Wut und Verzweiflung, Ekstase und Himmelhochjauchzen – Fußball ist für viele Menschen der Anlass extremster Emotionen. Bei eingefleischten Fußballfans löst die Leidenschaft im Stadion die gleichen Emotionen aus wie der heftigste Beziehungsstreit zu Hause. Schließlich gehe es bei so manchem Spiel nicht um “eine Frage von Leben und Tod, sondern es ist viel wichtiger als das” wie der frühere Trainer des FC Liverpool, Bill Shankley, so treffend bemerkte.
Einfach drüber reden…
Nach etwas mehr als der Hälfte der zu absolvierenden Spiele der EM 08 wissen etliche Fußballfans inEURopa um die ernstzunehmende Wahrheit die in diesem Ausspruch steckt. Doch dank geballter Kraft der Psychotherapie des 21. Jahrhunderts naht jetzt Hilfe für Millionen gebeutelter Fans. In der Sigmund-Freud-Stadt Wien nehmen Psychologen enttäuschte Fans jetzt an die Hand. Ihr erster Ratschlag lautet wie bei sonstigen Liebeswirren: Einfach drüber reden.
“Die Leute, die sich nicht mitteilen und alles in sich hineinfressen sind die, die irgendwann explodieren”, sagt die Wiener Psychologin und Mediatorin Henriette Wursag. Selbstredend gibt es von ihr hierzu auch einen eigenen Volkshochschulkurs. Dieser trägt den beruhigenden Titel “Wie gehe ich um mit Sieg und Niederlage meiner Mannschaft”. Mittels ausgefeilter Techniken wie “Gefühle richtig zu kanalisieren, Aggression zu sublimieren und Emotionen gezielt zu nutzen” soll man schließlich in der Lage sein, “jedes Spiel zu einem positiven Endstand zu bringen”.
Jedes Spiel? Leichter Zweifel ist angebracht. Doch schauen wir uns zunächst mal die Methoden an, mit denen dies erreicht werden soll. Klar ist, dass es natürlich nur um die Schattenseite der Emotionen geht. Die, durch einen Sieg der favorisierten Mannschaft erzeugte Freude soll verständlicherweise nicht “wegtherapiert” werden. Es geht um die “innere Katastrophe”, die durch eine Niederlage entstehen kann. Diese ist dann für Aggressionen verantwortlich, die sich verbal und körperlich gegen andere richtet, meint Wursag. Die erste Maßnahme zur Vermeidung von Frust und Aggression kommt dem Verhalten vieler Fußballfans sicherlich sehr entgegen: Um nicht später unkontrolliert zu explodieren, sei es besser sich dem Geschrei der kollektiven Gruppentherapie im Stadion und vor dem Fernseher anzuschließen. Schiedsrichter-Beschimpfungen oder Stürmer-Schelte sind für die Psychologin legitime Wege zur inneren Ausgeglichenheit.
Wichtig ist hier auch die vor dem Spiel vorherrschende Grundstimmung. “Wenn ich schon mit Problemen ins Stadion gehe, kann es zur inneren Katastrophe kommen”, meint Wursag. Viele Fans würden ihren eigenen Frust aus dem Berufs- oder Privatleben zum Spiel mitbringen, um ihn über den “verlängerten Arm” eines Fußballers auszuleben. So meint das vom Spielrand tönende “Hau ihm eine rein” eigentlich den eigenen Chef. Da man den nicht ganz so problemlos hauen könne, sollte sich der Spieler stellvertretend am Gegner abreagieren. Besser als mit Wut auf den Chef zum Spiel zu hetzen sei es, einen kurzen Spaziergang zu machen oder vorher mit Freunden darüber zu reden. Neben Spaziergängen und Gesprächen empfiehlt Wursag auch leichte Atemübungen. “Tief in den Bauch atmen. Wenn ich in mir ruhe, kann ich gar nicht aggressiv sein”, meint die Psychologin. Dies funktioniert auch zwischen dem Spiel. Erleichtert entnehme ich ihren Äußerungen, dass ich dafür “nicht einmal eine Matte mitnehmen muss”.
Also: Spaziergang, Quatschen und Atmen. Dass sollte bis heute Abend zu schaffen sein. Denn schließlich geht es da ja wieder um weit mehr als Leben und Tod.
Photo Quelle/ Copyright: SpreePiX – Berlin, cc creative commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 2.0 (via flickr)
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