Streik bei Allianz SE in Südkorea – “Hoffentlich…?”

“Der multinationale Konzern Allianz kommt seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht nach und verhält sich falsch! Dagegen protestieren Bürgerinitiativen, Arbeiter und Wissenschaftler gemeinsam!” Das waren die einleitenden Worte von Professor Kang Su-dol (Korea Universität, Wirtschaftswissenschaften) auf der heutigen Pressekonferenz der “Initiative für die Lösung des Streiks bei Allianz Leben Südkorea” in der

streik1.jpg“Der multinationale Konzern Allianz kommt seiner gesellschaftlichen Verantwortung nicht nach und verhält sich falsch! Dagegen protestieren Bürgerinitiativen, Arbeiter und Wissenschaftler gemeinsam!”

Das waren die einleitenden Worte von Professor Kang Su-dol (Korea Universität, Wirtschaftswissenschaften) auf der heutigen Pressekonferenz der “Initiative für die Lösung des Streiks bei Allianz Leben Südkorea” in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

Rund 1.000 Beschäftigte des koreanischen Ablegers der deutschen Versicherungsfirma Allianz streiken seit rund 148 Tagen.

Sie protestieren damit gegen das Vorgehen des Managements, das Anfang des Jahres ohne Verhandlungen mit der Gewerkschaft ein neues leistungsabhängiges Lohnsystem eingeführt hatte.

Im Zuge der Auseinandersetzungen hat das Unternehmen bisher rund 100 Angestellte entlassen und veranlasst, dass der Gewerkschaftsvorsitzende verhaftet wurde. Heute fand die erste Gerichtsverhandlung diesbezüglich statt.

Das Management Allianz Leben Südkorea behauptet, dass der Streik illegal sei, weil die Einführung eines neuen Lohnsystems “vorab vereinbart” gewesen sei. Die Forderung einer Rücknahme des neuen Lohnsystems falle nicht unter das Streikrecht, so das Unternehmen, weshalb der Streik gesetzlich nicht gerechtfertigt sei.

streik2.jpgDie Gewerkschaft sieht dies jedoch anders. Seit Ende des vergangenen Jahres haben mehrere Verhandlung mit der Geschäftsleitung stattgefunden, bei denen die Gewerkschaft die Erneuerung des auslaufenden Haustarifvertrages als Voraussetzung eines gemeinsam zu vereinbaren Akkordlohnsystems gefordert habe.

Obgleich in der Vergangenheit insgesamt 14 Treffen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern stattgefunden haben, behaupte die Firmenleitung, dass sich die Gewerkschaft nicht zu Gesprächen bezüglich des neuen Lohnsystem bereit erklärt hätte. Das neue leistungsabhängige Lohnsystem wurde am 17. Januar einseitig eingeführt und führte schließlich zur Arbeitsniederlegung von mehr als der Hälfte der Belegschaft.

Allianz Leben war 1999 nach der Asienkrise mittels der Übernahme des südkoreanischen Unternehmens Jeil Life in den hiesigen Markt eingestiegen. Seitdem sind bisher mit 1.000 Angestellten bereits 40 Prozent der ehemaligen Belegschaft entlassen worden. Die Zahl der Vorstandsmitglieder dahingegen hat von 13 auf 31 Personen, d.h. um 240 Prozent zugenommen.

Die streikende Belegschaft belagert unterdessen den Hauptsitz von Allianz Leben Südkorea im Finanzviertel Yeoeuido. In selbstgebauten Zelten harren sie vor der Firma aus in der Hoffnung, dass ihr Anliegen Gehör findet.

Die Gewerkschaft hat im Februar und im Mai versucht bei der Zentrale in Deutschland Gehör zu finden, doch dort gibt man sich pragmatisch und skeptisch.

Der Streik sei das Problem der südkoreanischen Filiale, war die Antwort im Februar. Als im Mai zwei Gewerkschaftler vor der Hauptversammlung des Unternehmens in München Flugblätter verteilten, beruhigte man die Südkoreaner damit, dass man bereits über die Probleme informiert sei.

Es ist jedoch fraglich, ob man im deutschen Hauptsitz des Unternehmens tatsächlich versteht, was der tatsächliche Grund für den Konflikt ist. Dort hat man augenscheinlich die Meinung der südkoreanischen Kollegen einfach übernommen. Es sei ihnen schwer verständlich, dass “einige” Angestellte streiken, seien ihn doch “genügend” Gesprächsangebote gemacht worden, die sie jedoch “abgelehnt” hätten. Außerdem habe es in der südkoreanischen Filiale in der Vergangenheit auch Gehaltserhöhungen gegeben.

allia.jpgDoch dass diese Lohnerhöhungen vormalig eingefrohrene Löhne und nicht gezahlte Boni beinhalten, wurde nicht erwähnt. Nach Angaben der Gewerkschaft steht Allianz Leben Südkorea auf niedrigster Stufe im Vergleich zu Lohnerhöhungen anderer Unternehmen derselben Branche. Dass die Gespräche mit der Unternehmensleitung von der Gewerkschaft nicht abgelehnt wurden, wie das Management behauptet, beweist die offiziell abgestempelte Korrespondenz mit dem Management. Des Weiteren hat die Gewerkschaft die Einführung eines leistungsabhängigen Lohnsystems nicht per se abgelehnt.

Diese Meinungsverschiedenheiten und der sich in die Länge ziehende Konflikt hat schließlich die Initiative von Wissenschaftlern und anderen Intellektuellen auf den Plan gerufen.

Auf der heutigen Pressekonferenz sagte Professor Lee Kwang-Taek (Kookmin Universität, Jura), der Vorsitzende der Initiative: “Die Unternehmensleitung muss die entlassenen Angestellen sofort wieder einstellen und sich zu Verhandlungen mit der Gewerkschaft bereiterklären, Fragen des Lohns, des leistungsabängigen Lohnsystems und die Gewerkschaftsmitgliedschaft der Filialleiter gemeinsam zu lösen!”

Unter anderem führte Professor Lee den Grundsatz der Aussperrung des deutschen Betriebsverfassungsgesetz und ein entsprechendes Regelwerk im südkoreanischen Gesetz an, um Gesetzeswidrigkeiten seitens des Unternehmens herauszustellen.

univ4.jpgUnterdessen besuchte gestern der Leiter der Asien-Region der globalen Gewerkschaftsvereinigung UNI, Christopger Ng, die Streikenden vor Ort. Auch Verdi hat sich bereits eingeschaltet.

Internetseiten, die über den Protest aufklären, gibt es auch auf Deutsch und Englisch.

Einer der erfolgreichsten Werbeslogans des weltweit agierenden deutschen Traditionsunternehmens Allianz war: “Hoffentlich Allianz versichert!”

Doch nicht nur in Südkorea, sondern auch in Deutschland scheint das Unternehmen sowohl seinen Kunden als auch seinen Mitarbeitern nicht mehr so viel Hoffnung zu machen.

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