Sandro Gaycken, CCC (III): “Technisch haben wir Orwell schon weit übertroffen”

Wie wird das Jahr 2100 aussehen, wenn der Staat seine Überwachungsmethoden Schritt für Schritt vorantreibt? Sandro Gaycken vom Chaos Computer Club gibt einen Ausblick. RE: In welchem Verhältnis stehen Demokratie und Internettechnologie? Gaycken: Das Internet demokratisiert Information – sogar direktdemokratisch. Jeder kann seine Meinung kundtun, sein Wissen und seine Ideen

tzjdzsjh.jpgWie wird das Jahr 2100 aussehen, wenn der Staat seine Überwachungsmethoden Schritt für Schritt vorantreibt? Sandro Gaycken vom Chaos Computer Club gibt einen Ausblick.

RE: In welchem Verhältnis stehen Demokratie und Internettechnologie?

Gaycken: Das Internet demokratisiert Information – sogar direktdemokratisch. Jeder kann seine Meinung kundtun, sein Wissen und seine Ideen teilen. Vorher waren Informationen nur in Büchern oder als Nachrichten gefiltert über Presseagenturen (oder staatliche Zensurorgane) verfügbar. Das war so etwas wie “Information von Oben”. Nur spezifisch privilegierte soziale Gruppen haben Informationen ausgewählt und verbreitet, mit dem entsprechenden Risiko kultureller oder politischer Zensur. Jetzt gibt es parallel dazu auch “Information von Unten”, oder besser vielleicht: von Überall.

RE: Was heißt für Dich „Zwei-Klassen-Internet“ bzw. “Dataminer-Gesellschaft”?

Gaycken: Das “Zwei-Klassen-Internet” ist eine böse Vision der großen Telekommunikationsunternehmen. Die wollen den Internetdatenstrom in einer Weise regulieren, dass freie Information zigmal langsamer wird als kommerzielle Information (von ihren Werbekunden). Das gleicht der Abschaffung des Internet und seiner Ersetzung durch eine Litfasssäule. Leider ist diese Idee wirklich ernst zu nehmen. Die Telekommunikationsunternehmen suchen händeringend nach neuen Verdienstmöglichkeiten am Internet, und das ist ein Favorit. In den USA gab es schon einige Demonstrationen dagegen.

RE: Was kann das für konkrete Folgen haben?

Gaycken: Im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Konsequenzen durch Datamining habe ich vor einiger Zeit schon darauf hingewiesen, dass sich dadurch eine neue Unterform der Klassengesellschaft bildet. Viele Dataminer erstellen nämlich Profile (meist in Bezug auf die Kaufkraft einer Person), die je nach Anfrage in Klassen von “gut” bis “schlecht” geordnet sind. Ist man in einer schlechten Klasse, muss man mit Problemen rechnen. Guter Service und Kreditentscheidungen werden dann schwieriger, auch die Aufnahme in Krankenkassen war schon im Gespräch. Das alleine ist schon unfreundlich und wenig solidarisch. Noch schlimmer ist allerdings, dass die Dataminer mit ihren Profilen ja auch nur ziemlich grobe Vermutungen anstellen können. Manch einer wird also in Zukunft unfreundlich behandelt werden, wird mehr zahlen müssen für eine Hypothek oder nicht in eine Krankenkasse aufgenommen, weil irgendein Programm irgendwelche Vermutungen über seinen Lebenswandel auf der Basis seiner IP-Adresse angestellt hat – ob die nun stimmen oder nicht. Das ist übrigens schon Realität. Bei der Servicehotline eines großen deutschen Telekommunikationsanbieters müssen Berliner unterschiedlich lange warten, je nachdem, aus welchem Postleitzahlenbereich sie anrufen. Wer aus Hellersdorf anruft, wartet ein paar Mal so lange wie ein Anrufer aus Charlottenburg.

RE: Inwiefern verwandelt sich der Computer zunehmend zur Kontrollmaschine?

Gaycken: Zweifach. Zum Einen, wenn mehr Verfahren zur politischen und wirtschaftlichen Kontrolle des Internet erdacht werden. Dann wird via Computer der Zugang zu Informationen kontrolliert. Zum Anderen, wenn mehr Verfahren zur Bespitzelung des Datenverkehrs konzipiert werden. Dann wird eine vorgreifende Verhaltenskontrolle in Richtung gesellschaftlicher Konformität ausgeübt. Das passiert nämlich automatisch über einen kaum bemerkten psychologischen Reflex: Wer weiß, dass ihm eine Autorität über die Schulter guckt, der verhält sich schon auf einer vorbewußten Ebene anders als jemand, der sich vollständig alleine wähnt.

RE: Was bedeutet „Trusted Computing“ und welche Auswirkungen hätte dieses Kontrollinstrument für die Zukunft?

