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Meinungsmanipulation 2.0

Montag, den 21. Juli 2008 um 22:12 Uhr von Matthias Süß
Meinungsmacher: Propaganda einer sozialistischen Spliterpartei, Russland 1917. Photo: via Autor

Auf Public Relations und Public Affairs spezialisierte Agenturnetzwerke manipulieren zugunsten ihrer Kunden seit den 1950igern - mehr oder weniger erfolgreich – immer wieder die öffentliche Meinung. In Europa ist beispielsweise nur wenigen bekannt, dass ein solcher Dienstleister nicht unwesentlich an der Kriegserklärung der USA an den Irak unter Georg Bush sen. beteiligt war. Durch teilweise dreiste Desinformationskampagnen war es gelungen, das Meinungsbild in der Bevölkerung pro Krieg zu drehen. Mit der Entwicklung des Internet als wichtigen - wenn nicht wichtigsten – Informationskanal, wurden die Dienstleistungen daraufhin ausgeweitet. Ein Insider lässt einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu.

Hallo Goofy, Du arbeitest über zehn Jahren für eine nicht allzu kleine, aber feine Public Relations Agentur in den USA. Seit drei Jahren ist Dein Job das, was man einen in Hollywood-Filmen einen Ausputzer nennen würde, jemand, der die Leichen im Keller beseitigt, nur eben bezogen auf das Web.
Ausputzer trifft es recht gut. Fast jedes Unternehmen oder Prominente hat Leichen im Keller. Geschichten aus der Vergangenheit, die man lieber aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden lassen würde. Ich löse das Problem bezogen auf Suchmaschinen. Nur um es ganz deutlich zu sagen, wie verstoßen gegen keine Gesetze.

Du sagst verschwinden lassen. Was machst Du genau, wie muss man sich Deine Arbeit vorstellen?
Nehmen wir an, ein Unternehmen hatte vor einiger Zeit arge Probleme mit einem bestimmten Produkt. Wenn Du bei Google, Yahoo oder sonst einer bekannten Suchmaschine nach dem Unternehmensnamen danach suchst, tauchen die nicht recht schmeichelhaften Berichte auf. Das ist nicht im Interesse des Unternehmens.

Wenn die Führung klug ist, holt sie sich professionelle Hilfe. Im Normalfall wird es über das Unternehmen auch positive Berichte geben. In Online-Zeitungen, irgendwelche Finanzberichte. Notfalls muss eben die Presseabteilung ran und zumindest für neutrale Berichterstattung sorgen. Aber wie gesagt, in der Regel sind genügend brauchbare Berichte im Web zu finden.

Um es auf den Punkt zu bringen: Genau diese schieben wir in den SERP vor die Blogbeiträge und vergraben alles Negative auf die hintersten Seiten.

Schwieriger wird es, wenn etablierte Medien mit ihren Online-Ablegern bereits auf den Zug aufgesprungen sind. Die kann man nicht so leicht wegschieben. Ich gehe davon aus, dass es nicht der einzige Bericht über das Unternehmen in diesem Online-Medium war. Hier müssen wir eben den negativen Bericht in den SERP durch den positiven ersetzen.

Bei Dir hört sich das alles so einfach an. Wegschieben, vergraben ersetzen …
Wenn man das Prinzip verstanden hat, ist es wirklich nicht so schwer. Die Suchmaschinen von Google bis Ask sortieren die SERP nach Relevanz. Im Grunde werden die Links gewertet, die auf eine bestimmte Seite zeigen. Es im Detail zu erklären würde hier zu weit führen. Wichtig ist nur, dass alles für das menschliche Auge unverdächtig aussieht.

Was war die größte Herausforderung bisher?
Wenn man seinen Job ernst nimmt, ist alles eine Herausforderung. Man will schließlich immer das Beste geben.

Wenn Du aber eine angefahrene Sache meinst: Ein Kunde musste sein Produkt vom Markt nehmen, zurecht will ich hinzufügen. Das Problem bei Produktnamen ist, dass sie meist einmalig sind. Wir haben also ein virtuelles Produkt entworfen, eigens Seiten dafür angelegt, Berichte über das Kundenprodukt nach hinten gedrückt.

Da immer nach Produktbezeichnung in Kombination mit Firmenname gesucht wird, war das Projekt heikel. Gelöst haben wir das Problem, indem wir eben über angebliche Tests des Produktes. Wir waren so gut, dass Blogger sogar so getan haben, als hätten sie das Teil auch in den Fingern gehabt. Abgefahren!

