Im Zuge immer neuer staatlicher Einschränkungen der Datenschutzgesetze erlangen Institutionen wie der Chaos Computer Club zunehmende Bedeutung (-> Teil I). Denn leider, so Sandro Gaycken, Technikphilosoph und Wissenschaftstheoretiker der Bürgerrechts- und Hackerorganisation, sind die Bedingungen nicht so, dass Menschen gut und frei leben könnten – für ihn Grund genug, sich zu engagieren. Im zweiten Teil des Interviews verrät er uns mehr über seine persönlichen Motive.
RE: Warum machst Du das was Du machst, was ist der Reiz Deiner Arbeit?
Gaycken: Zum einen mag ich Technik. Das ist etwas, was mich schon immer fasziniert hat: wie Dinge funktionieren, was in komplexen Maschinen vor sich geht. Gleichzeitig habe ich aber auch schon immer philosophische Frageimpulse in mir gehabt: was ist der Sinn unserer Existenz? Leben wir in einer guten Welt? Wie können wir uns verbessern? Wie kann ich etwas wissen? Schließlich habe ich rausgefunden, dass man beides kombinieren kann. Außerdem finde ich an meinem Themenfeld reizvoll, dass man da auch als Philosoph Dinge real verändern kann, auf politische Prozesse einwirken kann. Das hat man etwa als Kant-Interpret eher selten.
RE: Was fasziniert Dich an Technik und speziell an Computertechnik?
Gaycken: An Computern fand ich immer besonders faszinierend, dass man sie dazu bringen kann, ganz unterschiedliche Dinge zu tun. Und dass sie dabei sehr komplex sind. Das war allerdings eher damals, in den Anfangszeiten der PCs. Heute sind natürlich die gesellschaftlichen Aspekte viel interessanter. Ein Großteil unseres Lebens hängt inzwischen eng mit Computern zusammen – das ist ein faszinierendes Phänomen und gibt viel Raum für Ideen und Reflektionen.
RE: Wie lange sitzt Du täglich am Computer?
Gaycken: Ganz unterschiedlich. An einigen Tagen gar nicht, an den meisten allerdings etwa zehn bis zwölf Stunden. Davon sind etwa acht bis zehn Stunden Arbeit, der Rest Spaß. Ich sehe allerdings auf meinem Computer auch fern.
RE: Inwiefern ist der Computer für Dich mehr als ein Apparat?
Gaycken: Ist er nicht. Aber er ist aufgrund seiner vielen Möglichkeiten ein besonders interessanter und befriedigender Apparat.
RE: Wann und wie hat das philosophische Interesse an Technologien bei Dir angefangen?
Gaycken: Ich habe mich mal mit philosophischer Anthropologie beschäftigt, da spielt Technik eine große Rolle. Von da an hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich hatte erkannt, dass Technik unser Leben ganz erheblich mitbestimmt – ohne dass das allerdings groß thematisiert wird. Da ist also noch viel Raum für interessante Gedanken. Spezialisiert hat sich das dann durch meine Verbindungen zum CCC. Das hat den Ausschlag in Richtung Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und Überwachungstechnik gegeben. Tatsächlich sind das auch philosophisch sehr interessante Bereiche. Die obige Frage etwa, ob unsere Welt gut ist und ob wir sie nicht besser machen könnten (oder versehentlich schlechter) betrifft auch die Technik und in unserer Zeit eben ganz besonders IKT und Überwachungstechnik.
RE: Was sind Deine Ideale?
Gaycken: Ich denke optimistisch. Ich glaube, dass Menschen im Prinzip gerne gut und frei sind. Allerdings sind dafür kaum die Bedingungen gegeben. Eine für mich interessante Frage ist hier, welche der Bedingungen einer gerechten und freien Menschheit ganzheitlich und nachhaltig soziotechnisch herbeigeführt werden könnten. Dazu etwas mehr herauszufinden und währenddessen soziotechnische Entwicklungen in Richtung einer ungerechten und unfreien Menschheit zu behindern – das ist vielleicht so etwas wie mein persönliches Ideal.