Gaycken: Die Idee des Trusted Computing ist, dass ein Chip Daten bei ihrer Ankunft in elektronischen Geräten (nicht nur Computern), also vor ihrer Darstellung, daraufhin überprüft, ob sie “vertrauenswürdig” sind oder nicht. Insbesondere für den E-Commerce scheint das wichtig zu sein. Das Problem ist allerdings, dass nicht der User selbst entscheiden darf, welche Daten vertrauenswürdig sind. Das entscheidet der Hersteller des Chips, beziehungsweise der Betreiber von dessen Software – in beiden Fällen wäre das in erster Linie Microsoft. Microsoft könnte also alle microsoftkritischen Informationen oder konkurrierende Produkte völlig unzugänglich machen. Dadurch, dass die Industrie die Entscheidung über die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit übernimmt, wird der “Vertrauenschip” also zu einem Zensurchip. Außerdem kann der Chip hervorragend für neue Bespitzelungsmethoden eingesetzt werden, ist also auch datenschutzrechtlich bedenklich.

RE: Leben wir schon in einem Überwachungsstaat bzw. ab wann spricht man von einem Überwachungsstaat? Wie könnte dieser konkret aussehen – wie wird das Jahr 2100 aussehen, wenn der Staat seine Überwachungsmethoden Schritt für Schritt vorantreibt?

Gaycken: Da gibt es keine feste Definition, das ist ja mehr so ein politischer Kampfbegriff. Wenn man allerdings George Orwells 1984 als Kontrastscheibe nimmt, kann man Folgendes sagen: Technisch haben wir Orwell schon weit übertroffen. Wir haben eine Zeit der Möglichkeit zur umfassenden Überwachung erreicht. Wir sind technisch längst und ohne großen Verwaltungsaufwand in der Lage, jeden zu jeder Zeit abzuhören, das Meiste zu sehen, die Bewegungen zu verfolgen, fast alle finanziellen Transaktionen mitzubekommen, alles Elektronische mitzulesen – in der Öffentlichkeit und Zuhause. Man kann sich jeden Computer, jedes Handy, jede Videokamera und jede Kredit- oder Bonuskarte wie einen Polizisten in Fleisch und Blut vorstellen. Politisch dagegen sind wir natürlich nicht in einem Staat, der diese Mittel voll ausschöpfen würde. Von daher: Überwachungsstaat technisch ja, politisch nein.

RE: Sind alle Sorgen also überzogen und unbegründet?

Gaycken: Nein, beunruhigt sollte man trotzdem sein. Denn: Die technischen Strukturen sind sehr viel dauerhafter als die politischen. Und sie werden sogar noch ausgebaut. Das ist die ökonomische Eigendynamik unkontrollierter Technologiezweige. Für das Jahr 2100 kann man sich also ganz ohne dystopische Überspekulation vorstellen, dass jeder Aspekt des eigenen Lebens zu jeder Zeit dem Staat und der Wirtschaft bekannt ist. Sogar Dinge, die man über sich selbst gar nicht weiß – etwa, dass man das Potential hat, Terrorist zu werden. Das machen ja Profiling-Programme jetzt schon an Personen aus. Ob es dazu dann auch einen menschenverachtenden Diktator gibt, der das für seine Zwecke ausschlachtet, das kann sich jeder selbst ausmalen. Wenn ja, dann haben wir den zukünftigen Generationen mit unseren Überwachungsbemühungen ein schlechtes Vermächtnis hinterlassen.

Interview: Felix Kubach

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Sandro Gayken ist Technikphilosoph und Wissenschaftstheoretiker der Bürgerrechts- und Hackerorganisation Chaos Computer Club. Seit 2008 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Philosophie der Universität Stuttgart. Promotion über das Thema “Technisches Wissen”. (Quelle und Publikationen: www.uni-stuttgart.de)

Teil I: “Wie leicht es ist, sich eine fremde Identität anzueignen”

Teil II: “Ich kann als Philosoph Dinge real verändern”

Mehr zum Thema:

- Interview: Grundrechte vs. Überwachung – “Bedrohung unserer freiheitlichen Kultur”
- 80 Millionen Terrorverdächtige – Herzlich Willkommen im Orwell-Staat!
- “Die Psychologie der Überwachung”

Kommentare

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  1. Ein hochinteressanter Beitrag. Aber da liegt Sandro Gayken falsch, wenn er sagt:
    “Politisch dagegen sind wir natürlich nicht in einem Staat, der diese Mittel voll ausschöpfen würde.” In Deutschland ist das rechtlich nicht durchführbar. Aber Merke/Schäuble arbeiten daran. Mit Hilfe der EU, die sich nur noch von ihrem
    eigenen sebst bestellten Gerichtshof beurteilen lässt, versucht unsere Regierung
    das Grundgesetz auszuhebeln. Sie will den Lissaboner Vertrag durchdrücken,
    obwohl das Bundesverfasungsgericht längst die fast inhaltgleiche neue Verfassung
    der EU für verfassungswirdrig beurteilt hat!

    • Wundere Dich nicht ueber Gayken’s gemaessigte Aussagen bezueglich “dem Staat (System)”:

      “…Sandro Gayken ist Technikphilosoph und Wissenschaftstheoretiker der Bürgerrechts- und Hackerorganisation Chaos Computer Club. Seit 2008 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Philosophie der Universität Stuttgart. Promotion über das Thema “Technisches Wissen”. (Quelle und Publikationen: http://www.uni-stuttgart.de)…”

      Er ist Teil des Systems und wird sich hueten seinem Broetchengeber an den Karren zu fahren.