Am 20. September bringt Lament nun endlich die lange versprochene Live-DVD heraus. In der Leipziger Moritzbastei mit allem drum und dran. Ich traf mich deshalb schon mal mit Boerge von Lament zum kleinen Plausch über’s früher und weiter.
Volly Tanner: Hallo Boerge, schön Dich zu sehen. Du bist ja bei Lament mit am Start und Ihr seid ja schon die Leipziger Hoffnung für den großen Durchbruch – schließlich habt Ihr’s bis zum Weltausscheid des Emergenza geschafft – wie lief’s denn damals so?
Boerge: Das war traumhaft. Das erste Mal, dass wir so richtig dachten: “Jetzt geht es los!”. Nachdem wir in Leipzig alle drei Vorrunden gewinnen konnten (wobei unsere treuen Fans den größten Anteil an unserem Weiterkommen hatten…) fuhren wir zum Berlin-Finale. Dort kamen aber nicht etwa alle Bundesland-Gewinner zusammen – Nein. Es war das Berliner Finale mit deren 16 besten Bands, dazu die Beste aus “Nord” (Hamburg) und die Besten aus “Ost” (Wir). Da standen wir nun, wie die Dänen 1992 zur EM, als Sie eigentlich schon im Urlaub weilten und dann plötzlich doch noch mitspielen durften. Wir rechneten unsere Chance auf ca. 0 % – Berliner Finale bedeutete für uns: ein Berliner Gewinner. Zudem wählte das Publikum per Handzeichen und dazu gab’ es noch eine Jury, die ein Vetorecht hatte – zusammengesetzt aus Berliner Label- und Veranstaltungsgrößen. Also brauchten wir irgendwie unsere eigenen Fans…
Unser Basser “CK” machte sich also auf, ein Busunternehmen zu chartern, welches unsere Fans einigermaßen “organisiert” nach Berlin schaffen sollte. Gesagt getan. Ganz nach Wettkampfmanier verließen die Fans der vor und nach uns spielenden Berliner Bands den Bereich vor der Bühne, damit sie auch ja nicht aus Versehen doch Sympathien für einen potenziellen Gegenkandidaten entwickeln. Dieses entstandene Loch – und es wäre ein gar Großes gewesen – füllte sich jedoch innerhalb von Sekunden mit unseren Fans, Â welche (ebenfalls mit einem klassischen Auswärtsspiel vergleichbar) in feucht-fröhlicher Eintracht, man kann schon sagen “singend und grölend” – gemeinschaftlich am Ziel ihrer Reise angekommen waren.
Und auf der Bühne standen wir nun, wie die Dänen, hatten nichts zu verlieren und spielten den (bis dahin) Gig unseres Lebens. Selten hatten wir bis dahin soviel Emotionen in unsere Musik hineingepackt. Selten lief uns so der Schweiß. Und genauso selten hatten wir vorher kein Lampenfieber. Wer nichts zu verlieren hat, kann nicht viel falsch machen.
Als der Gewinner des ersten Abends (das Berliner Finale war auf zwei Abende aufgeteilt) ausgerufen wurde, glaubten wir unseren Ohren nicht. Was? Wie? Wir? Es gab also Grund, einen Tag länger in Berlin zu verweilen. Und dann passierte das Unfassbare. Am zweiten Abend munkelte man schon, dass die “Leipzscher” gestern nen Super Gig hingelegt haben. Wir waren uns dem gar nicht so bewusst und verbrachten den zweiten Abend mit “Trinken” und Bands anschauen, wobei wir bei nicht nur einer dachten: “Die wird’s!”
Nun denn: Erst kam die Bekanntgabe des Gewinners des zweiten Abends… dann den Gesamtsieger. Eigentlich rannten wir vorher noch herum und versuchten den Preis für den 2. Platz gegen den Preis für den 3. einzutauschen, weil wir den für unsere Albumproduktion viel besser gebraucht hätten… Die Jury machte es dann plötzlich vollkommen unnötig: Es sollten tatsächlich die Leipziger – wir – die Dänen der Musik – den Gesamtsieg holen. Der Abend wurde lang… sehr lang… viel zu lang. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir alles richtig gemacht hatten. Was bisher so oft auch noch nicht vorkam. Taubertal wir kommen. Dort war dann aber eher Klassenfahrt angesagt, wir machten den 15. Platz von 21 Bands. Von den gut platzierten Bands hab ich bis heute nicht wirklich was gehört. Es wär’ also egal gewesen. War’s uns wie gesagt auch.
