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Sport + Vermischtes

Notizen aus dem EM-Krankenlager

Donnerstag, den 19. Juni 2008 um 14:54 Uhr von Florian Schneider
Photo: Beat

Herrlich, während der EM krank zu sein, dürfte der Traum jedes Arbeitnehmers sein. Insofern habe ich drei wunderbare Tage im Bett zubringen dürfen, die dank Schmerzmitteln galore durchaus aushaltbar gewesen wären. “Und ich benutze hier bewußt den Konjunktiv” (U.Lattek) Wären, wenn der deutsche Fernsehsportjournalismus nicht komplett darniederliegen würde. Eine Bestandsaufnahme.

Gerade erst haben die Ministerpräsidenten diskutiert, was ARD und ZDF zukünftig online bieten dürfen. Hätten sich die “Herren Politiker” (H.Schneider) doch lieber die Fußballberichterstattung während der EM zu Gemüte geführt, es hätte sofort einen Extraerlass gegeben. Die Fußballberichterstattung in den Öffentlich-Rechtlichen will dieser Tage nichts anderes sein als Boulevard. Schließlich schauen während so einer EM ja auch viele Leute Fußball, die sich diese Art von Unterhaltung eher sparen und die man mit einer allzu kritischen Herangehensweise nur verschrecken würde. Also wird Hofberichterstattung betrieben, die selbst Rolf Seelmann-Eggebrecht alt Aussehen lässt.
Die erste tägliche Schalte ins deutsche Mannschaftsquartier erfolgt jedenfalls im Morgenmagazin, das sich zu diesem Zweck mit Jörg Berger und Fritz Eckenga verstärkt hat. Zu berichten gibt es überraschenderweise in der Zeit zwischen 5:30 Uhr und 9:00 Uhr nichts, gesendet wird trotzdem.

Weiter gehts im Mittagsmagazin, erster Auftritt Moni Lierhaus, die einwandfrei Aktionen kommentieren kann wie: “Der deutsche Mannschaftsbus verlässt um 16:30 Uhr das Hotel” Informationsgehalt? Dürftig! Zwischendurch wird natürlich noch die Pressekonferenz mit Jogi Löw und Michael “Isch surf im Indernäd” Ballack live übertragen. Der DFB-Mediendirektor Harald Stenger, dessen hessische Gemütlichkeit ideal zur Blauen Bock-Seligkeit der Veranstaltung passt, glänzt durch ein hervorragendes Namensgedächtnis und technischen Sachverstand. Er weiß, wie die komischen Mikrophone funktionieren, traut seinen Nationalspielern soviel Intellekt aber nicht zu, und bietet sich deshalb immer selbst zum Drücken ein. Ein groteskes Schauspiel, dessen Niveau durch die Fragen der anwesenden Journalisten locker unterboten wird. Drei, vier, fünf Mal fragen die Kollegen der großen Zeitungen Jogi Löw nach der Aufstellung, die der natürlich nicht preisgeben will, und liefern damit unabsichtlich den Beweis, wie nötig diese Veranstaltung ist.

Sobald man sich durch den Vormittag gekämpft hat, muss man nur noch einige Schalten der “Nachrichtensendungen” ins deutsche Quartier aushalten ehe um 16:30 Uhr die Übertragung beginnen kann. Nur wie füllt man 1,5 Stunden, wenn die deutsche Nationalmannschaft spielfrei hat? Richtig, man schaltet ins deutsche Hauptquartier und lässt Moni Lierhaus oder irgendeinen anderen Affen harmlose Nichtigkeiten aufsagen.

Ansonsten herrscht journalistische Tristess, wenngleich man Netzer und Delling zugestehen muss, dass sie sich stark formverbessert zeigen. Aber Netzer ist nun mal nicht Experte für jede Mannschaft. Informativer ist da schon das Duo Kerner-Klopp, Urs Meier hat nach wie vor nichts beizutragen, was Klopp zusehends mehr nervt und zu bissigen Kommentaren verleitet: “Hier muss ich mich eben nicht so oft konzentrieren”. Schließlich will Onkel Kerner am liebsten Gruppenkuschel, nennt Klopp ständig Schatz, kokettiert fortwährend mit seinem Nichtwissen und glaubt inzwischen, es wäre cool sich nicht zu rasieren. Nein, Herr Kerner, das ist es nicht! Inhaltlich kann man lediglich den Spielanalysen Klopps etwas abgewinnen, die jedoch wegen der vielen Zuschauer, die sonst nicht einschalten, nicht zu tiefgehend ausfallen darf. Wie Kerner nicht müde wird, einzuwerfen.

Kleiner Lichtblick: Mehmet Scholl, der zwar noch reichlich nervös, trotzdem den einen oder anderen lichten Moment schuf: “Also gegen usn hätten die nicht solange kombinieren können, da hätten wir schon mal einen umgegrätscht!”

Richtig ärgerlich wird allerdings die “satirische” Nachbereitung der Spieltage. Waldis-EM-Club hat sich endgültig zum Stammtisch der Ressentiments entwickelt und schreckt zugunsten eines “Witzes” nicht vor dumpfem Rassismus zurück. Und das sogennate politische Kabarett in Gestalt von Urban Priol oder Django Asül sitzt schweigend daneben, wenn Toni Polster über die Klauerei der Rumänen schwadroniert. Pfui, Teufel.

Im ZDF begnügt man sich deshalb mit original null Niveau, importiert direkt ein tausendfach bei den Privaten bewährtes Format und installiert dafür die Witzgranaten Guido Cantz, Ingolf Lück und Oliver Welke im Studion. Wenn man Glück hat, sitzt Mike Krüger mit dabei. Wie gesagt, wenns gut läuft.

Dieser Artikel ist eine Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Autors via: http://www.5-freunde-im-abseits.de/2008/06/14/notizen-aus-dem-em-krankenlager/

Photo Quelle / Copyright: Beat 【ツ】, cc creative commons, via flickr

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