“Der Staat weiß gar nicht mehr, wie er seine Bürger überhaupt gängelt”, schimpft Martin-Philipp Kaltenmaier, Besitzer der angesagten Tomsky-Bar in Berlin/Prenzlauer Berg am gestrigen Donnerstag. “Wenn das Rauchverbot in Einraumkneipen gestern nicht gekippt worden wäre, hätte das für mich schon sehr an die Substanz gehen können, sprich an die Existenz.” Viel Wirbel hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe in dieser Woche ausgelöst. Das Rauchverbot wurde außer Kraft gesetzt. Befürworter und Gegner eines solchen Gesetzes lieferten sich wahrhafte Meinungsschlachten. Doch nicht nur der blaue Dunst bestimmte in dieser Woche das Geschehen auf der Readers Edition, wie sich nachfolgend eindrucksvoll beweisen lässt…
Das Internet im Blick – buntes Treiben am Rande der Legalität
Von den Gepflogenheiten in Berliner Eckneipen zieht es uns an dieser Stelle jedoch in eine ganz andere Richtung. Hinein geht es ins World Wide Web und hin zu den Gedanken unseres Autors Julien Germain, der in Anlehnung an Hoffmann von Fallersleben schreibt: “Der größte Lump im ganzen Land…“. Und sogleich fragt: “Was ist los mit Deutschlands Bürgern?” Eine berechtigte Frage. Denn Anschwärzen, Verleumden oder auch mal ein kleines Gerücht streuen ist mittlerweile zu einer Art Volkssport geworden. Ein Klima von Neid und Hass wird geschürt und das nicht nur im Life 1.0 oder im TV, sondern auch und gerade im Internet. Als fragwürdiges Beispiel für ein solches Vorgehen wirft Germain einen Blick auf die US-Seite rottenneighbors.com und erklärt: “Detailliert (wird) dargestellt (…), wie leicht der Einzelne seinen ahnungslosen Nachbarn bloßstellen kann, ohne selbst der Anonymität entschwinden zu müssen.” Die Grenzen des “sozialen Anstands und des guten Geschmacks” werden da leicht überschritten – und das bis hin zur Rechtswidrigkeit. Was treibt diese Menschen um, fragt sich da auch der Autor, dessen Frage auch wir hier zur Diskussion stellen möchten. Fest steht: “Unsicherheit macht sich breit und wiederholt stellt man sich die (…) Fragen ‘Wem stehe ich gerade gegenüber – Was darf ich von mir preisgeben’ (…).” Da überrascht auch das abschließende Fazit nicht: “Öffnet die Augen, um zu sehen. Sonst werdet ihr sie brauchen, um zu weinen!”
Die Augen weit geöffnet – allerdings in Anbetracht blanken Erstaunens – hat auch Christian M., Protagonist in “Die Rasierklingenmafia“. Joachim Kelke schildert uns darin den Fall von einem, der auszog leckeren Tee aus dessen Ursprungsland zu beziehen, letztlich aber auf wahre Abgründe in Sachen Markenpiraterie gestoßen ist. Von Lee Shan Cha zu Körperpflege für den Mann von heute lautet also das Motto. Möglich gemacht durch die Dreistigkeit asiatischer Anbieter, die über eine einschlägig bekannte Auktionsplattform das große Geld zu scheffeln scheinen. Einmal darauf aufmerksam gemacht, taucht Christian M. in das schier unübersichtliche Angebot der Nachahmungen ein. Und sein Verdacht, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu geht, erhärtet sich von Minute zu Minute. Doch das müsste doch auch dem Auktionshaus aufgefallen sein – oder etwa nicht? Ein Sicherheitsleck “so groß wie ein Scheunentor” tut sich vor ihm auf. Handeln lautet das Gebot der Stunde. Zwei Nutzer wurden bei der Staatsanwaltschaft Hannover angezeigt. Ein Dritter treibt sein munteres Spiel allerdings unverhohlen weiter und “Christian M. hat anstelle einer günstigen Einkaufsquelle für Tee seinen Favoriten für das Wort des Jahres gefunden, 3 … 2 … 1 … Rasierklingenmafia.”