Dann sollten wir Hilfe und Unterstützung bekommen, ein Management, ein Label, ein Booker musste her. Alles was man so braucht, wenn man das alles ein bisschen professioneller aufziehen möchte…
Volly Tanner: Und klappte das dann?
Boerge: Nun ja, um ehrlich zu sein, nicht so wie wir es uns vorstellten. Genau einen Tag nach dem Emergenza-Weltfinale begannen die Aufnahmen zu unserem Album. Es sollte unser erstes offizielles sein. Elf Lieder waren dafür bestimmt, viele davon schon bis zu sieben Jahre alt. Auch wurden viele davon nicht in der aktuellen Besetzung komponiert. Vielmehr waren es viele Baustellen, die endlich in “Sack und Tüten” verpackt werden mussten, um aufzuräumen. Die Aufnahmen schleppten sich dann voran, dauerten ca. ein halbes Jahr. Wir wollten es natürlich so schnell wie möglich fertig bekommen – wir waren es den Fans, und inzwischen auch langsam uns selbst mehr als schuldig.
Direkt nach dem Emergenza hatten wir bei einem “Dankeschönkonzert” für unsere Fans in der Moritzbastei auch Gäste, die in Berlin ein Label unterhielten. Aufgrund unseres Emergenza-Achtungserfolgs sowie älteren Songs wie “Last Dance of Summer”, die schöne Melodien haben, vielleicht auch Potential zum Hit, aber leider ein wenig zu altbacken klingen und eher vor 10-20 Jahren Erfolg eingefahren hätten, schlugen sie uns vor, mit Ihnen einen “Plattendeal” abzuschließen. Zu diesem Zeitpunkt sollte unser offizieller Releasetermin der 28. April sein. Unser Label sah aber einen Termin im Oktober (noch ein halbes Jahr darauf) vor. Aufgrund von Ankündigungen unsererseits, die schon weit vor der Verbindung mit dem neuen Label stattfanden sahen wir uns genötigt, den von uns anvisierten Termin einzuhalten, um nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Sicherlich ein Fehler, aufgrund von Pressevorlaufzeiten und Tourplanungen – aber wir mussten es einfach tun.
Da wir sicherlich Dickköpfe sind und die meisten finanziellen Risiken sowieso allein tragen würden, stand für uns auch fest, dass wir das CD-Cover und die Lied-Auswahl auf der CD selbst bestimmen, obwohl uns da Bedenken nahe gelegt wurden. Wahrscheinlich waren das auch Gründe, weshalb wir Sympathien verspielt haben. Es war zu diesem Zeitpunkt jedoch auch nicht so gewesen, dass wir so eine einmalige und ultimative Chance verspielen hätten können. Es war einfach nicht in unserem Sinne! Ehrlichkeit und Authentizität waren und sind uns wichtig – immerhin machen wir Indie-Rock.
Was das andere anbelangt: Organisiert haben wir uns stets allein. Oftmals ist bei soviel Papierkrambewältigung und der Ausführung unserer eigentlichen Berufe kaum noch Zeit geblieben, um uns um die Musik zu kümmern. Live gespielt haben wir seit dem Emergenza im August 2006 bis zum November 2007 auch nicht wirklich viel – obwohl wir gekonnt hätten. Naja alles nicht so rosig. Eine Super-Sache war dann jedoch, als wir die letzte Instanz im Winter 2007 als Vorband begleiten durften. Insgesamt zehn Gigs in Deutschland, die uns noch mehr zusammenschweißten. Erstmals konnten wir auf größeren Bühnen spielen und mehr Leute auf einmal ansprechen. Die positive Resonanz erkannten wir in unserem Album-Verkäufen. 75 Stück während der zehn Gigs war eine positive Bilanz, die uns aber auch zum Nachdenken anregte. Gedanken wie: Warum kriegen wir die Leute begeistert und trotzdem geht es nicht vorwärts? Was haben Andere, was wir nicht haben? Wieso immer nur so kleine Etappenerfolge und keine konstante Aufbauarbeit?