Mit solchen Aktionen rutscht man aber schon sehr in die Grauzone, oder?
Ja, das ist die Grenze, an die ich persönlich bereit bin zu gehen. Es gibt andere, die überschreiten diese…

… und begehen Straftaten?
Nein. Illegale Aktionen würde ich keinem nachsagen. Sagen wir Du hast einen Kunden, der möchte sich im Web als das Non-Plus-Ultra in Sachen medizinische Bandagen präsentieren. Dann versucht man natürlich Seiten in den SERPS zu “medizinische Bandagen” nach vorne zu bringen, die Kunden und Produkt in einem guten Licht erscheinen lassen.

Nur wäre es doch unnatürlich, wenn nur Produkte eines Unternehmens unter den ersten zehn Suchtreffern zu finden wären. Positive Berichte über die Wettbewerber wären nicht dienlich, also könnte man Seiten nach vorne schubsen, die nicht gerade schmeichelhaft sind. Und solche Seiten finden man oder produziert diese erst. So weit würde ich persönlich nicht gehen.

Du arbeitest auf dem US-Markt. Arbeiten Unternehmen in Deutschland mit solchen Methoden?
Dazu kann ich nichts sagen. Die Angebote, die ich gefunden habe und in diese Richtung gingen, waren lächerlich, nicht Ernst zu nehmen.

Wenn ich über solche Manipulationsversuche lese, kann ich nicht einmal mehr darüber lachen. Für mich persönlich ist das hochgradig dilettantisch.

Goofy, ich danke Dir für die Einblicke in Deine Arbeitswelt.

Goofy möchte weder seinen echten Namen noch den seines Arbeitgebers genannt wissen. Das Interview führte Matthias Süß.

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13 Reaktionen zu “Meinungsmanipulation 2.0”

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  1. Heinz Eng

    am 21. Juli 2008 um 22:28 Uhr | Link | Kommentar melden

    Lieber Herr Süss
    Herrlich erfrischender aber auch erschreckender Artikel.
    Wir müssen wieder nicht so weit gehen, in diesem Blog streunen auch solch bezahlte Damen und Herren herum.
    Es geht um Meinungsmanipulation im Sinne einer bestimmten Gruppe, in diesen Fall der Solar und Windlobby.
    Man sollte “Goofy” auch mal zu diesem Thema interviewen, haben Sie da eventuell eine zweite Gelegenheit?
    Danke junger Mann,
    ein verschmitzt lächelnder
    Heinz Eng

  2. Margareth Gorges

    am 21. Juli 2008 um 22:32 Uhr | Link | Kommentar melden

    Passt irgendwie dazu oder ! ? Lesen Sie selbst ……

    Einflussversuche der etablierten Meinungsmacher im Internet

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=3348#more-3348

  3. Heinz Eng

    am 21. Juli 2008 um 22:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Liebe Margareth
    Bitte seien Sie nicht so streng mit der Redaktion von R-E, die Abmahnanwälte lauer hinter jeder Ecke und warten nur auf eine Gelegenheit, jemanden kostenpflichtig abzumahnen.
    Dank deutscher Gesetze ist das sehr leicht möglich und wenn das dann noch vor dem Hamburger Gericht geht, ist die Sache schon geritzt.
    Selbst das Internet ist zu einen Minenfeld geworden, warum sonst, verdrücken sich viele Blogs auf ausländische Server, nur um vor diesen Geldhaien sicher zu sein.
    Ich selbst vermeide schon freiwillig auf Firmen-Namen um denen nicht die geringste Gelegenheit zum zurückschlagen zu geben.
    Es ist furchtbar und einer Demokratie nicht würdig, aber zum Schutz dieses Blogs unbedingt nötig, leider.

    Heinz Eng

  4. Margareth Gorges

    am 21. Juli 2008 um 23:22 Uhr | Link | Kommentar melden

    Lieber Herr Eng

    streng bin ich gegenüber der immer größer werdenden Einflussnahme der Lobby - die nun auch schon Blogforen kontrollieren.

    Und sich verstecken und seine Meinung nicht äußern zu dürfen , l mit Verlaub Herr Eng, noch leben wir nicht in China, wo man wegen einer E- Mail im Gefängniss landet

  5. Bettina Rummelsberger

    am 22. Juli 2008 um 07:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Liebe Frau Gorges,

    ist Ihre Erregung nicht doch etwas sehr künstlich? Hier

    http://www.readers-edition.de/2008/06/13/wuerden-riester-rentner-nach-den-kosten-fragen-wuerden-sie-sich-wundern-und-nicht-unterschreiben#comment-219906

    haben Sie doch nicht nur die Redaktion immer wieder gebeten, unliebsame Kommentare zu löschen, sondern am Ende gleich die komplette Kommentarfunktion unter Ihrem Artikel sperren lassen, weil Ihnen die Kommentare “zu bunt” wurden.

