Herr Kollege: Werner van Gent, Radio DRS Istanbul / Teheran

Werner, König Fußball regiert – und deshalb erklärst Du uns im Moment eher die türkische Fußballer-Seele denn die Politik. Die Dribblereien der Politiker müssten Dir eigentlich eher am Herzen liegen, oder? Irgendwann habe sogar ich realisieren müssen, wie wichtig die wichtigste Nebensache der Welt ist für die Menschen hier in

wvgin.jpgWerner, König Fußball regiert – und deshalb erklärst Du uns im Moment eher die türkische Fußballer-Seele denn die Politik. Die Dribblereien der Politiker müssten Dir eigentlich eher am Herzen liegen, oder?
Irgendwann habe sogar ich realisieren müssen, wie wichtig die wichtigste Nebensache der Welt ist für die Menschen hier in der Türkei, in Griechenland, in der Schweiz. Und so habe ich recherchiert, mich informiert über Fußball und dessen Nebenwirkungen. Der Unterschied zur “großen” Politik & Wirtschaft; dort kenne ich mich wirklich aus, im Fußball rede ich vor einem Millionenpublikum, das alles viel besser weiß, die Namen, die Statistik, die Spielstrategien. Das bringt einen wieder etwas auf den Boden der Realität zurück… Das schönste dabei: es hat es Spaß gemacht!Nach dem Sieg gegen die Schweizer Truppe jubeln die türkischen Medien – wie muss ich mir die Berichterstattung in der Türkei vorstellen?
Mit Verlaub: genauso dämlich wie die Berichterstattung in der Schweiz im umgekehrten Fall gewesen wäre. Wer im Vorfeld die Türken als “faul und überheblich” beschimpft und derer Trainer als “Dönerkebab” darstellt, muss nicht staunen, wenn er selber als Cervelat abgelichtet wird … bloß ist in den türkischen Medien noch keiner auf diese Idee gekommen.

Vor lauter Fußball-Fieber ging ziemlich vergessen, dass diese Woche auch die von der Türkei koordinierten indirekten Verhandlungen zwischen Israel und Syrien weitergingen. Warum bringen die Türken zustande, was andere – etwa die Schweiz – nicht hinkriegen?
Kriegen sie denn wirklich etwas hin? Geben die Israelis die Golan-Höhen zurück? Reden kann man ja, das ist besser als schiessen, doch irgendwann möchte man denn doch einen Erfolg sehen; kann die Türkei da mehr erreichen als andere? Inshallah! Allerdings hat mein türkischer Freund Cengiz Aktar in einem Kommentar die berechtigte Frage aufgeworfen, wann denn die türkische Regierung auch im eigenen Land, etwa im Südosten, eine Friedensinitiative starten werde.

Das komplexe Zusammenspiel der verschiedensten Mächte, die im Nahen und Mittleren Osten mitmischen, wird auch in der Frage rund um das iranische Atomprogramm klar. Du berichtest auch aus und über den Iran: Wie beurteilst Du die Intentionen Irans bezüglich des Atomprogramms?
Die Iraner sind begnadete Macht-Politiker mit einem – man wird staunen – ausgeprägten Gefühl für Realpolitik. Für die Iraner ist das Spiel mit dem Feuer daher auch nur ein Teil einer langfristigen Strategie, die darauf zielt, primär im Nahen Osten, danach auch in der übrigen Welt, so akzeptiert zu werden wie sie akzeptiert werden möchten. Mit anderen Worten: ohne Atomprogramm hätte niemand die Mullahs ernst genommen. Die Frage ist, wo hört das Spiel mit dem Feuer auf, wo beginnt das Selbstmordkommando – die Antwort wird anderswo gegeben.

Naja, Israel etwa stellt das Stoppen des iranischen Atomprogramms auf eine Stufe mit dem Existenzkampf des Staates. Gehst Du davon aus, dass Irans Präsident Ahmadinedjad die Auslöschung Israels anstrebt?
Ich werde das Gefühl nicht los, das Israel momentan alle seine Probleme auf den Iran projiziert. Da ist es durchaus hilfreich, wenn Ahmadinedjad solche Äusserungen macht.

Iran spielt sich dabei als wichtigster Gegner Israels auf, und hofft dadurch nebenbei den Kernkonflikt zwischen Suniten und Shiiten – der Familienzwist, der fast so alt ist wie der Islam selber – zu übertünchen. Doch letzendlich werden Israelis und Iraner nicht umhinkommen, wie schon in der Vergangenheit, die gemeinsamen Interessen höher als die ideologischen Verrenkungen zu stellen. “Besiegen” oder “Tilgen” kann die eine Seite die andere ja ohnehin nicht. Der Libanon-Krieg hat auch das gezeigt.

Israel nennt Ahmadinedjad freilich in einem Atemzug mit Adolf Hitler – Propaganda der wenig konstruktiven Art. Oder siehst Du das anders?
Wenn Israel und die Neokons in den USA ernsthaft glauben, man könne im Iran ein zweites Irak veranstalten, macht diese Propaganda durchaus Sinn. Irak war aber, gemessen an dem, was ein Feldzug in den Iran auslösen würde, erst die Vorstufe der Hölle. Statt mit Embargos und Sanktionen Extremisten zu füttern, sollte man das tun, was der Großteil der Iraner erwartet: nämlich sie einbinden, notfalls mit Atomprogramm und angereichertem Uran. Das wäre immer noch ein Wagnis, allerdings wäre dieses Wagnis nicht größer als im benachbarten Pakistan oder Indien.

Du hast vor rund zwei Jahren einen mutigen Schritt gewagt, hast Dich nebst Deiner journalistischen Arbeit zum Reise-Koordinator aufgemacht mit eigenem Unternehmen. Eine andere Art des Brückenschlagens zwischen Okzident und Orient?
Ich liebe den Journalismus und dachte lange, ich könne nichts anderes. Doch als die Medien, für die ich arbeite, mich auch weiterhin nur als Teilzeitkraft bezahlen wollten, habe ich in der Tat diesen Schritt getan und ihn seither keine Sekunde lang bereut: mit kleinen Gruppen von interessierten und motivierten Menschen durch die Länder zu ziehen, die ich so gut kenne, ist mindestens so schön, wie Berichte für Radio und Fernsehen zu machen.: so viel Sendeplatz hatte ich noch nie!!! Zudem lerne ich so auch noch Leute aus ganz anderen Lebensbereichen kennen. Das Resultat ist jedenfalls sehr ermutigend; die Kommentarre zeigen, dass solche Reisen tatsächlich Brücken schlagen können, wo vorher abgrundtiefe Vorurteile klafften.

Werner, was wird Dich in den nächsten Wochen journalistisch beschäftigen – primär die schönste Nebensache der Welt?
Da muss ich eine Schwäche eingestehen: es gelingt mir nur selten, den innigen Wunsch der Redaktionen zu befriedigen, am Donnerstag noch rechtzeitig vor den Planungskonferenzen eine Übersicht der Ereignisse der nächsten Woche zu liefern… Vielleicht lebe ich zu lange im Orient, wo Planung oft mit Schmerz verbunden wird. Doch auch unser Friedrich Dürrenmatt hat’s bereits auf den Punkt gebracht: “Je planvoller der Mensch vorgeht, desto wirkungsvoller trifft ihn der Zufall”. Insofern lasse ich mich gerne überraschen!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf andremarty.com.

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