Perspektivenwechsel – von erwünschter und weniger gern gesehener Literatur
Auf Entdeckungsreise im positiveren Sinne kann seit diesem Donnerstag wieder einmal mit unserem Autor Volly Tanner gegangen werden. “Dichtung des 20. Jahrhunderts” lautet seine plakative überschrift im Zuge eines “subjektiven Aufschreis gegen popkulturelle Einschlafhilfen”. Zugegeben, Lyrik ist wohl nicht jedermanns Sache, die von Gerhard Pötzsch allerdings schon. Für ihn ist sie eine “verknappte, auf den Punkt gebrachte Reflexion des Hier und Jetzt, in Bilder gefasst und überlegt, reichlich verziert mit Eigensinn und in Veredlung durch die wunderbare hiesige Sprache.” Kein Wunder also, dass der Chef von Hoerwerk eigens zu diesem Thema nun zwei CDs herausgebracht hat und so auch Außenstehenden einen “subjektiven Blick auf die sächsische Lyrik” erlaubt. Bewusst stellt er sich damit gegen die Ergüsse gewisser junger Damen, die in “Feuchtgebieten” forschen und tritt ein für den Erhalt literarischer Werte. Tanner jedenfalls scheint begeistert: “Man kann Pötzsch nur gratulieren, zu seinem Mut und zu seiner Durchhaltementalität. Zum Wagnis die gewohnten Wege zu verlassen und über die Berge aus Unvernunft und Uniform zu klettern.” Bleibt nur zu sagen, reinhören und Urteil bilden. Ein Blick über den Tellerrand hat sicherlich noch niemandem geschadet…
Bleiben wir doch gleich bei Literatur und deren Erhaltung. Aus dem Sächsischen geht es nun jedoch ins ferne Südkorea. Auch am heutigen Freitag hat uns unser geschätzter Autor Hannes Mosler wieder Interessantes aus Asien zu berichten. Und so titelt er diesmal: “Internationale Bestseller in Kasernen verboten“. Das südkoreanische Verteidigungsministerium habe eine Schwarzliste veröffentlicht, die den Rekruten die Lektüre von insgesamt 23 Titeln verbiete, leitet Mosler diese Ungeheuerlichkeit ein, die damit gerechtfertigt wird, dass die Ausbildung der Soldaten durch das Lesen Schaden nehmen könnte. Also wurde Offizieren durch das Verteidigungsministerium kurzerhand das Lesen bestimmter Schriften untersagt. Titel wie “The Bad Samaritan” oder “Die Globalisierungsfalle” sind nun offiziell tabu. Das Geschäft der Internetbuchhändler jedoch blüht. Kundenfang außerhalb der Kaserne ist derzeit angesagt. Attribute wie “anti-amerikanisch” und “staatsfeindlich” erweisen sich da genau als die richtigen Zugpferde. “Südkorea blickt auf eine dunkle Geschichte jahrzehntelanger Diktatur samt Zensur zurück. Bis Anfang der 90er Jahre standen viele Bücher auf dem Index für ‘staatsgefährdende Schriften’”, gibt Mosler hier zu bedenken und stellt am Ende nüchtern fest: “Damit ist ein weiterer Prüfstein für die neue Regierung unter Lee Myung-bak vorgegeben.”
Alles andere als fair…
Um Prüfung, Kontrolle und Unterdrückung geht es in diesen Stunden auch bei Franz Alt. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür, da rauscht auch schon die nächste aufrüttelnde Meldung durch die Medienlandschaft. Die vormals zugesicherte Pressefreiheit ist passé – freie Recherche für Journalisten wird nicht gegeben sein. Unser Autor nennt das, was hier passiert: “Peinliche olympische Spiele“. “China will seine Propaganda-Show um jeden Preis. Die versprochene Pressefreiheit ist durch die bisherige Praxis widerlegt und die Menschrechtssituation in Tibet und bei anderen Minderheiten – wie den Uiguren, Muslimen und Christen – hat sich um keinen Deut verbessert”, beschreibt er die derzeitige Situation. Eine “Atmosphäre der Einschüchterung” herrsche so kurz vor dem sportlichen Großereignis. Was wir serviert bekommen werden sind lediglich “Hochglanzspiele”, aber bei weitem kein Blick auf die real existierenden Verhältnisse im Reich der Mitte. Dabei stehe doch gerade die Idee der Olympischen Spiel für Fairness. “Doch die politische Lage in China und die Situation der Menschrechte ist alles andere als fair. Eine peinliche Show steht der Welt bevor”, prognostiziert uns der Autor. Ob er Recht behalten wird?
Mit diesem hochaktuellen Thema schließen wir nun auch unseren kleinen Rundgang durch die Beiträge der Woche. Nicht ohne jedoch unser besonderes Augenmerk auf die Artikel des Monats Juli zu legen. In diesen heißen Tagen erreichte nämlich der Artikel “Globale Versorgungskrise: Energie und Lebensmittel immer teurer – Wohin steuert die globale Wirtschaft?” von Uwe Zankl eine durchschnittliche Leserbewertung von 5.1 Punkten, die höchste Bewertung unserer Jury mit 6 Punkten und somit den ersten Platz. Den zweiten Rang belegt “Brauchen wir die Kernfusion?” von Rudolf Kipp mit 5 Punkten in der Jury- und 5.1 Punkten in der Leserwertung. An den Beitrag “Damit kein Blut mehr fließt” von tethys.caoss.org vergaben die Jury 4 Punkte und die Leser 5.0 Punkte und er erreicht somit den dritten Platz. Herzlichen Glückwunsch an die drei Sieger-Autoren und vielen Dank and die Jury! Wir wünschen Ihnen nochmals viel Spaß bei der Lektüre und verabschieden uns ins Wochenende. Machen Sie’s gut. Wir lesen uns nächsten Freitag.
Ihre Redaktion Readers Edition
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