“Es ist nicht immer das drin, was drauf steht”, so oder auch ganz ähnlich könnte die Kritik an Onlinetexten und -quellen zusammengefasst werden. Seit dem “Boom” des Webzeitalters in den 90ern entwickelten sich immer mehr Formen individueller Ausdrucksmöglichkeiten, die heute aus dem Web nicht mehr wegzudenken sind: Hierzu gehören persönliche und geschäftliche Webseiten sowie Weblogs, das sind Onlinetagebücher von zumeist Privatpersonen, aber auch Geschäftsleuten und Firmen. In den letzten Jahren konnten sich vor allem Letztere und deren abgespeckte Variante der Microblogs an Beliebtheit und Zuwachs erfreuen. Mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke wie Facebook oder Myspace kommen weitere Plattformen, neue Kommunikationsmöglichkeiten und Informationsquellen hinzu.
Auch die klassischen Medien bedienen sich seit ein paar Jahren immer mehr dieser neuen Techniken. Die BBC zum Beispiel versucht schon seit 2006 Blogger auszubilden und in das eigene Unternehmen einzugliedern. Andererseits erlauben die Neuen Medien selbst dem unerfahrenen Laien sich als so genannter Bürgerjournalist zu betätigen. Eigens erstellte Onlinezeitungen, sei es innerhalb eines Medienunternehmens oder außerhalb derer durch die Initiative von Privatpersonen, stellen dabei die für den Nutzer kostenlose Infrastruktur bereit, während der Bürger selbst ganz bequem vom Schreibtisch oder von unterwegs aus seine Beiträge, Berichte, Reportagen oder Video- und Fotomaterialien einspeisen kann.
Blogs und Bürgerjournalismusplattformen bieten dem Adressaten, interessierten Leser und Zuschauer allerdings auch neue Möglichkeiten sich außerhalb der klassischen Medien kostenlos und vielseitig über Themen zu informieren und dies – wenn auch nicht immer objektiv – in einer zumeist authentischen Weise. Genau hier scheint aber auch die Kritik vor allem aus der Richtung der klassischen Medien anzusetzen: Für sie scheint der Bürgerjournalismus nicht objektiv genug zu arbeiten, er sei Sammelbecken für Schreibtischtäter und Hobbyjournalisten und würde dadurch die wichtigsten journalistischen Eigenschaften vernachlässigen. Wie ernst, seriös und kritiklos könnten daraus folgend Beiträge von Bloggern und Bürgerjournalisten verwertet werden?
Inwieweit haben ihre Beiträge objektiven journalistischen Charakter, wenn diese des Öfteren nur den Zweck erfüllen eine subjektive Sichtweise von Geschehnissen oder sogar eine versteckte missionarische Botschaft zu vermitteln? Andererseits, inwiefern können populistische Boulevardzeitschriften, Zeitungen und Fernsehsender dem Anspruch journalistischer Objektivität noch gerecht werden, wenn in den meisten Fällen der wirtschaftliche Aspekt und das Gewinnstreben des Medienunternehmens immer mehr in den Vordergrund rückt, dabei aber die journalistisch qualitative Berichterstattung immer mehr an Gewicht verliert?
Umgang mit Quellen im digitalen Zeitalter
Es ist nicht zu verkennen, dass das digitale Zeitalter viele Prozesse der Informationsbeschaffung vereinfacht hat. Nur einen Mausklick entfernt eröffnen sich für den User ganz neue Welten, Eindrücke und Wissenspools. Allerdings fordert die Informationsflut Bürger und Journalisten auf gleiche Weise heraus mit dem Gesammelten und Neuentdeckten gewissenhaft, gründlich und vor allem kritisch umzugehen. Dabei liefert uns das Internet nicht nur eine Vielzahl an Informationen, sondern auch viel Unbrauchbares, nicht zu letzt aber auch Propaganda und PR. Vor allem bei schwer überprüfbaren Mitteilungen, ob als Text, Bild oder Video, heißt es deshalb: aufgepasst! Die kritische Hinterfragung und die gründliche Nachforschung von Beiträgen und Nachrichten ist trotz der immer weiter anwachsenden Flut an Daten, Zahlen und Fakten unausweichliches Mittel wissenschaftlicher sowie journalistischer Tätigkeit. Doch trotz der schon angesprochenen überangebots an digitalen Informationen und Vorteilen kann die massive Informationsflut an Bildern, Texten, Filmen und Sinneseindrücken teilweise genau ins Gegenteil geraten: Die gesunde Sensibilität und Kritikfähigkeit des Einzelnen stumpft immer mehr ab und wird zu Gunsten einer kritiklosen Aufnahme von Informationen aufgegeben. Falschmeldungen, Zahlenspielereien und bewusst gestreute Propaganda und PR werden nun weder hinterfragt noch überprüft, sondern zum selbstverständlichen Teil des individuellen Glaubens- und Weltbilds gemacht. Das überangebot wird so schnell zum Unterangebot, zum Bildungs- und Informationskiller.
Vor allem Fälschungen, PR und moderne Propaganda via Internet scheinen Hauptfaktoren von Falschmeldungen und in den letzten Jahren immer wieder aufgetauchter Skandale in der Presselandschaft zu sein. Vor allem historische Artefakte und überpleibsel, sowie Kriegsberichte scheinen hierfür besonders anfällig zu sein. Die Webseite Zombietime.com hat auf Basis des letzten Libanonkriegs zwischen Israel und der Hisbollah Bildfälschungen untersucht, die während des Krieges in der internationalen Presse ihren unbemerkten Umlauf fanden. Dabei unterscheidet die Webseite vier verschiedene Kategorien von Fälschungen:
- Digital verfälschte Bilder, die im Nachhinein mit einem Bildbearbeitungsprogramm o.ä. bearbeitet wurden.
