Die Olympischen Spiele von Peking sind fast Geschichte. Zeit für einen kurzen Rückblick unter besonderer Berücksichtigung der Leichtathletik.
China räumte erst auf und dann ab. An der Tischtennisplatte und auf der Turnmatte wischt es die letzten Zweifel weg: Das 21. Jahrhundert wird asiatisch. Das Reich der Mitte erlangte zusammen mit den drei ostasiatischen Nachbarn Nordkorea, Südkorea und Japan nach 291 von 302 Entscheidungen nicht weniger als 73 Goldmedaillen. Jeder vierte Sieg wurde von Athleten aus Ostasien gefeiert. Rückschläge gab es nur in der Königin des olympischen Programms, in der Leichtathletik. Hier war nicht rot die Signalfarbe, sondern gelb-grün.
Alles überragend: Usain Bolt, der während der Spiele sein 22. Lebensjahr vollendete und damit die beste Zeit noch vor sich haben dürfte. Die 100 Meter läuft er in 9,69 und verschenkt dabei noch wertvolle Hundertstel, die 200 Meter beendet er in 19,30. Bei Gegenwind. Es würde mich nicht wundern, liefe er in den nächsten Jahren die 100 unter 9,5 und die 200 unter 19. Impossible scheint nothing für Bolt und Co., die im Sprintbereich fünf von sechs möglichen Siegen errannten.
Alles ist ratlos. Entweder ist Bolt ein Außerirdischer oder gedopt. Ich glaube nicht an Außerirdische. Zumindest nicht, dass diese scharf auf Medaillen sind. Daran, dass der Jamaikaner dopt, mag ich aber auch nicht glauben. Da glaube ich lieber, dass er einfach gut drauf ist. Und ich glaube an die Effizienz des Sportfördersystems auf der Karibikinsel. Es gibt diverse Programme, die auch einen großen sozial- und sicherheitspolitischen Nutzen haben, weil durch die Leichtathletik Jugendliche von der Straße geholt und dem Einfluss krimineller Gangs entzogen werden. Schnell zu rennen bietet in Jamaika enorme Aufstiegschancen, kein Wunder also, dass viele schnell rennen wollen und es einigen dann tatsächlich auch gelingt.
Außerdem ist Bolt mit seinen exzentrischen Einlagen einfach zu spektakulär und damit richtig wohltuend für die Leichtathletik, um länger als nötig an das Schlimmste zu denken. Die disziplinarische Rüge durch das IOC, die Bolts Auftritten prompt folgte, ist wohl das größte Kompliment für Showtalent, das man im Sport erhalten kann, eine Art Ehren-Oscar. Seien wir ehrlich: Ohne Typen wie Bolt werden nächsten Sommer kaum mehr Zuschauer ins Berliner Olympiastadion strömen als zum öffentlichen Training der Hertha-Amateure.
Zumal die einheimischen Aktiven zu wünschen übrig lassen. Im Klartext: Die deutsche Leichtathletik ist ein Jahr vor der WM in Berlin in der vielleicht größten Krise, seit Deutsche laufen, springen und werfen. Es fehlen Stars wie Heike Drechsler, Lars Riedel oder Franka Dietzsch. Die großen Namen, die aktiv sind, leisten Ordentliches, aber das reicht nicht, um ganz vorne dabei zu sein. Christina Obergföll und Robert Harting sind topfit, bringen ihre Leistungen, gute Leistungen, aber es gibt andere, die besser sind. Deutlich besser. Es muss sich einiges tun und es kann sich auch einiges tun. Junge Athleten wie der Hochspringer Spank oder der Stabhochspringer Holzdeppe könnten schon in Berlin eine Medaille gewinnen. Wir sollten uns aber dennoch langsam damit abfinden, im eigenen Land leer auszugehen.
Ferner hatten die Leichtathletikwettkämpfe von Peking einen nicht zu verachtenden Bildungscharakter.
Man konnte viel lernen. Die jamaikanische Nationalhymne zum Beispiel, die fast täglich erschallte. Darin heißt es, Gott möge Jamaika vor den Einflüssen des Bösen schützen. Er sollte dabei vor allem auf die Sprinter achten. Man konnte außerdem lernen, dass es “sweep” heißt, wenn alle drei Medaillen an ein Land gehen (das Deutsche stellt sich hier etwas umständlich an – “Dreifacherfolg”) und dass bei vielen Top-Leuten nicht zwangsläufig eine gute Mannschaft herauskommt, wie die Jamaikanerinnen über 4×100 sowie die US-Sprintstaffeln beiderlei Geschlechts zeigten. Und schließlich konnte man lernen, dass einige es nie lernen, wie Siebenkämpferin Ljudmila Blonska, deren achte Disziplin die Einnahme verbotener Substanzen war. Doping wird wohl nie ganz der Vergangenheit angehören. Das hingegen mussten wir nicht lernen. Das wussten wir schon vorher.
Photo Quelle/Copyright: Phil McElhinney, via wikipedia.org
Laut Journalistenverband Olympiade der Presseunfreiheit und Zensur
– Der Deutsche Journalisten-Verband hat zum Abschluss der Olympischen Spiele 2008 noch einmal die Einschränkung der Pressefreiheit kritisiert. «Das waren Olympische Spiele der Presseunfreiheit und Zensur», teilte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken in Berlin mit. Trotz der Garantie freier Berichterstattung durch die chinesische Staatsführung seien die Arbeitsmöglichkeiten der rund 25 000 internationalen Journalisten immer wieder eingeschränkt worden.