Schulgesetze: Instrumente gesellschaftlicher Bevormundung (I)

Das neue Volksschulgesetz im Kanton Zürich und die Harmonisierung der Volksschule Schweiz (HarmoS) “Es ist nicht der Staat, nicht die Schule, nicht irgend etwas anderes des Lebens Fundament, sondern das Haus ist es. Nicht die Regenten regieren das Land, nicht die Lehrer bilden das Leben, sondern Hausväter und Hausmütter tun

hoemre.jpgDas neue Volksschulgesetz im Kanton Zürich und die Harmonisierung der Volksschule Schweiz (HarmoS)

“Es ist nicht der Staat, nicht die Schule, nicht irgend etwas anderes des Lebens Fundament, sondern das Haus ist es. Nicht die Regenten regieren das Land, nicht die Lehrer bilden das Leben, sondern Hausväter und Hausmütter tun es; nicht das öffentliche Leben ist die
Hauptsache, sondern das häusliche Leben ist die Wurzel von allem, und je nach dem die Wurzel ist, gestaltet sich das andere.”
Jeremias Gotthelf

Die Familie ist Lebenskeimzelle und Grundstruktur überlebensfähiger Gesellschaften

Eine von Informationen überflutete Bevölkerung nimmt kaum mehr wahr, dass sich wichtige Vorgänge, die selten an die Öffentlichkeit gelangen, im Verborgenen abspielen. Seit Jahrzehnten führt der Schreibende, nie ganz allein, einen Kampf gegen den Zugriff des Staates auf unsere Familien und Kinder. Durch Mitarbeit im Vorstand der “Aktion Jugend- und Familienschutz” Ende der Achtzigerjahre wurde bewusst, dass die Familie keines Schutzes bedarf. Die Aktion wurde als Verein aufgelöst, denn: Die Familie ist die Keimzelle und der Kern menschlichen Daseins und deshalb auch der Schutz und Entfaltungsraum für Kinder, für Bedürftige, für Schwache und Alte. Die Familie ist ein einzigartiger Schutz vor Vermassung und vor Vereinzelung, vor gefährlichen Abhängigkeiten und vor Verführungen. Eine starke Familie ist ein Bollwerk gegen Tyrannei durch Individuen oder durch obrigkeitliche Macht. Die Frage, ob die Familie noch zu retten sei braucht insofern keine Antwort, weil die Familie die Rettung ist. Wo staatliche Familienpolitik und Bevormundungen die Integrität natürlicher Familienstrukturen gefährdet, müssen sich Familien schützen.

Von der Demokratie zur Demokratur

In einer Volksherrschaft, wie die Gründerväter und viele Schweizer Generationen ihre Rolle und die der Familien verstanden, bestimmt das Volk zuerst einmal dadurch, dass es sich selbst die Gesetze gibt, resp. sie von Vorfahren übernimmt, nach denen es leben und walten will. Nach dem Subsidiaritätsprinzip kommen kleine Familiengemeinschaften unter sich für die spezifischen Bedürfnisse einzelner Glieder auf. Lokale Dorf- und Städtegemeinschaften verwalten sich unter geteilten Gewalten dezentral. Unter dem Vorwand größerer Sicherheit, besserer Gesundheit, mehr Selbstverwirklichung und wirtschaftlicher Vorteile etc. verleiten Politiker und Regierende das Volk dazu, ihre Verantwortlichkeiten abzutreten. Indem er seine Rechte und Pflichten abtritt, verliert der Bürger auch die ihm zustehende Kraft und Freiheit, zu handeln. Durch Propaganda z.B., werden Mütter davon überzeugt, eine Frau könne sich nur oder vor allem durch Berufstätigkeit entfalten, nicht dadurch etwa, dass sie sich um ihre Kinder und Familie kümmere. “Hilfreiche Gesetze” überzeugen sie davon, dass staatlich geprüfte und von der Allgemeinheit finanzierte Experten und Fachkräfte sich um Kinder, Schwache und Bedürftige kümmern. Es gilt als ein untolerierbares Vegehen gegen die Interssen der Gesellschaft, als Bürger zu glauben – und entsprechend zu handeln -, das ausrichten zu können, wozu andere Leute jahrelang auf Kosten der Allgemeinheit lernen und studieren mussten/durften, um staatliche Anerkennung und stattliche Lohnzahlungen zu erlangen. Die Möglichkeit, ohne staatliche Zertifizierung erfolgreich sein zu können, wird entweder ignoriert oder aber als gesellschaftliche Gefahr bekämpft. Wer es in unserer Gesellschaft, die deklariert, freiheitlich-tolerant zu sein, wagt, anders zu sein, anders zu denken, weniger Staat und mehr Freheit fordert, wird als Sektierer verschrien.

