Im zentralgeorgischen Gori, der Geburtsstadt Stalins, ist nichts mehr wie es vorher einmal war. Boris Reitschuster, Leiter des Moskauer Büros des “Focus”, kehrte soeben von einer Fahrt dorthin zurück. Im Interview spricht er über seine Eindrücke aus dem Kriegsgebiet, über die Schwäche des Westens und über bislang ungenutzte zivile Druckmittel gegenüber Russland. Trotz Ankündigung Russlands gebe es bislang “kein Anzeichen für einen Rückzug”.
RE: Sie kommen direkt aus der Stadt Gori in Zentralgeorgien. Wie war Ihr Eindruck direkt vor Ort des Geschehens, welches Bild bot sich Ihnen dort dar?Â
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Reitschuster: Gori wirkt wie eine Geisterstadt, es sind nur wenige Menschen zu sehen, kaum Autos, nachts herrscht unheimliche Stille. Bei der Ausgabe von Hilfsgütern kam es zu tumultartigen Szenen. Im Stadtteil “Kombinat” gelingt es den Behörden nicht, die Leichen unter einem zerbombten Haus zu bergen, weil die russischen Truppen keine Bergungsgeräte durchlassen. Es stinkt dort schrecklich nach Leichen. Insgesamt gibt es in der Stadt nur wenig Zerstörung. Die Bewohner berichten, dass sich die russischen Soldaten korrekt vorhalten. Ich sah selbst, wie sie aus einer georgischen Kaserne Matratzen und Melonen ausräumten, aber auch der Zivilbevölkerung erlaubten, sich dort Lebensmittel zu holen.
RE: Momentan ist vom Abzug der russischen Truppen die Rede, zu sehen ist jedoch davon bislang nichts. Alles nur Propaganda, um den Westen milde zu stimmen – muss man das annehmen?
Reitschuster: Der Verdacht liegt nahe. Am Sonntag sah ich mit eigenen Augen eine große Kolonne von Militärfahrzeugen, die nach Gori einrückten. Die Soldaten sagten, sie kommen aus Zchinwali – also von Nord nach Süd und nicht umgekehrt, wie es bei einem Rückzug sein sollte. Heute riegelten die Russen Gori ab, ließen keine Journalisten mehr in die Stadt. Auch das macht skeptisch. Eine Bekannte berichtete mir heute am Telefon, die Soldaten hätten Zelte aufgeschlagen – auch das kein Anzeichen für einen Rückzug.
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“Die Haltung des Westens wirkt wie eine kalte Kapitulation.”
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RE: Hat Russland sein Ziel erreicht damit, dass der Westen sich wieder vor ihm fürchtet? Wie groß ist die Gefahr eines neuen Kalten Krieges (siehe hierzu auch Interview mit Dr. Halbach)?
Reitschuster: Putin setzt seit jeher auf Stärke. Ich denke, Moskau demütigt Georgien absichtlich, auch als Zeichen an die anderen früheren Sowjetrepubliken. Nach dem Motto: “Seht her was Euch droht, wenn Ihr Euch aus dem Fenster lehnt und von uns abwendet”. Gedemütigt wird auch der Westen, denn außer schönen Worten können die USA für ihren Verbündeten Georgien kaum etwas tun. Moskau ist längst in die Rhetorik und das Denken des kalten Krieges zurückgefallen. Die Haltung des Westens wirkt bislang eher, etwas überspitzt ausgedrückt, wie eine kalte Kapitulation. Nach dem Motto: Außer Worten nichts gewesen.
