Tschingis Aitmatow ist tot

Der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow starb gestern im Nürnberger Klinikum im Alter von 79 Jahren an Pneumonie (Lungenentzündung). Mit seinem Tod verliert nicht nur Kirgistan, sondern auch die sowjetische Nachkriegsliteratur einen ihrer größten Geister. Seinen Erzählungen, in denen kirgisische Tradition und Kultur eine tragende Rolle spielen, beschreiben meisterhaft gefühlvoll und

aitmatow.jpgDer kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow starb gestern im Nürnberger Klinikum im Alter von 79 Jahren an Pneumonie (Lungenentzündung). Mit seinem Tod verliert nicht nur Kirgistan, sondern auch die sowjetische Nachkriegsliteratur einen ihrer größten Geister.

Seinen Erzählungen, in denen kirgisische Tradition und Kultur eine tragende Rolle spielen, beschreiben meisterhaft gefühlvoll und mit erzählerischer Kraft den Kontrast zwischen dem harten, mit der Natur verbundenen Leben des ehemaligen Nomadenvolkes und dem Kolchos-Alltag in der Sowjetunion. In seinen neueren Werken wendete er sich konsequent gegen die menschliche Ignoranz und die damit verbundene Zerstörung der Natur.

Berühmt wurde Aitmatow durch seine Geschichte “Djamila” * “Джамиля” (1958). Aitmatows erstes und bekanntestes Werk wurde später auch erfolgreich verfilmt. Diese, in Kirgisistan spielende Liebesgeschichte aus dem Sommer des Kriegsjahres 1943 würdigte der französische Übersetzer Louis Aragon später in seinem Vorwort mit den Worten: “Ich schwöre es, die schönste Liebesgeschichte der Welt”. Diese Erzählung begründete nicht nur seinen Weltruhm, sondern spiegelte auch seine Skepsis gegenüber jedweder Ideologie wieder. Djamila stellt ihre Liebe zu einem verwundeten Fremden schließlich über alle sozialistischen Ideale. In den 70ern veröffentlichte er laut Kritiken seine besten Bücher: “Der weiße Dampfer” * “Белый пароход”, “Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft” * “Пегий пес, бегущий краем моря” und “Der Tag zieht den Jahrhundertweg” * “И дольше века длится день” (“Буранный полустанок”).

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Der 1928 im Norden Kirgisistans geborene Aitmatow war nicht nur als Schriftsteller eine herausragende Gestalt.

1937 wurde sein Vater Torekul Aitmatow während der stalinistischen “Säuberungen” wegen bürgerlichem Nationalismus verhaftet und 1938 hingerichtet. Seine Mutter, Nagima Chasijewna, war gebürtige Tatarin und war Schauspielerin im örtlichen Theater. Aitmatows zentrale literarische Themen waren fortan eng mit seinen biografischen Wurzeln verknüpft. Bis 1953 absolvierte er ein Studium am kirgisischen Landwirtschaftsinstitut in Frunse (heute Bischkek). 1956 begann er mit einem Studium am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau. 1957 wurde er in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen.

Aitmatow arbeitete zunächst als Redakteur für Literaturzeitungen und berichtete als Korrespondent der “Prawda” über Zentralasien und Kasachstan. Er war Chefredakteur der Zeitschrift “Иностранная литература”* Ausländische Literatur und Initiator der internationalen Intellektuellenbewegung “Issyk-Kul-Forum” (Иссыккульский форум). 1988-1990 war Aitmatow Vorsitzender des kirgisischen Autorenverbandes. Aitmatow ist Träger verschiedener Preise, unter anderem des Leninpreises 1963, des Staatspreises 1968, 1977 und 1983. 1978 wurde er als Nationalschriftsteller Kirgisistans und als Held der sozialistischen Arbeit ausgezeichnet. In der Zeit der Perestroika war er als parlamentarischer Vertreter (Oberster Sowjet der UdSSR) aktiv. Als literarischer Autor löste er sich jedoch zunehmend vom staatlich verordneten sozialistischen Realismus.

Nach dem Machtantritt Michail Gorbatschows, für den er ab 1989 als Berater arbeitete, wurde Aitmatow auch kulturpolitisch aktiv. Als Fachmann für kulturelle Fragen im Präsidialrat rief er die so genannten “Perestroika-Konferenzen” mit Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern ins Leben. 1990 wurde er sowjetischer Botschafter in Luxemburg. Bis März 2008 war er Botschafter für Kirgisistan in Frankreich und den Benelux-Staaten und lebte in Brüssel.

Der Tod Aitmatows erzeugt in mir große Traurigkeit, war doch sein in den Jahren der Perestroika entstandener Roman “Die Richtstatt” für mich eines der ersten Bücher, welches mich tief bewegte und mich mit Freunden, Verwandten und Lehrern energisch diskutieren ließ. Es ist eine dieser für Aitmatow typischen Tiergeschichten, die weder lieblich noch lächerlich wirken, sondern von der Achtung des Autors vor der Natur zeugen und gleichzeitig Fragen zur sowjetischen Gesellschaft aufwerfen. Dieser Roman, welches als eines der ersten literarischen Signale für den so lange verzögerten Umbruch der sowjetischen Gesellschaft galt, veränderte meine Einstellung zu den “Freunden” im Osten schlagartig von gelangweilt-distanziert hin zu einem leidenschaftlichen Interesse für alles was in der Sowjetunion geschah. Auch wenn Interesse und Sympathie für die Sowjetunion und ihre Nachfolger in den vergangenen Jahren so manchen Tiefschlag hinnehmen musste, so hat mich Aitmatows Werk dennoch tief und nachhaltig beeinflusst und wird fraglos auch nach seinem Tod fortleben.

Photo Quelle/ Copyright: wikipedia; 1tvrus.com

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