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Vermischtes

Vom Untergang der Linken

Montag, den 14. Juli 2008 um 11:45 Uhr von Jochen Ebmeier
Photo: poschle via Pixelio

Historisch hat „links“ mit Caritas und Sorge für die Bedürftigen nichts zu tun. Der Ausdruck stammt aus der Sitzordnung der französischen Abgeordnetenkammer unter der bourbonischen Restauration. Rechts saßen die Vertreter der dynastischen Legitimität, links saßen die, die (noch) der Revolution anhingen. Und so blieb es. Links und rechts definierten sich durch Nähe oder Ferne zur Revolution.

Zur demokratischen zunächst. Dann, mit der Pariser Juniinsurrektion 1848, zur sozialen, „roten“. Hatte sich nicht im Proletariat ein besonderer Stand herangebildet, der schon keiner mehr war, der in sich die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft darstellte, und dessen partikulare Interessen daher in eins fielen mit dem Freiheitsinteresse „des“ Menschen? Seither datiert das besondere Verhältnis der Linken zur Arbeiterschaft. Aber nicht, weil sie bedürftig, sondern sofern sie revolutionär war. Sofern!

Die vergängliche Aktualität der Revolution

Die Aktualität der Revolution war nach der Pariser Kommune die stille, nach dem Oktober 1917 die ausdrückliche Prämisse aller Politik. Das 20. Jahrhundert kündigte sich an als „Epoche der Weltrevolution“. Daraus ist dann nichts geworden. Die Arbeiterbewegung beschied sich nach ihrem revolutionären Fehlstart in Russland mit dem ihr Nächstliegenden, der Versorgung der dringendsten Not und der Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse. „Hineinwachsen“ in die Marktwirtschaft, durch die regulierten Kanäle von Gewerkschafts- und Parteiapparaten und eines aufnahmefähigen Öffentlichen Diensts - das war der wirkliche Ausgleich der Klassengegensätze, war der real existierende “Sozialismus”. Mit dem Untergang der Sowjetunion ist das Ende der Weltrevolution dann gewissermaßen auch amtlich geworden. Ob die Degeneration der Arbeitermacht zum feudalbürokratischen Vergeudungs- und Verknappungssystem der Breschnew und Honecker unvermeidlich war, ist eine Frage für sich. Auf jeden Fall ist der Linken mit der Revolution auch ihr logischer Grund verloren gegangen.

Gemeinsam mit der revolutionären Prämisse entfällt zugleich das privilegierte Verhältnis der Linken zur Arbeiterschaft. Ohne Revolution keine „Bildung des Proletariats zur Klasse“, und ohne diese kein Klassenkampf. Die Interessen der Arbeiter sind ständische Interessen und so gut oder schlecht wie die andern.

Bleibt übrig das Intimverhältnis der “Linken” – ab hier mit Gänsefüßchen – zum Öffentlichen Dienst…

Das ideelle Erbe

Wie steht es aber um ihr ideelles Erbe? Hat sie da nichts, woran sie sich klammern kann?

Da ist zunächst der Fortschritt. Den unendlichen Fortschritt unseres Erkennens leugnet keiner. Auch keine ‘Rechte’. Der Fortschritt der Technik ist schon zweifelhafter. Dass man nicht alles soll, was man kann, meint man nicht mehr nur ‘rechts’. Und vollends strittig ist der Fortschritt in unsern Lebensformen. Das aufklärerische Vertrauen in die grenzenlose Perfektibilität des Menschen scheitert nicht daran, dass jene aufgehört hätten, sich zu verändern, sondern daran, dass Vollkommenheit kein bestimmbarer Begriff ist, sondern eine “Idee”. ‘Es gibt’ sie nur als Problem, nicht als Lösung.

Dann die Gerechtigkeit. Gerecht findet es der Erfolgreiche, wenn er die Früchte seines Erfolges selbst verteilt, wie ihm gut dünkt. Der Erfolglose findet es gerecht, wenn er an den Erfolgen der Glücklichen teilhaben kann. Gerechtigkeit ist kein Begriff, sondern eine Idee, und die gibt es nur als Problem und nicht als Lösung.

Und die Freiheit? Die ist gar zum wundesten Punkt der abgestandenen “Linken” geworden. Jeder Fortschritt in Richtung auf Gerechtigkeit in unsern Lebensformen wurde bezahlt mit einer Ausweitung der Eingriffe des Staates in die persönlichen Angelegenheiten seiner Bürger. Und natürlich mit der Ausweitung der Öffentlichen Dienste. Das ist keine Lösung, sondern das Problem! Was von der Linken selig übrig bleibt und nicht abtreten will, ist nicht die Interessenvertretung der Arbeiterschaft, sondern der Bürokratien.

