Es ist Sonntagnachmittag. Der dritte Tag ohne Fußball. Und keine NachDenkSeiten heute. Heute ist das Endspiel. Deutschland hat es mal wieder geschafft – wie auch immer. Ich verstehe gut den Frust der Nationen, die besseren Fußball spielen als wir und trotzdem ausgeschieden sind. Allen voran die Holländer, Kroaten und Portugiesen.
Von Joke Frerichs
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Vergleicht man unsere Spielweise mit der während der WM von 2006, so ist eine Weiterentwicklung kaum zu erkennen. Damals hat sich die Mannschaft von Spiel zu Spiel gesteigert. Davon kann bei dieser EM nicht die Rede sein. Das Spiel gegen (überschätzte) Polen war nur teilweise gut. Die Spiele gegen Kroatien und Österreich grenzwertig schlecht. Auch wenn die Kanzlerin nach dem Österreich-Spiel meinte, wir hätten „effizient“ gespielt. Wahrscheinlich hält sie auch die Art und Weise, wie sie Politik macht, für effizient. Die Medien tun das ihre dazu. Selten habe ich eine derart unterwürfige Hofberichterstattung erlebt wie im Umgang mit dieser Kanzlerin. Die Statements zum Spiel – nichtssagend wie eine Regierungserklärung. Und vor Inkompetenz nur so strotzend. Aber immer lächelnd. Dabei gäbe es reichlich Anlass zur Kritik: Die Art und Weise, wie die Springer-Presse vor dem Polen-Spiel (gleichzeitig in Polen und in Deutschland) gehetzt hat, hätte einen Einspruch mehr als gerechtfertigt. Aber von dieser Kanzlerin ist derartiges nicht zu erwarten. Sie schwimmt lieber mit auf der nationalen Welle.
Zurück zum Fußball.
Überrascht hat mich die Systemschwäche der deutschen Mannschaft. Löw brauchte bis zum Portugal-Spiel, um ein halbwegs funktionierendes System zu finden: mit zwei sog. Sechsern (Hitzelsberger und Rolfes). Erst danach konnte Ballack offensiver werden und seine Torgefährlichkeit unter Beweis stellen (vom phantastischen Freistoß gegen Österreich einmal abgesehen). Dass Jansen auf der linken Abwehrseite überfordert war, hätte man schon nach 20 Minuten des ersten Spiels sehen können. Ständig stand er falsch, weil zu weit weg vom Gegenspieler (wie übrigens auch Lahm des öfteren, was im Spiel gegen die Türkei fast schief gegangen wäre). Die Einwechselung von Odonkor im Kroatien-Spiel zeigte nur zu deutlich, wie unsicher sich Löw hinsichtlich des Spielsystems war. (Zu seiner Ehre sei allerdings hinzugefügt, dass er seine Fehler offen eingestand – und nicht wie seine Vorgänger Ribbeck und Völler um den heißen Brei herumredete).
Unsicher wirkt bisher auch die Innenverteidigung. Metzelder spielt bisweilen wie ein Altherren-Spieler. Viele Stellungsfehler und vor allem zu langsam im Spielaufbau. Er und Mertesacker spielen sich derart pomadig die Bälle zu, dass jeder Gegner sich zwischenzeitlich formiert hat. Das erinnert doch sehr an Zeiten, die man für überwunden hielt.
Natürlich kommt jetzt der Einwand: aber wir haben doch letztlich Erfolg mit unserer Art zu spielen. Andere zeigen ein oder zwei tolle Spiele und das war`s dann. Und auf einem durchgängig hohen Niveau spielt während des gesamten Tourniers ohnehin kaum eine Mannschaft. Das alles ist richtig und unabweisbar. Aber als Fußball-Romantiker darf man sich doch immer einen noch besseren Fußball wünschen als den zuletzt gespielten.
Dass wir gegen die Türkei derart schlecht gespielt haben (nach dem hervorragenden Portugal-Spiel), ist schwer zu verstehen. War die Pause zwischen den Spielen zu lang? Haben die Türken mit ihrer unkonventionellen, oft chaotischen Spielweise unsere Leute verblüfft? Haben wir sie unterschätzt? Schwer zu sagen. Erstaunlich für mich: die Unsicherheit vieler Spieler – angefangen bei Lehmann setzte diese sich über die Innenverteidigung, das Mittelfeld bis zur einzigen Sturmspitze Klose fort, der bis zu seinem Tor in der 78. Minute kaum am Ball war. Ballack war nicht zu sehen; Podolsky beim 1:0 der Türken geistig abwesend (spielt in der Rückwärtsbewegung ohnehin amateurhaft). Kaum einer der Spieler hatte Normalform. Dass wir dennoch gewonnen haben, verstehe, wer will. Da muss man schon Franz Beckenbauer fragen – der weiß auf alles eine Antwort.
