Euro 2008: Was bleibt

Nach dem verlorenen Endspiel suchte Jogi Löw im ARD-Interview mit Monika Lierhaus nach Erklärungen für die insgesamt deutlich schwächer als erwartet ausgefallene Leistung des deutschen Teams bei der EM. Ob es der hohe Druck gewesen sei, der bei einigen Spielern ausschlaggebend gewesen sei, ob andere Faktoren der Grund waren, dass

fnsp.jpgNach dem verlorenen Endspiel suchte Jogi Löw im ARD-Interview mit Monika Lierhaus nach Erklärungen für die insgesamt deutlich schwächer als erwartet ausgefallene Leistung des deutschen Teams bei der EM. Ob es der hohe Druck gewesen sei, der bei einigen Spielern ausschlaggebend gewesen sei, ob andere Faktoren der Grund waren, dass man die Leistungen der Qualifikationsspiele nur stellenweise hatte wiederholen können, da mochte er sich so kurz nach dem Turnier noch nicht fest legen.

Auf die naheliegendste Deutung kam er nicht.

Eine Qualifikation spielt man nahezu ausschließlich gegen Mannschaften, die an der Endrunde mangels Qualität eben nicht teilnehmen, während das Turnier auf anderem Niveau statt findet. Es ist nicht schwer, daraus abzuleiten, dass die neue deutsche Spielweise, Dynamik mit spielerischen Mitteln zu verbinden, zwar für schwächere Gegner reichte, aber nicht in derEURopameisterschaft, wo man erstmals seit der WM 2006 auf gleichwertige und bessere Mannschaften traf. Darauf fand die Mannschaft und fand das Trainer-Team letztlich keine Antwort im Turnier, und es muss im nachhinein erstaunen, wie sehr die eigenen Leistungen in der Qualifikation offenbar zur Selbstblendung beigetragen haben, wirkten die Deutschen doch häufig in den EM-Spielen ratlos bis überrascht, dass ihr Spiel nicht wie erwartet funktionierte. Jetzt hat man wieder Zeit bis zur WM, sich darauf einzustellen, und wird sich hoffentlich nicht erneut von Qualifikations-Erfolgen blenden lassen.

Man kann einwenden, dass wäre zu kritisch, denn immerhin ist die Mannschaft Vize-Europameister, andere hochgelobte Teilnehmer hingegen schieden schon weit früher aus. Die Freude darüber kann jedoch den Blick auf die eklatanten Probleme nicht verstellen. Die Mannschaft ist aus mehreren Gründen schon verdient Vizemeister geworden: sie hat es vor allem im Polen- und im Portugal-Spiel geschafft, überwiegend auf dem hohen Niveau zu spielen, das sie beispielsweise gegen Spanien nur noch je zehn Minuten pro Halbzeit zeigen konnte. Dieses hohe Niveau, zu dem Passsicherheit, Schnelligkeit, Spiel ohne Ball sowie Pressing, Aggressivität, Wachheit und Spiel-Antizipation gehören, kann die Mannschaft phasenweise spielen: das ist die gute Nachricht. Sie hat ferner den Vize-Titel zu recht erworben, weil sie sich in Spielen, die gegen sie zu liefen schienen, letztlich erfolgreich, mit Willen und guter Verwertung der mageren Chancenlage durchbiss (Österreich, Türkei).

Es gab keine Antworten auf Rückstände

Zum Titel reichte es nicht, weil sie die guten Ansätze nicht konservieren konnte und unter Druck phasenweise vollkommen auseinander zu fallen schien. Da merkte man, dass sie keine Antwort hatte, und das hat auch etwas mit Taktik zu tun. Dieser Mannschaft ist verordnet worden, immer dominant zu sein und den Gegner spielerisch zu erdrücken, aber diese Spieler sind dazu gar nicht auf Dauer und nicht gegen jeden Gegner in der Lage. Es ist auch ein Versäumnis des Trainerteams, nicht auch andere Rezepte und Systeme zu vermitteln, um genau auf diese Situationen auch einmal reagieren zu können. In keinem Spiel hat man gesehen, dass Löw erfolgreich das System umstellte, in keinem Spiel waren es Auswechselspieler, die ein Spiel noch drehen konnten. Es gab einfach keine Antworten auf Rückstände, auch wenn man vorher in Strategie-Planspielen sich theoretisch noch so sehr damit befasst hatte: “Was passiert eigentlich, wenn wir 0:1 hinten liegen.” Ja, was passiert dann eigentlich? trotz Taktik-Schule bis zum Abwinken passierte dann gegen die Türken zwar noch etwas, gegen die Kroaten und Spanier aber nicht mehr viel außer Fehlpässe und mangelnder Spielaufbau.

