“Immer noch Sekte? – Vom schwierigen Reformprozess in der Neuapostolischen Kirche”, hat sich Dr. Christian Ruch im August-Heft der “Herder-Korrespondenz” mit einem Thema beschäftigt, das er als “spannend” einstuft. Veröffentlicht wurde dieser Beitrag am 4. August 2008 auch auf der Internetseite der katholischen Arbeitsgruppe “Neue religiöse Bewegungen” der schweizerischen Bischofskonferenz und am 16. August 2008 auf naktuell.
Als Gründe für die Beschäftigung mit diesem Thema nennt Ruch die zahlenmäßige Bedeutung dieser Glaubensgemeinschaft und das große Interesse an Informationen. In diesem Zusammenhang stellt er fest: “Zumindest ist die NAK ihr Sektenimage leid – überall auf der Welt werde sie als Kirche wahrgenommen, nur nicht in Europa, klagte ´Stammapostel´ Richard Fehr anlässlich der Pressekonferenz zur Amtsübergabe an Nachfolger Leber.”
Angestrebt werde offenbar ein Gaststatus in der “Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen”, möglicherweise auch ein eigener Auftritt bei evangelischen Kirchentagen auf dem “Markt der Möglichkeiten”. Für diese Ziele sei bereits einiges getan worden, wie das Rütteln an “rigiden Strukturen”, die in der Vergangenheit dazu geführt hätten, dass “selbst vor einer Kontrolle des Privatlebens ihrer Mitglieder” nicht “zurückgeschreckt2 worden sei. Unangemeldete Hausbesuche von Amtsträgern gebe es inzwischen nicht mehr.
Gutes Zeugnis ausgestellt
Auch sonst sei der Neuapostolischen Kirche (NAK) mehrfach “ein gutes Zeugnis” ausgestellt worden. Andererseits wisse die NAK-Führung aber auch, dass sie nichts überstürzen dürfe, weil ein zu schneller Reformprozess viele Mitglieder überfordern könne. Wie schnell es gehen darf, weiß der Autor aber nach eigenem Bekunden auch nicht.
Knackpunkte bleiben nach seiner Auffassung: Die Behauptung des dritten NAK-Kirchenpräsidenten Johann Gottfried Bischoff, er werde nicht sterben, und der Exklusivitätsanspruch der Glaubensgemeinschaft.
Das Zweite klingt ein wenig putzig aus der Feder eines Mitglieds der katholischen Arbeitsgruppe “Neue religiöse Bewegungen”, schließlich hat sich der Papst im vergangenen Jahr mit dem Hinweis in den Urlaub verabschiedet, dass die evangelische Kirche allenfalls eine “Religionsgemeinschaft” sei.
Mehr wird aus der NAK aus gegenwärtiger katholischer Sicht doch auch nicht, und die Verwendung des Begriffs “Sekte” hat in der Vergangenheit immer nur dazu geführt, dass Denkblockaden einsetzten.
Nicht mehr “einzig wahre Kirche”?
Die entscheidende Frage lautet schlicht – aber nicht ganz so einfach: Kann die Neuapostolische Kirche mehr als oberflächlich reformiert werden, kann sie ihren Anspruch aufgeben, die “einzig wahre Kirche” zu sein?
Die inzwischen erfolgte Anerkennung der evangelischen und der katholischen Taufe ist jedenfalls kein allzu großer Sprung gewesen. Schließlich bleiben die Sakramente der beiden großen christlichen Kirchen nach NAK-Auffassung unzulänglich, weil die Taufe mit dem Heiligen Geist fehlt – und die kann nur ein NAK-Apostel vornehmen.
Verkannt wird von evangelischen und katholischen Theologen zudem weiterhin, dass sich die Neuapostolische Kirche schon immer anderer Werkzeuge für die Sicherung des Fortbestandes bedient hat als beispielsweise die Zeugen Jehovas, die viel härter reagieren, wenn ein einfaches Mitglied über die Stränge schlägt. In der NAK setzt man eher auf die Erzeugung eines schlechten Gewissens.
Einfache Antworten wichtig
Einige Veränderungen sind da schon möglich – grundsätzliche aber nicht. Denn die größte Anziehungskraft auf Menschen, die einfache Antworten suchen, bezieht die Neuapostolische Kirche aus der Behauptung, da vorne stehe immer jemand, der genau weiß, was gut und was nicht gut ist. Nichts deutet darauf hin, dass die Neuapostolische Kirche die Erwartungen erfüllen könnte, die von katholischer oder evangelischer Seite offenbar gehegt werden.
So sagte der derzeitige NAK-Kirchenpräsident Wilhelm Leber am 3. Februar 2008 in Indien: “Mein Wunsch ist, dass wir uns immer mehr in den Gemeinden betätigen. Wir sollen mutiger unseren Glauben bekennen.” Würde dieser Kirchenpräsident in absehbarer Zeit erklären, dass wichtige Dinge, die man bisher geglaubt habe, nicht mehr gelten, würden ihm die Mitglieder in Scharen weglaufen. Zurück blieben nur noch die, denen man in der Tat jede Veränderung zumuten kann. Darum wird in der Neuapostolischen Kirche weiter gelten: “Eines Tages haben wir den Wunsch geäußert, zum Volk Gottes gezählt zu werden. Wir wollten der Gemeinde angehören, in der sich Gott durch seine Apostel offenbart. Warum haben wir das getan? Weil wir auf das Ende, weil wir auf den Lohn blickten.” (“Unsere Familie – Die Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche”, 5. April 2008)
Das Wichtigste ist also: der Lohn… Der hat rein irdisch betrachtet bei Lebers Vorgänger sechsstellige Jahres-Höhen erreicht. Dennoch kann der jetzige NAK-Kirchenpräsident in Indien sagen: “Jeden Tag müssen wir deutlich machen, dass wir zum Volk Gottes gehören, dass es nicht unser Lebensziel ist, Reichtümer anzuhäufen und ein angenehmes Leben zu führen.”
Schon interessant, wie sich eine alte Sekte in ein neues Licht rücken will. Ich weiß nicht, es bleiben bei mir einfach vorbehalte, ob dass auch nicht wieder nur eine Art des neuen Seelenfangs sein soll oder einfach die Einsicht, dass man am Ende doch nicht besser als die anderen ist… Immerhin muss man zugeben, dass die NAK diverse Fehler eingesehen hat und diese auch öffentlich zugibt- etwas, dass bei anderen Sekten wie ZJ und Scientology undenkbar wäre und wohl immer bleiben wird… man stelle sich das nur einmal vor: Eine Reform bei den Zeugen Jehovas!