“The person you’ve called is not available at present”, so oder so ähnlich tönte es am vergangenen Wochenende dem gemeinen Festivalbesucher entgegen, wenn er zwischen rund 50.000 anderen Partyhungrigen versuchte Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Doch war dieser wirklich unbedingt nötig? Nein, denn vom 20. bis 22. Juni entstand über den Dächern des nicht einmal 4000 Seelen zählenden Neuhausen ob Eck ein ganz eigener Mikrokosmos. Zum zehnten Mal hieß es in diesem Jahr: Auf zum Southside! Und unzählige Musikfans aus dem In- und Ausland waren gekommen, um auf dem Gelände des ehemaligen Militärflughafens eine völlig neue Welt entstehen zu lassen…
“Flucht aus dem Alltag”
Doch beginnen wir von vorne: Die Szenerie ist friedlich. Der Alltag in der baden-württembergischen Provinz nimmt seinen gleichförmigen Lauf. Ruhe herrscht auf den schmalen Straßen. Die Sonne lacht noch “unschuldig” vom Himmel als sich bereits am Vortag des Mega-Events ein dunkles Grollen vernehmen lässt. Und dann kamen sie: Autokarawanen unüberschaubaren Ausmaßes bahnen sich ihren Weg und das kleine Örtchen, das ein Kollege ganz richtig als das pure “Gegenteil von Rock’n'Roll” bezeichnete, rückt urplötzlich ins Zentrum des musikalischen Geschehens, zu dem immerhin die “besten Bands der Welt” geladen waren.
Das “Festival der musikalischen Gegensätze”, wie es nicht nur der Außenstehende in diesem Jahr getrost bezeichnen konnte, stand in den Startlöchern – und zwar fulminant. Mehr als 60 Acts von Kanada bis Berlin hatten sich angesagt, um während der kommenden drei Tage insgesamt drei Bühnen bis aufs Äußerste zu rocken. Darunter unter anderem die fantastischen Radiohead, die legendären Foo Fighters sowie The Chemical Brothers, die einmaligen Mannen von Deichkind, die schier unglaubliche Formation Billy Talent und die an diesem Wochenende kaum zu topenden Beatsteaks.
Nur schwer lässt sich daher in Worte fassen, was den insgesamt 120.000 feiernden Menschen, der beiden ausverkauften Schwesterveranstaltungen Southside und Hurricane binnen der letzten 72 und mehr Stunden so alles widerfahren ist. Doch der schlichte Ausruf “Sommer, Sonne, Musik satt!”, trifft die Gefühlslage des Gros sicherlich am besten. Zumal erst genannter Aspekt nach der Unwetter-Katastrophe im vergangenen Jahr nicht selbstverständlich war. Und so haben sicherlich nicht nur die Veranstalter ein ums andere Mal einen dankenden Blick gen Himmel, der den Feiernden teils über 30 Grad bescherte, geworfen.
Kurzum die angestrebte “Flucht aus dem Alltag” war diesmal vollends geglückt. Nachdem man einst mit rund 20.000 Gästen startete, wurde heuer gar ein Besucherrekord eingefahren und das so friedlich wie nie. Gerüchte um einen Abzug des beliebten Events, etwa in die Schweiz, die noch während des Wochenendes zu hören waren, konnte da auch der entlegenste Zweifler letztlich getrost ad acta legen.
Derber Punk Rock trifft dröhnende Elektronik
Nun aber zurück zur eigentlichen Hauptsache – der Musik: Wie schon angedeutet – Gegensätzlichkeiten standen eindeutig im Mittelpunkt des diesjährigen Line-Ups, welches zudem auffallend viele deutsche Bands enthielt. Derber Punk Rock war nämlich des Tags und in der Nacht ebenso zu hören wie in die Beine gehender Hip Hop oder hämmernde Elektronik. Wie selbstverständlich traten da etwa am Samstagabend die ambitionierten “Deichkinder” gegen die ebenfalls sehr unterhaltsamen Punkrocker von NoFX an. Der zart wirkende Reggae-Star Patrice nahm es gar mit den Rock-Giganten von Monster Magnet auf. Und den hier im Württembergischen immer wieder gern gesehenen Beatsteaks, die in direkter Konkurrenz zu Jan Delay samt seiner Disko No. 1 standen, folgten gar Tom Rowlands und Ed Simons alias The Chemical Brohters, die 13 Jahre nach ihrem bahnbrechenden Debüt-Album “Exit Planet Dust” (1995) auch 2008 die Massen mit einer einzigartigen Light- und Videoshow in ihren Bann ziehen konnten. Ebenso erging es dem Publikum mit den durchwegs ruhigen Klängen von Sigur Rós und Radiohead, die schon nach knapp drei Stunden von den rockigen Sounds von The Kooks abgelöst wurden.
Zumindest was die Sounds anbelangt scheint also eine Sache klar: Das Durchleben sämtlicher Stimmungs- und Gefühlslagen war während dieses mancherorts recht anarchisch anmutenden Open-Air-Spektakels mehr als nur ein Leichtes. So leicht, dass letztlich sogar das Thema No. 1 – der Fußball in den Hintergrund zu rücken schien. Wären da nicht The White Stripes und ihr inoffizieller EM-Song “Seven Nation Army” gewesen, der nicht nur vor, sondern teils auch auf den Bühnen unentwegt zum Einsatz kam und die Menschenmenge in euphorische Chorgesänge verfallen ließ.
Dass so viel positive Energie jedoch nicht nur innerhalb des Geländes bleiben konnte, sondern sich auch auf das farbenfrohe Zelte-Meer außerhalb des Hauptareals ihren unerschütterlichen Weg quer über das 800 Meter hoch gelegene Plateau mit insgesamt 120 Hektar bahnte und bis in die frühen Morgenstunden anhielt, muss an dieser Stelle wohl keineswegs extra erwähnt werden. Resümierend kann allerdings gesagt werden: Die temporäre Kommunikationslosigkeit via Mobiltelefon fiel angesichts eines derart anhaltenden Rausches kaum weiter ins Gewicht. Alles in allem: “eine richtig geile Party!” an den “Grenzen der Rockzivilisation”.
Doch davon später mehr…
Nun gibt es erst einmal die schönsten Eindrücke dieser wirklich unvergesslichen Tage:
- Southside 2008: 1. Tag
- Southside 2008: 2. Tag
- Southside 2008: 3. Tag
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