Die Lösung lag’ in der Veränderung. Wir mussten uns freimachen von den Instanzen, von welchen wir glaubten, sie würden unseren Erfolg endlich vermehren können. Am Ende stehen wir wieder am Anfang, mit dem Unterschied, dass unsere Musik noch besser geworden ist, und das wir uns endgültig gefunden haben. Wir haben in unserer Historie erst wenige Personen gefunden, die wirklich stets selbstlos hinter uns standen. Der wichtigste ist unser guter Freund Kili. Er organisierte und plante die DVD-Aufnahme unseres Record Release Konzertes im UT Connewitz, welches in diesen Tagen nun endlich auf DVD erscheinen wird. Ohne ihn wäre das alles nicht möglich gewesen, weder finanziell noch technisch. Wenn wir Leute wie ihn als Booker, Manager und Labelfritzen gehabt hätten, stünden wir jetzt sicherlich ganz anders da…
Volly Tanner: Eure Songs sind wirklich einzigartig, da werden Stimmungen transportiert und Atzes Gesang ist wie ein Surfen durch Lebenswellen. Nun, kurz vor der DVD-Release sind aber noch einige Dinge zu bedenken. Zum Beispiel, wie Ihr die DVD promotet – was habt Ihr denn da vor?
Boerge: Nun ja. Wir haben während unserem Album-Release gesehen, wie wichtig es ist, möglichst flächendeckend und gleichmäßig Presse- und Rundfunkpromotion vorzunehmen. Ich gehe davon aus, dass es hier zwei Möglichkeiten gibt.
a) Du beauftragst eine Promotionagentur, welche sich um ein Gesamtpaket kümmert, was ca. zwei bis drei Monate rund um das Release gestrickt wird. Einzige Voraussetzung: Geld.
b) Du machst alles selber und versuchst an genug Maßnahmen zu denken, um ein einigermaßen befriedigendes Interesse zu erwecken.
Natürlich steht die Info auf unserer Homepage klar, traditionell wird sie auch an unserem Stand während unserer Konzerte verfügbar sein. Kleine Aktionen mit Radio Blau/Radio Corax und ColoRadio in Dresden. Vielleicht lässt sich noch was mit MDR Sputnik machen, wobei ich mir da den Rahmen noch nicht vorstellen kann. Und dann natürlich die heimische Presse. Natürlich alles was du an Land ziehen kannst. Die Leipziger Szenemags und Internetplattformen wären wichtig. Dann die neumodischen Bulletins auf MySpace und Motor.FM. Ein paar Livesongs und Previews auf MySpace und der Internetkleinkrams, der so gängig und möglich ist.
Alles andere braucht weitere gute Kontakte und höchstwahrscheinlich Geld. Und das wäre leider das Geld, was wir eigentlich für eine Neuauflage der “Breathe” geplant haben, welche nach einem hoffentlich gut besuchten MB Auftritt am 20. September schulterbar ist. Und das wäre ja eigentlich ein ReRelease, was auch wieder beworben werden könnte, und einiges kosten würde. Oder man lässt nach den ersten verkauften Exemplaren davon noch mal die “Last Dance of Summer EP” nachpressen. Kostet ja auch nicht so viel. Aber wenn man das wiederum bewerben möchte… Leider stehen wir nämlich im Moment nahezu ohne eigene Exemplare unseres Albums da, welches wir aber immer noch bezahlen müssen – was liegt da näher, als sie neu aufzulegen und damit sich selbst bezahlen zu lassen?
Auf jeden Fall wollen wir auch eine Aktion rings um jedes verkaufte Exemplar (egal ob DVD, CD, EP) stricken. De Facto soll mit Gründung unseres neuen Labels zehn Prozent von jedem Exemplar in ein Projekt zum guten Zwecke fließen. Dazu wird es Informationen auf der Label- und Lament-Homepage geben. Dabei soll es vermehrt um Umwelt-, Klima- und Tierschutz gehen. Und jeder der eine CD von uns kauft, egal ob Webshop oder Live, soll auch die Möglichkeit haben zu wählen, wohin sein(e) Euro(s) fließen sollen.
Volly Tanner: Das klingt durchaus interessant und kreativ – aber auch wie eine Abkehr vom Berufsmusikerdasein – wäre Lament eigentlich im Profilager denkbar?