Demokratur oder Familie?

Es gibt nur wenige Leute, die zu bezweifeln wagen, dass es der Erziehung und Bildung von Kindern nicht immer zum Guten gereicht, wenn letztere sich in staatlichen Institutionen die aktuell geltenden offiziellen Denk- und Verhaltensweisen aneignen. Ein wichtiges Element der staatlichen Einschulung ist die Ablösung der Kinder von den Eltern. Die Kinder müssten aus familiären Zwängen und Vorstellungen herausgelöst werden und sich als frei waltende Individuuen entfalten können. Einige mögliche Folgen davon sind Verunsicherung, Gruppenabhängigkeit, Zwang, Sucht, Gewaltbereitschaft. Mit dem Gang des Kindes zur staatlichen Bildungsanstalt, zum Kindergarten oder zur Schule ist eine zweite Botschaft verbunden. Sie wird täglich unausgesprochen wiederholt und eingefleischt und lautet: “Alles wichtige, was ich fürs Leben brauche, findet sich außer Haus, in der Schule und dafür sind weder Eltern noch Familie zuständig.” Der durch den Schulbetrieb von den Eltern abgelöste Mensch versteht sich als vom Vaterstaat umsorgtes Einzelwesen. Sozialarbeiter, Fürsorge- und Beratungsstellen, staatlich subventionierte “Selbsthilfe”-Gruppen, Anwälte etc. stehen dienstfertig auf Abruf und als Helfer bereit. Wo immer aber der Staat sich als Helfer anbiedert, hilft er sich zuerst selber zu neuen Aufgaben, stärkt er seine bürokratische Vormachtstellung und macht den Einzelnen abhängig, bevormundet und verwaltet. Mit der Aufgabenhäufung geht noch ein anderes Phänomen einher: Der Staat tritt als Stellenanbieter in Konkurrenz zur Privatwirtschaft und zieht dort Arbeitskräfte ab. Das führt u.a. dazu, dass Mütter ihre eigenen Kinder lieber staatlich fremdbetreuen lassen, anstatt in Ausübung ihrer eigentlichen Mutteraufgaben Glück und Frieden zu finden. Als eine Art Gegenleistung betreuen die “Mütter” fremde Kinder gegen staatliches Entgelt als Kleinkinderbetreuerinnen, als Kindergärtnerinnen, als Lehrerinnen und Sozial padgoginnen, um Kinder anderer Familien zu “sozialisieren” oder die vom “Mutterdienst” Dispensierten wenden sich der Kranken- und Altenpflege oder andern Berufskarrieren zu. Einzig eine möglichst intakte, ihrer Aufgaben und Kompetenzen, ihrer Stärken und Pflichten bewussten Familie bietet einen Lebensrahmen, der vor Tyrannei und Verführung schützt und der die persönliche Entfaltung des Menschen als Teil einer überschaubaren menschlichen Gemeinschaft begünstigt und einen Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe schafft.

Volksschulerfahrungen

Als ihr erstes von vier Kindern vor rund 25 Jahren eingeschult wurde, erfuhren der Verfasser und seine Frau schlagartig, wie konkret oben Beschriebenes im Leben ihres Kindes und damit im Leben ihrer Familie sich auszuwirken begann. Was der ABC-Schütze anhand von Erstleseheftchen einübte, werden die Eltern nie vergessen: den Weisungen der Mutter widersprechen und davon laufen, lügen, Eltern als langweilig empfinden, Wertmaßstäbe verachten. Nein, das ist keine Übertreibung. Die Serie der erwähnten Lesehefte wurde seit 1976 im Lehrmittel Verlag Zürich aufgelegt und wird weiterhin vertrieben und in Schulen verwendet.

Nichts zu machen?

“Da kannst Du nichts machen!”, mussten wir uns damals als Eltern rundum sagen lassen. Wir haben ab 1990 als Familie unsere vier Kinder von der Schule abgemeldet und sie dann während dreizehn Jahren zu Hause lernen lassen. Inzwischen stehen alle vier erfolgreich im Berufsleben. Das lesen sie nicht in der Zeitung. Sie lesen in der Zeitung auch nicht, dass mittels des neuen Volksschulgesetzes im Kanton Zürich die Schulalternative Bildung zu Hause definitiv abgeschafft werden soll. Im Volksschulamt wurde letzten Herbst neu die Abteilung Privatunterricht eingerichtet, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, eigenverantwortliches Handeln zu unterdrücken, Eltern zu zwingen, ihre Kinder zur Bildung und Erziehung an den Staat auszuliefern. Ganz gezielt wird unter dem Vorwand des Kindeswohls gegen das traditionelle Familienkonzept gearbeitet, werden starke Familien bevormundet und damit geschwächt.

