Der Stürmer schießt, doch der Abwehrwall hält stand. Der Angriff bleibt in der Verteidigung stecken. Der Strafraum wird belagert. Das feindliche Tor steht nach einem Flankenangriff unter Trommelfeuer. Der Mittelstürmer bombt vom Sechzehner, doch der Torwart wirft sich in die Schusslinie. Nun geht der Gegner mit einer neuen Strategie in die Offensive. Eine abgefeuerte Granate wird noch abgewehrt, doch dann schlägt das Geschoss ein. Schlachtenbummler mit Kriegsbemalung im Gesicht feiern den Sieg.
Fußball und Krieg sind entfernte Verwandte. Fußball ist der brave Enkel des Krieges. Beiden wird oft in hymnisch- religiösen Tönen gehuldigt. Fußball ist eine Abstraktion des Krieges, daher ist der Kampf um das runde Leder auch zur beliebtesten Sportart der Welt geworden.
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Fußball ist ein Pseudokrieg, der alten Gesetzen der Dramatik folgt und durch ein relativ einfaches Regelwerk gezähmt erscheint. Mit den erzielten Treffern ergibt sich bei jeder Meisterschaft unweigerlich eine Rangordnung, wobei Tabellen und Ranking in allen Bereichen der Gesellschaft anzutreffen sind. Der herrschende Sozialdarwinismus unterwirft im Ranking alle Produkte und Aspekte dem Schema von Auf- und Absteigern. Heute regieren Tabellen oder “Rankings” das ganze Dasein. Einer muss siegen, der andere muss verlieren. Auf- und Absteiger kollidieren nicht nur auf dem grünen Rasen sondern in allen Ecken und Enden der Gesellschaft, die nicht mehr sein kann, ohne nicht “gerankt” zu werden und ohne Sieger und Verlierer festzustellen. Daher wird der Fußball besonders genau in Tabellen, Ligen und Ranglisten eingebettet.
Fußball war in Deutschland und Österreich von 1945 bis 1990 einer der wenigen Orte, an dem eine kollektive Identifizierung mit der Nation offen ausgesprochen und auch gelebt werden konnte. Der Bezug auf diese Nation im zivilen und politischen Leben war wegen vergangenen Lasten ein Tabu. Doch mit Emphase wurde man damals aufgefordert, den Helden des grünen Rasens die Daumen zu drücken und ihre Siege zu feiern. Im Fußball konnte politisch korrekter Nationalismus ausgelebt werden. Ob mit Worten oder Schienbeintritten, es war sogar ein wenig kontrollierte Aggressivität gestattet. Obwohl der Fußball heute entnationalisiert worden ist, wird das runde Leder von den Rängen immer stärker in nationale Geiselhaft genommen. Fanklubs tragen mit Wannseefront, Zyklon B oder Endsieg provokative Namen. Auf der Tribüne werden Hakenkreuzfahnen geschwenkt. Arme werden massenhaft zum römischen Gruß gereckt. Die Fans halten Transparente mit schlimmen Slogans hoch. Man beschmiert den eigenen Körper mit den Farben der Flagge. Die Stimmung ist rauschhaft. Das Individuum auf den Rängen geht in der Masse der Gleichgesinnten auf. Das kriegerische Potential bricht hervor. Der Philosoph Gilles Deleuze spricht vom Fußball als einer Quelle “unerschöpflicher Rivalität, da sie die Spaltung zum Prinzip hat.”
Der Fußball hat als Geschoss der Globalisierung seine Flugbahn verändert. Für die jeweiligen Nationalmannschaften müssen Spieler zusammengeholt werden, die von finanzstarken Vereinen anderer Staaten aufgekauft worden sind. Bei der letzten WM standen sich kaum mehr Spieler aus dem Vereinsfußball zweier Nationen gegenüber. Viele Teams setzten sich großteils aus Legionären zusammen, die meist außerhalb ihrer Heimat beiEURopäischen Spitzenklubs spielten. Die insgesamt 32 Mannschaften hatten jeweils 23 Teilnehmer. Von den insgesamt 736 Teammitglieder waren 367 Legionäre. Die Teams von Togo, Brasilien, Ghana, Elfenbeinküste, Kroatien, Australien, Tschechien, Polen und Argentinien hatten zwischen 19 und 22 Legionäre. Unter den Favoriten trat nur Italien ohne Legionäre an, was die Qualität des späteren Siegers beweisen könnte. England zählte zwei, Deutschland und Spanien jeweils drei Legionäre. Umgekehrt spielt bei einigen Spitzenklubs kaum mehr ein im Land geborener Spieler. Im Finale der “Champions” kickten für Arsenal London nur zwei Briten, für den FC Barcelona nur drei Spanier.
