Tscheche Cech zum Glück im Pech. Der Fehlgriff eines Weltverbesserers

Jubelnde Türken, trauernde Tschechen. Das Bild, das sich am späten Abend des 15. Juni bot, spricht eine eindeutige Sprache. Wen wundert’s, hatten doch die Türken in einer fulminanten Schlussphase aus einem 0:2 ein 3:2 gemacht. Das entscheidende Spiel in Gruppe A derEURopameisterschaft 2008 hatte damit die klassische Fünfakter-Dramaturgie, die schon

Türkische Fans. Photo: la_imagenJubelnde Türken, trauernde Tschechen. Das Bild, das sich am späten Abend des 15. Juni bot, spricht eine eindeutige Sprache. Wen wundert’s, hatten doch die Türken in einer fulminanten Schlussphase aus einem 0:2 ein 3:2 gemacht. Das entscheidende Spiel in Gruppe A derEURopameisterschaft 2008 hatte damit die klassische Fünfakter-Dramaturgie, die schon das “Wunder von Bern” zu so besonderer Spannung verhalf. Der Außenseiter liegt hoffnungslos zurück, rehabilitiert sich aber durch seine aufopferungsvolle Tapferkeit, um den zunehmend überheblicheren Favoriten zum finalen Fall zu bringen. Applaus. Vorhang. Es ist die Struktur, die Geschichten zu Legenden und Menschen zu Helden macht.

Doch der eigentliche Gewinner von Genf, der wahre Held mochte sich gar nicht freuen: Petr Cech. Er hatte fünf Minuten vor Schluss einen regennassen Flankenball aus den Händen gleiten lassen und den Türken den Ausgleich ermöglicht. Die Schlüsselszene. Die Wende vor dem Fall. Hätte er den Ball wie zigtausende Male zuvor in Training und Wettkampf souverän gefangen, unter sich begraben und dann weit abgeschlagen, wäre das wohl ein Symbolbild gewesen: „Ihr könnt nach Hause fahren!“ Es kam alles ganz anders und ÄŒech war untröstlich.
Dabei ist er in dieser Szene zu den ganz Großen unter den Torhütern aufgestiegen. Erinnerungen werden wach an Toni Schumachers Luftschlag im WM-Finale 1986 gegen Argentinien (2:3) und – na, klar – an Oliver Kahns Fehlgriff 2002 gegen Brasilien (0:2). Weltklassetorhüter, denen man einen Fehler gar nicht zutraut, die man “Maschine”, “Titan” oder “Mr. Perfect” nennt. Sie sind durch ihre Fehler gereift und wurden vor allem eines: beliebt. Als “Big Pete” 2005 mit seinem Club FC Chelsea 25 Spiele in Folge ohne Gegentor blieb, begannen sie sich in London ernsthaft Sorgen zu machen. Jetzt wissen sie: Es gibt keinen Grund. Tschechiens Torwart hat es allen gezeigt. Mensch Petr.

Es war kein geringerer als der Philosoph Karl Popper, der den Irrtum als die treibende Kraft des Fortschritts betrachtete. Denn ohne das Falsche könnten wird das Wahre nicht erkennen, so, wie wir ohne das Böse das Gute übersehen. Der Mensch ist eben kein absolutes Wesen mit dem Einblick in die absoluten Kategorien des Wahren, Guten udn Schönen. Er braucht den Vergleich, den Kontrast. Trocknes Brot weiß nur zu schätzen, wer mal Hunger litt.

Fehler seien, so Popper, ebenso lästig wie unvermeidlich. Da der Mensch zwangsläufig Fehler macht (zumindest machen könnte), käme es nun nicht darauf an, eine widernatürliche Unfehlbarkeit zu postulieren oder Fehler zu vertuschen oder klein zu reden, die schwache Leistung also auf die Bespielbarkeit des Platzes, den Luftdruck des Balls oder die Leistung des Schiedsrichters zu schieben, sondern die Fehler offen zuzugeben, um aus ihnen lernen zu können. So werden sie zu einem Anlass für größere Erkenntnis und markieren damit den Beginn einer besseren (Fußball-)Welt. In diesem popperschen Sinne ist Kritik (Netzer, Beckenbauer), vor allem aber Selbstkritik (Löw), nichts weiter als die Bedingung der Möglichkeit des Verständnisses unserer Selbst und der Welt, die uns umgibt.

Petr Cech. Photo: Wha'ppenPetr Cech hat jedoch nicht nur seinem Image und seiner bzw. unser aller Erkenntnis von Welt und Wirklichkeit, sondern vor allem auch seinem Sport gedient. Er gibt sich und dem Fußball die Menschlichkeit zurück. Sein Lapsus ist eine Rebellion gegen die käufliche Unfehlbarkeit. Cech will uns sagen: Es sind nicht die Millionen, sondern die Menschen, die nach wie vor den Fußball ausmachen. Und das ist gut so. Wer erinnert sich nicht mit Schrecken an jene Null-zu-Null-Endspiele von Weltmeisterschaften und der Champions League, wo sich fehlerfreie Abwehrreihen gegenüberstanden und sich die Fußballroboter im Mittelfeld gegenseitig neutralisierten, wo niemandem der Ball versprang und wo keiner mal wegrutschte und damit dem Gegner unfreiwillig zu einer Torchance verhalf. Ohne Fehler haben wir nichts zu sehen, nichts zu lachen und nichts zu diskutieren. Zum Glück wird es immer Fehler geben. Dafür sorgen im Zweifel schon die Schiedsrichter. Oder die deutschen Abwehrspieler. Oder die österreichischen Stürmer. Oder Gomez.

Den großen Wert seines Auftritts wird Petr Cech vielleicht erst in zehn Jahren erkennen, wenn er seine Karriere mit einigem Abstand in Ruhe bedenken und den Blick einmal schweifen lassen wird, weg von den Pokalen in der Vitrine, hinaus ins Leere. Was war wirklich wichtig? Er wird eine Antwort haben. Und die treibende Kraft der tschechischen Fußballnationalmannschaft wird hoffentlich spätestens zur beginnenden WM-Qualifikation wieder fit sein: Tomasz Rosicky. Doch auch er wird Fehler machen. Wie wir alle.

Photo Quelle / Copyright: la_imagen, cc creative commons, via flickr

Photo Quelle / Copyright: Wha’ppen, cc creative commons, via flickr

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