Auch das gegen Portugal noch vielgepriesene neue 4-2-3-1-System, das zum Kunstgriff Jogi Löws hoch gelobt wurde, als wäre es ein faustisch genialer Einfal gewesen, hat im Halbfinale und Finale nicht gestochen, und man muss den Eindruck haben, dass das gewohnte 4-4-2 auch keine schlechteren Resultate gebracht hätte. Insbesondere fällt auf, dass Jogi Löw keine Antwort fand auf Mannschaften, die 4-1-4-1 spielten: die Kroaten taten dies erfolgreich gegen die Deutschen, woraufhin die Türken dieses System im Halbfinale gleichfalls erfolgreich (wenn auch am Ende verlierend) kopierten, und auch die Spanier unter Aragonez, dem Erfinder dieses Systems, kauften den Deutschen damit den Schneid ab. Das Resultat war allzu oft gleich: die deutsche Vierer-Abwehrkette schob sich den Ball zu, bis man überein kam, dass Per Mertesacker die schwierige Verantwortung übernehmen solle, den spielöffnenden Pass, zum Beispiel auf die zwei vor ihm wartenden Sechser zu spielen, woraufhin sich Mertesacker ein Herz fasste – und einen Fehlpass produzierte, wei er die Lücke in der ihm direkt vor den Füßen stehenden gegnerischen Viererkette nicht fand und die eigenen Mitspieler von der zweiten spanischen / türkischen / kroatischen Viererkette zudem abgeschirmt waren. Aus diesem Problem lernte die Mannschaft im Turnier nichts.

Hinzu kommen schwankende Einzelleistungen. Sechs Spiele lang hat Christoph Metzelder nun tatsächlich Zeit gehabt, zu alter Form zurück zu finden, und das Vertrauen Jogi Löws in ihn war schier unerschütterlich. Wir alle sind froh, dass ab sofort wieder Real Madrid darauf warten wird, dass er zu alter Form zurück findet. Warum er nicht vom Schalker Westermann einfach mal ersetzt wurde, zum Beispiel spätestens noch, nachdem er Jens Lehmann fast ein Eigentor im Endspiel ins Tor drosch, bleibt ein Rätsel.

Lahm ist kein übermenschlicher Zauberer

Dass man nicht alles haben kann und sich die Löw’sche Hoffnung, in den Außenverteidigern gleichzeitig die ersten Angreifer über die Flügel zu haben, auf Dauer nicht erzwingen lässt, zeigt das Turnier gleichzeitig nur allzu deutlich in den sagenhaften Formschwankungen der Spieler, die mit dieser Aufgabe betraut waren: Philip Lahm ist sicherlich der einzige, der dies phasenweise spielen kann, verschuldete aber ein Tor gegen die Türken und das entscheidende gegen die Spanier, ist also auch kein übermenschlicher Zauberer, der immer alles kann, was er soll. Arne Friedrich war wie immr solide in der Abwehr, weshalb Deutschland bis ins Finale kam. Kann aber offensiv keine Akzente setzen. Bei Jansen und Fritz ist es umgekehrt: sie sind offensiv stärker auf der Position als defensiv, hinzu kommen rätselhafte Schwankungen von Spiel zu Spiel, wodurch beide phasenweise übrragend spielten und in anderen Spielen komplett einbrachen. Der Schluss liegt nahe, dass sie mit ihrer Doppelaufgabe überfordert sind. Würde man allein diese vier Spieler einmal nicht gegeneinander alternativ aufstellen, sondern einander helfen lassen, indem Fritz und Jansen vor Lahm und Friedrich spielen würden – was bisher offenbar noch niemandem einfiel – würde es interessieren, ob das nicht funktionieren und von einem Zuviel an Aufgaben für die Außenverteidiger entlasten könnte.

Seien es Hitzsberger und Rolfes, seien es Schweinsteiger und Podolski, letztlich auch Michael Ballack: jeder dieser Spieler ließ auf ein, zwei gute Spiele ein, zwei schwächere folgen, wobei Schweinsteiger im Endspiel auch spielerisch gefiel und somit drei gute Spiele hintereinander hin legte zuletzt, allein seine Freistöße im Spanien-Spiel sprechen eine andere Sprache, und man versteht nicht mehr, wie dieser Spieler die Vorlagen zu den Kopfball-Toren von Klose und Ballack noch Tage zuvor hatte geben können. Wahrscheinlich ist hier auch noch seine Allgewalt Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge mit Schuld, indem er Schweini und Poldi nach glänzendem Spiel der beiden kurz vor dem Endspiel feinfühlig mit auf den Weg gab, dass sie so gut spielen könnten wie sie wollten, in München hätten sie ihren Stammplatz dennoch nicht sicher. Dafür müssten sie sich erst in München neu beweisen. Wie oft sollen diese jungen Spieler sich noch beweisen? bis sie daran zerbrechen wie Sebatian Deisler? man kann nur hoffen, dass sie Bayern München einfach auch mal verlassen, wenn sie dort wieder nicht spielen können.

Photo Quelle/Copyright: qnibert00, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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  1. Ehrlich gesagt habe ich von Anfang an nicht wirklich auf die Deutschen gesetzt. Ich dachte eigentlich, dass Holland sich den Pott holt, da diese Mannschaft meist die konstanteste Leistung gezeigt hat. Aber das die dann auch “so zeitig” ausgeschieden sind, hätte ich nicht gedacht.

    Das Problem bei unserer Nationalelf ist eben, wie es schon oben steht: Einige Spiele zeigen die uns Top Fussball, und im nächsten Spiel wird ein totaler Shicedreck zusammengespielt, wie es eben im Finalspiel gezeigt wurde…

    Ingo