Papa, böse Kinder (XXXXIII): Sind die Eltern in Krefeld besser als in Mönchengladbach?

Der Fall Jessica Müller bekommt immer mehr groteske Züge: Die Elfjährige lebt seit über vier Jahren im Schloss Dilborn, das Oberlandesgericht in Düsseldorf hat dem Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt die bisherige Vorgehensweise um die Ohren gehauen und dem Jugendamt von Mönchengladbach wurde bestätigt, dass sich diese Behörde mit ihren Argumenten für einen

Der Fall Jessica Müller bekommt immer mehr groteske Züge: Die Elfjährige lebt seit über vier Jahren im Schloss Dilborn, das Oberlandesgericht in Düsseldorf hat dem Amtsgericht Mönchengladbach-Rheydt die bisherige Vorgehensweise um die Ohren gehauen und dem Jugendamt von Mönchengladbach wurde bestätigt, dass sich diese Behörde mit ihren Argumenten für einen weiteren Sorgerechtsentzug auf schwankendem Boden bewegt.

Also werden sie halsstarrig? Die Mönchengladbacher Amtsrichterin, die bei einem Termin Ende Januar 2008 ein neues Gutachten als “Steuerverschwendung” eingestuft hat, ordnete inzwischen ein neues Gutachten an und benannte dafür zwei Sachverständige. Allerdings: Eine Frist setzte das Gericht nicht.

Die Eltern von Jessica Müller dürfen sich derweil die Zeit mit einem neuerlichen Strafantrag vertreiben. Dieses Mal geht es um eine Internet-Seite, auf der die Elfjährige ihr Schicksal schildert. Da hat sich zwar jemand ganz schön im Ton vergriffen: Aber diese Seite ist weder von Jessica noch von ihren Eltern ins Netz gestellt worden.

Einer schiebt es auf den anderen

Dem Heim, in dem Jessica Müller lebt, kann man aber eins getrost bestätigen: weitgehendes Versagen. Das wird sogar eingestanden. Immer wieder haben die Eltern darauf hingewiesen, dass die Elfjährige Lernschwächen aufweist. Darauf reagiert die Heimleitung fast schon gebetsmühlenartig mit dem Hinweis, dafür sei die Schule zuständig. Schalten die Eltern die Schule ein, bekommen sie zur Antwort: Die gezielte Förderung von Jessica ist Aufgabe des Heimes. Dafür bekommt das Schloss Dilborn immerhin fast 6 000 Euro im Monat…

Und das Jugendamt aus Mönchengladbach? Nach dem Beschluss des Düsseldorfer Oberlandesgerichtes haben die Eltern um ein Gespräch gebeten. Darüber hätte sich die zuständige Mitarbeiterin eigentlich freuen müssen, denn immer wieder bemängelte sie die fehlende Bereitschaft von Sabine und Frank Müller zur Zusammenarbeit. Was aber schreibt diese Mitarbeiterin am 4. August 2008? Sie habe die Bitte zur Kenntnis genommen. Ansonsten verweise sie auf das gerichtliche Verfahren und auf das neue Gutachten.

Wieder fast zwei Monate vergangen

Der Beschluss des Düsseldorfer Oberlandesgerichtes ist übrigens schon wieder fast zwei Monate alt. Für Behördenmühlen ist das eine kurze Zeitspanne, für Eltern, die sich Sorgen um ihr Kind machen, nicht.

Die Stadt Mönchengladbach ist derweil auf trauriger Rekordjagd. 216 Kinder sind im vergangenen Jahr aus ihren Familien geholt worden, in der Nachbarstadt Krefeld waren es 31. Taglich gibt Mönchengladbach im Schnitt 123 Euro für Kinder aus, die in Heimen untergebracht sind, die Gesamtsumme liegt bei 14,8 Millionen Euro.

Krefeld hat knapp 240 000 Einwohnerinnen und Einwohner, Mönchengladbach 260 000. Ginge man davon aus, dass die Jugendämter der beiden Städte stets korrekt handeln, wenn sie Kinder aus Familien holen, lautet die spannende Frage: Warum sind in Mönchengladbach sieben Mal so viele Mütter und Väter erziehungsunfähig wie im Nachbarort?

Keine Gründe für Unterschied

Daran kann es nicht liegen: In Krefeld liegt die Arbeitslosenquote bei 10,9 Prozent, in Mönchengladbach bei 11,6 Prozent. Sozialer Abstieg als Grund für diesen auffälligen Unterschied bei Kindesentzug scheidet also aus. Liegt es etwa an der Alterspyramide? 16,8 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner von Krefeld sind zwischen 0 und 17 Jahre alt, in der Mönchengladbacher Statistik wird der Anteil der 0- bis 18-Jährigen mit 19,0 Prozent ausgewiesen. Der Anteil der bis 17-Jährigen dürfte also in beiden Städten gleich hoch sein. Fast gleich hoch ist er auch bei den Erwachsenen bis 65: 62,4 Prozent in Krefeld, 63,0 Prozent in Mönchengladbach.

Wo also liegen die Ursachen für das Kindesentzugsverhältnis von 216 zu 31? Ist der Fall Jessica Müller einer der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage?

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  1. Die Rheinische Post in Krefeld hat sich auch über die Unterschiede gewundert und den zuständigen Sozialdezernenten Dr. Roland Schneider dazu befragt.

    Hier das Interview – mit freundlicher Genehmigung der Rheinischen Post:

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    RP: Das Landesamt für Statistik meldet, in Krefeld seien im vergangenen Jahr 37 Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen worden. Das ist vergleichsweise wenig . . .

    Schneider: Das Land hat eine andere Zählweise als die Stadt. Im Jahr 2007 wurden in Krefeld 149 Mädchen und Jungen bei Kriseninterventionen in Obhut genommen. Gegenüber den Vorjahren steigt leider die Zahl der Notfall-Unterbringungen an.

    RP: Das hat bestimmt auch Auswirkungen auf Ihren Etat?

    Schneider: Im vergangenen Jahr haben wir sieben Millionen Euro mehr ausgegeben als kalkuliert. Ich will den Kämmerer nicht nervös machen, aber in diesem Jahr werden wir erneut ein Defizit im Millionenbereich bekommen.

    RP: Woran liegt die Zunahme?

    Schneider: Wir beobachten zunehmend, dass Eltern mit der Erziehung überfordert sind. Zugleich wird auch die Bevölkerung sensibler. Insbesondere seit dem Fall Kevin hat die Zahl der Meldungen drastisch zugenommen – so stark, dass unsere Mitarbeiter mittlerweile zum Teil überlastet sind.

    RP: Wie viele Mitarbeiter kümmern sich denn im Jugendamt um die Inobhutnahmen?

    Schneider: Sämtliche Bezirkssozialarbeiter. Das sind rund 40. Ab August bekommen wir vier zusätzliche Kräfte, werden dann ein „Team Kindeswohl Krefeld“ haben, das den Hinweisen aus der Bevölkerung sofort nachgehen und in einem Netzwerk, beispielsweise mit dem Gesundheitswesen, als Frühwarnsystem fungieren kann. Nach den Sommerferien werden wir unsere Abteilung Familie von einer externen Beratungsfirma untersuchen lassen, um dort die Abläufe noch weiter zu verbessern.