat. Um die Interessen beider Gruppierungen zu bedienen, braucht es immer einen Dritten, den Verbraucher oder die Politik, so bleibt für die aktiven Erzeuger und die Quoteninhaber, bzw. Landverpächter immer noch was übrig. Mehr als die Hälfte der Landwirtschaftlichen Fläche ist heute nicht mehr im Besitz der wachsenden, wirtschaftenden Betriebe, sondern Pachtland in der Hand ehemaliger Landwirten (kann auch schon 2 Generationen zurück liegen), auch im Westen.
Es wurden zum Teil für die aktiven Erzeuger sehr ungünstige Vereinbarungen mit den Quotenbesitzern getroffen (Quotenpacht etc.), die die Kosten überdimensional steigen ließen und in einem marktwirtschaftlichen System geradezu absurde, feudale, auf Dauer unhaltbare Abhängigkeitsverhältnisse der aktiven Betriebe von den Quotenbesitzern schuf. Niemand hatte damit gerechnet, dass die Lieferrechte (Quoten) so teuer und begehrt werden, dass an der Milch überhaupt so verdient werden kann, um solche Summen zu zahlen. “An der Milch ist nichts verdient” stand und steht auf dem Brett vor den Augen. Zumindest was die Quotenverkäufer/Quotenverlaeser etc. betrifft, kann es in dem Punkt seit 24 Jahren nicht stimmen. Allerdings ist es meist so, dass die erweiterungswilligen Betriebe, die aus betriebswirtschaftlichen Zwängen erweitern mussten, wenn sie auf den Stand der Technik bleiben und die Stückkosten drücken wollten, nur mit sehr viel Fleiß und Konsumverzicht die Mittel für die Erweitungen (Laufställe, Quote, Pachtungen etc.) aufgebracht haben. Sie mussten dann einen Großteil der Erweiterungs-Rendite an die Quotenbesitzer abtreten. Sie haben damit auch für falsch dargestellte, evtl. manchmal bewusst falsch dargestellte, Verhältnisse in der Landwirtschaft den Preis bezahlt. Das Bremsen des Strukturwandels bedeutet auch, dass man erweiterungswilligen Zukunfts-Betrieben die Expansion verteuert, die finanzielle “Selbständigkeit” der Landwirte eines Gebietes schwach und die Abhängigkeiten von Politik und Verbänden hoch hält.
4) Hohe Quotenkosten haben auch eine selektive Wirkung gehabt
Es ist erstaunlich, wie viele Betriebe die niedrigen Milchpreise so lange Jahre durchhalten konnten, dazu noch ca. 5 Cents pro kg Quotenkosten getragen haben und bis zu 5 Cents (z.B. 8000 kg Milch pro ha und 400 EUR Pacht pro ha) Pachtkosten in den Hochpreis-Pachtgebieten, und teilweise noch groß expandierten, über lange Jahre expandierte. Wenn man EU-bedingte Quotenkosten und das wegen durchgereichter Flächensubventionen u.a. überhöhte Pachtpreisniveau abzieht, kommt das der Produktion zu Weltmarkt-Preisen immer näher. Diese Betriebe haben langfristig mehr Nachtteile durch die staatliche “Fürsorge” als Vorteile, weil sie durch die damit verbundene Gängelung von ihrer Arbeit abgehalten oder durch “Nebenwirkungen” der “Subventionen” diese im Endeffekt selbst erwirtschaften müssen. Wenn man in Bayern zum Gamserl am Hut ein Bretterl vorm Hirn trägt, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen auch mit solchen Sehhilfen rumlaufen.
5) Absurde Quote: reiche Bauern bekamen Geld von armen Bauern
Bei Einführung der Quote befürchtete man, dass die reicheren Bauern auf den guten Böden den ärmeren Bauern auf den schlechten Böden die lohnende Milchproduktion entreißen könnten, darum band man die Quote eng an den Boden. Das war völlig falsch eingeschätzt. Die Bauern auf den besseren Böden wollten sich in der Realität lieber auf den Ackerbau spezialisieren und sich nicht 365 Tage im Jahr, jeden Tag zwei mal, unter die Kühe begeben. Sie wollten die Milch eher los werden. In den benachteiligten Gebieten war sie heiß begehrt, denn oft kann das Land nicht anders genutzt werden. Die Bauern in den benachteiligten Gebieten mussten Geld für Quoten in die besten Ackerbaustandorte zahlen, wenn sie bei der Milcherzeugung wettbewerbsfähig bleiben/werden wollten. Kleinbetriebe in manchen Vieh-Regionen mussten wohlhabenderen Betrieben auf den besten Böden viel Geld für deren “Staatsgeschenk” Quote überweisen. Wir haben heute schon viele “milchfreie” Gebiete in guten Ackerbaustandorten. Dass in “benachteiligten” Gebieten teilweise deutlich mehr Pacht gezahlt werden muss als in guten Lagen, passt nicht in die PR von der Landwirtschaft, ebenso die tatsächlichen Pachthöhen. Klischees werden sofort aufgegeben und ein völlig anderes Bild gezeichnet, wenn ein Landwirt zum Verpächter wird oder manchmal auch, wenn es um Hofübergaben geht. Die preistreibendsten Verpächter sind in der Regel die aktiven und noch vor kurzem aktiven Landwirte selbst, die noch Monate vorher stets das Lied von der notleidenden Landwirtschaft sangen. Die “Förderungen” der Landwirtschaft sind in der Praxis oft Durchreicheposten in das Pachtkonto. So wird aus der Förderung der Landwirtschaft eine Förderung des landw. Besitzes/Lieferrechte zu Lasten/Nachteil der Betriebe mit weniger Eigenbesitz. Man fördert Besitz auf Kosten der Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit.
