Endlich Schluss mit Schmarotzertum! So unterstützen Sie die geheime Sozial-Polizei (Satire)

Erfreulicherweise hat das Privatfernsehen (hier: Sat1) seine wichtige Rolle zur Pflege guten deutschen Brauchtums (Denunziation, Verfolgung, Fertigmachen von so Gesocks und so) wieder einmal mehr ernst genommen und begleitet von nun an jeden Mittwoch Abend die Geheime Sozialpolizei (im Folgenden kurz: GeSozPo) in einem investigativen Akt des Neojournalismus bei ihrer

DSCN039111.jpgErfreulicherweise hat das Privatfernsehen (hier: Sat1) seine wichtige Rolle zur Pflege guten deutschen Brauchtums (Denunziation, Verfolgung, Fertigmachen von so Gesocks und so) wieder einmal mehr ernst genommen und begleitet von nun an jeden Mittwoch Abend die Geheime Sozialpolizei (im Folgenden kurz: GeSozPo) in einem investigativen Akt des Neojournalismus bei ihrer schweren aber fairen Arbeit. Hauptziel: actionlastig und quotenträchtig dokumentierte Abschaffung des Schmarotzertums als kleinsten Schritt gegen die Verschwendung von Steuergeldern (aus der Militärtaktik entlehnte Strategie des „Krümelaufklaubens“). Wünschenswert wäre gleichwohl eine Aufstockung sowohl der journalistischen als auch der GeSozPo-Ermittlungsbefugnisse.

Achtung: Sympathieträger on the Road

Mit den furchtlosen Mitarbeitern Helge Hofmeister (49) und Helena Fürst (34), Mitarbeiter des Sozialamtes Kreis Offenbach (sprich: „Ohffebach“; korrekte Berufsbezeichnung: „Sozialfahnder“) wurden mit sicherer Hand zwei sympathische und verständnisvolle Sympathieträger ausgewählt, die neben detektivischem Spürsinn (Columbo, Monk) rhetorischen Deeskalationsstrategien (Die Super-Nanny) und fundierten Kenntnissen in angewandtem Humanismus (Dr. House) offenbar auch mehre Fremdsprachen korrekt beherrschen. Großartig somit die Szene, wie  Helena Fürst sich unter sowohl  rechtskompetenter wie beherrschter Androhung einer Strafanzeige gegen die völlig unangemessene (mutmaßlich türkischsprachige) Beleidigung einer Verdächtigen (Pardon: Kundin) zur Wehr setzt.  Das vorherige Undercover-Ausspitzeln und dann der SWAT-kongeniale überraschungszugriff (inklusive professionellem Polizei-Equipment wie schnittfesten Handschuhen) – einfach herrlich. Und so gerechtfertigt! Es handelte sich schließlich um den wahrscheinlich größten Fall von Sozialbetrug seit Florida-Rolf. Auch die Verantwortlichen „hinter der Kamera“ seien ausdrücklich für die riskante und selbstlose Begleitung in die würdelosen Untiefen des Prekariats mit Migrationshintergrund gelobt.

