Ich quatsche, also bin ich. Das Vierteljahrhundert der Mobiltelefonie

Vor 25 Jahren kam das erste Handy auf den Markt. Seither hat es sich und uns verändert. Das Handy hat sich zunächst vom exklusiven Millionärsspielzeug zum wichtigsten technischen Artefakt der Gegenwart entwickelt. Heute gibt es in Deutschland über 60 Millionen Handys, was einem Ausstattungsgrad von über 80 Prozent entspricht. In

heriet.jpgVor 25 Jahren kam das erste Handy auf den Markt. Seither hat es sich und uns verändert.

Das Handy hat sich zunächst vom exklusiven Millionärsspielzeug zum wichtigsten technischen Artefakt der Gegenwart entwickelt. Heute gibt es in Deutschland über 60 Millionen Handys, was einem Ausstattungsgrad von über 80 Prozent entspricht. In der jungen Generation sind die Zahlen noch eindrucksvoller: 95 Prozent der 12- bis 19-jährigen Jugendlichen besitzen (mindestens) ein Handy, vor zehn Jahren waren es gerade mal acht Prozent. Bei der jüngsten Altersgruppe, den 12- bis 13-Jährigen, besitzen 80 Prozent ein eigenes Mobiltelefon, bei den 18- bis 19-Jährigen beträgt der Anteil 98 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, einen 18-jährigen Deutschen zu treffen, der kein Handy besitzt, ist weit geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass im Roulett genau die Zahl getroffen wird, auf die man gesetzt hat.

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine gesellschaftliche Veränderungsdynamik, die in der Kulturgeschichte vergeblich ihresgleichen sucht. Das Handy verändert das Wesen sozialer Beziehungen und damit auch den Menschen. Der Mensch definiert sich über das Handy, er ist das “mobiltelefonierende Wesen”. Mit geradezu prophetischer Weitsicht entwickelte der französische Philosoph Henri Bergson vor rund 100 Jahren das anthropologische Konzept des homo loquax, des “geschwätzigen”, durch “überflüssiges Reden” auffallenden Menschen. Es gibt wohl kaum ein Menschenbild, das so gut in das Handy-Zeitalter passt (“Wo bis’n du g’rade?”).

Es gab Zeiten, da hat man siebenminütige Verspätungen der Deutschen Bahn nicht zur Kenntnis genommen. Insbesondere dann nicht, wenn man als Fahrgast im Zug saß, gelesen oder geschlafen hat. Das ist heute anders. Als ich jüngst eine solche Bahnfahrt hatte und der Zugführer eine siebenminütige Verspätung aufgrund von Signalstörungen auf der Strecke bekannt gab, verbunden mit der Bitte um Entschuldigung, zückten alle weiteren Fahrgäste (außer mir noch sechs Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters und – soweit äußerlich beurteilbar – sozialen Status’), als hätten sie es abgesprochen ihre Mobiltelefone und informierten mir unbekannte Personen darüber, dass der Zug eine siebebminütige Verspätung aufgrund von Signalstörungen auf der Strecke hat. Ich habe die restliche Fahrzeit damit verbracht, mir Gedanken darüber zu machen, warum sie dies taten. Einen Grund auf der Ebene praktischer Vernunft kann es nicht geben, denn erstens werden Verspätungen am Bahnhof angezeigt, so dass Wartende sich keine Sorgen zu machen brauchen, und zweitens handelt es sich bei dem zeitlichen Umfang der Störung eigener und fremder Lebensgestaltung um einen derart geringen, dass sich eine Information erübrigt. Also: Warum? Mir wurde allmählich bewusst, dass dies die falsche Fragestellung ist. Die Frage muss lauten: Warum nicht? Es ist die Macht des Mobiltelefons, die Möglichkeiten schafft, die genutzt werden wollen.

Die Macht des Mobiltelefons bringt aber auch schwerwiegende Probleme mit sich

Die ständige Erreichbarkeit, die Unverbindlichkeit, der innere Drang zur Mitteilung bzw. die daraus erwachsende Mitteilungspflicht, die Störung Anderer bzw. die gestörte Kommunikation untereinander und schließlich die Schizophrenie fragmentarischer Raum- und Zeiterfahrung durch die Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit.

1. Die ständige Erreichbarkeit macht den anderen verfügbar. Er ist nicht nur erreichbar, er muss erreichbar sein. Ist er es nicht, trägt er die Konsequenzen. Er verliert in seiner Schuldigkeit (denn er bleibt die Erreichbarkeit schuldig) das Anrecht, anständig behandelt zu werden. Selbst Schuld! Eine kuriose Folge dieses psychischen Drucks wird in einem neuen Krankheitsbild beschrieben: Ringxiety, die Angst, einen Mobilanruf zu verpassen.

