Dass das Menschenleben von der Arbeit geprägt ist, ist kein Naturzustand. Dass die Gesellschaft von der Wirtschaft beherrscht wird, verdankt sie einem historischen Ereignis und keinem Gesetz.
Wirtschaften bedeutet: die Allokation knapper Ressourcen. Diese primäre Definition beruht auf einer durchaus nicht selbstverständlichen historischen Prämisse: daß die Ressourcen so knapp sind, dass ihre Verteilung ein Problem darstellt. Und dabei handelt es sich nicht um eine schlichte Tatsache, sondern um ein Verhältnis zwischen zwei fraglichen Größen: der Vermehrbarkeit der Ressourcen einerseits und der Menge der Bedürfnisse andererseits. Allokation der Ressourcen bedeutet daher: die Entscheidung darüber, welche – und wessen – Bedürfnisse bei der Verteilung mehr gelten sollen als andere.
Aus dem Mangel…
Wären beide Größen – Umfang der Bedürfnisse, Umfang der Ressourcen – gegeben, entstünde kein wirtschaftliches Problem. Das Problem wäre rein politisch: Wer setzt sich durch? In einem spezifischen Sinn wirtschaftlich wird das Problem nur dann, wenn die beiden Variablen – Bedürfnisse/Ressourcen – durch ein Bedingungsverhältnis einander vermittelt sind; kein logisches, sondern ein sachliches. Ein solches tritt ein in dem Moment, wo die Ressourcen durch Arbeit vermehrt werden können; denn damit stellt sich die Frage: wer arbeitet wie viel? Denn es ist zugleich die Frage: Legitimieren sich die individuellen, um die Ressourcen konkurrierenden Bedürfnisse durch eigene Arbeit, oder aus anderen Quellen?
Wirtschaften ist keine Konstante des menschlichen Gattungslebens. Es bildet die Rückseite der Fähigkeit des Menschen, durch Arbeit mehr zu erzeugen, als er verbraucht. Wirtschaftsgesellschaft und Arbeitsgesellschaft bedeuten dasselbe. Entstanden sind sie mit der Sedentarisierung und dem übergang zum Ackerbau.
In der Welt der Jäger und Sammler waren jahrmillionenlang die Ressourcen nicht eo ipso knapp, und die Verteilung war kein Problem. War die Gegend, die eine Menschengruppe bewohnte, abgeweidet, wanderte sie weiter. Wurden die Zeichen beizeiten erkannt, trat Knappheit gar nicht ein. Andernfalls blieb sie – wie der überfluss – eine momentane Ausnahme, die nicht lange genug währte, um die Formen des Zusammenlebens zu prägen. (Denn wird Knappheit zum Dauerzustand, stirbt die Gruppe aus.) Unter solchen Umständen geschieht die Allokation naturwüchsig, eine gesellschaftliche Formbestimmung bildet sich nicht aus.
Der Getreideanbau bringt einen qualitativen Wandel. Durch Arbeit wird es möglich, einen stetigen überschuss zu erzeugen. Ein beständiges Bevölkerungswachstum tritt ein. Ursprünglich trat Knappheit momentan als Mangel an einer bestimmten, absoluten Anzahl benötigter Dinge auf. Nun herrscht ständiger Mangel durch das stetige Wachstum der Bedürfnisse. Ab hier reden wir von Geschichte in einem bestimmten Sinn: “Diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat.”(Marx-Engels) Welche Bedürfnisse gelten sollen, wird nun strittig.
Durch die Konkurrenz neuer Bedürfnisse auf der einen, mit einer wachsenden Menschenmasse auf der andern Seite wird die Allokation erstmals zum Problem, denn diese Konkurrenz ist dauerhaft und prägt schließlich die Formen des Zusammenlebens. Das Naturverhältnis wird überlagert von gesellschaftlichen Bestimmungen. Eine Differenzierung beginnt in jene, die Anspruch auf die “höheren Bedürfnisse” haben, und solche, die überzählig sind und denen im Notfall auch die primären Bedürfnisse verweigert werden. Denn der Boden, an dem die Arbeit ausgeführt wird, ist monopolisierbar. Der Arbeiter kann von ihm abgetrennt werden.
Nicht aus dem Eigentum folgt die Differenzierung, sondern aus tatsächlicher Differenzierung bildet sich das Eigentum.