Für die Türken tat es mir leid.
Nach dem Kroatien-Spiel, das sie glücklich gewonnen haben, haben wir sie eine Stunde lang über den Kudamm in Berlin ziehen sehen. Selten habe ich so viele glückliche Gesichter gesehen. Als uns einen Abend später ein türkischer Taxifahrer zum Hotel fuhr, wünschten wir uns gegenseitig, dass der bessere im Spiel Deutschland – Türkei gewinnen möge. Es ist anders gekommen.
Wir haben einen Teil der Spiele in der Kneipe gesehen: bei der „Dicken Wirtin“ und im „Zwiebelfisch“ am Savigny-Platz in Berlin. Das ist nicht immer nur angenehm. Ausgerechnet beim Spiel gegen Portugal hielt mein Nachbar ein Plädoyer für die Todesstrafe – von keinem noch so bösen Blick ließ er sich unterbrechen. Bis ihm jemand sagte, aus den von ihm angeführten Gründen für die Todesstrafe seien die USA ja ein derart sicheres Land. Da schaute er ganz betroffen drein und hielt für ca. fünf Minuten den Mund.
Das Spiel Italien gegen Spanien sahen wir inmitten von Halbintellektuellen: vorgeschobenes Interesse am Spiel; abschätzige Urteile; Inkompetenz. Vor uns las einer während des Spiels die „Zeit“. Umständlich und aufwendig blätterte er jedesmal die Seiten um. Dann verstand man vom Ton gar nichts mehr, da ohnehin ständig Handys bimmelten oder sonst wie gequatscht wurde. Ab und zu blickte der Besagte zum Bildschirm auf und schien sich zu wundern, was auf selbigem vor sich ging. Seltsame Zeitgenossen gibt es.
Ausgerechnet das Spiel Holland-Russland haben wir verpasst. An dem Abend waren wir zu einer Geburtstagsfeier bei alten Freunden eingeladen. Als später Gäste das Resultat nannten, wollten wir es kaum glauben. Und wie überlegen die Russen gewesen waren. So ist er eben, der Fußball.
Soll man sich noch mit den Kommentatoren auseinander setzen? Den Platitüden eines Bela Réthi oder Tom Bartels? Das kann man sich getrost sparen. Es kommt immer noch schlimmer, als man für möglich gehalten hat.
Die ausgedehnten Sendezeiten; die Werbung; die Stimmungsmache à la Johannes B. Kerner? Der schafft es in einer Minute, die Jungs in Afghanistan zu grüßen und Frau Merkel, die gerade eintrifft, zu hofieren. Was uns da zusammen gebraut wird, nannte man in kritischeren Zeiten einmal „Produktionsöffentlichkeit“ (Negt/Kluge). Da war der Zusammenhang mit den Interessen des großen Kapitals noch sinnfällig. Heute heißt es schlicht: Man muss sich das alles ja nicht ansehen. Und die Werbezeiten kann man schließlich zum Pinkeln nutzen.
So weit, so schlecht. Einen hatte ich während der EM schon vermisst: unseren Bundespräsidenten. Soeben lese ich aber im Videotext, dass er sich in der Sonntagsausgabe der „Bild“ äußern wird. Er ist voller Hoffnung und glaubt fest an einen deutschen Sieg. Einen typischen Köhler zum Abschluss gefällig? Hier ist er: “Jetzt geht es um den Glauben an sich selbst, um Zähigkeit, Übersicht und Zusammenhalt im Tempo“. So kann halt nur er sprechen.
Hoffentlich wird’s nicht gar zu zäh!
Immerhin: Berlusconi ist uns erspart geblieben. Das war das eigentlich Erfreuliche am Ausscheiden Italiens.
Ach ja: ein Tipp für heute ist noch fällig. Meine Frau tippt auf Spanien. Dann bleibt mir nur, auf Deutschland zu setzen. Schließlich werden die Spanier das „Spiel machen“ und wir können uns auf das konzentrieren, was wir am besten können: das Spiel der anderen (zer)stören.
Im übrigen wäre es doch schön, wenn unser Präsident einmal recht haben würde.
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