6) Was wurde mit Subventionen in der Landwirtschaft wirklich erreicht?
Die ganzen Unsummen an Subventionen in die Landwirtschaft haben bisher nur dazu geführt, dass das, was sowieso kommt (Markt, Strukturen, Aufgabe der Kleinbetriebe, etc.), nur etwas verzögert wird und bestimmte Parteien und Verbände damit ihre Mitglieder in Abhängigkeit und Angst und bei der Stange halten. Zählt man die nationalen und EU-Ausgaben über die Jahre zusammen, ist man in Bereicht von Billionen. Was wurde mit dem Geld geschaffen? Nichts wurde damit geschaffen. Nur die Zeit etwas aufgehalten und ein Mitglieder- und Wählermillieu gehegt. Oder hat je eine Subvention den Schwund der Kleinbetriebe wirklich aufgehalten? Ohne Subventionen hätten wir die leistungsfähigste Landwirtschaft der Welt, die besten und fleißigsten Landwirte haben wir dafür. Die Subventionen dienen der Pflege eines Wähler- und Mitglieder-Biotops, nicht dazu, die aktiven, besonders die jungen Landwirte, wettbewerbsfähiger zu machen, denn dazu müssten die sich kostengünstiger erweitern können.
7) Kleine Milchmarktkunde ab Sommer 2007
Im Sommer 2007 waren die Lager des Staates und der Molkereien leer. Sogar die amerikanischen Milchpulverlager waren geräumt. Da kam ein relativ geringer Nachfrageschub aus Asien. Dort war der Milchpulverpreis so stark gestiegen, dass er unser Niveau erreichte. Für die Molkereien lohnte es sich endlich mal wieder, Milchpulver zu exportieren. Bei leeren Lagern und steigender Nachfrage konnten die Molkereien, insbesondere in Norddeutschland, höhere Preise beim Handel durchsetzen (nach dem Motto: “entweder ihr zahlt mehr oder wir machen mehr Milchpulver und exportieren es”). Die höheren Preise wurden vom Handel an die Endverbraucher weitergegeben. Das Milchgeld für die Milcherzeuger stieg ebenfalls. Manche hielten das schon für die große Wende am Milchmarkt (“Nie mehr so billig wie bisher”).
Nach den Preissteigerung im Sommer 2007 passierte Folgendes:
1) Die Kunden kauften weniger Milchprodukte, bzw. Produkte von billigeren Anbietern. Sogar der Käse-Konsum, der bisher stetig stieg, ging leicht zurück.
2) die Nahrungsmittel-Industrie ersetzte das teurere Milchpulver langsam teilweise aus ihren Rezepturen.
3) Die ausländische Nachfrage verhielt sich ähnlich und nun fiel der internationale Milchpulver-Preis wieder unter unser Preisniveau. Die Amerikaner können wegen des billigeren Dollars aber weiter in die Defizit-Regionen der Welt liefern.
4) Die Bauern lieferten wegen des besseren Milchgeldes wesentlich mehr Milch an die Molkereien, wobei doch von den Preissteigerungen kaum was bei ihnen hängen geblieben sein sollte (“Kostensteigerungen haben alles aufgefressen”).
Die Nachfrage sank also und das Angebot stieg. Bald gingen die Molkereien mit ihren Mengen, die sie nicht mehr verkaufen konnten, hausieren. Aus der Not machten sie aus den Übermengen zuerst mehr Butter, der Butterpreis fiel zuerst. Der Handel nimmt aber nur mehr Mengen ab, wenn er auch mehr verkaufen kann, wenn er wieder billiger anbieten kann. Die Nahrungsmittelindustrie ändert ungern ständig die Rezepturen lässt auch aus einer gewissen Verärgerung als guter Kunde die Molkereien selbst mit ihrem billigeren Milchpulver auflaufen.