Das Veralten der Bürokratien

Zum Wesen der Industriegesellschaft gehört die Aufteilung der Menschen in Ausdenker – Unternehmer und Ingenieure – und Ausführer: alle andern, die mangels eigener Produktionsmittel ihre Arbeitskraft an einen Ausdenker verkaufen, der über deren Verwendung verfügt. Dazwischen schiebt sich im Lauf von fast zwei Jahrhunderten die wuchernde Schicht der Vermittler nicht erst in der Öffentlichkeit und ihren Behörden, sondern schon in den Fertigungshallen. Anfangs waren sie produktionstechnisch nötig. Später wurden sie – als Masse – politisch nützlich. Ohne sie hätte die industrielle Zivilisation jedenfalls keinen Bestand gehabt.
Aber wir stehen am Ende der Industriegesellschaft. Ob für das, was danach kommt, ‘Wissensgesellschaft’ ein intelligentes Wort ist, sei dahingestellt. In dem Maße aber, wie die ausführenden Tätigkeiten auf elektronisch gesteuerte Maschinen übergehen, bleibt für das lebendige Arbeitsvermögen nur noch das spezifisch Menschliche zurück: die schiere Intelligenz, das Ausdenken selber. Nun aber für alle. Denn das Arbeitsmittel dafür heißt PC und Internet, und die stehen (pp) Jedem offen.

Das Management wird lean, die Wege werden kurz, die Hierarchien werden flach. Die Sonderstellung der Vermittler hat sich verüberflüssigt. Natürlich wissen sie das, dafür haben sie ein Gespür, wenn schon für sonst nichts. Mit Klauen und Nägeln krallen sie sich an ihre Besitzstände. Wo immer je etwas unternommen werden will, schieben sie ihre Bedenken ein und pochen auf ihre Regularien. An die Stelle des historischen Gegensatzes von Links und Rechts ist der Widerspruch zwischen den unternehmenden Ausdenkern und der würgenden Bürokratie getreten.

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6 Reaktionen zu “Vom Untergang der Linken”

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  1. Rolf Ehlers

    am 14. Juli 2008 um 11:57 Uhr | Link | Kommentar melden

    Vieles am Beitrag ist richtig Richtig ist, dass es sehr bald kaum noch die Menschen geben wird, die nur nachgeordneter Tätigkeiten ausübern und alle die Möglichkeit haben werden, am allgmeinen Wissen teil zu haben. Aber die Bibliotheken waren auch immer öffentlicht - und das Volk las trotzdem die Bildzeitung!

    Entscheidende Passagen des Beitrage sind nicht hireichend durchdacht. Schade ist auch, dass gar kein Bezug zu anderen Meinungen hergestellt wird. Unternehmer und “Ausdenker” allein auf die eine Seite und die nachgeordnet Arbeitenden auf die andere
    Seite zu stellen, verkennt die Macht des großen Geldes. Die Kapitalmacht liegt ja leider
    nicht automatisch in den Händen der Denkenden.

  2. Otto-Werner Hinrichs

    am 14. Juli 2008 um 13:16 Uhr | Link | Kommentar melden

    Gratuliere zu einem glänzenden Artikel, den ich dazu noch, wenn auch zu meinem grossen Bedauern, in vielen Teilbereichen jederzeit unterzeichnen kann.

    Für mich ist allerdings die „Gerechtigkeit“ kein hohler Begriff, keine bloße „Idee“ linker Spinner. Aber - und auch da muss ich zustimmen - „Gerechtigkeit“ - ist ein Problem, weil es der Gutmenschen zuwenig und der gierigen Ausdenker, Unternehmer und Ausführer zu viele gibt. Da nützt es der „Gerechtigkeit“ nichts, dass geschrieben steht:

    “Alle Macht geht vom Volke aus” - dies verspricht zumindest unsere demokratische Verfassung. Aber wer Augen hat, um zu sehen, wer Ohren hat um zu hören, der weiß es spätestens seit der Machtergreifung der so genannten „Volksparteien” - wir sind umzingelt von Mächten, die sich nicht um die Macht des Volkes scheren. Die Wirtschaft (auch die angeblich soziale Marktwirtschaft), Industrie, Banken, Medien und der Staat haben unser Grundgesetz, alle demokratischen Verfassungstexte längst aus den Augen verloren.

