Alltägliche Betrachtungen: von Theater am Amtsgericht Hannover

“In einer Nervenklinik am Rande der Stadt bemüht sich die Psychiaterin Dr. Dysart, das Geheimnis des 17-jährigen Alan der Finsternis zu entreißen.” So beginnt eine Pressemitteilung, die heute vom hannoverschen Amtsgericht verschickt worden ist. Angekündigt wird so aber nicht ein Verhandlungstermin zu einer spannenden juristischen Angelegenheit, sondern ein Theaterstück. Die

“In einer Nervenklinik am Rande der Stadt bemüht sich die Psychiaterin Dr. Dysart, das Geheimnis des 17-jährigen Alan der Finsternis zu entreißen.” So beginnt eine Pressemitteilung, die heute vom hannoverschen Amtsgericht verschickt worden ist. Angekündigt wird so aber nicht ein Verhandlungstermin zu einer spannenden juristischen Angelegenheit, sondern ein Theaterstück.

Die überschrift lautet “Theater am Amtsgericht” – womit also auch nicht auf das Verhalten eines Beklagten angespielt wird, der nach einem Prozess das Geheimnis einer Urteilsbegründung der Finsternis des Gerichtssaales entreißen möchte.

Zur Wahrheitsfindung

Der Wahrheitsfindung dient möglicherweise der zweite Satz der Pressemitteilung, er lautet: “Im Zwiegespräch zwischen Ärztin und Patient entfaltet der Junge in Rückblicken seine Vergangenheit – die religiöse Mutter, der prüde Vater, eine erste Liebe.”

Dieser Satz bringt uns leider kaum weiter, eins aber scheint sicher zu sein: Richter spielen in diesem Stück keine Rolle, obwohl die gelegentlich an der Aktenlage vorbei eine eigene Vorstellung entfalten.

Da die Hoffnung zuletzt stirbt, nehmen wir uns die nächsten Sätze vor: “Hinter der bürgerlichen Fassade seines Umfeldes beginnt sich der pubertierende Alan von der Realität zu entfremden und sich in archaischen, triebhaften Traumwelten zu verfangen.” Schon wird man den Verdacht nicht los: Das hat der Pressesprecher des Amtsgerichtes aus irgendeiner Urteilsbegründung abgeschrieben. Man versteht kein Wort.

Weiter im Text: 2Pferde werden seine Leidenschaft.” Seit die inzwischen sogar bei Olympischen Spielen gedopt werden, kann uns die Psychiaterin nur noch leid tun, und zwar zu Recht, was wiederum zu einem Amtsgericht passen sollte: “Dr. Dysart, die den Vorhang der Vergangenheit beiseite schiebt, stößt an ihre Grenze.” So ist das eben mit Vorhängen, irgendwann sind sie offen, offener geht nicht mehr.

Wesen wird endlich verstanden

Endlich aber neigt sich auch diese Pressemitteilung dem Ende zu, wie sich Richter Beklagten gegenüber besonders geneigt zeigen, wenn ein Prozess an einem Freitag stattfindet: “Ganz allmählich versteht sie (nicht die Justiz, die Psychiaterin) sein Wesen. Allmählich dechiffriert sie die Umstände, die Alan zu ihr führten.”

Das klingt juristisch gesehen nach Vertagung, doch der letzte Satz lässt nur den Schluss zu: Das Amtgericht ist gar nicht zuständig, sondern eine Strafkammer. Dieser letzte Satz heißt: “Nach seiner schockierenden, verstörenden Tat…”

Wie dem auch sei: Aufgeführt wird dieses Theaterstück am 30. August im Foyer des hannoverschen Amtsgerichtes. Der Vorhang öffnet sich um 20 Uhr. Mit Verurteilungen der Schauspielerinnen und Schauspieler wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ist also vor 21.30 Uhr nicht zu rechnen.

Vor deutschen Gerichten gibt es zwar eigentlich immer noch irgendwelche Rechtsmittel, dagegen aber nicht: Die Eintrittskarten kosten zehn Euro, die Bestellhotline lautet 0511/347 22 86.

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