Montag, 16. Juni 2008 war es endlich soweit. Der Friedrich Bödecker Kreis in Sachsen, der sich die Leseförderung in den Kinderherzen auf die Fahnen geschrieben hat, wurde wieder gegründet. Volly Tanner sprach mit der frisch gewählten Vorstandsvorsitzenden, der Leipziger Schriftstellerin Constanze John (im Bild die 2te von rechts) über alles Weitere:
Volly Tanner: Hallo Constanze. Erstmal natürlich Glückwünsche auch von mir. Schließlich wurdest Du letzten Montag die erste Vorsitzende des neu gegründeten Friedrich-Bödecker-Kreis im Freistaat Sachsen e.V.. Wieso eigentlich neu gegründet?
Constanze John: 1954 gründeten engagierte Autoren, Pädagogen, Bibliothekare, Buchhändler und Verleger den „Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. Hannover“. Benannt wurde der Verein nach dem niedersächsischen Pädagogen Friedrich Bödecker, der bereits in den zwanziger Jahren Kinder- und Jugendbuchautoren in die Schule eingeladen hatte, um neue Formen der Literaturvermittlung zu erproben. Inzwischen gibt es Friedrich-Bödecker-Kreise in allen Bundesländern. Gemeinsame Aufgabe ist die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen. – Soweit die Infos von der Webseite des Bundesverbandes. Einen Bundesverband gibt es nämlich auch. Und dann in jedem Bundesland einen eigenen FBK. Auch in Sachsen wurde nach der Wende ein FBK gegründet, der große Leseprojekte organisierte. Vorsitzende war über lange Jahre die engagierte Roswitha Kuhnert. Als aber vor etwa fünf Jahren der so genannte Landesleseplan, den es bis dahin gab, plötzlich auf Null gefahren wurde, sah sich der FBK Sachsen e.V. – wir haben uns der Erkennbarkeit halber dann FBK im Freistaat Sachsen e.V. genannt – nicht mehr in der Lage, weiter im Sinne der langjährig entwickelten Leseförderung zu agieren und löste sich auf. Wir haben jetzt einen Neu-Versuch gestartet, weil die Aufgabe der Leseförderung nach wie vor Stiefkind im Land Sachsen ist. Da nutzen auch große Werbeplakate nichts, dass da irgendeine bekannte Person liest. Das ist ohne Zweifel schön anzuschauen, die eigentliche Leseförderung geschieht aber in Wohnungen, Kindergärten, Schulen. Sie ist äußerlich eine unspektakuläre Sache, bewirkt aber entscheidend die intellektuelle und seelische Entwicklung unserer Kinder. An sich ist diese Gewichtung in Bezug auf das Wort, in Bezug auf Geschichten eine ganz archaische Sache. Dass im Moment diesbezüglich das “Fahrrad” neu erfunden wird, soll uns nicht vom Eigentlichen abbringen, sondern umso stärker bei uns lassen, ob nun als Bibliothekar, als Lehrer oder auch als Schriftsteller.
Volly Tanner: Warum habt Ihr Euch denn in Börtewitz wieder gegründet?
Constanze John: Es kommt einem im Leben ja immer mal etwas “vorbei”. Manchmal merkt man es gar nicht. Manchmal aber kommt es sehr deutlich vorbei und ist an sich gar nicht zu übersehen. Vor einem halben Jahr wusste ich nichts von einem Ort namens Börtewitz. Dann meldete sich Dr. Sylvia Eggert bei mir, durch Jürgen Jankowski vermittelt, dem Vorsitzenden des FBK in Sachsen-Anhalt. Ja, und Sylvia interessierte sich für Bödecker und kam eben aus Börtewitz. So lernten wir Börtewitz kennen, den engagierten Bürgermeister Michael Heckel und die Kulturscheune samt weiterer Räume, die, gerade fertig gestellt, nur auf ihre Nutzung warten. Und wir, die wir lange gesucht haben, nach einem Ort, der zudem nicht lastig ist in nur eine der sächsischen Großstädte, waren froh hier einen Ort gefunden zu haben, der auch geografisch gesehen annährend im Zentrum liegt. Es ist ein Raum für Visionen. Und das allein ist schon ein Geschenk. Und vielleicht wird ja Börtewitz wirklich – Schritt für Schritt – zu einer Art Bücherdorf?
Volly Tanner: Wer hat sich denn noch in Verantwortung wählen lassen?
Constanze John: In den Vorstand wurden gewählt: Johannes Brodowski/ Leipzig/ Jugendschreibwerkstatt Graz, Kerstin Kleine/ Döbeln/ Bibliothekarin, Claudia Puhlfürst/ Zwickau/ Schulberaterin des DUDEN-PAETEC-Verlages und Katrin Pilz/ Sachbearbeiterin beim Regionalschulamt Zwickau.