- Bilder, die durch bestimmte Gruppierungen gestellt wurden und im Nachhinein als authentisch und spontane Ereignisse präsentiert werden.
- Bilder, die durch den Photographen selbst gestellt wurden, in dem bewegliche Gegenstände und Szenen so ins rechte Licht gerückt werden, dass sie realitätsnah und natürlich wirken.
- falsche oder missverständliche Bildbeschreibungen, die den Anschein erwecken sollen, dass ein Bild trotz unterschiedlichem Ursprungsort und Ursprungskontext an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext entstanden ist.
Besonders heiß schien es in diesem Jahr vor allem bei der Nachrichtenagentur Reuters zu gegangen zu sein, die durch einen brisant gewordenen Bildskandal während des Libanonkriegs in die Kritik geraten ist. Dreh- und Angelpunkt des Skandals waren dabei von der Hisbollah selbst geschossene bzw gestellte Bilder, die Reuters kritiklos und teilweise mit falschen Untertiteln veröffentlichen liess. Erst aufmerksame Blogger konnten einen auffällig häufig auffallenden Mann als Mitarbeiter des islamistischen Hisbollah entlarven – der so genannter “Greened helmet man”. Aufgenommen wurden die Bilder von dem Reuters-Fotografen Adnan Hajj, der seit Jahren für Reuters arbeitete und von den gleichen Bloggern als Fälscher entlarvt wurde. Die inszenierten Bilder und Videos der islamistischen Hisbollah wurden sofort aus dem Sortiment und dem Onlineangebot der Nachrichtenorganisation entfernt. Doch die Wirkung der Gleichen scheint bis heute in vielen Köpfen noch zu haften. Noch immer scheinen einige am Aberglauben und den Märchen der Hisbollah festzuhalten, die das Bild der Organisation vom faktischen Agressor hin in eine durch die Medien indirekt unterstützte Opferrolle gestuft hat. israel wiederum wurde dank der Fälschungen der Stempel des Agressors aufgesteckt, in dem u.a. israelische Flugzeuge, Bomben und Rauchwolken digital vervielfacht, um das Ausmaß israelischer Militäraktionen medial zu verschlimmern. Scheinbar hatten die Fälschungen mehr Eindruck bei den Menschen hinterlassen, als der aufgedeckte Fälscherskandal selbst. Der erst vor Kurzem aufgedeckte Skandal einer von der AFP veröffentlichten digital überarbeiteten Aufnahme eines iranischen Waffentests zeigt das gleiche Muster medialer und bürgerlicher Kritiklosigkeit: Dass durch die Nachrichtenagentur veröffentlichte Bild zeigt, wie vier Raketen erfolgreich in den Himmel abgeschossen werden. Allerdings zeigt eine Nachuntersuchung des Bildes, dass eine Rakete digital hinzugefügt wurde. Unbewusst wurde wiederum eine Nachrichtenagentur missbraucht, um die eigene politische Botschaft in die Welt streuen, im Fall des Irans das Image des starken unfehlbaren Staates.
Gleichermaßen können auch Texte und Zahlen manipulativ eingesetzt werden. Eines der größten Skandale in der deutschen Geschichte in diesem Bereich waren die vom Stern 1983 herausgegebenen Hitler-Tagebücher. Zur damaligen Zeit musste sich der Stern die Kritik gefallen lassen, trotz ungenügender wissenschaftlicher Quellenuntersuchung, die vom Fälscher Konrad Kujau angefertigten Schriften voreilig der Öffentlichkeit präsentiert und in Teilen schon abgedruckt zu haben. Auch hier fehlte wiederum die gesunde Kritik des Journalisten, in diesem Fall des Stern-Reporters Gerd Heidemann, die Quellen nochmals grundsätzlich zu hinterfragen und untersuchen zu lassen. Großen Ärger und die temporäre Auflagenflaute des Magazins hätte sicher verhindert werden können, hätten die entsprechenden Personen statt der eigenen Sensationslust sich kritischer mit den Quellen auseinandergesetzt. Ein nicht zu vergessener Mackelpunkt ist der Einsatz von Zahlen. Laut dem Handbuch des Journalismus bilden Zahlen den Hauptfehlerpunkt journalistischer Arbeit, wobei laut Autor sogar die Grundrechenarten einzelner Journalisten versagen mögen. Noch schlimmer wird es aber dann, wenn durch Zahlen bestimmte Ereignisse verfälscht werden sollen. Hier sind Kriegsberichte wiederum ein gutes Beispiel. Oft werden Zahlen von der gegnerischen Seite benutzt, um zum Beispiel Opferzahlen künstlich höher oder niedriger zu stellen, um einerseits den Gegner als Agressor darzustellen oder um andererseits die eigene Statistik zu verschönern.
Jeder ist zu großer Aufmerksamkeit und Kritik aufgerufen
Es ist also festzuhalten, dass das digitale Zeitalter neben Vorteilen auch Gefahren birgt, was zum Beispiel in der Hohen Quote an Propaganda, PR und Fälschungen im Netz und auch in den Medien auszumachen ist. Mit Hilfe digitaler Technik kann so mit Leichtigkeit dem Betrachter ein anderes Ereignis vorgetäuscht und so auch unbewusst Politik betrieben werden. Objektivität wird so immer mehr zu einer Illusion. Es ist also jeder Einzelne gefragt sich kritisch mit Texten, Bildern und anderen medialen Quellen zu befassen. Dies gilt sowohl für Blogger, als auch für Journalisten, wenn diese seriös und gründlich arbeiten möchte.
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