Stalin - ein russischer Held

- Die Pfeifenglut ist noch lang nicht kalt; Photo: sovietposter.blogspot.com
Seit die BBC vor sechs Jahren mit der medienwirksamen Vermarktung historischer Rankings ungeheuren Erfolg hatte, wird auch in anderen Ländern angestrengt nach den besten, wichtigsten oder bedeutendsten Vertretern der jeweiligen Nation gesucht. So wissen wir nun seit einiger Zeit, dass dies im deutschen Fall Adenauer, dann Luther, dann Karl Marx ist. Natürlich kann dies auch Folgen zeitigen, die die politisch korrekte Oberfläche von Gesellschaften arg in Mitleidenschaft ziehen. So geschehen in Portugal, wo der frühere Diktator Salazar gewann oder in der Ukraine, wo beinahe Stepan Bandera Erster wurde, ein Nationalist, der mit den Nazis kollaboriert hatte. In Deutschland beugte man solcherart ungestümen Ergebnissen von demokratischen Umfragen vor, in dem man kurzerhand die Wahl bekannter Nazigrößen ausschloss.
Nun leistet sich auch Russland eine solche Abstimmung. „Der Name Russlands“ * „Имя Россия“ heißt es hier. Die Internetaktion des staatlichen Fernsehsenders „Rossija“ läuft seit dem 8. Mai. 500 Helden-Kandidaten starteten ins Rennen, 50 von ihnen schafften den Sprung zum „Re-Call“ und stellen sich nun der Gunst der Wähler. Das russische Projekt ist gegenüber den meisten europäischen Umfragen ergebnisoffener angelegt: “Wer verkörpert Russland und seine Vergangenheit, mit wem gehen wir in die Zukunft? Mit einem Taugenichts oder einem Heiligen? Einem Übeltäter oder einem Genie?” - fragt „Rossija“. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt der „Vater der Völker“, Stalin mit 179.120 Stimmen auf Platz 1.
Selbstredend löste dies einen großen Aufschrei unter den liberalen Medien und Historikern Russlands aus. Wie zu erwarten war die Rede davon, dass dies als Beleg für die Uneinsichtigkeit der Russen gelten könne. Sie würden geschichtsvergessen den blutigen, aber glorreichen Zeiten nachhängen. Die Verantwortlichen des Senders erklärten gelassen, dass das Ergebnis nur durch einer konzertierte elektronische Aktion der Kommunisten zustande kommen konnte. Doch angesichts der derzeitigen Geschichtsverklärung von staatlicher Seite erscheint es nicht unbedingt nötig, dass man in Russland Kommunist sein muss um zu der Einsicht zu gelangen, dass der Diktator in dieser Wahl zu bevorzugen sei. Schließlich ist Stalin Symbol für den starken Staat und den Sieg über Deutschland. Seine Verbrechen werden nicht geleugnet, aber immer mehr gerechtfertigt und verharmlost.
Auch „Rossija“ unterstützt diese Wahrnehmung tunlichst. In der online einsehbaren Kurzbiografie wird die Zielgerichtetheit seines Tuns, der Nutzen der Häftlingsarbeit, Stalins Heimatliebe und nicht zuletzt die Qualität seiner Hochhäuser gelobt. In der Beschreibung des „Großen Terrors“ der Vorkriegszeit kulminieren dann Vermarktungsstrategie und Geschichtsrevisionismus in marktschreierischer Harmonie: “Der politische Mehrteiler, mal Actionfilm, mal Thriller, mit den wichtigsten Newsmakern der Revolutionszeit - Sinowjew, Kamenjew, Trotzki, Bucharin - wurde von Stalin in bester Tradition des Genres gedreht. Er nahm Hitchcock und Tarantino vorweg.”
Lenin liegt derzeit übrigens auf dem dritten Platz. Zwischen Lenin und Stalin aber, und hier keimt sanfte Hoffnung, drängt sich der Liedermacher Wladimir Wyssozky, die melancholische Lichtgestalt der Intelligenzija, welcher von Dissidenten wie gewöhnlichen Russen gleichermaßen verehrt wurde. Die russische Heldensuche endet im September. Zuvor werden die 12 Finalisten in Kurzfilmform im Fernsehen zur besten Sendezeit präsentiert: Stalin tritt also wieder aktiv ins Wahlkampfgeschehen ein. Totgesagte leben eben doch länger.
Photo Quelle/ Copyright: sovietposter.blogspot.com











Bernd Stichler
Ob man nun in Deutschland die Wahl von Nazi-Größen ausschließt oder nicht, das tut der Sache keinen Abbruch. Guido Knopp sorgt schon dafür, daß Adolf Hitler die Nummer 1 bleibt.
Bernd Stichler