Bilbao, Nordspanien. Eine Arbeitskollegin meiner Frau schenkt ihrem siebenjährigen Sohn das rote Auswärts-Trikot des DFB, ein Mitbringsel aus Deutschland. Der Kleine, der sich das weiße Heim-Trikot gewünscht hatte, ist sauer und weigert sich, das nicht ganz billige Textil anzuziehen. Auf die Frage, warum er das Trikot nicht mag, rot sei doch auch sehr schön, kommt die unmissverständliche Antwort: “Darin sehe ich ja aus wie die Spanier!”
Diese Anekdote offenbart wohl deutlicher als manche hispanistische Doktorarbeit das Problem der Iberer: Spanien ist kein Nationalstaat. Es setzt sich zusammen aus dem herrschenden Kastilien, dem aufmüpfigen Katalonien, dem romantisch-wilden Galizien, dem orientalischen Andalusien und dem Baskenland, das bei den meisten Menschen – je nach dem – unter den Stichwörtern “Boomregion”, “Radsport” oder “Terrorismus” abgespeichert ist. Bilbao liegt im Baskenland. Dort spricht, denkt und fühlt man baskisch. Niemand möchte mit den Spaniern in einen Topf geworfen werden, obwohl jeder bereits in demselben sitzt. Sie wissen das, darum leben sie die Differenz, wo sie nur können. Niemand trägt das rote Trikot der spanischen Nationalmannschaft. Menschen, die der “Selección” den EM-Titel gönnen, gibt es so oft wie Hindus im Vatikan.
Die spanische Geschichte ist eine Geschichte von Kriegen, Niederlagen, Rückeroberungen, neuen Eroberungen, immer wieder Eroberungen – und noch mal Niederlagen.
Über allem steht der Einigungsprozess, der das 15. und 16. Jh. andauerte. Er begann mit der Ehe Ferdinands II. von Aragón und Isabels I. von Kastilien (1469). Die beiden “Katholischen Könige” vereinigten nicht nur ihre Reiche (1479) und gaben Kolumbus den Auftrag, den Seeweg nach Indien zu finden (1492), sondern ermöglichten damit auch den Aufstieg des frühneuzeitlichen Spaniens zur Weltmacht, die für rund hundert Jahre ohne echte Konkurrenz bleiben sollte, nachdem sie 1493 von Papst Alexander VI. mit der Kolonialisierung Amerikas betraut worden war. 1511 kamen die ersten Spanier in die Karibik, 1521 erobert Cortés das Azteken-, 1533 Pizarro das Inkareich.
Den Höhepunkt erreichte die spanische Weltherrschaft in der Union mit Portugal. Das war 1580. Danach ging es bergab. Zuviele Völker beherbergte das Land, das deswegen zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um zu merken, dass Holländer und Engländer effizienter wirtschafteten, schnellere Schiffe besaßen und in eine glorreiche Zukunft investierten.
Zuviele unterschiedliche Mentalitäten sind keine gute Voraussetzung für ein harmonisches Miteinander in einem Staat. Oder in einer Nationalmannschaft.
Das ist bei den spanischen Teams immer erkennbar gewesen. Individuelle fußballerische Extraklasse und zugleich das kollektive Grauen davor, diese in den Dienst einer Mannschaft zu stellen, die ein Land vertritt, das man bestenfalls nicht als das eigene wahrnimmt. Gerade zwischen den Fußballmetropolen Madrid und Barcelona liegt ein tiefer Graben. Madrid steht für Monarchie, Katholizismus, Tradition, Barcelona für Republik, Weltoffenheit, Moderne. Madrid heißt Franco, Barcelona heißt Freiheit. Ein Sieg im Liga-Duell zwischen Real und Barca wiegt schwerer als drei EM-Titel in Folge.
Doch die Generation der Villas, Torres’ und Fabregas’ scheint anders zu ticken als die Generationen vor ihnen. Sie ist auf die Welt gekommen als die junge spanische Republik in die EG eintrat (1985), als sich das Agrarland modernisierte, als es ankam in einemEURopa der neuen Möglichkeiten. Eine davon ist: Zusammenhalten und zusammen erfolgreich sein. Wie bei dieser EM.
Nun geht’s im Finale gegen Deutschland. So ganz scheint dabei die Botschaft der neuen Generation spanischer Fußballer noch nicht in die Randgebiete des Königreichs vorgedrungen zu sein. Trotz der Tatsache, dass spanische Endspielteilnahmen bei großen Fußballturnieren eher selten vorkommen, wird es, einer Meldung der heutigen “Berliner Morgenpost” in Barcelona (Katalonien) und Bilbao (Baskenland) kein “Public Viewing” geben. Begründung: Es gehöre nicht zu den Aufgaben der Behörden, Bildschirme aufzustellen. Basta.
Photo Quelle/Copyright: SpreePIX-Berlin, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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