Im Halbfinale sind also: Deutschland, die Türkei, Russland und nach dem Spiel heute Abend in Wien (vielleicht) auch noch Italien – und somit alle Mannschaften, die mit sechs bzw. vier Punkten als Gruppenzweite die Vorrunde beendet haben?
Die Experten rätseln noch, warum die Schlechteren nun die Besseren sind und entdeckten Parallelen bei den Ausgeschiedenen: Portugal gegen die Schweiz, die Niederlande gegen Rumänien und Kroatien gegen Polen ließen es im letzten Gruppenspiel ruhiger angehen, weil sie den Sprung ins Viertelfinale schon geschafft hatten. Als es wieder darauf ankam, fanden diese Mannschaften den Rhythmus nicht wieder.
Das ist eine nahe liegende Erklärung, aber König Fußball kümmert sich nicht um Erklärungen, die anders ausgesehen hätten, wenn es anders gekommen wäre. Dann hätten die Experten von klugen Schachzügen der Trainer in den letzten Gruppenspielen gesprochen, hinzugefügt hätten sie: „So sind sie ausgeruht ins Viertelfinale gekommen, während die Anderen mit ihren Kräften am Ende waren.“ Außerdem: Kroatien beispielsweise spielte gegen die Türkei nicht schlechter als gegen Österreich, Deutschland und Polen. Die Mannschaft hatte nur die letzten Spielminuten nicht auf der Rechnung und beim Elfmeterschießen wollten sie den Ball gegen den Innenpfosten zirkeln.
Deutsche Erfindung
Dieses Elfmeterschießen ist übrigens eine deutsche Erfindung. Der Schiedsrichter Karl Wald aus Frankfurt am Main schlug 1970 in München vor: „Macht Schluss mit Losentscheiden und Wiederholungsspielen, lasst die Spieler vom Punkt antreten.“ Wenig später übernahm der Deutsche Fußballbund diese Regel aus Bayern, es folgten dieEURopäische Fußballunion (UEFA) und der Weltverband (FIFA).
Als es 1976 um dieEURopameisterschaft ging, hatte ein anderer Bayer diese Regel aber noch nicht so ganz begriffen. Er nahm Anlauf und schoss den Ball in den Himmel von Belgrad. Auch später wollte er hoch hinaus und schaffte es wieder: Uli Hoeneß hob mit Bayern München in denEURopäischen Fußballhimmel ab.
Erinnerungen an WM 2006
Nach ihm gab es weitere tragische Elfmeterhelden. Dazu gesellten sich bei diesem Turnier der rumänische Superstar Adrian Mutu und der Kroate Luca Modric. Käme es im Halbfinale zu einem Aufeinandertreffen von Russland und Italien, würde eine Szene aus einem WM-Spiel 2006 bis zum 26. Juni unzählige Male wiederholt werden.
Damals holten sich die Fans schon Getränke für die Verlängerung, als der Italiener Fabio Grosso im Strafraum über den Australier Lucas Neill fiel. Der Schiedsrichter entschied auf Elfmeter, Totti verwandelte in der 95. Minute zum 1 : 0. Nicht nur der Trainer der Australier, deren Einzug ins Achtelfinale eine Sensation war, konnte nach dieser Niederlage kaum beruhigt werden. Es war Guus Hiddink – und der ist bei diesem Turnier Trainer von Russland.
Das wäre ein Wiedersehen in Wien! Manche sagen dazu: „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.“ Das ist zwar nicht zutreffend, aber spannend ist sie doch. Wenn am Vorabend das Spiel Deutschland gegen die Türkei erst in der 88. Spielminute angepfiffen wird, könnte das Endspiel lauten: Türkei gegen Russland. Möglich ist bei diesem Turnier inzwischen alles – und: Dann wäre wenigstens ein Holländer im Finale. Das haben sie verdient!
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Photo: Paul Blank via wikipedia.org, Creative Commons Attribution 2.5
Guter Artikel. Ich probier’s mal parallel mit einer Analyse und Rückschau, geschrieben vor Lektüre dieses Textes..