RE: Inwiefern ist der Computer subversiv bzw. benutzt Du Computer zu subversiven Zwecken?
Gaycken: Der Computer an sich bietet keine ausgezeichnete Funktionalität zur Subversion, er kann höchstens subversiv genutzt werden. Nicht der Computer ist subversiv, sondern die Gesellschaft, in der man lebt. Allerdings sind die Potentiale zur Subversion durch Computer dann auch sehr begrenzt. Viele Aktivisten ordnen dem Element der Information zwar einen hohen subversiven Stellenwert zu, aber letztlich halte ich das für überzogen. Man kann höchstens Webseiten blocken oder so etwas, das Verraten von Staatsgeheimnissen als stärker subversive Tätigkeit wäre schon erheblich schwerer. Ich benutze Computer nicht zu subversiven Zwecken. Was übrigens auch daran liegt, dass ich gar nicht programmieren kann.
RE: Wie verändern wir uns durch die Informations- und Kommunikationstechnologien? (Verhältnis Mensch-Maschine)
Gaycken: Das ist derzeit noch zu schwer zu sagen. Erste Konzeptionen sprechen hier ja von der Informations- und Wissensgesellschaft, stärker utopische Naturen auch schon mal von einem Technoliberalismus. Allerdings schweben da noch viele Verklärungen für mich mit. Solche Konzepte gehen ja von einer technisch informierten und aufgeklärten Gesellschaft aus. Natürlich ist da auch was dran. Beispielsweise werden die klassischen Nachrichten immer mehr durch selbstproduzierte Webnachrichten ersetzt. Selbst Journalisten nutzen immer weniger Presseagenturen und immer mehr direkt das Netz. Aber für viele weitere Utopien stimmen die faktischen Dimensionen noch nicht so ganz mit den Ansprüchen überein. Es ist zwar gerade wieder mehr Webtraffic auf http-Protokollen als auf Tauschbörsen (46% zu 37%) – lange Zeit war der Verkehr fast nur auf Tauschbörsen – allerdings entfallen dabei nur geringe Prozente auf faktische Informationsbeschaffung. Der absolute Hauptteil entfällt auf Video- und Fotoseiten sowie auf Social Networking. Also neue Technologien, aber gleiche menschliche Interessen. Sicher können wir im Moment nur notieren, dass wir die neuen technischen Möglichkeiten zur Kommunikation und Information sehr gerne und sehr häufig nutzen und dass unser Verhältnis zu Technologie dadurch insgesamt sehr viel freundlicher geworden ist. Ob da allerdings auch eine revolutionär veränderte Menschheit rauskommt, das werden wir erst sehr viel später sehen.
Interview: Felix Kubach
- – -
Teil I: “Wie leicht es ist, sich eine fremde Identität anzueignenâ€
Sandro Gayken: Geboren 1973 in Köln. Studium der Philosophie, der Physik und der Indologie an der Humboldt-Universität in Berlin und am City College New York. Damalige Interessen waren vor allem formale Logik, Kausalität und Wissenschaftstheorie, später auch Grundlagen der Quantenmechanik und Philosophie der Physik. Organisatorisch und initiativ tätig in diversen Kulturprojekten sowie politische Aktivitäten im Chaos Computer Club. Promotion mit einer technikphilosophisch-wissenschaftstheoretischen Arbeit als DFG-Stipendiat im Graduiertenkolleg des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) in Bielefeld, Thema: “Technisches Wissenâ€. Seit 2008 wiss. Mitarbeiter im Institut für Philosophie der Universität Stuttgart. (Quelle und Publikationen: Quelle und Publikationen: www.uni-stuttgart.de)
.
- Interview: Grundrechte vs. Überwachung – “Bedrohung unserer freiheitlichen Kulturâ€
- 80 Millionen Terrorverdächtige – Herzlich Willkommen im Orwell-Staat!
- “Die Psychologie der Überwachungâ€
Pingback: Links vom 19.6.2008 | Florian Altherr