Familien stehen zusammen

Ende April trafen sich Vertreter von rund 20 Familien in Zürich, um sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Einzelfamilien, Gruppen von Familien, Interessensgemeinschaften, Politiker, Anwälte hatten vorher leider vergeblich versucht, die Verwaltungsbehörden davon zu überzeugen, dass es nötig sei, einen für betroffene Familien gangbaren Weg zu finden, ihr alternatives Bildungsprogramm weiterzuführen und es für neue Familien offen zu halten. Betroffen sind insgesamt rund 50 Familien, die rund 150 Kinder in Eigenverantwortung zu Hause unterrichten. Es ist bekannt, dass hunderte, wenn nicht tausende von Familien die öffentlichen Schulen zunehmend als Last, wenn nicht gar als unerwünschte Belästigung für ihre Kinder, als der Familie schwer zumutbaren Leidensweg erfahren. Sie fühlen sich allein gelassen, denken oft fälschlicherweise, sie seien die einzigen. Der Leidensdruck nimmt täglich zu, doch ist er noch zu gering, als dass der Aufschrei in der Öffentlichkeit vernehmbar wäre. Selbst wo er hörbar ist, wird er gerne verkannt, von Lehrern, von Behörden, von den Medien im Allgemeinen nicht zu sprechen. Dabei wäre es doch Aufgabe der Medien, solche Leidenszeichen aufzugreifen, den Ursachen nachzufragen und sich für gangbare Alternativen zu interessieren.

Eltern stehen auf

Das Schweizer Elternforum (SEF), eine Interessensgemeinschaft ohne Rechtsform, ruft dazu auf, diese Entwicklungen nicht tatenlos hinzunehmen. Melden Sie sich an nachstehender Adresse, wenn Sie sich an der Arbeit des SEF beteiligen möchten. Im Kanton Zürich ist u.a. geplant, nötigenfalls den Gesamtregierungsrat des Kt. Zürich anzugehen, damit direkt betroffenen Eltern und künftigen Generationen geholfen werde. Menschen, die am staatlichen Zugriff auf die Familie leiden, können sich beim SEF engagieren: Wir haben Argumente, die zeigen, dass BILDUNG UND ERZIEHUNG GRUNDSÄTZLICH STETS ELTERN- UND FAMILIENAUFGABEN waren, sind und bleiben müssen.

Totalitäre Freiheit – (k)ein Widerspruch?

Weshalb stellt der Kanton Zürich diese naturgegebene Ordnung in Frage? Selbstverständlich haben die Kantone aufgrund der BV die Aufgabe, Schulen zu betreiben, nicht aber Schulzwang auszuüben. Das Recht, eine Schule besuchen zu dürfen, wird in vielen Kantonen als unbedingte Schulpflicht, als Schulzwang ausgelegt. Es gilt diese Auslegung zu bestreiten. In allen Kantonen der Schweiz soll Harmos, die Harmonisierung der Volksschulen in der Schweiz, vollzogen werden. Herr Hans-Ulrich Stöckling, Bildungs-Doyen der Schweiz, will dieses Projekt im Sinne einer Umsetzung des in der Volksabstimmung so klar bejahten Bildungsartikels noch verwirklicht sehen. Stöckling war während zwanzig Jahren Erziehungsdirektor des Kantons St.Gallen, während acht Jahren präsidierte er die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) unter dessen Patronat HarmoS entstand und jetzt vollzogen werden soll. Wie sich der abtretende Erziehungsdirektor äußerte, wird er sich auch als heutiger Präsident des Schweizerischen Nationalfonds für die Umsetzung von Harmos weiter einsetzen. Auf seine Parteizugehörigkeit (Freisinnig Demokratische Partei) angesprochen und auf die Frage, ob sein freiheitliches Denken denn auch Freiheit von Schulzwang, resp. Schulverweigerung zulasse, antwortete er deutlich mit “Nein, denn es sind gerade die Kinder jener Eltern, die ihre Elternpflichten nicht wahrnehmen, die durch die Schule sozialisiert werden müssten.” Je früher jene Kinder eingeschult würden, desto besser wäre es. Je früher Kinder demnach von Heim und Familie getrennt würden, desto besser für deren Wohlbefinden und Fortkommen im Leben, so die Meinung des Bildungspolitikers Stöckling. Die zwanzig Jahre Erfahrung als Bildungsdirektor scheinen nicht nur sein Vertrauen in Elternarbeit auf einen Tiefpunkt geführt zu haben. Für Bildungspolitiker sind Eltern vor allem Lieferanten der Schulgrundkomponente, des Menschenmaterials “Kind”, während sich die Schule für Enkulturation und für Sozialisierung des Materials zuständig erklärt. Es ist vorhersehbar, dass die Umsetzung von Harmos für alle Kinder Schulzwang bedeuten wird. Damit ist Schluss mit Elternrecht, Schluss mit Bildungsfreiheit, Schluss mit der Möglichkeit, neben der offiziellen staatlichen Sozialstaatsideologie noch andere Meinungen zu vertreten.

