Als ich am Bonner Hauptbahnhof aussteige, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass hier einstmals Staatsgäste bei ihrer Ankunft in Deutschland begrüßt wurden oder deutsche Regierungschefs in den Salonwagen stiegen, der sie nach Paris oder Moskau brachte. Gewiss, das Empfangsgebäude aus der Bismarck-Ära verströmt noch immer eine gewisse Autorität, aber betritt man es, wird man schnell von den 08/15-Annehmlichkeiten der DB-AG ernüchtert. Service Point, Reisezentrum und die üblichen Filialen von Großbäckereien und Caterern, wie man sie mittlerweile an jedem größeren Bahnhof der Republik antrifft.
Der Eindruck verstärkt sich, als ich das Gebäude stadtwärts verlasse.
Der Bahnhofsvorplatz ist eine einzige Bausünde. In Geschäftshäusern im Stile der Verpackungsarchitektur, die man irgendwann in den 70ern für chic hielt, tummeln sich die üblichen Imbissketten und Mobilfunkläden. Den Zugang zum Nahverkehr von der Innenstadt aus eröffnet ein terrassenförmig angelegter Krater, auch das hielt man irgendwann für moderne Architektur. Heute ist das Ganze zum Problemviertel geworden, mit dem sich eine eigene, von Sozialarbeitern unterstützte Polizeieinheit beschäftigt und das den Bonner Kommunalpolitikern schlaflose Nächte bereitet.
Ich habe mir aber vorgenommen, ein wenig in die Vergangenheit zu reisen, in die “Bundeshauptstadt Bonn”.
Eines der letzten großen Projekte, das hier entstanden ist, ist das “Haus der Geschichte“. Ursprünglich wollte Altkanzler Kohl sich und der “alten Bundesrepublik” damit ein Denkmal setzen. Heute wirkt schon der Weg dorthin, als bewege man sich in einem einzigen großen BRD-Museum. Mit der U-Bahn ins ehemalige Bonner Diplomatenviertel zu reisen, ist wie ein Ausflug in die 80er Jahre. Große, bunte Kacheln in giftigen Farben (jede Station hat ihre eigene Kennfarbe), kaum Werbeplakate an den Wänden, Fahrplananzeigen, die im “Look and Feel” ein wenig an den Commodore 64 erinnern.
Das einzige was geändert wurde, geändert werden musste, sind die Namen einiger Stationen. Die Haltestelle “Auswärtiges Amt” heißt jetzt “Bundesrechnungshof/Auswärtiges Amt”, weil die emsigen Buchhalter den paar übriggebliebenen Diplomaten doch zahlenmäßig überlegen sind. “Heusallee/Bundeshaus” heißt jetzt “Heusallee/Museumsmeile”. Hier steige ich aus und bin mitten im ehemaligen Regierungsviertel, an der so genannten “Diplomatenrennbahn”. Hier waren früher Regierungsbauten, Botschaften, Partei- und Verbandszentralen wie Perlen an einer Schnur aneinandergereiht. Heute sind sie (fast) alle umfunktioniert.
Hauptstadtrecycling könnte man das nennen. Im “Langen Eugen”, wo einst die MdB’s ihre Büros hatten, sind jetzt diverse UN-Organisationen untergebracht. Das Ollenhauer-Haus, die ehemalige SPD-Zentrale beherbergt heute ein italienisches Kettenrestaurant sowie ein Call Center eines Meinungsforschungsinstituts. Irgendwie passend finde ich, als Nachfolger von Toskana-Fraktion und den Spin-Doktoren der Schröder-Ära. Die beiden Plenarsäle, der erst 1992 fertiggestellte am Rheinufer und das vorher genutzte Provisorium im ehemaligen Wasserwerk dienen dem “World Conference Center Bonn” als Tagungsräume. Dem Vernehmen nach tagen hier allerdings vor allem jene Institutionen, die ohnehin (noch oder neu) in Bonn angesiedelt sind
Wenn man es so nimmt, ist Bonn eigentlich ganz gut weggekommen.
Halb so groß wie der Zentralfriedhof von Chicago (um diesen alten Witz auch mal wieder zu bemühen), aber mit UNO-Repräsentanz, Bundesbehörden und reichlich freier Bürofläche für Firmen und überdimensionierter Verkehrsinfrastruktur ausgestattet. Man stelle sich vor, die USA beschlösse, die Hauptstadt nach New York zu verlagern und aus dem Weißen Haus ein Luxushotel und aus dem Capitol ein Kongresszentrum zu machen. Wer würde dann noch nach Washington reisen?
Die Ausstellung im Haus der Geschichte ist wirklich interessant, aber nicht beeindruckend. Irgendwie hat man hier zu viel auf relativ engem Raum gewollt, einen Abriss über die wichtigsten politischen Ereignisse der Nachkriegsgeschichte, aber auch ein Rückblick auf die Naziepoche, und ein wenig Sozial- und Kulturgeschichte. Das alles mit viel Schauobjekten und Multimedia aber ohne einen wirklichen roten Faden. Man kann Adenauers Dienstmercedes bestaunen und den eben bereits erwähnten Salonwagen, ebenso wie das alte Parlamentsgestühl, Willy Brandts Nobelpreisurkunde und die ersten Plakate der Grünen. Die alten Elefantenrunden mit Schmidt, Strauß und Genscher nochmal angucken.
Ein Ort für uns Wessis irgendwie, vielleicht ist das die Erklärung für die Popularität des Museums, neben dem freien Eintritt. Die DDR findet auch statt, aber eher als Kuriosität am Rande. Man kann die Schlagzeilen des Neuen Deutschland lesen und die Parolen der Massenorganisationen, aber das alles bleibt so fremd, wie einst Ekel Alfred die Ost-Verwandtschaft seines ungeliebten Schwiegersohnes Michael.