    Die Macht der Mächtigen, die Herrschaft gegen den Willen des Volkes, wird immer dann besonders gefährlich, wenn mehrere Mächtige (Lobbyisten) ihre Interessen bündeln. E wird gefährlich, wenn sich die “so genannten Volksvertreter” - also die von irgendwelchen Parteigremien, in irgendwelchen Hinterstübchen ausgekungelten “Auserwählten” und nur von einem prozentualen Bruchteil der Bevölkerung “Gewählten” - dem Willen und den Interessen des Volkes entziehen.

    In letzter Zeit bestätigt sich allzu oft, dass „die gierigen Ausführer“ in Konzernen sitzen. Konzerne agieren in Ihrer Mehrzahl als Aktiengesellschaften und diese sind aufgrund der Rechtslage durch ein beängstigendes Merkmal gekennzeichnet: Sie sind verpflichtet, die finanziellen Interessen ihrer Aktionäre über alle anderen Interessen zu stellen. Sie sind sogar dazu verpflichtet, ihr Geschäftsergebnise über alles zu stellen, selbst über das Wohl der Allgemeinheit. Daher kümmern sich Konzerne und die Konzernleiter nur um den kurzfristigen Gewinn ihrer Aktionäre - einer gesellschaftlichen Minderheit.

    Jeder Konzern und jeder Konzernlenker, der beabsichtigt seinen Gewinn zu steigern, weiß natürlich, dass es besonders gewinnbringend ist, für die gesellschaftlichen Folgen aller begangenen Handlungen die Allgemeinheit aufkommen zu lassen. Die Ökonomen bezeichnen dies als “Externalitäten“.

    Externalitäten sind die Auswirkungen von Transaktionen zwischen zwei Parteien auf eine dritte Partei (ohne dass diese in die Transaktionen eingewilligt hat oder an ihr beteiligt war). Konzerne sind Externalitäten-Maschinen, so wie ein Hai im Volksmund eine Killermaschine ist. Beide sind so beschaffen, dass sie bestimmte Ziele effektiv verfolgen können. Wie wir schon wissen, stehen Konzerne und ihre Manager permanent unter dem Druck schnell positive Ergebnisse erzielen zu müssen und alle Kosten soweit möglich zu externalisieren solange es die ahnungslose und oftmals vollkommen desinteressierte Öffentlichkeit zulässt.

    So wage ich zu fragen: Wer soll die Ausdenker, die Unternehmer, die Ausführer stoppen.

  3. Jochen Ebmeier

    am 14. Juli 2008 um 14:20 Uhr | Link | Kommentar melden

    Zur Erläuterung: Unter ‘Idee’ versteht ‘man’ seit Kant - im Unterschied zu einem definierten BEGRIFF - eine DenkAUFGABE, ein ‘Problem’, das durch keine bestimmte Ansammlung von Merkmalen erschöpft werden kann. Gewissermaßen ein ‘Horizont’, der sich in dem Maße entfernt, wie man sich ihm nähert.

    Wenn ich Gerechtigkeit also eine (’bloße’) IDEE nenne, dann nicht, um sie als “hohl” zu verwerfen, sondern eben, um sie als bleibende Aufgabe zu kennzeichnen.

    Allerdings gehört sie ins Kapitel der Moralität, und die betrifft den Privatmenschen und das, was er sich selber schuldig ist. In die Öffentlichkeit gehören Fragen des Rechts: die Frage, was ich andern und wqs sie mir schuldig sind.

    Der demagogische Zug in den Debatten um “Verteiltungsgerechtigkeit” entsteht daraus, dass Fragen der persönlichen Moralität mit öffentlichen Rechtsfragen vermengt werden.

  4. Otto-Werner Hinrichs

    am 14. Juli 2008 um 16:40 Uhr | Link | Kommentar melden

    @Jochen Ebmeier

    Ihre Erläuterung in Sachen „Idee“ ist mir zu abstrakt. In meiner Vorstellungswelt ordne ich “Ideen” in unmittelbare Nähe zur Vision ein. Dies auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt zum Arzt muss.

    Quelle: Wikipedia
    Die Idee oder das Bild, der Leitgedanke, das Musterbild, bezeichnet eine geistige Vorstellung, einen Gedanken. Das Verhältnis der Einzeldinge der Sinnenwelt (Abbild) zu ihren Ideen (Urbild) (Zentralbegriff bei Plato; Philos.) In der antiken Philosophie spiegelt sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs.