Nach 1990 wurde der Fußball dem Kapital unterworfen. In Brasilien, Osteuropa und Afrika sind Talente aufgespürt und weitergezüchtet worden, um dann für gigantische Summen durch dieEURopäischen Spitzenklubs zu zirkulieren. Der Transfermarkt boomte wie eine Börse. Milliardäre begannen Klubs als Spielzeuge zu kaufen.EURopäische Spitzenvereine agieren heute wie Konzerne oder Global Player. Ihre Merchandising-Einnahmen sind durch internationale Werbetourneen nach Asien und in die USA, wo Fußball nicht der vorrangige Mannschaftssport ist, gesteigert worden. Über das Fernsehen können gigantische Summen eingenommen werden. Da die Spiele in den nationalen Ligen international nur begrenzt zu vermarkten und weilEURopa- und Weltmeisterschaften zu selten sind, wurde 1992 die “Champions League” mit den bestenEURopäischen Mannschaften geschaffen. Im Vergleich zu dem vorausgegangenen “Europapokal der Landesmeister” wurde die Zahl der Mannschaften verdreifacht. Dabei sind mehrere gute Teams aus den starkenEURopäischen Ligen zugelassen worden, um so ereignisreiche Spiele zwischen erstrangigen Mannschaften zu schaffen. So erhöhte sich die Zahl der Begegnungen um mehr als das Fünffache, was zu mehr Fernseh-Einnahmen geführt hat. Die Beträge, die für Transfers den Vereinen gezahlt und auch von den Fußballern eingestreift werden, verspotten in ihrer obszönen Höhe die Gemeinschaft der Fußballfreunde. Wer mehr Geld hat, hat auch die bessere Mannschaft.
Der Ball umtanzt als ein Symbol der Globalisierung einen milliardenschweren Menschenhandel. Als Vaganten des grünen Rasens ziehen die “Kickionäre” von einem Club und von einem Land zum anderen. Der Ball wird zu einem Symbol der vielen Nullen auf ihren Bankkonten. Da Milliardäre oft nicht wissen, was mit ihrem Geld zu tun ist, haben sie als neuestes Hobby ganze Vereine aufgekauft. Der korrupte Ex-Premier von Thailand, Thaksin Shinawatra, hat sich “Manchester City” geleistet. Der russische Mogul Roman Abramowitsch legte für Chelsea London über 200 MillionenEURo auf den Tisch. Für nochmals hundert Millionen wurden neue Spieler wie der Deutsche Michael Ballack angekauft. Es ist ein neuer Zeitvertreib für Männer mit viel Geld: Sie kaufen sich bei Abstiegskandidaten oder Zweitligisten ein, um ihr wichtigstes Gesetz zu beweisen: Mit Geld kann alles und ein jeder Spitzenplatz erreicht werden. Eine Förderung von Kultur oder von kommunalen Projekten ist ihnen unmöglich, da hier das neue Grundgesetz von Gewinnern und Verlierern nicht greifen kann. So hat der Milliardär Dietmar Hopp den Fußballklub von Hoffenheim mit zwanzig MillionenEURo losgeschickt. FC Carl Zeiss Jena wird vom Konzern des in Russland polizeilich gesuchten Millionengauners Michail Gutzerijew aufgerüstet. Der Salzburger Dietrich Mateschitz sieht keine andere Möglichkeit für eine Verwendung seiner überschüssigen Millionen als die Finanzierung von Teams, die seinen Produktnamen “Red Bull” tragen. Nach “Red Bull Salzburg” will er auch “Sachsen Leipzig” unter das Banner des “Roten Stieres” zwingen. “Red Bull New York” ist bereits am grünen Rasen vertreten. UEFA-Präsident Michel Platini beklagt zwar die “Geschwulst des Geldes im Fußball”, hat aber keine Medizin zu seiner Heilung.
Nationalismus in den Rängen
Trotz der Entnationalisierung des Fußballs und der nachweisbaren Herrschaft des Geldes klammert sich ein medial aufgeputschter Nationalismus an das runde Leder, das längst nicht mehr aus Leder, sondern aus Kunststoff ist. Das Ergebnis auf dem grünen Rasen bestätigt indirekt den urhaften Trieb des Nationalismus: Wir sind besser als die anderen! In jedem Nationalismus wohnt Gewaltbereitschaft, die tendenziell immer den anderen verdrängen oder besiegen will. Ist der Fußball auf dem Spielfeld internationalisisiert worden, so geschieht in einem Paradoxon das Gegenteil auf den Rängen. Die bellizistische Pantomime am Rasen wird immer öfter von einem Krieg unter Zuschauern gerahmt. Ob das eine oder andere Team siegt, hat dabei wenig Bedeutung. Wie immer das Ergebnis ausfällt, so kommt es zu Aufruhr, Prügeleien und Randale. Die gezügelte Gewalt auf dem grünen Rasen wird oft ohne Zügel und blutig ergänzt: Auf den Rängen, außerhalb des Stadions, gegen Polizei oder Unbeteiligte oder Sachwerte. Die meisten dieser Hooligans sind Modernisierungsverlierer ohne Chancen und Zukunftsperspektiven. Vor ihren Augen am grünen Rasen laufen 22 Modernisierungsgewinner dem Ball nach und verdienen damit ungeheure Summen.