RE: Vielfach wurde kritisiert, die Europäische Union und die USA hätten Georgien im Stich gelassen. Doch wäre es nicht fatal gewesen für die gesamte Weltlage, die USA etwa wären Russland in Unterstützung Georgiens gegenüber getreten? Dass Russland keine militärische Konfrontation scheut, davon muss man ja leider ausgehen…
Reitschuster: Gott bewahre uns vor militärischen Reaktionen. Aber es hätte sehr zivile Druckmittel gegeben. Die Olympiade 2012 in Sotschi, ganz nahe an der Krisenregion, ist eines der Lieblingsprojekte Putins. Da hätte man ansetzen können. Oder, wie die Opposition in London vorschlug, bei den Visa für hochrangige russische Politiker und Beamten. Die meisten setzen im Inland auf Parolen des kalten Kriegs, aber wollen ungern auf westlichen Luxus und Reisen verzichten, viele haben ihren Zweitwohnsitz in London oder an der Cote d´ Azur. Aber offenbar hat man im Westen selbst vor solchen Schritten Angst. In Moskau wird das als Signal der Schwäche gedeutet.
RE: Nach den Ereignissen im Kaukasus melden sich vermehrt Stimmen, die bereits davor warnen, dass Russland auch in den übrigen postsowjetischen Staaten wieder imperiale Gebietsansprüche geltend machen wird, notfalls auch mit militärischem Druck. Ist diese Sorge, die ja real das westliche Denken beherrscht, denn berechtigt?
Reitschuster: Bis vor anderthalb Wochen wurde man mit Stirnrunzeln betrachtet, wenn man von einer Kriegsgefahr in Georgien sprach. Jetzt hat die Realität selbst die Pessimisten überholt. Wenn der Westen den Einmarsch in Georgien schluckt, besteht die Gefahr, dass Moskau das geradezu als Einladung zur Intervention in anderen Ländern auffasst. Wehret den Anfängen, heißt es. Denn wenn heute der Einmarsch in Georgien durchgeht, warum sollten die Falken im Kreml dann nicht morgen mit einer Militäraktion etwa zur Unterstützung der ukrainischen Minderheit auf der ukrainischen Krim liebäugeln? Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber hundertprozentig ausschließen würde ich weitere Eskalationsschritte nicht.
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“Medwedew strampelt nur, bestimmt aber nicht die Richtung.”
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RE: Wenn man die Vorgänge im Kaukasus betrachtet, fällt auf, dass noch immer Putin die Geschicke zu lenken scheint. Von Medwedew hat man den Eindruck, dass er die Geschehnisse zwar billigend und willfährig laufen lässt, aber selbst nicht wirklich eingreift. Ist dieser Eindruck richtig bzw. wie sehen Sie Medwedews Rolle in diesem Konflikt?
Reitschuster: In der Tat hat man bei Medwedew zuweilen sogar den Eindruck, als sei er unglücklich mit seiner momentanen Rolle als oberster Kriegsherr. Anders als Putin wirkt er ja durch und durch als Zivilist. In dem Konflikt wurde deutlich, dass ganz offensichtlich Putin in dem Führungstandem im Kreml am Lenker sitzt, und Medwedew im Moment nur strampelt, aber nicht die Richtung bestimmt.
RE: Wie also soll die Europäische Union, die ja im Moment etwas hilflos und zerstritten in dieser Frage dasteht, auf diese Machtdemonstration Russlands antworten? Wie sähen denn realistische Sanktionen aus – wäre denn der bereits im Diskussionsraum schwebende G8-Ausschluß Russlands und damit seine Isolierung wirklich eine Lösung?
Reitschuster: Die Olympiade in Sotschi, Visa-Restriktionen für hochrangige Russen – nicht für die Normalbürger, Untersuchung von verdächtigen Auslandskonten, die mit der Kreml-Führung in Verbindung gebracht werden – das wäre eine Sprache, die in Moskau verstanden wird. Wenn die EU wie bisher mit zwei verschiedenen Stimmen spricht, wird sie in Russland nicht ernst genommen. Wenn sie es durchgehen lässt, dass Moskau die von ihr vermittelten Abkommen nicht einhält und seine Truppen abzieht, macht sich die EU lächerlich. Sie muss jetzt konsequent sein und zusammen halten. Dafür gibt es Gott sei Dank erste Anzeichen – etwa, wenn die Bundesregierung jetzt erklärte, der Einmarsch sei eine Zäsur im Verhältnis zu Moskau.