  6. Margareth Gorges

    am 22. Juli 2008 um 08:55 Uhr | Link | Kommentar melden

    Liebe Frau Rummelsberger,

    ich weiß nicht was Sie unter “Bunt” verstehn, Verbalinjurien sind für mich nicht “BUNT”. Ansonsten ist eine Bunte Mischung an Kommentaren herzlich willkommen.

    MfG

  7. Andy

    am 22. Juli 2008 um 20:26 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ist doch schön, dass wenigstens hier die “Lobbyisten” aller Lager vertreten sind und Ihre Ansichten ungestraft abgeben können.

    Leider, leider hinterfragen nur wenige Leute, die Dinge die Sie Lesen, Fernsehen oder Hören. Aber das hilft ja allen Lagern…..

  8. Mein privates eBusiness Blog » Blog Archive » 9.000 Leser innerhalb von 24 Stunden

    am 23. Juli 2008 um 09:45 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] 9.000 Leser innerhalb von 24 Stunden ist nicht schlecht für einen Nachricht mit doch eher fachspezifischen Hintergrund. MaxMag hatte auf Shortnews eine sehr kurze Zusammenfassung meines Artikels “Meinungsmanipulation 2.0” auf Readers Edition eingestellt. Auf dem Screenshot war es 9:27, also noch eine Stunde auf die 24. […]

  9. Grenzpfosten » Ich google deine Weste weiß

    am 26. Juli 2008 um 01:01 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Sehr interessanter Beitrag auf der Reader-Edition. Readers Edition » Meinungsmanipulation 2.0.Darin Beschreibt der Autor ein Gespräch mit einem nicht näher genannten Amerikaner, der leider wenig detailliert darlegt, wie US-Unternehmen kritische Beiträger in Suchmaschinen dadurch eleminieren, dass sie diese mehr oder weniger “wegoptimieren”. Heißt konkret: Die Suchmaschinen von Google bis Ask sortieren die SERP nach Relevanz. Im Grunde werden die Links gewertet, die auf eine bestimmte Seite zeigen. […] Da immer nach Produktbezeichnung in Kombination mit Firmenname gesucht wird, war das Projekt heikel. Gelöst haben wir das Problem, indem wir eben über angebliche Tests des Produktes. Wir waren so gut, dass Blogger sogar so getan haben, als hätten sie das Teil auch in den Fingern gehabt. Abgefahren! […]

  10. Take Care! « Data Travelers-Blog

    am 29. Juli 2008 um 09:52 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Einen tollen Artikel zum Thema Meinigungsmanipulation 2.0 habe ich bei Readers Edition gefunden. Ich finde es schon interessant, mit welchen ja ich möchte es schon “Waffen” nennen, man heute kritische Beiträge im Suchmaschinen-Nirvana verschwinden oder besser gesagt untergehen lässt (wer sucht schon auf Seite 188?).  Bisher kannte ich immer nur normales SEO, aber der Artikel hat mir wieder den Horizont geöffnet über neue Möglichkeiten … […]

  11. Meinungsmanipulation 2.0 | HIRNHATZ

    am 8. August 2008 um 06:39 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Dieses Interview wurde zuerst auf Readers Edition (21. Juli 2008) veröffentlicht. […]

  12. » Web2.0 im Tourismus braucht Medien- und Sozialkompetenz

    am 8. Januar 2009 um 12:09 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Andererseits resultiert aus der Machtverschiebung hin zum Kunden aber auch eine Notwendigkeit zur Medien- und Sozialkompetenz. Nutzer, welche eine Bewertung verfassen, müssen sich über deren Einfluss auf die bewertete Firma bewusst sein und außerdem Fairness an den Tag legen - es geht um Tatsachen und nicht um diffamierende Artikel - Bewertungen sollten konstruktiv und fair verfasst werden. Medienkompetenz braucht und besitzen die Nutzer auch meist beim Lesen der Bewertungen - oft lassen sich gefälschte und unsachliche Bewertungen identifzieren - der Nutzer bildet seine Meinung quasi als Querschnitt über verschiedene Plattformen und Bewertungen hinweg. Eine Medien- und Sozialkompetenz bräuchten auch diejenigen, die den Trend zur Meinungskommunikation schamlos für ihre eigenen Ziele missbrauchen und Bewertungen fälschen (mehr dazu). […]

  13. Twitter Trackbacks for Readers Edition - Meinungsmanipulation 2.0 [readers-edition.de] on Topsy.com

    am 1. September 2009 um 15:09 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Readers Edition - Meinungsmanipulation 2.0 www.readers-edition.de/2008/07/21/meinungsmanipulation-20 – view page – cached Readers Edition ist ein Portal für Bürgerjournalismus in Deutschland. Bürgerjournalisten schreiben über Politik, Wirtschaft, Web 2.0, Social Media, Klimawandel, Wissenschaft und Kultur. — From the page […]

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