Vom ersten Moment ein Propaganda-Werkzeug – Tibet steht im Schatten der Olympischen Spiele

Gold für Deutschland tönte es erst heute wieder auf allen Kanälen. Die Medienwelt sorgt sich um unsere Medaillenbilanz und giert nach sportlichen Erfolgen. Doch ein Thema rückt dabei gänzlich in den Hintergrund: Tibet. Fast nichts dringt über Proteste nach außen. Gibt es sie überhaupt? Wir befragten Han Shan, Koordinator von

tibpor.jpgGold für Deutschland tönte es erst heute wieder auf allen Kanälen. Die Medienwelt sorgt sich um unsere Medaillenbilanz und giert nach sportlichen Erfolgen. Doch ein Thema rückt dabei gänzlich in den Hintergrund: Tibet. Fast nichts dringt über Proteste nach außen. Gibt es sie überhaupt? Wir befragten Han Shan, Koordinator von “Free Tibet 2008“, um die Spiele einmal von einer anderen Seite zu beleuchten.

RE: Wofür kämpfen Sie und was glauben Sie, mit Ihren Aktionen bewirken zu können?

Shan: Einfach ausgedrückt, wir kämpfen für ein Ende der brutalen chinesischen Besetzung Tibets und die Wiederherstellung der tibetischen Unabhängigkeit. Wir haben erkannt, dass die Bemühungen der tibetischen Exil-und Tibet-Unterstützer allein Tibet nicht werden befreien können. Aber wir denken, dass es von entscheidender Bedeutung ist, den gewaltfreien Freiheitskampf der Tibeter weiterhin zu unterstützen, den diese so couragiert führen. Und wir glauben aufrichtig daran, dass eines Tages die Tibeter ihr eigenes Schicksal bestimmen werden, frei von chinesischer Herrschaft.

RE: Welche Resonanz ernten Sie, wie denken und reagieren im Besonderen chinesische Bürger auf Ihre Protestaktionen?

Shan: Viele Chinesen sehen auch weiterhin die tibetische Sache durch die Linse einer rücksichtslosen Propaganda-Kampagne, welche die chinesische Kommunistische Partei seit dem Tag führt, an dem sie vor fast sechs Jahrzehnten an die Macht kam. Die chinesische Regierung dämonisiert den Dalai Lama, eine der angesehensten Persönlichkeiten des Friedens und der Gewaltlosigkeit in der Geschichte, und stellt das legitime Recht der Tibeter auf Selbstbestimmung als nichts anderes dar als einen gewalttätigen Kreuzzug, um “das Mutterland zu spalten.” Doch umso mehr die Chinesen mit der Wahrheit vertraut gemacht werden, werden sie erkennen, dass die Tibeter unterschiedliche Menschen sind mit ihrer eigenen Kultur, Geschichte und nationalen Identität, die das Recht haben ihre eigene politische Zukunft zu bestimmen.

RE: In den letzten Tagen wurden bei Aktionen sechs Blogger verhaftet. Was wird ihnen vorgeworfen und wie ist hier der Stand – gibt es Aussicht, wann diese freigelassen werden? Wie steht es um den Rechtsbeistand der Protestler?

Shan: Die sechs Personen auf die Sie verweisen, schließen einen Hi-Tech-Graffiti-Künstler ein, der die Verwendung eines eigens erfundenen leistungsstarken Laser-Lichts plante, um “Free Tibet”-Botschaften an Gebäude in Peking zu strahlen. Des Weiteren fünf Bürger-Journalisten – einige, aber nicht alle von ihnen “Blogger”, die in Peking sind, um unabhängig über die Bemühungen der Tibet-Aktivisten während der Olympischen Spiele zu berichten. Keiner von ihnen beteiligte sich an irgendwelchen Demonstrationen in Peking und in der Tat wurden sie verhaftet und verurteilt zu zehn Tagen Gefängnis, einfach weil sie die Menschenrechte und die Freiheit für die Tibeter unterstützen.

RE: Welche Konsequenzen drohen ihnen, wie sieht die Verfahrensweise im Einzelnen aus?