Volly Tanner. Was für Aufgaben hat sich denn der sächsische FBK gestellt?
Constanze John: Es geht vor allem um Lesungen für Kinder und Jugendliche in Schulen, auch in Kindergärten. Darüber hinaus wird es Schreibwerkstätten geben. Zunächst müssen wir aber arbeitsfähig werden. Eine Webseite entsteht, auf der wir über unsere Arbeit berichten, die Projekte, auf der Autoren sich zeigen, die zu Lesungen eingeladen werden können. Dann soll unsere Geschäftsstelle eingerichtet werden, um agieren zu können. Ja, und Ideen für erste Projekte gibt es auch schon.
Volly Tanner: Gibt es Unterstützung vom Dachverband?
Constanze John: Mit Rat und Tat auf jeden Fall. Durch Jürgen Jankowski haben wir auf jeden Fall einen kurzen Draht. Als Vorsitzender von Sachsen-Anhalt, dem überhaupt erfolgreichsten Verband mit knapp tausend Lesungen im Jahr (das wird an sich nur noch von Niedersachsen überboten), und Mitglied des Bundesvorstandes hat er auch bis zur Gründung hin immer wieder Impulse gegeben. Und jetzt fahre ich gleich zur Bundestagung ins Bücherhotel nach Groß Breesen, bei Güstrow. Danach weiß ich auch diesbezüglich mehr.
Volly Tanner: Reden wir doch einfach mal vom leidlichen Thema Nummer 1, den Finanzen. Wo soll denn das Geld für die Projekte herkommen?
Constanze John: Ich gehe davon aus, dass das Bewusstsein für die Leseförderung wieder wacher geworden ist. Auch in Sachsen. Ich sprach vorhin schon davon. Es gibt Möglichkeiten der Projektförderung auf verschiedenen Ebenen. Das werden wir nutzen. Und ich gehe von Förderung aus. Um allerdings die Arbeit in dem Umfang anzugehen, wie wir uns das vorstellen und wie es die Vorgabe “Leseförderung” braucht, ist mit ein oder zwei kleinen Projekten nichts getan. Es soll umfänglich werden. Und das zu koordinieren bedarf es eines Geschäftsführers, der diese Arbeit, welche professionelle Arbeit ist und dann nicht mehr ehrenamtlich erledigt werden kann, auch vergütet bekommt. Alles andere wäre aus meiner Sicht unzumutbar. Das Ehrenamtliche übernehmen wir im Vorstand, allesamt und sehr engagiert. Aber das ist nur die “halbe Miete”. Wir werden an das Land Sachsen herantreten in Bezug auf institutionelle Förderung. Ich weiß zwar, dass diesbezüglich die Zeichen nicht gegeben sind. Wichtig finde ich aber immer das Aussprechen solcher Dinge. Dann sind sie im Raum. Selbst wenn sich dann ganz andere Lösungen finden/ gefunden haben.
Volly Tanner: Neben deiner ehrenamtlichen Tätigkeit für den sächsischen FBK bis Du ja auch Mitglied des Bundesvorstandes und auch des Landesvorstandes Sachsen des VS (Verband der Schriftsteller). Und Schriftstellerin bist Du aber auch noch. Wie ist dies denn alles unter einen Hut zu kriegen?
Constanze John: Das frage ich mich im Moment auch! Vielleicht wächst der Hut? Ich weiß es nicht. – Aber ich kann sagen, dass gerade die Gründung des FBK jetzt eine Sache war, die fühlbar einfach meine Sache war. Und wie lässt Astrid Lindgren einen ihrer Helden sagen: “Wer etwas tun kann, in einem bestimmten Moment, und alles hängt von ihm ab, und er tut es aber doch nicht, der ist ein Schweinehund.” Nein, und das möchte ich wirklich nicht sein. Andererseits werde ich dafür sorgen, mir meinen Raum zum Schreiben zu schaffen, da ich das Gefühl habe, auch bei meiner schriftstellerischen Arbeit beginnt das Eigentliche gerade erst. Und auch da möchte ich ja kein “Schweinehund” sein.
Volly Tanner: Was sind denn jetzt die nächsten Schritte für den sächsischen FBK unter Deiner Führung? Was geschieht in den nächsten Monaten?
Constanze John: Am kommenden Dienstag trifft sich der Vorstand zu seiner ersten und wohl längsten Sitzung. Dabei sind wir bisher ein Meister gewesen in Bezug auf konzentrierte Sitzungen. Das sage ich hier, damit wir es auch bleiben.
Volly Tanner: Da wünsche ich Dir erstmal natürlich viel Glück und natürlich Durchhaltevermögen, Kraft und Sonne im Herzen bei der Bewältigung Deiner ehrenamtlichen Arbeit. Und das die Anderen Dich tatkräftig unterstützen!
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