Eine Doku-Soap gegen viele Schwierigkeiten

Gleichwohl kämpft das zarte Pflänzchen der jungen Serie gegen vielerlei Schwierigkeiten. So hat die Arbeitslosenhilfe Rheinland Pfalz einen schriftlichen Strafantrag gegen die beiden liebreizenden Helden gestellt. Fadenscheinige Begründung: Helena und Helge hätten unbefugt Informationen an Dritte weitergegeben (dabei weiß doch jeder, dass Hartz-IV-Empfänger keine Autos zu fahren haben). Eilends gegründete Fan-Communities befürchten zudem, dass den Ermittlern die Fälle ausgehen, denn: wie z.B. das Erwerbslosenforum in einem offenen Brief deutlich macht ist Sozialbetrug z.B. 2005 nur in 0,6 % der Fälle feststellbar gewesen – und da waren auch noch falsche Berechnungen der (landesweit gemeinhin als unfehlbar bekannten) Arbeitsagenturen dabei. Zu Ungunsten der Dramaturgie haben die GeSozPo-Fahnder außerdem leider nicht die gleichen Ermittlungsbefugnisse wie sie solch gewichtigen Institutionen der Exekutive eigentlich zustehen sollten (CSI, Law and Order, K11 usw). So dürfen durch  die GeSozPo nicht einmal Wohnungen durchsucht, Mikrokameras installiert und/oder Personen mit Pfefferspray, Gummiknüppeln und Schusswaffen (präventiv) kampfunfähig gemacht bzw. (gegebenenfalls) Massen-Gentests durchgeführt werden. Nicht mal zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Internierung von Verdächtigen (z.B. Beugehaft in der Isolationszelle, Zwangsteilnahme bei Hitgiganten) sind die gnadenlos Gerechten legitimiert. Somit bleibt die schmerzvolle Frage, wie Sat1 und die GeSozPo durch anständige Bürger darin unterstützt werden können, weiterhin Steuergelder (Helge und Helena) bzw. engagiert angewandte, journalistische Ethik (Sat 1) in die quotenbrechende Doku-Soap (15,2 Prozent in der Zielgruppe der 15 – 49Jährigen)  zu investieren.

So unterstützen Sie Sat1 und die Geheime Sozialpolizei (GeSozPo):

In den Zeiten der vollkommenen überbewertung des Grundgesetzes ist somit auch Ihre Zivilcourage gefragt! Im Folgenden einige wichtige Tipps zur Unterstützung der Bekämpfung des ausufernden Sozialbetruges durch chancen-, mittel- (und daher gewissen-)lose Angehörige der deutschen Unterschicht:

  • Besorgen Sie sich zu allererst eine professionelle Ausrüstung: neben schnittfesten Handschuhen, Schienbeinschonern und einer Kamera sind Teer und Federn obligat!
  • kontrollieren Sie durch heimliche Observation Ihre Hartz-IV-Nachbarn auf mögliche Schwarzarbeit: Geräusche oder gar ein regelmäßiges Verlassen des Hauses vor 14 Uhr sind höchst verdächtig! Protokollieren Sie alles sorgfältig und übergeben Sie Ihre Aufzeichnungen persönlich der nächstgelegenen Redaktion von Sat1.
  • Verschaffen Sie sich unter einem Vorwand (oder wahlweise durch Einbruch) Zutritt zur Wohnung. Das Vorhandensein nur einer Matratze deutet auf eine „eheähnliche Gemeinschaft“, Obst oder gar Ikea-Möbel auf illegitime Einnahmequellen. Durchsuchen Sie auch das Kinderzimmer:  mehr als drei Unterhosen sollten nicht drin sein, Spielzeug sichtbar „Second-Hand“. Mailen Sie alle verdächtigen Vorkommnisse umgehend an Sat1.
  • Hängen Sie in Ihrem Viertel einen gut sichtbaren Aushang aus, indem Sie zu gnadenlos gerechten Anzeigeverhalten gegenüber Sozialbetrügern aufrufen. Verwenden Sie möglichst abstrakte Nominalisierungen (“Aufruf!”, “Sozialbetrug”) und sparen Sie nicht am typisierenden Singular („Der Arbeitslose als solcher“, „Der Sozialschmarotzer“ usw.)

Ihr Land braucht Ihre Augen und Ohren. Erstatten Sie Bericht.

Die Sendung:

“Gnadenlos gerecht – Sozialfahnder ermitteln”,  mittwochs, 21.15, SAT 1

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Deutschland sucht den Super-Sozialbetrüger

Offener Brief des Erwerbslosenforum Deutschland an SAT1-Programmchef Alberti

Photo:pixelio/ hofschlaeger

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  1. Aber Manager unter Generalverdacht zu stellen ist in Ordnung? Geklaute Bankdaten käuflich zu erwerben ist i.O.? Die Steuerfahndung (=Generalverdacht gegenüber allen Steuerzahlern) ist i.O.? …

    Rainhelt