Shan: In China werden Menschen oft ohne Prozess oder Zugang zu rechtlicher Vertretung ins Gefängnis geworfen. Chinesische Behörden teilen diese Strafe selten an Ausländer aus, die oft lieber einfach aus dem Land geworfen werden. 49 Tibet-Unterstützer wurden im Zusammenhang mit ‘Studenten für ein freies Tibet‘ verhaftet und auf diese Weise ausgewiesen, während wir leider jetzt weitere zehn Menschen gesehen haben – einschließlich der sechs oben erwähnten – die zehn Tage Gefängnis für die “Störung der öffentlichen Ordnung” erhalten haben.

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“Tatsächlich haben wir ein IOC gesehen, das aktiv chinesische Propaganda fördert und hilft, von Kritik an der chinesischen Regierung auf  unverantwortliche Weise abzulenken.”
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RE: Hat die Welt vielleicht sogar eine gute Chance vertan, mehr Druck auf China auszuüben?

Shan: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) sagte, dass sie Peking die Olympischen Spiele in der Hoffnung zuerkannt hätten, dass diese zu Verbesserungen der Menschenrechte in China führen würden. Doch in den darauf folgenden sieben Jahren tat das IOC absolut nichts, um das durchzuziehen, während die chinesische Regierung jede einzelne Zusage verriet, die sie in ihrem Angebot die Spiele zu veranstalten, gemacht hatte. Tatsächlich haben wir ein IOC gesehen, das aktiv chinesische Propaganda fördert und hilft, von Kritik an der chinesischen Regierung auf unverantwortliche Weise abzulenken. Sehr wenige andere Regierungsspitzen haben Rückgrat bewiesen, sie scheiterten daran, auf China Druck auszuüben, sogar während des brutalen und scharfen Vorgehens in Tibet, kurz vor den Spielen. Wir haben weiterhin die Hoffnung, dass die Regierungsspitzen erkennen werden, dass wir in einer in sich zusammenhängenden Welt leben, in der China uns genauso braucht, wie wir es brauchen. Und da alle hohlen politischen Anstrengungen, die uns aufgetischt worden sind, die angeblich die Freiheit und Menschenrechte in China fördern würden -  wirtschaftliche Verpflichtungen, Flüsterdemokratie und  das Teilen des Olympischen Geistes -  zu nichts führten, hoffen wir, Führer zu sehen, die eine andere Annäherung versuchen, die mit ehrlichen Gesprächen über die Krise in Tibet anfangen. Schließlich hoffen wir, dass sich ein Block von Nationen vereinigen wird, um dem neuen Tyrannen gegenüberzutreten, und nicht klein beigibt, bis es eine bedeutungsvolle Bewegung gibt, welche die Besetzung Tibets beendet.

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“Wir haben von den Athleten niemals erwartet, dass sie ihre eigene Sicherheit oder  ihre Teilnahme riskieren”
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RE: Auch von Sportlern ist bisher so gut wie kein Protest zu sehen gewesen. Hatten Sie von deren Seite mehr erwartet, sind Sie enttäuscht?

Shan: Für Athleten, die sich ihr komplettes Leben vorbereitet haben, die meisten von ihnen trainieren buchstäblich stundenlang jeden einzelnen Tag, Jahr um Jahr, ist das die Gelegenheit ihres Lebens und der einzigartige Moment, auf den sie hin gearbeitet haben. Es tut mir leid, dass die Handlungen der chinesischen Regierung die Spiele für so viele Menschen besudelt und einen Schatten auf die stolzesten Momente so vieler herausragender Teilnehmer geworfen haben. Natürlich gab es auch viele Athleten, die sich für die Menschenrechte und für Tibet in stiller Weise ausgesprochen haben. Wir haben von den Athleten niemals erwartet, dass sie ihre eigene Sicherheit oder  ihre Teilnahme riskieren und sind stolz auf diejenigen, die kreative Wege gefunden haben, zu uns zu stehen, wie etwa der polnische Gewichtheber Szymon Kolecki, der aus Solidarität mit den tibetanischen Mönchen seinen Kopf am Morgen, bevor er zum Wettkampf antrat und die Silbermedaille gewann, kahl schor.