Das, was streng verboten ist, hat schon immer zur Übertretung gereizt. Die politische Korrektheit verbietet in nahezu ängstlicher Totalität alle Formen des Nationalismus und des Rassismus. Im Strafgesetz werden dafür schärfste Sanktionen angedroht. Einer, der schon als Jugendlicher trotz Lernens und bemühter Arbeit nie etwas gewinnen konnte, sieht den höchsten Reiz darin, die festgegossenen Tabus dieser Gesellschaft zu verletzen. Es geht darum, vor einem möglichst großen Publikum und vor TV-Kameras das zu tun, was maximal verboten ist. Oft wird während des Spiels von den Zuschauertribünen aus mit Wurfgeschossen und Feuerwerkskörper auf bestimmte Spieler, meist Schwarzafrikaner, gezielt. Über Mobiltelephone verabreden die gewaltbereiten Gruppen ihre Aktionen in der dritten Halbzeit, das heißt: nach Spielende und jenseits jeder Katharsis.
In der Ökonomie der Aufmerksamkeit lockt der Fußball eine zweite Klasse der Modernisierungsgewinner an. Das sind die Politiker, die sich als Fans verkleiden. Sie erscheinen auf Tribünen. Sie nehmen notfalls einen Ankick vor. Sie herzen und beschmatzen siegreiche Spieler. Da Politik ohne Inszenierung nicht mehr möglich ist, drängen sich Regierungschefs und Minister in den ruhmreichen Schatten des Leders. Politik oder Parteien können die Massen mit ihren möglicherweise auch sozialen Programmen nie so mobilisieren, wie es der Fußball tut. Ach, wie freuen sich Bundeskanzler und die Kanzlerin, wenn da unten am Rasen der Millionäre einer einsendet!
Fußball als Geschoss des Werbeterrors
Fußball ist auch zu einem Geschoss des Werbeterrors geworden. Die Spieler sind oft gut beschriftet. In Österreich kickt eine Mannschaft, deren Spieler quer über das Hinterteil den Schriftzug “Kleine Zeitung” tragen. Die deutsche Lufthansa hatte bei der WM 2006 ihren Flugzeugen Nasen aufgemalt, die wie Fußbälle ausschauten. Im Kaufhaus wurden damals Büstenhalter mit Fußbällen als Körbchen angeboten. In Stadtzentren waren riesige Tore aus Neonröhren aufgerichtet. Vor dem Berliner Kanzleramt waren zwei riesige Kickerschuhe aus Plastik aufgestellt worden. Im Fernsehen nahmen 80 Prozent der Werbespots Bezug auf die Weltmeisterschaft. Stromkonzerne wollten nun Umweltmeister werden. Banken betonten ihre Geldmeisterschaft. Die Bahncard bot eine Verlääääängerung, während die Mastercard ihre Bonuspunkte als Toooooore anpries. Bei der EM 2008 sind ähnliche Einfälle zu erwarten. Multinationale Konzerne kaufen Werbeprivilegien, um ihre enthirnten Spots ohne Eeeeeeeende abzufeuern. In der Schweiz weniger, doch in Österreich umso ärger wird dieser Reklameterror fortgesetzt. Es ist kein Plätzchen, kein Bereich und kaum ein Schriftzug zu entdecken, der nicht auf Fußball Bezug nimmt. Da tritt ein Bischof nach dem Ball. Lokale Schreiber nehmen “Feine Fallrückzieher” vor. Und Erotik-Centers nutzen das Ball- und Phallsymbol.
Der Soziologe Gerhard Vinnai von der Universität Bremen hatte in seinem Werk “Fußballsport als Ideologie” (Europäische Verlagsanstalt, 1970) festgestellt: Der Fußball in seiner modernen Form würde die Gesellschaft zementieren: “Freizeit darf hierbei nicht zur Freiheit” werden. Die Pseudoaktivität rund um den Ball kanalisiere die Energien, die das “Gehäuse der Hörigkeit” sprengen könnten. Fußball sei eine Art “Animierdame des Status” quo. Der Spektakel tröste durch die Fiktion einer Nation als größere Gemeinschaft. Und er kanalisiere und kontrolliere die Energien, die zu einer Veränderung eingesetzt werden könnten. Fußball diene in seiner Ablenkungsfunktion ganz besonders zur Stabilisierung politischer Herrschaft durch magischen Rituale am Spielfeld. Die Tore seien somit allesamt “Eigentore der Beherrschten”. Der Spektakel am grünen Rasen sei eine “einzige Abseitsfalle”. Damit hat Vinnai bei Erklärung des Mythos vom grünen Rasen voll ins Kreuzeck getroffen.
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Teil 1: – Am Taufbecken des runden Leders. Die Serie zur EM (1):Woher die Klubs ihre Namen haben
Teil 2: - Katharsis im Torschuss. Die Serie zur EM (2): Die Dramaturgie des Spielfeldes
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