Wenn Freiheit gleichzeitig Zwang bedeutet – Orwellsches Neusprech

Dass Harmos unter maßgeblicher Federführung eines freisinnigdemokratischen Politikers aufgegleist und durchgezogen wird, müsste nachdenklich machen. Denn das so geartete freisinnige Demokratie-Verständnis zwingt nicht nur schwache und schutzbedürftige Kinder, sich in Schulklassen sozialisieren zu lassen, sich von der Familie zu desintegrieren, während die Schule sie integriert (in was eigentlich?), sondern auch Eltern sehen sich durch eine Staatsbürokratie, gegen die kein Kraut gewachsen ist, ihrer eigenen Kinder beraubt. Dazu kann das Demokratie-Prinzip, die Subsidiarität, kaum gravierender verletzt werden, als durch Bevormundung eigenverantwortlicher Familien. Zertrennung zwischen Eltern und Kindern ist ein sozialistisches Schulprogramm und dient letzlich den von Marx und Engels erklärten Zielen, die bürgerliche Familie abzuschaffen. Der so genannte Ablösungprozess der Kinder von den Eltern wird staatlich gesteuert und ab dem vierten Altersjahr gezielt vollzogen. Je früher, desto besser. Dass es einzelne Familien gibt, in denen Kinder vor ihren Eltern zu schützen wären, wird niemand bestreiten. Doch dass dies grundsätzlich allen Familien seitens der Behörde mittels Schulzwang unterstellt wird, insbesondere jenen, die sich für Bildung und Erziehung ihrer Kinder aktiv engagieren, erfordert Widerspruch und nötigenfalls Widerstand. Wer schützt die Familie vor behördlicher Willkür? Wer schützt engagierte Eltern davor, für ihre Arbeit kriminalisiert zu werden? Wenn Schulgesetzte als Instrumente der Bevormundung missbraucht werden, wenn Recht auf Bildung Schulzwang bedeuten, werden Bildungsfreiheit und -rechte, Elternpflichten und -rechte zu leeren Worthülsen.

Ungeheure Kosten entstehen

Wer bezahlt die Kosten, sowohl die materiellen als auch die menschlichen Leidens? Wenn Familien zerbrechen und der Staat als Familienersatz auftritt, entstehen erhebliche Kosten für Wohlfrahrtsprogramme und für Gefängnisse, für Tagesbetreuung, und für Heere von “Experten”. Die Produktivitätsrate und der Lebensstandard nehmen ab, Schäden an Innen-, Aussen- und Umwelt entstehen und selbstverständlich greift ein überdimensionierter, teurer und mächtiger Regierungs- und Verwaltungsapparat um sich. Wer soll, wer wird das bezahlen? Worthülsen: Freiheit, Eigeninitiative, Viielfalt, Selbstverantwortung Subsidiarität und Demokratie? Freiheit, Eigeninitiative, Viielfalt, Verantwortungsbewusstsein, Subsidiarität und Demokratie im Sinne bewusster Selbstbeschränkung des Staates, verkommen zu leeren Worthülsen, wenn es Eltern nicht erlaubt sein sollte, ihre Kinder selber zu erziehen und zu bilden. Es ist rechtens, wenn der Staat sich verfassungsgemäss darum kümmert, Schulen zu betreiben, diese nötigenfalls harmonisiert, für teures Geld ein allgemeines Bildungsangebot, das einen Drittel oder mehr der Staatsausgaben verschlingt, bereit stellt. Aus dem Recht auf Bildung einen Schulzwang abzuleiten, ist allerdings eine unverzeihliche gedankliche Verirrung. Derartige Verirrungen verwaltungstechnisch zu verteidigen oder politisch zu schützen ist mehr als Unrecht und endet in Selbstzerstörung.

Fortsetzung folgt…

Juni 2008
Rudlof Schmidheiny
Koordinator Schweizer Elternforum
Aubodenstrasse 35, 8472 Ohringen
Tel. 052 335 10 76 / mailto: r_schmidheiny@hotmail.com
© Schweizer Elternforum

“Mancher vermag Amt, Stellung, Staat auf die schändlichste Weise zu missbrauchen zur Steigerung seiner Lust oder seines Geldsäckels, während er von lauter System, Gemeinwohl und Volksinteresse überfliesst.” Jeremias Gotthelf

Photo Quelle/Copyright: mucus*plug, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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