RE: Wie sehen Sie die Vergleiche zur Olympiade 1936 in Deutschland, die oft von Journalisten aber auch Politikern herangezogen werden?

Shan: Vom ersten Moment an, da sie die Spiele zuerkannt bekam, hat die chinesische Regierung die Olympischen Spiele als ein Propaganda-Werkzeug benutzt, um ihre brutale Einvernahme Tibets zu legitimieren und ihre schreckliche Menschenrechtsbilanz zu beschönigen. Nur wenige Monate, nachdem Proteste in Lhasa einen populären Aufstand entzündeten, der sich überall in Tibet ausbreitete, setzte die chinesische Regierung Tausende von bewaffneten Truppen und paramilitärischer Polizei ein, um die Hauptstadt unter virtuelles Kriegsrecht und die Olympische Fackel in den Straßen zur Schau zu stellen. Das war eine krasse politische Darstellung ihrer unbarmherzigen Kontrolle über Tibet und der Fackellauf durch Lhasa endete damit, dass der kommunistische Chef des tibetanischen Autonomen Gebiets erklärte, dass China die Dalai-Lama-Clique “zerschlagen würde”. Der einzige Unterschied ist, dass Hitler nicht von der Kompetenz westlicher PR-Firmen wie Hill & Know profitieren konnte. Jedoch bin ich auf die Anstrengungen von Leuten mit Gewissen sehr stolz, da sie Chinas Lügen gegenübertreten, und ich glaube, dass die chinesische Regierung schließlich elendig daran gescheitert ist, den Propaganda-Sieg zu erringen, den sie mit der Ausrichtung der Spiele begehrte.

RE: Wird es heißen: “Nach den Spielen ist vor den Spielen” oder glauben Sie, es ist möglich, dass China sich nach den Olympischen Spielen verändert?

Shan: Ich denke, die meisten Menschen auf der Welt haben die Hoffnung, die Ideale der Olympischen Spiele wieder hergestellt zu sehen, doch das wird viel Arbeit kosten, angefangen damit, sich rückgratloser Heuchler, die gerade das IOC in Gang halten, zu entledigen. Bezüglich des tibetanischen Kampfs sind wir dazu verpflichtet mit gleicher Wucht fortzufahren, wie er durch ein heldenhaftes Volk am 10. März, dem 50. Jahrestag des ersten nationalen Aufstands gegen China im Jahr 1959, begann. Der kommende 10. März ist der 50. Jahrestag dieser bekannten Revolte, und ich denke, die Tibeter und ihre Unterstützer werden ihn mit einer Umwidmung zu einer weltweiten direkten gewaltlosen strategischen Aktion markieren, um den gegenwärtigen und zukünftigen chinesischen Führern deutlich zu machen, dass wir nicht aufgeben werden bis Tibet frei sein wird.

Interview: Felix Kubach, Nicole Oppelt

han_m10_08.jpgHan Shan ist 35 Jahre alt und Koordinator der Aktivitäten von “SFT” im Zuge der Olympischen Spiele in Peking. Seit 1998 setzt er sich aktiv für die Menschenrechte in Tibet ein. Und auch er weiß, wovon er spricht, wenn er auf die jetzige Situation der inhaftierten Demonstranten eingeht. Denn 2004 wurde auch er am Tag nach dem Ende der Olympischen Spiele in Athen verhaftet. Sein Vergehen: ein Banner mit der Aufschrift “No Olympics for China Until Tibet is Free”…

Mehr zu “Free Tibet 2008

Mehr zum Thema findet sich in unserer Sonderbox “China/Olympische Spiele” auf der Startseite.

Bilder der Aktivitäten finden Sie hier.

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  1. “wir kämpfen für ein Ende der brutalen chinesischen Besetzung Tibets und die Wiederherstellung der tibetischen Unabhängigkeit. ” Wiederherstellung. Mal ganz dringend ein Geschichtsbuch zur Hand nehmen!!!

    “zur Olympiade 1936 in Deutschland” Olympiade ist die Zeit zwischen den Spielen!!!