    Heute versteht man im Allgemeinen unter einer Idee einen Einfall oder einen neuen Gedanken. Wenn eine Idee Gestalt annimmt, kann sie z.B. auch zur Erfindung werden. Ideen warten in der Regel auf ihre Umsetzung. Um auf Ideen zu kommen, können verschiedene Techniken und Strategien angewendet werden. Häufig finden z.B. Kreativitätstechniken Verwendung, wie z.B. das Brainstorming.
    Ende Wikipedia

    Über die „Verteiligungsgerechtigkeit“ hat es seit Urzeiten Streit, Scharmützel und Kriege gegeben. Ja selbst innerhalb von Familien werden seit Kain und Abel die Verteilungskämpfe mit allen Mitteln ausgetragen. Zu keiner Zeit hat das Recht, die Rechtsprechung die Menschheit vom Unrecht abhalten können.

    Meiner Meinung müssen „Killerhaie“, wie z. B. „Monsanto“, als das weitaus grössere Übel angesehen werden. Diese spezielle Sorte der „Ausdenker + Ausführer“ sind dabei unserem Planeten und die Menschheit mit nicht wieder gut zu machenden Schäden zu überziehen. Das Sie dabei billigend in Kauf nehmen, die Linken zu beschädigen oder zu versenken, interessiert wohl nur am Rande.

  5. Margareth Gorges

    am 14. Juli 2008 um 17:33 Uhr | Link | Kommentar melden

    Lieber Otto

    zu Deinem wie immer treffenden Kommentar, möchte ich Dir von Prof. Dr. Butterwegge einen Beitrag einstellen, ich denke er spricht Dir aus den “Tasten” :))

    Das Gerechtigkeitsverständnis der Volksparteien im Wandel Sozialpolitik in den Parteiprogrammen von CDU, CSU und SPD

    Aufgrund der sich hierzulande immer mehr vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich einerseits sowie eines wachsenden Protestpotenzials im außerparlamentarischen Raum und Wahlerfolgen der neuen LINKEN andererseits ist die soziale Gerechtigkeit als Schlüsselthema auf die politische Agenda der Bundesrepublik zurückgekehrt. Mit dem Sozialstaat und Gerechtigkeitsfragen beschäftigten sich auch die etablierten Parteien zuletzt wieder intensiver als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Seinerzeit beherrschte der Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates alle Debatten über die Sozialpolitik, sowohl jene der rot-grünen Koalition wie auch der Union. Umso erstaunlicher ist, wie stark sich trotz fortbestehender politischer Gegensätze zwischen den Parteilagern in Bezug auf die angeblich notwendige Umgestaltung des Sozialstaates und das ihnen zugrunde liegende Gerechtigkeitsverständnis alle drei Programme gleichen. Manchmal reichen die Gemeinsamkeiten bis in die Begrifflichkeit und einzelne Programmformulierungen hinein

    Weiter: http://www.nachdenkseiten.de/?p=3154#more-3154

  6. Jochen Ebmeier

    am 14. Juli 2008 um 19:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Das liegt daran, dass sich über “Gerechtigkeit” nur noch Allgemeinplätzliches sagen lässt, seit sich die Frage nicht mehr radikal als eine Frage der andern Ordnung, sondern allein als Sache der Dosierung stellen lässt.

    Unterm Gesichtspunkt der Weltrevolution gab es eine Klasse, die zum Umsturz des Kapitalismus berufen war und zum Aufbau der Gesellschaft der Freien und Gleichen: Das war ‘gerecht’ - en gros, in einem historischen Sinn! Nur, sofern die Arbeiterklasse zu dieser Revolution berufen war, konnte von KLASSEN-Kampf sinnvoll die Rede sein: Denn erst, wenn sich die Arbeiterbewegung als revolutionäre Partei organisiert, ‘bildet sie sich zur Klasse’. Bis dahin kann von ‘Klassen’-Kampf nur erst provisorisch die Rede sein; als ein Postulat, das in der Wirklichkeit erst noch einzuholen ist.

    Und seit das vorbei ist, kann man über Gerechtigkeit nur noch en détail reden, als mehr oder weniger, teils teils, einerseits andrerseits usw. Ob katholische Soziallehre, liberale Unsichtbare Hand, sozialdemokratischer Interessenausgleich - es ist alles bloße Meinung, kann man so sehen, kann man auch anders sehen, je nach Standort, je nach Neigung.

    Und ein Unterschied zwischen “konservativ” und “fortschrittlich” lässt sich da schon gar nicht machen - sind doch die konservativen Kritiker an den Auswüchsen des Freien Markts im selben Moment aufgetreten wie die revolutionären! Es ist lediglich die Frage, ob einer ein besserer oder ein schlechterer Mensch ist. Und darüber sind die Meinungen naturgemäß geteilt.

    Was konservativ ist, lässt sich wohl immer noch beschreiben. Was heute ‘links’ bedeuten soll, nicht.

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