Ich verlasse das Museum und spaziere noch ein wenig umher.
Am Thomas-Dehler-Haus prangt mir überlebensgroß Guido Westerwelle entgegen. Hier haben 1997 die Bergleute von Saar und Ruhr für den Erhalt ihrer Zechen demonstriert, eine der letzten großen Demonstrationen in der alten Bundeshauptstadt. Ich steige in die U-Bahn und steige an der Haltestelle Universität aus. Ich will ein wenig am Hofgarten verweilen. Hier war in den Bonner Jahren sozusagen der Gegenpol zum Regierungsviertel, fanden die großen Demonstrationen der Umwelt- und Friedensbewegung in den 80ern und der Gewerkschaften gegen Arbeitslosigkeit und Sparmaßnahmen in den 90ern statt, in sicherer Distanz zur Bannmeile. Man hat häufig als Argument für Berlin als Hauptstadt angeführt, die Regierenden seien dort direkter mit gesellschaftlichen Problemen und jenen, die sie umtreiben, konfrontiert. Rein räumlich gesehen, mag das zutreffen. Heute finden die großen Kundgebungen auf dem Pariser Platz statt und der ist in Sichtweite des Reichstages. Aber werden sie dort auch stärker wahrgenommen?
Ein naiver Glaube, räumliche Nähe mit Bürgernähe zu verwechseln. So gesehen, hätte die DDR-Volkskammer ein ausgesprochen bürgernahes Parlament sein müssen, denn im selben Gebäude trafen sich die (Ost-) Berliner zum Kegeln und gaben Schlagersternchen aus Ost und West Konzerte.
Verklärung der rheinisch-westdeutschen Vergangenheit liegt mir fern und erst recht die saloppe ahistorische Arroganz der Titanic-Fraktion, die (halb im Spaß, halb im Ernst) gerne die Mauer wieder errichten möchte und damit zwischen Flensburg und Saarlouis nicht wenig heimliche Zustimmung findet. Nein, es sind nicht die Menschen in Ostdeutschland, die mir fremd sind, die mich zu einem Anflug von “Westalgie” veranlassen, eher das Führungspersonal der so genannten Berliner Republik, allesamt beseelt davon, Sinn zu stiften, Großes und Neues zu erschaffen und ständig dem Zeitgeist hinterherzuhecheln.
Nein, das neue größere Deutschland ist nicht zu einer erneuten Bedrohung für die Nachbarn geworden, wie es Skeptiker befürchtet hatten. Eher zuweilen eine Gefahr für sich selbst. Haben wir außenpolitisch wirklich mehr erreicht, indem wir die Landesverteidigung an den Hindukusch verlagert haben? War die kluge und bescheidene Diplomatie eines Hans-Dietrich Genscher am Ende nicht effektiver als das zwanghafte Bestreben, überall mitzumischen an den Brandherden dieser Welt? Wäre eine Entfremdung wie die zu den osteuropäischen Nachbarn in Polen in Zeiten des sensiblen Visonärs Brandt denkbar gewesen? Hat nicht Helmut Kohl beim Saumagen in Oggersheim mehr für dieEURopäische Einigung erreicht als Merkel mit ihrem all zu offenkundigen Ehrgeiz, Großes zu bewirken und eine EU-Verfassung durchs Hintertürchen zu erzwingen? Und denkt man nicht zwangsläufig an Ludwig Erhardts Mahnung, “Maß zu halten”, wenn man sich die Serie von Pleiten, Pech und Pannen der deutschen Wirtschaftselite der letzten Jahre vor Augen führt. Und was ist aus dem sozialen Konsens geworden, der Grundlage für den Erfolg des “Rheinischen Kapitalismus” war? Er konnte nicht erneuert werden, es ist nicht mal ernsthaft versucht worden. Stattdessen kleinteilige, technokratische Reformen, geleitet vom globalen Anpassungsdruck auf der einen Seite und fantasieloser Sozialstaatskonservatismus auf der anderen Seite.
Ich spaziere durch die Bonner Innenstadt zurück zum Bahnhof.
Der letzte Zug, der mich in akzeptabler Zeit zurück in Richtung Saarbrücken bringt, fährt um kurz nach Sieben, aber ich will nicht über die Missstände bei der Börsenbahn abschweifen. Ich komme vorbei an Starbucks, Pizza Hut, Phone House und Esprit. Die Innenstädte sind ja mittlerweile zum Verwechseln ähnlich geworden. Vielleicht muss Politik ja heute sein wie Starbucks: Teuer, stylisch, mit viel Schaum und an jedem Ort der Welt gleich. Vielleicht schadet es aber auch nicht, sich gelegentlich auf das Bodenständige und Bewährte zu besinnen: Der Kaffee und die Schokoladentorte in der Cafeteria im Haus der Geschichte haben jedenfalls gut geschmeckt. Auch ohne Schaum.
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Lieber cklein
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ein schöner Reisebericht………in die Vergangenheit ……..
eine Frage wie hast Du das verkraftet : ? “Am Thomas-Dehler-Haus prangt mir überlebensgroß Guido Westerwelle entgegen!
Also mir wäre da sofort Kubicki eingefallen :
Westerwelle hat sich ja selbst als die Freiheitsstatue der FDP bezeichnet, worauf ihm sein Partei”freund” Kubicki öffentlich geantwortet hat: …
Die Feiheitsstatue steht einsam auf einer Insel im Meer und ist außerdem auch noch hohl im Kopf.
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