Nicht Alle sind sesshaft geworden, nicht Alle betreiben Ackerbau. Die Herrenvölker folgen weiterhin als Jäger den Wanderungen der Tiere, bis sie zu ihren Hirten werden. Die Hirtenvölker scheuen die Arbeit, aber nicht deren Früchte. Die Habe muß verteidigt werden. Die Herausbildung einer Kriegerkaste reproduziert im Innern den Gegensatz zu den nomadisierenden Herren im Äußern. Auch die inneren Herren arbeiten nicht. Sie zehren von der Mehrarbeit der Andern. Die Aneignung geschieht politisch, nicht ‘wirtschaftlich’. Vom Arbeitsprodukt greift sie schließlich auf das Arbeitsmittel selbst über. (Dasselbe wiederholt sich mit der Ausbildung der Grundherrschaft im frühmittelalterlichen Europa.)
Mit der wachsender Arbeitsproduktivität einerseits und der Monopolisierung des Bodens andererseits wird eine relative überbevölkerung zur Geschichtskonstante, der Mangel für die Vielen und die Akkumulation von Reichtum bei wenigen wird zum Dauerzustand, es beginnt der Klassenkampf, und das Politische entwickelt sich zu einem autonomen Bereich des gesellschaftlichen Lebens.
…erwächst die Wirtschaft…
Arbeit ist das allgemeine Mittel zur Behebung von Notdurft. Sie ist das Nützliche-an-sich und Ressource-schlechthin. Eine Welt, die sich negativ im Zeichen der Notdurft versteht, definiert sich positiv als Arbeitsgesellschaft. Ihre vollendete, “ausgebildete” Form ist die Marktwirtschaft: Alles hat seinen Preis. Jetzt müssen die Arbeiten gegeneinander austauschbar, ihre jeweiligen Qualitäten müssen mess- und vergleichbar sein. Die Nützlichkeit der einen Sache muß sich in der Nützlichkeit der andern Sache darstellen lassen. An die Stelle der Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der “Wert” der Nationalökonomen: wiederum eine Nützlichkeit-an-sich, also wiederum Arbeit – als die allgemeinste Ware.
Marktwirtschaft bedeutet eo ipso Industriegesellschaft. Dass regelmäßig nur gleiche Wertgrößen sich gegen einander austauschen, setzt voraus, dass Arbeit regelmäßig als Lohnarbeit stattfindet – weil der Arbeiter vom Boden getrennt ist und nicht mehr selber über die Mittel verfügt, die er zur Realisierung seines Arbeitsvermögens braucht. Denn erst, wenn die Arbeit ihrerseits als Ware gehandelt wird, kann sie sich im Austauschprozess als dessen durchschnittlich gültiger Maßstab ‘ausmitteln’. An ihm kann Alles miteinander verglichen und gegeneinander getauscht werden. Die Bedürfnisse behaupten sich als gültig durch das Maß, in dem sie über (eigenes oder fremdes) Arbeitsvermögen verfügen. Durch die bestimmte Art der Produktion ist eine bestimmte Weise der Aneignung eo ipso mit’gesetzt’. Seither verteilen die Ressourcen ‘sich selber’, d. h. nach einer ökonomischen Regel, auf die Bedürfnisse.
Diese Regel beruht auf der Doppelnatur der Arbeit. Sie ist einerseits Verausgabung eines lebendigen Vermögens. Andererseits kann sie – unter gegebenen sachlichen Voraussetzungen – mehr ‘Werte’ schaffen, als zu dessen eigener Erzeugung und Erhaltung erforderlich waren. Wer über dieses Vermögen verfügt, eignet sich den Mehr-Wert an, nicht wer es (verausgabend) realisiert. Dieses “Wertgesetz” ist keine den Sachen selber innewohnende Kraft noch eine selbstherrliche Bewegung der Begriffe, sondern nur die gedankliche Schematisierung eines wirklichen Geschehens unter gegebenen Bedingungen.
Die Bedingungen waren, dass die Ressourcen schlechterdings knapp, aber schlechterdings durch Arbeit vermehrbar sind, und dass Arbeit die allgemeingültige Ware ist, weil Lohnarbeit vorherrscht. Das wiederum setzt voraus, dass das Arbeitsvermögen regelmäßig von den Mitteln seiner Realisierung getrennt ist.
folgt: Der Gebrauchswert der Intelligenz[O1] K. Marx in: Die Deutsche Ideologie, Marx-Engels-Werke Bd. 3, Berlin (O) 1958, S. 28
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Die sorgfältige Vorbereitung des Thenas in Teil I macht neugierig auf den Rest!