Gentrifizierung in Neukölln – „Es gibt weniger überraschendes als früher“

Gentrifizierung bezeichnet die Aufwertung eines “sozialen Brennpunktes” durch Zuzug einer nichtansässigen Schicht aus Studenten, Künstlern und Alternativen, welche durch eigene kulturpolitische und kommerzielle Aktivitäten (Gründung von Plattenlabels, Clubs, Szene-Kneipen) zunächst zu einer deutlichen Aufwertung des Stadtviertels und in deren Folge zu steigenden Immobilienpreisen und Mieten sowie dem Untergang oder starker

Unbenannt.JPGGentrifizierung bezeichnet die Aufwertung eines “sozialen Brennpunktes” durch Zuzug einer nichtansässigen Schicht aus Studenten, Künstlern und Alternativen, welche durch eigene kulturpolitische und kommerzielle Aktivitäten (Gründung von Plattenlabels, Clubs, Szene-Kneipen) zunächst zu einer deutlichen Aufwertung des Stadtviertels und in deren Folge zu steigenden Immobilienpreisen und Mieten sowie dem Untergang oder starker Modifikation der bisher heimischen Szene- und Kiezkultur beitragen. Im Berliner Bezirk Neukölln lässt sich dieser Prozess nicht nur durch stadtsoziologisch Interessierte seit einigen Jahren live beobachten.


Fragt man am Herrmannplatz in Berlin-Neukölln (die überwiegend nichts ursprünglich aus Deutschland stammenden) Anwohner, ob und inwiefern sie eine Gentrifizierung ihres Kiezes bemerken, so erhält man oft die typische Antwort, man wisse nicht was das sei. Gleichwohl liest man an Häuserwänden “Reichtum verblödet“, “Neukölln ist auch nicht mehr das, was es mal war” oder “44 bleibt Ghetto!” (gemeint ist der Berliner Bezirk 44). In einschlägigen Blogs findet man eher ablehnende Äußerungen (bis hin zum Aufruf von Kundgebungen unter Einsatz von Biomüll), die aber – wie ein Blogger feststellt – charakteristischerweise von genau den Leuten getätigt werden, die eigentlich die Ursache dieser Entwicklung sind – nämlich zugezogenen “Intellektuelle”.

“Ein Trödler der seit zwanzig Jahren hier war, hat vorige Woche dicht gemacht”

Die Folgen dieses Prozesses treffen demnach auch eher die alteingesessenen Anwohner (vorrangig Türken und arabisch stämmige Migranten in der zweiten bis vierten Generation). Während zugezogene Studenten und Künstler bzw. “vorbeischauende Interessierte” in den neu entstehenden Szenekneipen durchaus 2,50 Euro für ein Bier bezahlen können (und – sofern sie vom Prenzlauer Berg herkommen – gern mal gefragt werden, ob sie hier auf Abenteuerurlaub seien) verschwinden in der Folge des Gentrifizierungsprozesses unter anderem die für die große Gruppe der sozial Randständigen mit Migrationshintergrund so entscheidenden Billig- und Krempelläden, in denen beständig alle möglichen Lebensutensilien (Möbel, Fahrräder, Geschirr, Teppiche) eine Art Selbsthilfekreislauf bilden- und in denen üblicherweise durchaus Dinge auch einfach getauscht werden können. Ein alteingesessener Anwohner berichtet entsprechend: “Ein Trödler hier unten [in der Weserstraße, Anm. d. A] der hier seit zwanzig Jahren war, hat vorige Woche dicht gemacht. Er konnte die Miete für seinen Laden einfach nicht mehr bezahlen und hat seine Möbel am Ende einfach auf die Straße gestellt.” Auch bezüglich der Wohnungspreise gibt es eine Tendenz zur Mietsteigerung. Solche Faktoren beeinträchtigen fortschreitend das einzigartige Flair des Viertels, welches ein wenig an das Kreuzberg der siebziger und achtziger Jahre erinnert. “Es gibt weniger überraschendes als früher” so ein anderer Anwohner. Das Unvorhersehbare, das schmutzig-interessante einer ethnisch, kulturell und religiös pluralen Parallelwelt macht langsam aber sicher dem Berliner Szene-Mainstream Platz.