Nun sanken die Milchpreise. Sie würden nur dann hoch bleiben, wenn bei höheren Preisen auch weniger produziert würde, von allen Erzeuger in der EU. Dazu müssten alle weniger produzieren oder mehr Milchbauern aufgeben. Wenn alle Milchbauern weniger produzieren würden, wären die Preise hoch geblieben, ganz ohne Milch-Streik. Es liegt deshalb ein Stück Heuchelei im Milchstreik. Man kann auch gegen sich selber streiken oder dagegen, dass Verbraucher weniger kaufen, wenn etwas teurer wird. Wenn nicht weniger produziert wird, greift wieder der Markt, der Milchpreis sinkt und das drängt über das geringere Milchgeld die Anbieter mit den höchsten Erzeugungskosten raus. Wer boykottiert und dann glaubt, bei den dann evtl. höheren Preisen mehr erzeugen zu können, beginnt das Spiel wieder von vorne. Wer hohe Erzeugungskosten für Milch hat, sollte die aktuellen Milch-Quotenpreise, die andere Erzeuger zu zahlen bereit sind, um mehr produzieren zu dürfen, nutzen und jetzt aussteigen. Jetzt bekommt er noch was dafür, 2015 läuft die Milchquotenregelung aus. Das mag jetzt eiskalt klingen, aber fragen Sie mal bei denen nach, die ausgestiegen sind, ob sie es nach fünf Jahren noch bereuen.
Nach dem Bauernverband waren die Preissteigerungen im Sommer auch auf die erfolgreichen Gespräche ihres Präsidenten mit Industrie und Handel und auf die Kampagne “Lebensmittel sind mehr wert” zurückzuführen. Der BDM proklamierte den Anstieg der Milchpreise als seinen Erfolg und führte das auf ein vorauseilendes Einknicken der Molkereien auf seinen angedrohten Milchstreik im Herbst 2007 zurück, falls die Molkereien nicht bis Herbst 40, bzw. 43 Cents pro kg Milch bezahlen würden. Dieser Realitätsverlust wird nur noch durch den kürzlichen Ausspruch des BDM-Vorsitzenden getopt: “Milch ist Macht und die Milch haben wir!” Lebensnotwendig ist Milch nur für Kälber, ob das alles so klar ist?
“Raubtierkapitalismus in Reinkultur”
Die ab Weihnachten 2007 wieder sinkenden Milchpreise brachten nun die Bauernvertreter in Rage und verbal teilweise hinter die Linkspartei. Die deutsche Volksseele braucht anscheinend immer einen Schuldigen, den man verbrennen kann. Das waren mal Hexen, die durch Zauberei Unglück in den Stall brachten oder die Ernte verdarben. 1933 waren es die jüdischen Landhändler, Börsenspekulanten etc. Nachdem die alle tot sind, können die es nicht sein. Da müssen halt andere Sündenböcke her. Heuschrecken, Multis, Raubtierkapitalisten, Oligopolisten, Milch-Mafia, Handelsketten, etc. Wie eine Marktwirtschaft funktioniert, ist heute, wie 1933 relativ unbekannt, unserem Schulsystem und den meist ebenso weltfremden Lehrern sei Dank.
Wenn BDM-Mitglieder über eine reduzierte Liefermenge (z.B. Milchboykott) höhere Preise durchsetzen wollen, so müssen sie das tun, wenn das denn so geht. Das ist dann völlig selbstverständlich, das ist in einer Marktwirtschaft so. Wenn es dann höhere Milchpreise gibt, ist das marktwirtschaftlich auch völlig o.k. Wenn die Verbraucher dann Produkte aus Tschechien etc. kaufen (wie sie es mit Fernsehern, Unterhaltungselektronik, Fotokameras, Büromaschinen, Medizin, Hausgeräte, Textilien – alles ehedem starke deutsche Industriezweige gemacht haben), ist das ebenfalls o.k. Wer dieses marktwirtschaftliche System nicht will, soll sich doch ein anderes wählen. Wenn Arbeiter für höhere Löhne streiken und diese bekommen, ist das o.k. Wenn die Firmen dann abwandern, auch. So spielen sich die Gleichgewichte ein. Etwas geht in dem System immer. Sündenböcke zu suchen oder Moralkeulen zu schwingen, vergiftet das Klima, mehr nicht. Es fehlt hier ein klärendes Gewitter.
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Photo (Aktion in Mailand/Italien): marcoPapale.com, Lizenz: cc creative commons 2.0 – Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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