Rauchverbotsflickenteppich – Chaos oder notwendige Vielfalt?

Die Debatte zum Schutz der Mitmenschen sollte eine kulturspezifische sein. Die Illusion, dass die Bundesrepublik Deutschland eine Einheit in allen Belangen darstellt, sollte bei näherer Betrachtung jedem gegenwärtig sein. Besonders deutlich wird natürlich das Dilemma der Frage über die Einheit, wenn man die Bestrebungen innerhalb der EU-Länder sieht… von einem

ruaci.jpgDie Debatte zum Schutz der Mitmenschen sollte eine kulturspezifische sein.

Die Illusion, dass die Bundesrepublik Deutschland eine Einheit in allen Belangen darstellt, sollte bei näherer Betrachtung jedem gegenwärtig sein. Besonders deutlich wird natürlich das Dilemma der Frage über die Einheit, wenn man die Bestrebungen innerhalb der EU-Länder sieht… von einem Europa wage ich gar nicht zu sprechen, da dieses Konstrukt historisch gesehen noch nie stabil war und sich ständig “im Fluss” befindet.

Wenn wir also den viel zitierten “Flickenteppich” innerhalb unserer Republik bemängeln, dürfen wir nicht vergessen, dass die Vorbehalte, die jeder Bewohner eines Bundeslandes einem anderen (meistens dem direkten Nachbarn) gegenüber hat, gespickt mit allerlei Klischees und Vorurteilen, scheinbar seine natürliche Berechtigung haben darf… die bundeslandspezifischen Varianten diverser Gesetze aber nicht. Dass der Flickenteppich bereits Jahrzehnte vor allem im Bereich der Bildung interessante Blüten schlägt, wird zeitweilig hingenommen, ignoriert oder manchmal auch wieder ans Tageslicht gezerrt, um darüber zu debattieren.

Dass es bundeslandspezifische Unterschiede gibt, steht für mich zumindest fest. Wie tief diese gehen, ist allerdings immer wieder zu beobachten und im gesellschaftlichen Diskurs zu thematisieren. Dass es sich bei all den Bundeslandbewohnern um Menschen (!) mit deutscher Staatsangehörigkeit handelt, steht (mit Ausnahmen) außer Frage. Außer Frage steht auch, dass alle derselben Gerichtsbarkeit unterstehen und sich an die geltenden Gesetze halten müssen/sollen/dürfen. Die, und hier wiederhole ich mich gerne, kulturspezifischen Faktoren prägen allerdings die verschiedenen Regionen auf unterschiedliche Weise.

Daraus ergibt sich ein Kompromiss: einerseits die Gleichbehandlung aller Menschen (die innerhalb des Rechtsstaats zumindest institutionell abgesichert scheint) und andererseits die Berücksichtigung regionaler (kulturspezifischer) Unterschiede, denn niemand möchte mit allen in einen Topf geworfen werden.

Diskussion um Rauchverbot Teil des gesellschaftlichen Diskurses

Dass diese Gratwanderung zwischen der Wahrung der Rechte von Individuen und denen der Allgemeinheit eine permanente Herausforderung für eben jene (das Individuum und die Allgemeinheit) darstellt, sollte hierbei nicht vergessen werden. Somit ist diese Diskussion um das absolute oder das spezielle Rauchverbot gleichzeitig auch ein Teil des gesellschaftlichen Diskurses über wesentlich abstraktere Werte unserer Kultur(en)… und das ist zu begrüßen.

Schade ist es nur, wenn der umfassende gesellschaftliche Diskurs auf winzige Details reduziert wird, die dann wiederum aber allzu schnell stellvertretend für den Diskurs akzeptiert werden, ohne zu erkennen, dass es eben doch nicht so simpel ist.

Damit möchte ich auch schon mit meiner pathetischen Rede schließen und eine Frage in die Runde der fleißigen ‘Wurzeljournalisten’ werfen:

Weshalb wird bei aller Hitzigkeit um die Raucherschutzfrage, der Umstand ignoriert, dass es sich beim Rauch eben nicht um eine “harmlose” Belästigung der Mitmenschen handelt… vergleichbar mit nervbetäubender Musik diverser Mitmenschen in der Straßenbahn oder allzu extrovertierten Mobilfunktelefonierern, die der Meinung zu sein scheinen, alle Welt interessiere sich für ihr Gespräch… sondern eben um ein Sammelsurium lebensbedrohlicher Substanzen? Substanzen, die gerne ob ihrer Vielfalt und oft für den Laien bestehenden Unaussprechlichkeit einfach in den Hintergrund rücken.

Die Akzeptanz des Verbots von Zigarettenrauch wäre meiner Ansicht nach wesentlich höher, wenn sich die Warnungen nicht auf die zum Teil komisch anmutenden Kommentare auf den Zigarettenschachteln beschränken, sondern man den Bürger wieder für mündig erklären und ihm die Details zumuten würde.

Die Substanzen sind schädlich .. das ist sogar jedem Raucher klar. Die Substanzen sind sogar zum Teil gefährlich… auch das ist den meisten klar. Dass sie Krebs erzeugen können… auch das ist den meisten klar, offenbar aber erst dann wirklich bewusst, wenn man selbst zum Radiologen überwiesen wird.

Es gibt akzeptierte Gesetze in Deutschland, die sich mit anderen gefährlichen Dingen auseinandergesetzt haben… und weniger Aufsehen erregen. Das Waffengesetz ist ein Beispiel dafür, in dem es unter Strafe gestellt ist, Messer mit feststehender Klinge von mehr als 12 cm zu tragen (http://www.buzer.de/gesetz/5162/b13776.htm). Damit wäre jeder Hobbykoch mit seinem Santoku-Messer gut beraten, sein Werkzeug vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen.

Das Waffengesetz ist also in unserer Kultur durchaus sinnvoll und gibt uns ein Gefühl von Sicherheit… der Besucher südostasiatischer oder mittelamerikanischer Wälder sollte diese Bestimmung allerdings hinter sich lassen und auf seine Machete besser nicht verzichten.

Der Intellekt der Menschen sollte nicht unterschätzt werden

Zurück zu den Substanzen im Zigarettenrauch. Sie sind also gefährlich. Gut… aber wie gefährlich? Das entzieht sich sowohl dem Individuum als auch der Allgemeinheit. Weshalb? Weil die Presse lieber über polemische Kommentare zu Gesetzesnovellen schreibt als wissenschaftliche Studien an die Öffentlichkeit zu bringen. Das Argument, der Normalbürger würde das nicht verstehen, kann ich nicht gelten lassen… man sollte den Intellekt auch eines BILD-Lesers nicht unterschätzen. Es käme auf einen (viele) Versuch(e) an.

In diesem Kontext möchte ich aber auch noch wissen, weshalb bestimmte Bereiche der Debatte über die Gefahren des Zigarettenrauchs so gut wie kompett ausgespart werden? Weshalb wird nicht darüber gesprochen, dass sich im Zigarettenrauch radioaktive Substanzen befinden (Polonium und scheinbar auch Plutonium)? Was ist aus einer Diskussion über die Studienergebnisse dieser Untersuchungen geworden?

Ich bin der Meinung, dass diese Argumente beim ein oder anderen vernebelten Raucher tiefer durchdringen würden/werden als nebulöse Beschwörungen von Unfruchtbarkeit.

Zum Nachlesen und Nachdenken:

http://www.newscientist.com/article.ns?id=dn11974&feedId=online-news_rss20
http://www.medizinauskunft.de/artikel/aktuell/2007/21_06_tabakstrahlung.php
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/367/32335/

Mehr zum Thema:

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