Kreuzberg und Prenzlauer Berg als Vorreiter

Subkulturelle Endpunkte analoger Gentrifizierungsverläufe lassen sich an anderen Berliner Stadtvierteln beobachten. So bildet die Kreuzberger Bergmannstraße – polemisch gesehen – eine Art Kette weitgehend gleich aussehender In-Kneipen, in denen gut gelaunte (und gut verdienende) “Alternative” neben fröhlichen Touristen ihren Prosecco schlürfen. In den zahlreichen Esoterikläden können Steine, Salzlampen und Tücher erworben werden, die man zusammen mit den ebenfalls erhältlichen, gepflegten Antiquitäten in gefällig renovierte Altbauwohnungen tragen kann. Kontrastiert werden derartige touristische Highlights durch eine gleichwohl gealtert wie ermattet wirkende Alternativen-Elite, die beispielsweise rund um den Heinrichsplatz durch den schlechtgelaunten Betrieb erfolgreicher Szeneläden (“Kreuzburger”) augenscheinlich beste BWL-Kenntnisse beweist. Auch “Prenzlberg”, nach der Wende Geheimtipp von Subkulturellen aller Couleur, ist nun eher Heimat der Biosupermärkte, Waldorf-Kitas und der Aufsteigerpaare, die sich zwar als alternativ verstehen wollen, aber gern in gesittetem und ruhigen Umfeld unter ihresgleichen frühstücken gehen.  Biologisch sauber, versteht sich.

Ansiedlung echter Stars als Gentrifizierungsmerkmal – nun auch in Neukölln?

Das Lebensgefühl in Prenzlberg wird für heimische Autogrammjäger noch gesteigert dadurch, dass einige echte Stars dort im gleichen Laden Bio-Limo kaufen wie man selbst. So soll neben dem Sänger einer deutschen Band, der nie Teil (geschweige denn Leader, nein,nein) einer Jugendbewegung sein wollte, auch ein bekannter deutscher Jung-Schauspieler dort durch die Straßen schleichen, für den die fetten Jahre karriertechnisch wohl gerade erst beginnen. Charakteristisch auf den Punkt bringt es das Zitat eines Anwohners: “Neulich hätte ich mit dem Fahrrad fast mal Thierse umgefahren”. Es sieht so aus, als ließe sich eine ähnliche Entwicklung als Kennzeichen jeder ordentlichen Gentrifizierung bald auch für Neukölln erwarten. Schließlich hat sich bereits ein deutscher Star laut “Berliner Zeitung”. unlängst wieder im Umfeld des “Kotti” (Kottbusser Tor) angesiedelt. Es handelt sich um die wohl berühmteste Heroinabhängige der Republik,  Christiane F. (“Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”).

Schreckgespinst oder Schreckgespenst der Gentrifizierung?

Gentrifizierung als stadtsoziologischer Prozess ist in einer lebendigen Stadt wohl unvermeidbar und im Grunde auch begrüßenswert. Schließlich wirkt sie ihrem Gegenteil – der Ghettoisierung – entgegen und sorgt letztlich durch stadtbauliche Umbaumaßnahmen (Bebauung öffentlicher Brachen, Ausbau von Spielplätzen und Parkanlagen, Verschönerung bzw. zumindest Reparatur defekter Straßen) und private Investitionen (Instandsetzung von Gebäuden) für eine allgemeine Steigerung des Lebensgefühls, von der auch untere Schichten profitieren. Ob sich das einzigartige Flair einer gewachsenen Kiezkultur wenigstens in Grundzügen erhalten kann, wird vor allem von den Mietpreisen für Wohnungen und einer entsprechenden Stadtteilpolitik abhängen, der es darum gehen sollte, das Gewachsene, das Eigene eines Stadtviertels wertschätzend zu würdigen.

Bildquelle: Eigenes Foto (mb)

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Pingback: in den medien « das reuterkiez-blog