2. Durch die Selbstverständlichkeit des Handys ist es auch möglich, immer und jederzeit Pläne zu ändern, so als sei die betreffende Person stets körperlich anwesend und als könne man darauf vertrauen, dass sie zustimmt. Das hat zweierlei zur Folge: Stress (“Ist mein Handy eingeschaltet?”) und Unverbindlichkeit. Denn wenn es so ist, dass jederzeit doch noch alles geändert werden kann (teilweise ist es schon im Vorhinein so angelegt – “Wir telefonieren vorher noch mal.”), welche Motive hat man dann noch für Verbindlichkeit und Verlässlichkeit? Ein Versprechen muss man halten. Soweit ein Grundsatz jeder vernünftigen Ethik. Heute muss man nur dafür sorgen, dass das Handy betriebsbereit ist.

3. Der Mitteilungsdrang, wie ich ihn mit dem Beispiel der siebenminütigen Verspätung angedeutet habe, ergibt sich aus der Mitteilungsmöglichkeit und der damit verbundenen Freiheit, jenseits von Zweck und Sinn handeln zu können. Dahinter lauert jedoch wiederum die soziale Kontrolle, die in der Praxis die Möglichkeit zur Notwendigkeit werden lässt und eine Mitteilungspflicht generiert (“Da hättest Du ja auch mal anrufen können…! Wofür hast Du denn sonst Dein Handy?!”).

4. Die Möglichkeit, sich (fast) immer und überall mit abwesenden Menschen über Belanglosigkeiten auszutauschen, wirkt sich störend auf Dritte aus. Ein bekanntes Online-Lexikon stellt dazu fest: “Ferner wird das Mithören fremder Handygespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln von den mitfahrenden Unbeteiligten als störend und indirekter Zwang empfunden, zumal dabei auch oft lauter gesprochen wird als mit anwesenden anderen Personen.”

In der Tat sind Sozialemissionen ungeheuer penetrant.

Keine U-Bahnfahrt mehr, ohne dass man von den Potenzproblemen, dem Kontostand und den jüngsten Machenschaften der umsitzenden Menschen erfährt. Die meist höhere Lautstärke und – wie eine psychologische Studie ermittelt hat – die Unkenntnis der Antwort des Gesprächspartners bedingen eine Aufmerksamkeitsanziehung, die ein “normales” Gespräch zweier oder mehrerer Fahrgäste nicht auszulösen vermag. Das nervt. Hinzu kommt: Durch das Mobiltelefon wird einerseits mehr gesprochen, andererseits findet weniger direkte Kommunikation statt. Man unterhält sich lieber mit jemandem, der gar nicht da ist. Mit dem Gegenüber ist dagegen kein (gutes) Gespräch möglich: Es droht jederzeit die Unterbrechung durch einen Anruf oder eine SMS, die seltsamerweise zumeist vorrangig behandelt wird.

5. Abwesend sind also nicht nur die fernen Gesprächspartner, auch der Handynutzer ist psychisch abwesend, obgleich er physisch anwesend bleibt. Das bedeutet: Man ist immer erreichbar, und damit ist man auch immer teilweise unerreichbar für die Situation des Augenblicks, in der man de facto gerade ist. Aufmerksamkeit ist nur begrenzt vorhanden. Das Dilemma von partieller An- und Abwesenheit, von der Trennung des körperlichen Hier und des seelischen Dort offenbart sich. Die Folge: Der reale Erlebniswert geht verloren, die Diskrepanz zwischen physischer Anwesenheit und psychischer Abwesenheit wird Ursache fehlender Erlebniszufriedenheit, weil das Leben, wie es sich um einen herum abspielt, nur bruchstückhaft wahrgenommen wird, durch einen Schleier aus Handy-Klingeln und SMS-Schreiben. Mit anderen Worten: Das Mobiltelefon erzeugt eine Schizophrenie fragmentarischer Raum- und Zeiterfahrung. In dieser Zerrissenheit sucht der Mensch paradoxerweise die Stabilität auf der Seite des Virtuellen, unter Vernachlässigung des Wirklichen: das Dort überlagert allmählich das Hier, bis das Virtuelle schließlich als die wirkliche Wirklichkeit wahrgenommen wird. Tritt der Widerspruch zwischen Schein und Sein zu Tage, sorgt dies einerseits für Symptome von Geisteskrankheiten, insbesondere Ängste und Depressionen (die “Erkältungen unserer Zeit”), andererseits für Realitätsverlust, der zudem in einer grellbunten Welt voller Superlative, in der scheinbar jeder seinen Wunsch vom Millionengewinn und großer medialer Aufmerksamkeit erfüllt bekommt, nach Kräften beschleunigt wird.