RE: Herr Reitschuster, ich danke Ihnen für die Beantwortung meiner Fragen.
Interview: Felix Kubach
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Boris Reitschuster (36), deutscher Journalist und Buchautor, ist Leiter des Moskauer Büros des “Focus” (Website: www.reitschuster.de). Seine Impressionen aus Gori hat er in zwei Reportagen zusammengefasst. Weiterlesen hier:
Abendliche Treffen in Stalins Schatten
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„Nie wieder Krieg“
Als in der Nachkriegszeit geborener Bürger Westdeutschlands stand dieser Satz im Focus allen menschlichen und politischen Denkens. Durch die Teilung Deutschlands, die uns ständig an den 2. Weltkrieg erinnerten, wurden wir zu JEDER Zeit daran erinnert, dass JEGLICHES kriegstreiberisches Gedankengut von deutschem Boden aus NIE WIEDER auszugehen hat.
Ich bin mir sehr sicher, dass dieses GRUNDPRINZIP weiterhin in unserer Öffentlichkeit auch noch so vorhanden ist.
UNS ist heute noch bewusst wie schwer wir uns mit Auslandeinsätzen unserer Bundeswehr gemacht haben. Da gab es Einsätze in Afrika und im Kosowo. Durch die Vergangenheit geprägt, sind unsere Soldaten nicht als Besatzer sondern als Frieden schaffende Menschen aufgetreten.
In diesem Geist arbeiten sie auch heute noch im Norden Afganistans, trotz unendlich vieler Aufrufe unserer „Freunde“ sich auch an Kriegshandlungen im Süden zu beteiligen. Dies würde bedeuten, dass deutsche Soldaten zu Menschenrechts verletzenden Handlungen gezwungen werden würden.
Dies hätte zur Folge, dass wir 60 Jahre nach diesem brutalen Morden, das von deutschem Boden ausgegangen ist, die gleiche Stufe des ehemaligen Gewaltpotentials wieder erreicht wäre.
Wollen WIR das wirklich???
Muss so eine Politik nicht UNVERZüGLICH gestoppt werden???
Was muss noch passieren bis WIR uns wirklich bewegen???
Tatsache ist, dass unsere „Bretto“ Merkel von Bush den Europa Thron von Tony Blair verliehen wurde. Sie steckt nun mal drin, in dem Sumpf der amerikanischen Kriegstreiberei auf der ganzen Welt, weil sie sich und somit UNS verkauft hat. Sie hat sich hinein ziehen lassen und legitimiert somit all die Kriegsverbrechen, die durch kein einziges internationales Recht gestützt sind. Und, sie rechtfertigt somit den Irak-Krieg mit all seinen Folgen wie Abu Ghraib und Gunantanamo.
Wollen WIR das wirklich???
Muss so eine Politik nicht UNVERZüGLICH gestoppt werden???
Was muss noch passieren bis WIR uns wirklich bewegen???
Wir brauchen wieder Verantwortliche, die uns GARANTIEREN, dass von UNS nie wieder ein kriegstreiberisches Gedankengut sowie damit verbundene Handlungen ausgehen.
WIR BETEILIGEN UNS NICHT AN KRIEGEN !!!!!!!!!!!!!!
Haben wir schon vergessen, dass wir schon seit über 60 Jahre in Europa in Frieden leben???
WIR wollen ein friedfertiges EUROPA, das, wenn nötig, höchstens eine Vermittlerrolle zwischen den Superstaaten USA und Russland übernehmen sollte. Deshalb sollten wir uns loslösen von unseren Fesseln, ganz nach dem Muster des alten französischen Denkens.
WIR müssen deshalb unseren so grandios begonnenen und fortgeschrittenen europäischen Weg unbedingt weitergehen. Denn nur so ist ein weiterer Friede möglich, für UNS und unsere Nachkommen.