Boerge: Lament wartet darauf, im Profilager einzukehren. Nur leider ist es uns bisher nicht wirklich möglich gewesen, dort einzukehren. Bereit wären wir, jeder von uns könnte sofort das beenden, was er grad tut und als Berufsmusiker loslegen. Nur leider hat es dafür noch nicht gereicht. Was du als Abkehr vom Berufsmusikertum bezeichnest sehe ich als einzige Möglichkeit, wirtschaftlich erfolgreicher zu sein als bisher. Wir haben versucht, professioneller zu sein, das ist uns meines Erachtens auch in unseren neuen Liedern und unserer Live-Performance gelungen. Alles Organisatorische ringsherum wäre für uns, abgesehen von der Instanz-Tour, die uns dankbarer Weise unser Label besorgt hatte, ebenso zu bewältigen gewesen. Mit dem einzigen Unterschied, dass wir am Ende eine bessere finanzielle Situation vorzuweisen hätten und uns nicht um unsere nächste Albumproduktion sorgen müssten. Selbst das Finanzamt hält unsere Unternehmung inzwischen für Träumerei und jagt uns mit “Gewinnerzielungsabsichten”. Wir sitzen halt auf einem nicht zu unterschätzenden Schuldenberg, den wir nun mit der Verwertung von “Allem was da ist” irgendwie schultern müssen. Deshalb haben jetzt die Neuauflagen erstmal höchste Priorität. Das erfolgreiche Bewerben der Releases würde die Aufnahme eines weiteren Kredits voraussetzen und das ist momentan einfach nicht möglich. Man bräuchte halt jemanden wie Kili, der uneingeschränkt hinter uns steht, jemand der auch Risikokapital in uns steckt und uns somit ein Sprungbrett hinhält. Daraufklettern müssen wir dann, egal wie hoch es ist, natürlich selbst – das ist klar. Und das es riskant ist, ist auch klar. Und den Major-Labels geht es auch nicht wirklich gut. Doch wer nicht wagt…
Volly Tanner: Was geschieht denn genau zur Release in der Moritzbastei? Ein ganz normaler Gig ist das ja nicht.
Boerge: Das ist eine gute Frage. Entweder es gibt noch eine Vorband, welche dann jedoch vom Musikstil nicht zwangsläufig unserem entspricht und einfach das Publikum ein wenig einstimmt – oder/und es werden ein paar Ausschnitte von der DVD bzw. das You-Video auf eine große Leinwand produziert. Es wäre doch sicherlich ein recht schöner Rahmen, um unseren 1. VideoClip nochmal in “groß” und “schön” zu präsentieren. Aber, zurück zur Frage: Wir spielen natürlich neue Songs, die sich inzwischen so für das neue Album angesammelt haben. Das werden so fünf bis sechs Stück sein. Gepaart sind sie mit Liedern der Breathe und vielleicht ein bis zwei “Klassiker” von uns, wobei viele der inzwischen älteren Songs nicht mehr dieselben sind, ohne Dirot und dessen Keyboard. Somit wurde es auch Zeit, dass diese den neuen Songs weichen, welche ausnahmslos nur mit Gitarren, Bass und Drums funktionieren…
Volly Tanner: Gitarre, Bass und Drums – plus Atzes Gesang – heißt das, es wird härter werden? die Zeiten werden ja auch härter.
Boerge: Das glaube ich nicht. Es bekommt alles einfach einen anderen Anstrich. Es sind inzwischen einige rockigere Songs dazugekommen. Aber auch die Mid-Tempo Songs wird es weiterhin geben. Hauptsache sie haben Tiefe. Das ist soweit der einzige Oberbegriff an den wir uns halten wollen. Kein Keyboard bedeutet also nicht zwangsläufig härtere Songs – eher kompaktere.
Volly Tanner: Kki – dann freu ich mich schonmal auf die DVD-Release in der Moritzbastei – und drücke Daumen! Möchtest Du abschließend dem Volk noch etwas sagen?
Boerge: Danke fürs Interview und den Daumendruck! Und liebes Volk: Hört mal bei uns rein: www.lament.de und schaut in der MB vorbei wenn ihr Zeit und Lust habt!
Lament, DVDRELEASE 20. September, Moritzbastei
Kommentare
Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.