Bei all dem entwickelt die Mobiltelefonie quasireligiöse Züge, um sich als heilsnotwendig ins Bewusstsein der Menschen einzuprägen.

Allgegenwart, Erlösungsmetaphorik, eingeführte Riten wie Klingeltöne und die zunehmende Metabetrachtung, also das Reden nicht mit dem, sondern über das Handy, weisen in diese Richtung.

So wie kein Mensch in vormodernen Zeiten an die Nicht-Existenz Gottes gedacht hat, weil Gott “überall” war, so verschwendet kein Mensch heute auch nur einen Gedanken an ein Leben ohne Handy. Die Allgegenwart des Handys erinnert weiterhin an den Gedanken des universellen All-Einen: Es durchströmt alles. Wie Gott im Pantheismus Spinozas, Leibnizens und Lessings in den letzten Winkel der Welt hineinstrahlt und -wirkt, bimmelt das Handy überall. Das Netz ist flächendeckend. Man kann sich ihm nicht entziehen. Und dort wo die continuitas communicandi gestört und unterbrochen ist, wo dem homo loquax Grenzen auferlegt werden, bedarf es einer Rechtfertigung dieser Grenzen: Quatschen ist Menschenrecht! Nur wenn es Körper (Krankenhaus), Seele (Kirche) und Geist (Theater, Oper, Museum) so sehr betrifft, dass eine massive Beeinträchtigung zu befürchten ist, wird das Mobiltelefonieren ausnahmsweise verboten.

Doch die Front des Verbots bröckelt. Es gibt Möglichkeiten der technischen Umgehung des störenden Gehalts, das Absolute des Verbots diffundiert im Graubereich der Innovation. Der Vibrationsalarm ist der missionarische Akt des orbus communicandi: Es darf keine Inseln der Unerreichbarkeit geben, so wie es im Mittelalter keine gottes- und kirchenfreien Räume geben durfte! Die letzte Frage des Mittelalters und der Neuzeit lautete mit ängstlichem Blick in den Abgrund der Hölle: Bin ich errettet? Die Frage des gegenwärtigen Mobilfunkzeitalters lautet: Bin ich erreichbar? So, wie der Mensch im Mittelalter reagierte, wenn ihm der Ablass verweigert worden ist, reagieren Menschen heute nur noch, wenn ihr Handy-Akku leer ist: mit totaler Panik. Das Drohpotential der mittelalterlichen Kirche hat unterdessen die Telekom übernommen. Wer nicht zahlt, wird exkommuniziert – im wahren Sinne des Wortes! Die Hölle der Handylosigkeit ist die Grundangst der Gegenwart.

Kommentare

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  1. Auf den Punkt geschrieben. Perfekt analysiert. _So sehe ich das bereits seit einigen Jahren. Unerträglich ist daher ein Fahren mit den öffentlichen Vekehrsmitteln und üerhaupt in der Öffentlichkeit wie auch im Privaten (es gibt Leute, die schauen alle fünf Minuten, ich wiederhole: fünf Minuten, auf ihr handy, insbesondere Frauen sind gekennzeichnet von jeweiligen fünfminütigen Suchen in ihren umfangreichen Handtaschen nach dem handy). Auch im Bekannten- und Freundeskreis findet das beschriebene Sczenario ununterbrochen statt.

    Folge: seit zwei Jahren habe ich mein handy abgeschafft. Bin nur auf Festnetz erreichbar, teile das den Leuten (Geschäftlich wie Privat) mit und so auch die Mitteilung auf meinem Anrufbeantworter.

    Verabredungen sind gleichwohl unerträglich geworden, weil bei den handybesitzern stets irgendwas dazwischen kommt…. Einerseits weil ich kein handy besitze, dann die Frage: ja was ist, wenn was dazwischen kommt? oder oder oder…ich dann: es kommt nichts dazwischen und wenn eine Verspätung, dann wartet man eben oder man verabredet sich neu, wenn es denn ganz schief geht.

    Insoweit stetes Unverständnis des jeweiligen Gegenübers. Allerdings muss ich hinzufügen, die Leute fangen an, sich Gedanken zu machen…manchmal…also die, die noch einigermassen ihr Hirn nicht von den handystrahlen haben zerfressen lassen. Ansonsten ungläubiges Schauen. Insbesondere, wenn ich stets zur Verabredung pünktlich erscheine. Ohne vorheriges mobiles fonenn nach dem Motto: hallo ich bin jetzt gleich da…und, dass muss ich auch sagen, die Leute sind, da ich handymässig nicht erreichbar bin, auch wieder einigermassen pünktlich geworden…geht doch…man muss nur wollen.

    Insoweit ist der Artikel – vielleicht – ein Denkansatz für die Masse der Seienden Quatscher.